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Digitized by the Internet Archive
in 2011 with funding from
University of Toronto
http://www.archive.org/details/diegedichtedespaOOpaul
Quellen und Untersuchungen
zur
lateinischen Philologie
des Mittelalters
herausgegeben von
Ludwig Traube
Dritter Band
Mit sechs Tafeln
MÜNCHEN 1908
C H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
OSKAR BECK
Inhalt des dritten Bandes:
Erstes Heft: Franciscus Modius von Paul Lehmann.
Zweites Heft: Textgeschichte Liudprands von Cremona von Joseph Becker.
Drittes Heft: Die ältesten Kaiendarien aus Monte Cassino von E. A. Loew.
Viertes Heft: Die Gedichte des Paulus Diaconus von Karl Neff.
Quellen und Untersuchungen
zur
lateinischen Philologie des
Mittelalters
herausgegeben von
Ludwig Traube
Dritter Band, viertes Heft
Kritische und erklärende Ausgabe der Gedichte
des Paulus Diaconus
von
Dr. Karl Neff
Professor am Wilheimsgymnasium zu München
MÜNCHEN 1908
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBÜCHHANDLUNG
OSKAR BECK
DIE GEDICHTE DES
PAULUS DIACONUS
KRITISCHE UND ERKLÄRENDE AUSGABE
VON
Dr. KARL NEFF
PROFESSOR AM WILHELMSGYMNASIUM ZU MÜNCHEN
MIT EINER TAFEL
5-^^^^
MÜNCHEN 1908
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
OSKAR BECK
C. H. Beck'sche Buchdruckerei in Nördlingen.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort VII
Einleitung: Geschichte der Forschung XI
Die handschriftliche Überlieferung XIII
1. Übersicht über die Abkürzungen XIII
^ 2. Inhalt der wichtigsten Handschriften ........ XIII
I. Loblied auf den Comersee 1
II. Paulus an Adelperga 7
III. Brief an Adelperga 11
IV. Inschriften auf die Bauten des Arichis 14
V. Andere Inschriften 20
VI. Loblied auf den heiligen Benedikt 23
VII. Zweites Loblied auf den heiligen Benedikt 35
VIII. An einen Freund 38
IX. Auf das Grab der Königin Ansa 41
X. Auf das Grab der Enkelin Sophia 49
XI. Bittschrift an Karl 52
XII. Petrus von Pisa an Paulus Diaconus 56
XIII. Antwort des Paulus 63
XIV. Brief an Theudemar 69
XV. Grammatische Rhythmen 74
XVI. Rätsel 82
XVII. Petrus an Paulus 84
XVIII. Paulus an den König 88
XIX. Antwort des Paulus 91
XX. Paulus an Petrus 96
XXI. Petrus an Paulus 98
XXII. Antwort des Paulus 101
XXIII. Karl an Paulus 106.
XXIV. Auf das Grab der Rotheid, Tochter Pippins 109
XXV. Auf das Grab der A^lheid, Tochter Pippins 112
XXVI. Auf das Grab der Königin Hildegard 113
XXVII. Auf das Grab der Adelheid, Tochter Karls 117
XXVIII. Auf das Grab der kleinen Hildegard 119
XXIX. Auf das Grab des Dichters Fortunat 121
XXX. Paulus an Karl (Widmung seines Auszugs aus Festus) 123
VI Inhaltsverzeichnis.
Seite
XXXI. Brief an Adalhard 126
XXXII. Paulus an Karl 131
XXXIII. Karl an Paulus 135
XXXIV. Karl an Petrus und Paulus 139
XXXV. Auf das Grab des Arichis 143
XXXVI. Auf das Grab des Paulus Diaconus 150
XXXVII. Widmungsgedicht des Petrus von Pisa 157
XXXVIII. Zum Lob des Königs 159
XXXIX. Angilbert an Petrus 163
XL. Karl an Petrus 165
XLI. Karl an Petrus 168
Anhang.
I. Auf das Grab Lothars 170
IL Grabschrift für Eggihard 176
IIL Auf das Grab des Dombercht 178
IV. Fiducia an Angilram 181
V. Verse über die Metzer Bischöfe 186
VI. Fabeln 191
VII. Coniurationes convivarum pro potu 199
VIII. Hausimus altifluo 202
IX. Perge libelle meus 205
X. Filius ille dei 207
XL Hausimus altifluam 209
Indices.
I. Initia carminum et epistularum 213
IL Index nominum 215
IIL Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus Diaconus 219
Tafel: Abdruck von Oxford Bodl. Add. C 144 saec. XI f. 58 v.
Vorwort.
Die vorliegende Ausgabe der Gedichte ist das Ergebnis einer
neuen Untersuchung des für die ÜberHeferung des Paulus wichtigen
handschriftlichen Materials, das mir teils im Original teils in photo-
graphischen Wiedergaben vorlag. Durch diese nochmalige Ver-
gleichung, die eine reiche Nachlese ergab, wurde ein zuverlässiger
kritischer Apparat geschaffen, der, ausführlicher und leichter ver-
ständlich angelegt als die früheren, einen Einblick in die bis jetzt
bekannte Überlieferung gewährt. Lesefehler und Versehen der Dümm-
lerschen Ausgabe wurden dabei nicht angeführt. Der Text der Ge-
dichte hat durch die kritische Revision und die genaue Beobachtung
des paulinischen Sprachgebrauches hoffentlich abermals gewonnen.
Besondere Beachtung schenkte ich der Lösung der Autorfrage.
In diesem Punkt gingen schon die Meinungen Bethmanns und
Dahns sehr weit auseinander und auch Dümmler traf hier nicht
immer die richtige Entscheidung. Die Hauptschwierigkeit besteht
darin, daß die sonst übliche Methode, nämlich die Autorschaft dadurch
festzustellen, daß man zweifellos echte Werke in stilistischer Hinsicht
mit bezweifelten vergleicht und aus den Anklängen die Schlußfolgerung
zieht, bei karolingischen Dichtern nicht immer zum Ziele führt, da
diese, ein und derselben Schule angehörig und in der nämlichen
Weise von ihren Klassikern beeinflußt, sich meist der gleichen Aus-
drucksformen bedienen. Um dies deutlich vor Augen treten zu
lassen führte ich bei den Erläuterungen zu den einzelnen Gedichten
möglichst viele Parallelstellen aus der von Dümmler, Traube und
P. V. Winterfeld herausgegebenen Sammlung der Poetae aevi Carolini
(Poet. I — III) an, während ich mich bei der Angabe antiker Ent-
lehnungen, die Manitius in ausführlichster Weise angibt (Poet. II
688), möglichst beschränkte. Bei der Feststellung der Urheberschaft
B Q
M 6 I.
VIII Vorwort.
nahm ich das stiHstische Moment nur dann als Beweis an, wenn
es sich um besonders zahlreiche und charakteristische Eigentümlich-
keiten handelte. Von größerer Bedeutung war für mich der Inhalt
der Gedichte selbst, von der größten die handschriftliche Überliefe-
rung, die manchmal ganz allein das entscheidende Wort sprach.
Die Grundsätze, die für die Anordnung der einzelnen Gedichte maß-
gebend waren, entwickelte ich bei Besprechung des Inhalts.
Meine Ausgabe will aber nicht bloß kritisch, sondern auch er-
klärend sein. Deshalb wurden zum Verständnis der oft schwierigen
Gedichte außer kurzen Inhaltsangaben auch die für die Lebens-
verhältnisse gewonnenen Resultate vorausgeschickt und unter dem
kritischen Apparat Erklärungen einzelner Stellen beigegeben.
Um ein vollständiges Bild vom Leben des Paulus Diaconus und
seiner Umgebung zu entwerfen hielt ich es für notwendig einige
seiner Briefe, dann, wie es schon die Vorgänger getan, die Gedichte
des Petrus von Pisa und auch die an Paulus und Petrus ge-
richteten anzureihen. Der Anhang enthält einzelne Gedichte, die
bis jetzt unter denen des Paulus ihren Platz hatten, und besonders
solche, deren Verfasser man nicht kennt, bei deren Untersuchung
aber sich für uns wichtige Beziehungen nachweisen ließen. Den Ab-
schluß bildet die Herausgabe von drei noch nicht veröffentlichten
Gedichten. Den Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus
Diaconus gestaltete ich ausführlicher um einen genauen Einblick in
die Formen seiner Darstellung zu eröffnen.
Schließlich möchte ich noch allen denen danken, die mir die
Benützung des handschriftlichen Materials ermöglichten oder mich durch
Rat und Tat unterstützten, vor allem der k. b. Akademie der Wissen-
schaften, dann den Vorständen der Bibliotheken zu Berlin, St. Gallen,
Leipzig, London, Madrid, München, Oxford, Paris, Rom,
ferner den Herren Arturo Farinelli, Emil Jacobs, Paul Kehr,
Pater Leo Kolmer O. S. B., Wilhelm Meyer, Ferdinand Rueß,
Karl Schellhaß, Anton Schillinger, Schnorr von Carolsfeld,
besonders Wilhelm Engelhardt, Karl Reinwald und Friedrich
Vollmer.
Den unvergeßlichen Freund Traube nannte ich nicht. Er wollte
keinen öffentlichen Dank und ich könnte auch nicht in Worten die
Dankesgefühle zum Ausdruck bringen, die ich für ihn hege. Er erst
lehrte mich die Eigenart der exakten wissenschaftlichen Forschung.
Durch ihn erst wurde mir klar, daß ihren Wert nicht das Gebiet be-
stimmt, dem sie sich zuwendet, sondern der Geist, in dem sie durch-
Vorwort. IX
geführt wird. Unter seiner Leitung erkannte ich, daß jene Pfade,
wenn sie auch oft weit weg von der klassischen Höhe in einsam
gelegene Täler führen, doch als Vermittler der Antike große Bedeutung
haben. Auf seinen Wunsch übernahm ich diese Arbeit. Noch in
den letzten schweren Wochen vor seinem Tode unterzog er sie einer
eingehenden Durchsicht. Das Manuskript mit den Bemerkungen von
seiner Hand ist mir eine wertvolle Reliquie, der Ausdruck seiner
Zufriedenheit ein beglückendes Vermächtnis.
Nentschau, den 16. August 1908.
Karl Neff.
Einleitung.
Geschichte der Forschung.
Die umfangreiche Literatur zu Paulus Diaconus findet sich bei
Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, 7. Aufl. I,
177 — 186 und bei Cipolla, Note bibliografiche circa Todierna condizione
degli studi critici sul testo delle opere di Paolo Diacono, Venezia 1901,
verzeichnet. Hier sollen nur die Haupterscheinungen mit wenigen
Worten gewürdigt werden, damit man einen Einblick in den Ent-
wicklungsgang der Forschung bekommt und das Verhältnis dieser
neuen Ausgabe der Gedichte zu den früheren Arbeiten richtig be-
urteilen kann.
Der große Benediktiner J. B. Mab i Hon machte sich besonders
dadurch verdient, daß er die Berichte des Chronisten von Salerno
(SS. III 467 ff.) und der übrigen süditalienischen Quellen auf ihren
Wert prüfte und eine sichere historische Grundlage schuf. (Analecta
vetera, L Ausg. Paris 1675 — 1685, 2. Ausg. 1703; Annales ordinis
S. Benedicti, vol. II 1703.)
Mabillons Untersuchungen wurden erweitert und bestätigt durch
den Abbe Jean Lebeuf (Dissertations sur l'histoire ecclesiastique
et civile de Paris, vol. I, Paris 1739), der zum erstenmal die meisten
Gedichte und Briefe aus dem Parisinus lat. 528 veröffentlichte und
dadurch über die Lebensverhältnisse des Paulus mehr Klarheit ver-
breitete.
Wenn auch nachher die Forschung nicht stillstand, so wurden
doch erst durch Ludwig Bethmann neue wichtige Resultate zutage
gefördert. Im Jahre 1851 erschien seine Abhandlung: Paulus Diaconus'
Leben und Schriften (Archiv der Gesellschaft f. alt. deutsche Geschichtsk.
XII Einleitung.
X 247 — 334). Hier ist mit staunenswerter Gründlichkeit und Sach-
kenntnis das handschrifthche Material verwertet und eine Arbeit ge-
schaffen worden, die heute noch in vielen Punkten als grundle.^end
zu bezeichnen ist.
Durch Bethmann angeregt, veröffentlichte Felix Dahn seine
Schrift: Paulus Diaconus (Leipzig 1876). Er gelangte, wie er selbst
in seiner Vorrede sagt, in sehr vielen Einzelheiten der Lebensverhält-
nisse zu anderen Ergebnissen, häufig zur bloßen Negation der An-
nahmen Bethmanns. Allein viele seiner Gründe sind nicht überzeugend.
Dies bewies G. Waitz, der die Verteidigung Bethmanns übernahm
(Göttinger gel. Anzeigen 1876 S. 1513 ff.) und wegen seiner Ver-
trautheit mit diesem Gebiet (vgl. seine Vorrede zur Historia Lango-
bardorum des Paulus) am meisten dazu berufen schien. Auch meine
Untersuchung zeigt, daß Dahn die handschriftliche Oberlieferung zu
wenig beachtete und deshalb bei der Herstellung des Textes und der
Entscheidung der Autorfrage nicht immer das Richtige traf. Dabei
darf aber nicht verkannt werden, daß seine Schrift reich ist an wert-
vollen, die Lebensverhältnisse des Paulus klärenden Bemerkungen.
Auf allen diesen Vorarbeiten baute Ernst Dümmler im Jahre
1881 seine Ausgabe der Carmina Pauli et Petri Diaconorum auf
(Mon. Germ. Poet. lat. aevi Carol. I 27—86 und 625—628). Nach
Prüfung des ganzen damals bekannten handschriftlichen Materials (Neues
Archiv der Gesellschaft f. alt. deutsche Geschichtsk. IV 102 — 112) stellte
er einen möglichst korrekten Text her und gab die Gedichte in der
Reihenfolge heraus, in der sie nach seiner Anschauung entstanden
waren. Dadurch erleichterte und beförderte er zugleich die weiteren
Untersuchungen.
Darunter sind besonders zu erwähnen: Die wichtigen Beob-
achtungen über das Leben des Paulus von A. Hauck (Kirchen-
geschichte Deutschlands, 2. Aufl. Leipzig 1900, besonders S. 158 ff.),
die größtenteils mit meinen eigenen, unabhängig gemachten überein-
stimmen; die Aufschlüsse Wilhelm Meyers aus Speyer über die
rhythmischen Gedichte des Paulus (jetzt in den Gesammelten Ab-
handlungen zur mittellateinischen Rhythmik, 2 Bände, Berlin 1905);
die kritischen und historischen Beiträge von L.Traube (Neues Archiv
XVI 199, XVII 397, XX 256 und Textgeschichte der Regula S. Benedict!
in den Abhandlungen der bayr. Akademie III. Kl. XXI. Bd. III. Abt.,
München 1898).
Die handschriftliche Überlieferung. XIII
Die handschriftliche Oberlieferung.
1.
Übersicht über die Abkürzungen.
Die gesperrt gedruckten Handschriften enthalten eine größere
Anzahl von Gedichten. Da ich die von mir verwendeten photo-
graphischen Wiedergaben Friedrich Vollmer zu weiterer Verwertung
überließ, so kann jeder, der hier neue Studien machen will, mühe-
und kostenlos sich einen genauen Einblick in die paulinische Über-
lieferung verschaffen. Die mit einem Stern bezeichneten Handschriften
enthalten Gedichte, die nicht Paulus Diaconus zum Verfasser haben.
A = Madrid A. 16. fol. mai saec. XII.
B = Oxford Bodl. Add. C 144 saec. XI.
C = Rom Vat. lat. 5001 saec. XIII.— XIV.
D = Berlin Diez. B 66 saec. VIII. ex.
E == Paris lat. 4841 saec. IX.*
F = Paris lat. 2832 saec. IX. med.
G = St. Gallen 899 saec. X. und dazu gehörend Rom Reg. 421.
H = London Harl. 3685 saec. XV.
I =St. Gallen 573 saec. X.
L = Leipzig Rep. I 74 saec. IX.
M= Montecassino 175 saec. XI. ex.*
N = Paris lat. 9428 saec. IX. in.*
p = Paris lat. 528 saec. IX. ex.
Q = Paris lat. 7530 saec. VIII. ex.
R = Rom Palat. lat. 1753 saec. X.*
S = Paris lat. 5294 saec. XI.
U = Rom Urb. lat. 533 saec. XIV.
V = St. Gallen 184 saec. XL*
2.
Inhalt der wichtigsten Handschriften.
Die zu Paulus Diaconus in Beziehung stehenden und hier be-
handelten Stücke sind gesperrt gedruckt. Die in Klammern gesetzte
römische Zahl bezieht sich auf meine Ausgabe.
Berlin Diez. B. 66 (= D), aus dem Ende des 8. Jahrhunderts,
beschrieben von Bethmann (Archiv VIII 854), Keü (Gramm. Lat. IV
XIV Einleitung.
p. XXXII) und Dümmler (Zeitschr. f. deutsch. Altert. XVII 144, Neues
Archiv IV 108).
Den Hauptinhalt bilden grammatische Schriften, p. 124 Con-
lectiones uocum inconditarum quibus exprimitur animi affectus, p. 125
bis 126 Gedichte, herausgegeben von Riese, Anthol. lat. 186 — 188
(vgl. L Müller, Rhein. Mus. XXV 455); p. 126 Nemo diu gaudet
quod iniquo iudice unincit und Cum sacra donatus celebrans diuina
sacerdos; p. 127 — 128 Omnes gentes quas fecisti (Poet. I 116);
p. 217 Albanische Königstafel: Picus regnauit primus in Italia; p. 218
bis 219 ein Bücherkatalog: Werke von Lukan, Statius, Terentius,
Jüvenal, Tibull, Horaz, Martial, Cicero, Sallust( Haupt, Hermes 3, 221)
p.220CarminamittoPetrofXY"^/^;; p. 220— 221 Alius versus
Rex Carulus Petro (XL); p. 221 lam puto nervosis (XX)
p. 221 — 222 Versus Fiduciae ad Angelramnum praesulem
Carmina ferte mea (Anh. IVj); p. 222 Alius versus: Credere
s. vellis (Anh. IVll); p. 223 Incipit centimetrum Servii; p. 277 — 278
Columbanus fidolio fratri; p. 279 Heia uiri nostrum reboans (ed.Peiper,
Rhein. Mus. N. F. XXXII p. 523).
St. Gallen 573 (= /), aus dem 10. Jahrhundert, beschrieben
von G. Scherrer (Verzeichnis der Handschriften der Stiftsbibliothek
p. 185—187).
p. 2 — 166 Inc. opus Paulini Petricordiae de vita s. Martini ep.
versibus; p. 166 — 172 Prologus cum versibus Paulini de visitatione
nepotuli — et eiusdem de orantibus; p. 173 — 276 Venantii Fortunati
Vita S. Martini metrica libri IV (MG. Auct. IV ed. Leo); p. 276—293
Ven. Fortunati Carmen; p. 294 — 319 Visio Wettini (Prosaerzählung
des Haito); p. 320 — 367 Visio Wettini metrice (cum prologo pro-
saico ad Grimoltum capellanum) auct. Walafrido; p. 367 — 370 Visio
mulieris pauperculae de rege Ludovico; p. 370 — 398 Visio Barontis,
monachi Longoret. apud Bituric. deinde eremitae Pistoriens.; p. 398
bis 405 Inter florigeras fecundi cespitis herbas etc. Am Ende von
anderer Hand: Expliciunt versus Bedae b. de die iudicii; p. 406 — 407
Acrostichon in Lotharium imp.; p. 408 — 466 Vita s. Leodegarii
metrica libri II; p. 466 Item in basilica sanctae Mariae: O una
ante omnes felix pulcherrima virgo (Vii); p. 466 — 467 Item
versus super crucem (Viii); p. 467 — 469 Item alfabetum de bonis
sacerdotibus prosa conpositum: Ad perennis vite fontem (Poet. 179);
p. 470 — 474 Item alfabetum de malis sacerdotibus: Aquarum meis
quis det (Poet. 181); p. 474 — 475 Disticon in foribus: Dulcis amice
veni pacem (Poet. I 65); p. 475 Coniurationes convivarum pro
Die handschriftliche Überlieferung. XV
potu: Dulcis amice bibe gratanter (Anh. VII); p. 476 Ante
fores basilicae: Haec domus est domini (IViii).
St. Gallen 899 (= G), aus dem 9. oder 10. Jahrhundert; be-
schrieben von Dümmler in den Mitteilungen der antiquarischen Ge-
sellschaft in Zürich XII p. V, vgl. Sitzungsber. der phil.hist. Klasse der
Wiener Akad. XLIII 67, Neues Archiv IV 107, 276. Die fehlenden Stücke
stehen in Rom Reg. 421 f. 16—20, 27—28 (vgl. Bethmann Archiv
XII 279 und Zeitschr. f. deutsch. Altert. XX 213). Der Sammelband der
Bibliothek zu Fulda C 1 1 fol. chart. s. XV. (Zeitschr. f. deutsch. Altert.
XIV 496; XV 452) ist nur eine Abschrift der St. Galler, als sie sich
noch in unverstümmeltem Zustand befand.
Der Inhalt der von mir noch einmal untersuchten Handschrift
weist auf nahe Verwandtschaft mit L e i p z i g R e p. 1, 74 hin. Die Haupt-
stücke sind: p. 2 Incipit epistola Symmachi ad Ausonium (Symmachi
epist. I 14 ed. Parei); p. 3 Incipit de Pythagoricis diffinitionibus;
p. 4 Incipit de aetatibus animantibus hesidion; p. 5 — 6 Incipiunt
versus in laude Larii laci: Ordiar unde tuas (I); p. 6 — 7
Fabulae vitulo et ciconia: Quaerebat merens matrem
(Anh. VIii); Fabula podagrae et pulicis: Temporibus priscis
(Anh. Villi); p. 7 Quid fatis liceat (De Rossi, inscr. urb. Rom. II p. 112;
285); p. 7 — 8 Pauli (Diaconi von späterer Hand) contra Petrum
(Diaconum von späterer Hand): lam puto neruosi religata
(XX); p. 8 Petri (Diaconi von späterer Hand): Paule sub um-
broso (XXI), nur bis V. 15; p. 11 folgt mit Csirceris aut seuo der
Schluß (v. 16 — 25); p. 9—10 Cumque ante ora ducum v. 40 — 68
= Schluß der Fabel Aegrum fama fuit (Anh. VI i), deren Anfang,
V. 1—40, in Rom Reg. 421 f. 28— 28^ steht; p. 11 De iuvene qui
aprum occidit et ipse a serpente percussus est: Anguis aper iuvenis
(Riese, Anth. 160) ; De Narcisso : Dum putat esse parem (Riese, Anth. 39) ;
Item versus Martialis Damma (Marl. ed. Schneidewin XIII 9); Ne
vinum inmoderate bibatur: Qui cupis esse bonus von Eugenius Tole-
tanus (ed. Vollmer, MQ. Auct. ant. XIV 236); p. 12 Ad ebrium:
Die mihi die ebrie; De vino: Magnus tu bacche; Epitafion Bailiste
Latronii: Monte sub hoc; De eulice: Parva culix (Donatus § 29j; De
calicae fracto: Abietine calix; p. 12 — 13 Item versus in tribunali:
Multicolor qualispecie (Vi); p. 13 — 15 Versus Pauli Diaconi: Sic
ego suscepi {XXII); p. 15 — 17 Petri (Diaconi von späterer Hand):
Lumine purpureo (XVII); p. 17 Rustice lustrivage capripes (Riese,
Anth. 682); Si memini fuerant . . am /?a/zöJ Martial (1 19); p. 17 — 18
Cinthius oeciduas rapidis . . Pauli Diaconi LR. (XVIII); p. 18
XVI Einleitung.
beginnt das Epitaphium Hlotharii: Hoc saltus \nv\x\(\\ (Anh. I)
V. 1 — 4, das übrige in der Vatikanischen Handschrift f. 27 — 27^;
p. 19 — 21 enthalten Verse von Prospers Poema coniugis ad uxorem
(v. 65 — 122); p. 45 Ovidii Nasonis versus: Ut belli sonuere, Sus
iuvenis serpens (Riese, Anth. 160)\ Monastica de aerumnis Herculis;
p. 57 Epita(/)ion Geroldi comitis (Poet. 1 114)\ p. 57 — 58 E^WdLrpion
Constantii (Poet. I78)\ p. 59 Erklärung lateinischer und griechischer
Wörter; p. 86 Karolus gratia dei rex (Brief Alkvins MG. Epp. IV 228);
p. 117 Versus de cuculo bis v. 38 (Ale. Poet. 1269); p. 120 Versus
Theotolfi episcopi: Gloria laus et honor tibi sit, rex Christe, redemptor
bis V. 12 (Poet. 1558); p. 120 bis 123 Versus eiusdem (Poet. 1577);
p. 123 Albinus precibus postulet (Poet. 1579); Rumpitur invidia (Marl.
IX 97); p. 124 lonae episcopi: En adest Caesar (Theodulf Poet. 1 529);
p. 126 Ad Hludovicum regem: Rex pie (Poet. II 410); p. 127—129 In
adventu Karoli filii Augustorum: Ecce votis (Poet. II 406); In adventu
Hlotharii imperatoris: Innovatur nostra laetos (Poet. II 405); p. 144
Postquam primo homini (Wal. Strabi carm. Poet. II 392).
Leipzig Rep. I, 74 (=1), ein Miszellanband der Stadtbibliothek,
von Naumann (Catalogus libr. manuscr. bibl. Ups. p. 16) und aus-
führlicher von M. Haupt (Berichte der kgl. sächsischen Gesellsch.
d.W. phil. hist. Klasse 1850 p. 1 — 14 und in seinen Opuscula I p. 286
bis 300) beschrieben, wurde mit Unrecht von Naumann dem 12. und
Dümmler dem 10. Jahrhundert zugewiesen. Die Handschrift stammt
aus dem 9. Jahrhundert.
f. 13^ Terra marique victor honorande zur Begrüßung Ludwigs
des Erommen and seiner Gemahlin Emengard (Poet. 1 578 Appendix
zu Theodulf); f. 14 — 15 versus in laude solis (Riese, Anth. 389);
f. 15^ — 24 Questiones enigmatum rethoricae aprtis (= artis): Wil-
helm Meyer, Gesammelte Abhandlungen zur mittellateinischen
Rhythmik II p, 161 ff.; f. 24 Item de uino: Pulchrior me nullus
(XVI); Incipiunt versus Sybillae: ludicio tellus sudabit; f. 25 De
iuvene qui aprum occidit et ipse a serpente pe<r>cussus est: Anguis
aper iuvenis (Riese, Anth. 160); De Narcisso: Dum putat esse
parem (Riese, Anth. 39); f. 25 — 27^ folgen 15 Gedichte Martials:
f. 25 Item versus Martialis damma; De quadam vetula; f. 25^ De
Galla puella; Ad Levinum; De eo cuius domus arsit; Ad PolHonem;
De Candido qui uxorem adulteram habebat; f. 26 De Andragora ad
Faustinum; De Fannio; Ad Cottam; Ad Claudiam puellam longam;
Ad Crispum; f. 26^ Ad Gallam; Ad Flaccum; Ad eum cum quo cenabat;
f. 27 Ne vinum immoderate bibatur: Qui cupis esse bonus von Eugen.
Die handschriftliche Überlieferung. XVII
Tolet. (MG. Aiict. XIV236); Epitafion Ballistae latronis: Monte sub
hoc; De culice: Parva culix (Donatas §29); De calice fracto: Abietine
calix; f. 27^ — 28^ Item ex libro Ovidii Nasonis de somno, quod viderat:
Nox erat et somnus (Ovid, Am. 3, 5); f. 28^ — 31^ Idem eiusdem ex
libro metamorphoseon. Actaeon in cervum: lam stabant Thebae (Ovid.
Met. 3, 131 — 252) \ f. 31^ — 35^ Gedichte von Eugen. Tötet, und Prosper
Aquitanus; f. 35^ — 36 Hos versus Paulus Diaconus conposuit
in laude Larii laci: Ordiar unde tuos (I); f. 36 — 36^ Epitafion
Sophie neptis: Roseida de lacrimis (X); f. 36^ — 37 Super
sepulcrum domne Anse: Lactea splendifico (/Xj; f. 37 — 37^
Item versus in tribunali (am Rand tironische Noten, die nach
Angabe von Rueß nur die Überschrift wiederholen): Multicolor
quali specie (Vl)\ f. 37^ Item in basilica sanctae Mariae:
O una ante omnes (Vll)\ Item versus super crucem (ViiiJ; f. 37^
—38 Christe deus mundi (Poet. I 78); f. 38^—62 Incipit psycho-
machia des Prudentius; f. 62^ — 63^ folgen Gedichte von Alcvin
f. 62^ Dulcis amice vale (Poet. I 251); f. 63 Ductus amore tuo (1 334)
Munera muneribus; Nee tu quippe (1 252); f. 63^ Nix ruit e caelo
Tu mihi dulcis amor, davon nur v. 1 — 3 (1 253).
London, Britisches Museum Harleianus 3685 (= H), im
fünfzehnten Jahrhundert von einem ungebildeten Schreiber, dem eine
schlecht lesbare, angelsächsische Handschrift vorlag (Traube, Karo-
lingische Dichtungen), fehlerhaft geschrieben. Den Inhalt gab Dümmler
an in der Zeitschrift für deutsches Altertum XXI, 84 A. 1 und Neues
Archiv IV 108—109.
Hauptstücke: f. 1 Anguste vite fugiunt consorcia musae
(VIII); f. 1 — 1^ Aemula romuleis consurgunt menia templis (IVi)
IV Ad abbatem: Sit tibi sancta phalanx (Poet. 1 83); f. 1^—2 Ad
Moulinum de Dagulfo: Aspicis eximia rutilantem- luce muolume
(Poet. 192); f. 2— 2^ De peste: Ausimus altifluam Petri Pauli-
que salutem (Anh. XI); f. 2^ Sanctorum meritis claro semperque
beato (Eugen. Tolet. MG. Auct. XIV 268); f. 2^— 3^ Hoc satus in
viridi servatur flosculus aruo (Anh. I); f. 3^ — 5^ folgen Epi-
gramme und Epitaphien (vgl. De Rossi, Inscript. urb. Rom. II, 1
p. 121); f. 5^ — 6 Epitaphion: Roseida de lacrimis miserorum
terra parentum (X); f. 6 Verba tui famuli, rex summe, attende
serenus (XI); f. 6^ De sex operibus dei: Primus in orbe dies (Eugen.
Tolet. MG. Auct. XIV 67); i.l — 11^ Incipit praefatio tocius libri Smaragdi
grammatici: Hunc operis nostri modicum percurre libellum (Poet. 1607);
f. 11^ Dum primus pulchro fuerat {Ale. Poet. 1 288); f. 26^—29^ Hoc,
II
XVIII Einleitung.
Modoine, tibi Teudulfus dirigit exul (Poet. 1 563 ff.) \ f. 30^ Eiusdem
ad Luduicum valedictio: Qui regit arva, polum (Poet. 1 531); Carmen
Nigellii Ermoldi exulis in laudem gloriosissimi Pippini regis: Perge,
Thalia, placet (Poet. II 79); f. 33 Ad eundem Pippinum: Sunt mihi
praeterea (Poet. II 85); f. 66 Liber de iudicibus exametris versibus
compositus incipit: ludicii callem censores (Theod. Poet. I 493); f. 47 ^
Postquam primus homo paradisi liquerat hortos (Ale. Poet. 1 229);
f. 50^ — 51^ Carior in cunctis mihimet qui constat alumnis (Theod.
carm. appendix Poet. 1 579); f. 53^ — 54 ^ Lege tonantis eri retegit qua
crimina lator (Theod. Poet. I 517); f. 55 — 92 Elegia Hermoldi: In
honorem Hludowici (Poet. II 5).
Madrid A. 16 fol. mai. (= ^), im 12. Jahrhundert geschrieben,
stammt aus Montecassino. Der Inhalt ist ausführlich angegeben Archiv
VIII 769.
Nach Werken Bedas folgen Gedichte chronologischen Inhalts:
Item de anno solari: Annus solis continetur quattuor temporibus;
Versus de sexta aetate huius seculi: Prima sexcentum annis; f. 52^
Item versus Pauli Diaconi de annis a principio: A principio
saeculorum (II); Item versus de annis a principio: Deus a
quo facta fuit (Zeitschr. f. deutsch. Altert, XXII 426); f. 55 Arati
liber de astronomia; f. 75 Ordo computus; f. 87 Galieni expositio
pro infirmis; de humanae vitae cautela; Spera Pitagore quam Apuleius
descripsit; de quattuor ventis, angulis celi et temporibus; f. 89 De
natura corporis humani; Ypocratis ep. de flebotomia; Ypocratis dicta
de anni circulo; f. 93 ex libro Solini; f. 99 Scarpsum ex cronica
Origenis; f. 101 De gentibus ex Ysidoro; f. 102 De lapidibus ex libro
eiusdem; Beda de naturis rerum; f. 160 Epistola Karoli ad Albinum
de septuag. sexag. quinquag. et quadrag.: Karolus gratia dei (MG.
Epp. IV 228); f. 163^ Gedicht über Superbia et humilitas: Non
mihi Sit ductrix; de pace et concordia: Pax veneranda mecum; de
castitate et libidine; f. 165 Sententiae Septem sapientum; f. 166
Epitaphium Alchuini: Huc rogo (Poet. I 350); f. 171 Ex libro XI
Plinii: Miror quidem Aristotelem; aus Paulus Diaconus: In Italia
sicut d. a. circa diem natalis domini in humbra — meridiem
videntur; (Hist. Lang. I cap. 5); f. 189 Scarpsum ex libro Josephi:
Boves mugiunt — vas in aqua bilbit; f. 190 Item de provinciis
Italie aus Paulus Diaconus (SS. rer. Langob. p. 188); f. 190 Con-
stantins Schenkung; f. 193 Africanus ad Aristidem de genealogia
Christi: Ut autem clarius fiat; f. 195 Incipit liber Junioris philosophi,
in quo continetur totius mundi descriptio: Post omnes ammonitiones.
Die handschriftliche Überlieferung. XIX
Daran schließen sich noch Schriften geographischen, ethnographischen
und naturwissenschaftlichen Inhalts.
Oxford, Bodleian Library 28 188 = Add. C 144 {= B)
aus dem 11. Jahrhundert, beschrieben von Madan, Summary Catalogue
of Western Manuscripts in the Bodleian Library at Oxford, Vol. V
p. 419; H. Schenkl, Bibliotheca patrum latinorum Britannica II, Sitzungs-
berichte der Wiener Akademie phil.hist. Kl. CXXIII Jahrg. 1890.
f. 1 De pronomine . pronomen est pars orationis (Donati gramm.;
Keil IV 379, 22) \ f. 33 De barbarismo . barbarismus est una pars
orationis (Keil 392, 5) \ f. 34 De soloecismo . soloecismus est Vitium
(Keil 393, 6)\ f. 35^ De syllabis apud grammaticos . Syllaba grece
latine conceptio siue complexio dicitur. nam syllaba dicta (Keil
423, 11)\ De syllabis tractatus Bedae. Syllaba est comprehensio
litterarum uel unius uocalis (KeilVII, 229, II) \ f. 37^ De tropis Bedae.
Tropus est dictio translata (Keil 611, 19); f. 39^ Incipit de meta-
plasmis. Metaplasmus est transformatio quaedam (Keil IV 395, 28) ;
f. 40 Mauri Serui grammatici de centum metris (Keil IV 456); f. 46^
Ein kurzes Glossar; f. 47 Incipit de littera. diximus enim, quod bene
fecit donatus (Pompei commentum artis Donati Keil V 98, 6); f. 55
de pedibus. Pedes omnes uiginti et quattuor (Keil V 120, 21);*f. 5S
Item versus Pauli Diaconi: Candidum lumbifido proscissum
vomere campum {XIX); f. 58^ versus Paulini: Hausimus alti-
fluo; Perge, libelle (Anh. VIII, IX, vgl. auch die beigegebene
Tafel); Sinonima Ciceronis: orator, actor; f. 63^ Incipit de officiis
grammaticae artis: Nam in loco; f. 66 ^ Quis primus phylosophy
nomine nuncupatus est?; f. 68^ ludicii Signum (vgl. Aug. de civ. Dei
41, 579; auch Beda 90, 1182); f. 89 Sententiae quorundam philo-
sophorum: Amicuitanis cferas (!) facias necesse tua (cfr. Meyer, Publilii
Syri sententiae p. 12); f. 70 Versus Siluii; Spes ratio uia uita (Riese
Anthol. lat. 689a). Den Schluß bilden Glossen und grammatika-
lische Stücke.
Paris lat. 528 (= P), aus dem 9. Jahrhundert. Die Haupt-
stücke des Inhalts, den der Abbe Lebeuf zuerst veröffentlichte, führen
Bethmann (Archiv X 247) und Dümmler (Neues Archiv IV 104) an.
Diese Handschrift hat für die OberHeferung der Gedichte des Paulus
Diaconus die größte Bedeutung.
Nach theologischen und rhetorischen Werken und Hymnen
beginnt f. 121 ein neuer Quaternio von feinerem Pergament und
von derselben, wenn auch etwas kleineren Schrift, f. 120 — 121^
Exhortatio Eugenii Toletanae sedis episcopi: Rex deus (MG. Auct. XIV
XX Einleitung.
232); f. 121^ Brief formet (Neues Archiv IV 104)-, f. 122— 122^ Zwei
Epitaphien, die am Hofe Karls bei Abfassung anderer zum Vorbild
dienten: Epitaphium Constantis: Hie decus Italiae (Poet. I 78)
und Epitaphium Toctronis: Clauditur hoc tumulo (Pauli Hist.
Lang. III €.19); f. 123 — 123^ Item versus Petri grammatici:
Nos dicamus Christo (XII); f. 123^— 124 Versus Pauli: Sensi
cuius (XIII); f. 124—125 Item versus Petri ad Paulum: Lu-
mine purpureo (XVII); f. 125 — 125^ Versus Pauli ad Petrum:
Candido lumbifido (XIX); f. 125^—126 Item versus Pauli
missi ad regem: Cynthius occiduas (9^V7//^; f. 126 — 126^ Item
versus Pauli ad regem precando: Verba tui famuli (XI);
f. 126^ — 127 Epitaphium Sophiae neptis: Roseida de lacri-
mis (X); f. 127 — 128^ Incipit epistola: Amabillimo mit drei
Hexametern am Schlüsse (Paulus Diaconus an Theudemar XIV);
f. 128^ — 129 Versus de episcopis sive sacerdotibus: Ad perennis
(Poet. I 79); f. 129 — 130 De malis sacerdotibus: Aquarum meis quis
det (Poet. 1 81); f. 130— 131^ Versus in laude sancti Benedicti:
Ordiarundetuos (VI); f. 132 — 133 Cartula perge cito (Alcvin Poet.
1220); f. 133— 133^ Versus Petri in laude regis: Culmina si
regum (XXXVIII); f. 134 — 135 Sententiae septem philosophorum:
Periander Corinthius; im Anschluß daran eine kleine griechische
Grammatik (XII) , dann grammatische Bemerkungen über die Kom-
paration, Aufzählung von homonima: species acies aries; von Syno-
nima: terra humus; f. 135^ Epitaphium Chlodarii pueri regis:
Hoc satus in viridi (Anh. I); f. 135^ — 136 Item versus metrici:
Paule subumbroso (XXI); f. 136 Epistola: lUe Christi fretus auxilio
rex: Cum in adquirendis fidelium (MQ. Epp. IV 532). Den Abschluß
des Quaternio bildet Grammatisches. Dann folgt von einer anderen
Hand geschrieben eine Vita Audoeni, ein Martyrologium und Theo-
logisches.
I.
Loblied auf den Comersee.
'Wie soll ich Dein Loblied beginnen, wie Deine reichen Gaben
preisen (1 — 6)? Olivenwälder umsäumen Deine von ewigem Früh-
ling beglückten Gestade und in üppigen Gärten leuchten aus dem
Grün der Lorbeerbäume rote Granatäpfel hervor. Myrten, Pfirsiche
und Zitronen erfüllen alles mit ihrem lieblichen Duft (7 — 16).
Kein See kann sich mit Dir vergleichen, nur das Galiläische
Meer, auf dem einst Jesus gewandelt (17 — 22). Bringst Du den
Schiffern kein Verderben, dann bleibst Du der Liebling aller. Lob
und Preis sei der Dreieinigkeit, die solche Wunder schafft. Du aber,
Leser, empfiehl mich der Gnade des Erlösers und mißachte mein
Gedicht nicht (23—30).'
Eine so begeisterte Schilderung konnte nur ein Dichter ent-
werfen, der die Reize jener Gegend selbst geschaut und gefühlt hatte.
Dies ist zwar von Paulus nicht wörtlich überliefert, läßt sich aber
mit Bestimmtheit aus seinem nicht anzuzweifelnden Aufenthalt im
nahgelegenen Monza folgern (vgl. Hist. Lang. IV 21, 22, 47; V 6, 38).
Traube kommt in seiner Textgeschichte der Regula S. Benedicti S. 44
zu dem Resultat, daß Paulus in dem nach der Tradition von Desi-
derius gegründeten Peterskloster bei Civate, nicht weit vom Comer-
see, sich aufhielt.
Dahn „Paulus Diaconus" S. 66, der die Autorschaft des Paulus
bestreitet, sieht darin, daß die Schilderung der Vegetation, der Natur-
schönheit an diesen Ufern poesievoller ist als in irgend einer der
unzweifelhaft echten Dichtungen, einen Beweis für die Unechtheit
des Gedichtes. Allein die Stoffe, die Paulus später behandelte,
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4. 1
2 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
boten ihm keine Gelegenheit zu einer derartigen lebendigen Schil-
derung und dann kann man doch auch aus deren Behandlung er-
kennen (vgl. Hist. Lang. II 4, wo er die Pest, und IV 37, wo er
den Verfall seines Stammsitzes schildert), daß er Phantasie und
Gewandtheit in der Darstellung in hervorragendem Maße besaß.
Außerdem fällt dieses Gedicht in eine Zeit, wo er noch jugend-
licher fühlte, wo er in seiner angesehenen Stellung als Lehrer der
Prinzessin am Hofe glückliche Tage verbrachte, von denen er in
Gedicht VIII v. 1 — 4 andeutungsweise spricht (vgl. auch Anm. zu
XXXVI V. 18).
Auch der Hinweis darauf, daß Paulus unmöglich das Loblied
auf einen See mit den gleichen Worten habe anfangen können,
wie das auf den heiligen Benedikt, beweist nichts. Ich sehe darin
nur eine Bestätigung der Anschauung, daß beide Gedichte Erstlings-
werke sind, und glaube, daß er in der späteren Zeit, als er infolge
der vielfachen Anregungen Karls des Großen in ausgedehnterem
Maße dichterisch tätig war, solche Wiederholungen vermieden hätte.
Man muß eben auch hier, was bei stilistischen Untersuchungen zur
Bestimmung der Autorschaft eines Werkes von großer Wichtigkeit ist,
in Betracht ziehen, daß sich eines Dichters Anschauungen und Dar-
stellungsformen im Lauf der Zeit oft bedeutend ändern. Wer würde
den Dichter des Faust im Götz wiedererkennen? Mir erscheint dieser
gleiche Anfang im Gegensatz zu Dahn als Beweis für die Autor-
schaft des Paulus und ich verweise dabei auch auf die Anmerkung
zu Gedicht VI v. L
Das entscheidende Wort spricht hier nur die Oberlieferung. In
der Leipziger Handschrift, die wegen ihres Alters — sie ist in das
neunte Jahrhundert zu verlegen — und ihres Inhalts für die Über-
lieferung paulinischer Gedichte von großer Bedeutung ist, trägt
unser Gedicht die Überschrift, an deren Echtheit nicht zu zweifeln
ist: Hos versus Paulas Diaconus conposait in laude Larii lad.
Betrachtet man ferner die Gedichte, die sich in dieser Leipziger
Handschrift an das unsrige anschließen, so erkennt man, wie die
späteren Untersuchungen zeigen werden, daß wir hier eine Samm-
lung von Gedichten des Paulus vor uns haben, die besonders
auf den langobardischen Hof mit Sicherheit hinweisen. In der
St. Galler Handschrift 899 aus dem zehnten Jahrhundert ist zwar der
Name des Dichters nicht mitüberliefert, das Gedicht befindet sich
aber in einem Kreis von solchen, die zweifellos Paulus zum Verfasser
haben.
Loblied auf den Comersee. 3
Sahen wir schon, daß die Umgebung, in der das Gedicht über-
liefert ist, auf den langobardischen Hof hinweist, so ergibt sich das
gleiche auch aus v. 6 Regificis mensis manera magna vehis.
Wegen der Entfernung der Örtlichkeiten kann nicht die Tafel Karls,
sondern nur die eines langobardischen Königs gemeint sein. Dem-
nach ist die Abfassungszeit unseres Gedichtes vor den Untergang
des Reiches, also vor 774, zu verlegen. Da Paulus sich jeden-
falls 763 in Benevent befand (vgl. Vorbem. zu VI), so mag es
schon vor dieser Zeit entstanden sein und zwar am Hofe des Desi-
derius, eine Behauptung, die durch das Epitaph auf Ansa, die Ge-
mahlin des Desiderius, gestützt wird, das in der Leipziger Hand-
schrift sich anschließt.
Die Darstellung des Paulus Diaconus steht, wie die Erklärung
der Verse beweist, unter dem Einfluß Virgils und besonders auch
Eugens von Toledo. Werke dieses Dichters, den jedenfalls, wie auch
den Martial, der Spanier Theodulf an den Hof Karls brachte, sind
wie in allen für die Überlieferung paulinischer Gedichte wichtigen
Handschriften, so auch in der Leipziger überliefert. Aber schon
früher hatten sich die großen Werke der spanischen Literatur (wie
Taio, Eugenius, Isidorus) nach Italien verbreitet.
Was die Form anlangt, so besteht sie aus epanalemptischen
Disticha (auch versus reciproci, serpentini, echoici genannt, vgl.
Traube Poet. III p. 392, 7 und Index p. 815). Diese finden sich
schon vereinzelt zu bestimmten Zwecken bei Ovid, dann zur Er-
reichung einer besonderen Wirkung in einem längeren Gedicht bei
Martial (IX n. 97 Rampitar invidia; dieses Gedicht ist wie das
unsrige in der St. Galler Handschrift überliefert neben anderen karo-
lingischen), ferner bei Pentadius in den drei Gedichten de fortuna,
de adventu veris, auf Narcissus, bei Sedalias (M. Jahrh.) in einem
dichterischen Vergleich des alten und neuen Testamentes und
sonst öfters. In späterer Zeit scheint bei Dichtern wie Venantias
Fortanatas (VI. Jahrh. Mon. Germ. Auct. IV ed. Leo), Eugen. Tolet.
(VII. Jahrh.) und Beda (VIII. Jahrh.) mehr das Streben nach Ab-
wechslung oder auch die Bequemlichkeit maßgebend gewesen zu
sein. Paulus verwendet sie nur in Gedichten, die der Zeit an-
gehören, wo er noch nicht am Hofe Karls sich aufhielt, so in
seinen beiden Lobliedern (auf den Comersee und zum Preis der
Wunder des heiligen Benedikt) und in einer Inschrift auf einer
Kirchentüre.
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
Ordiar unde tuas laudes, o maxime Lari?
Munificas dotes ordiar unde tuas?
Cornua panda tibi sunt instar vertice tauri;
Dant quoque sie nomen eornua panda tibi.
Munera magna vehis divinis, dives, asilis,
Regificis mensis munera magna vehis.
Ver tibi semper inest, viridi dum cespite polles;
Frigora dum superas, ver tibi semper inest.
Cinctus oliviferis utroque es margine silvis;
Numquam fronde cares cinctus oliviferis.
Punica mala rubent laetos hinc inde per hortos;
Mixta simul lauris Punica mala rubent.
HOS UERSUS PAULUS DIACONUS CONPOSUIT IN LAUDE LARII LACI
Z. /. 35v; INCIPIUNT UERSUS IN LAUDE LARII LACI G p. 5.
1 unde] un auf Rasur Z. || 5 vehis] ue auf Rasur L \ diues aus diuis
corr. L diuis G \ asylis G || 7 inest fehlt G || 8 superas] semper eras G ||
9 oliviferis aus soliuiferis corr. L \\ 10 cinctus] i auf Rasur Z. || 11 laetos] et
auf Rasur L, leteres G | hie G | hortos in ortos corr. L ü 11 12 Punica] n
beidemal auf Rasur G.
1 0 maxime Lari: Verg. Georg. II
159 te, Lari maxime, (memo rem). An
dieser Stelle nennt Virgil ebenso wie
Paulus V. 17 und 20 den Averner und
Lukriner See; vgl. auch Hist. Lang. V 38
ad insulam, quae intra lacum Lariam
non longe a Como est.
3—4 Ein die Gestalt des Sees an-
schaulich wiedergebender Vergleich, den
er auch in seiner Hist. Lang. II 21 von
Italien gebraucht: in sinistro Italiae
cornu. — dant quoque sie nomen
cornua: ,Die gekrümmten Hörner geben
Dir auch den Namen'. Man könnte
meinen, daß Paulus den Namen Larius
mit den Laren in Verbindung brächte,
die aus gekrümmten Füllhörnern (cor-
nua) ihre Gaben spenden; denn er
zählt im folgenden die Gaben des Sees
auf (munificas dotes); allein schwerlich
kannte er Stellen wie Tibull I 1, 19
vos quoque, felicis quondam, nunc
pauperis agri Gastodes, fertis munera
vestra, Lares; vielleicht war ihm das
Attribut der Laren geläufig.
5 divinis asilis = für die Klöster
und die damit verbundenen Kirchen;
sonst gebraucht Paulus asylum in der
Bedeutung von Kirche, vgl. IV ii v. 5
construxit asylum (Salomon), Hist. Rom.
I 2 condito templo, quod (Romulus)
asylum appellavit; vgl. auch Theodulf
Poet. I 478 V. 41 Salomon sapiens, sancti
constructor asyli.
7 ver tibi semper inest; vgl. XI v. 4
semper inest luctus. — viridi dum ce-
spite polles vgl. Grabschrift Lothars (An-
hang I) V. 33 vernali cespite poltet und
Verg. Aen. III 304 viridi quem caespite
(sacraverat).
11 Punica mala (= Granatäpfel)
mixta simul lauris, vgl. die Schilderung,
diePaulinusvonAquileja von den Gefilden
des Jordans gibt (Poet. aev. Carol.I 128).
Hier, v. 70, 71, sagt dieser auch Punica
mixta simul foliis sed poma retentat.
Loblied auf den Comersee.
15
20
Mirtea virga suis redolet de more corimbis,
Apta est et foliis mirtea virga suis.
Vincit odore suo delatum Perside malum;
Citreon has omnes vincit odore suo.
Cedat et ipse tibi me iudice furvus Avernus,
Epirique lacus cedat et ipse tibi.
Cedat et ipse tibi vitrea cui Fucinus unda est,
Lucrinusque potens cedat et ipse tibi.
13 mirtea virga] myrtea mixta (mixta durch Punkte getilgt) virga G \ co-
rimbos G \\ 14 myrtea G II 17 18 caedat G \\ 18 eripique L Epyrique G.
Epirique H. J. Müller, Euripique Haupt \\ 19 der Vers fehlt L \ caedat G
tibi über der Zeile zugesetzt G \\ 20 der Vers fehlt L \ caedat G \ potens]
patens coni. H. J. Müller.
14 apta est et foliis: in ihrem
Blätlerschmucli stellt sie da, foliis ist
als Abi. zu fassen und aptus bedeutet
ornatus, von Virgil in dieser Bedeutung
verwendet, Aen. IV 482, VI 797, XI 202;
vgl. auch Thesaurus ling. Lat. II p. 327.
15 — 16 delatum Perside malum =
der Pfirsich; der Dichter will sagen: Die
Myrte duftet, noch mehr der Pfirsich,
am meisten aber die Frucht des Zitronat-
baumes. Die Stellung von has omnes
verbietet citreon als erklärenden Zusatz
zu delatum Perside malum zu fassen,
vgl. V. Hehn „Kulturpflanzen und Haus-
tiere" 6. Aufl., 1894, p. 453 und Dios-
COrides 1, 166*. xä ds [xrjdixa ksyofieva
rj TieQOixä rj >ieÖQ6fxr]?M , gcof^aiozl ds
xixQia.
17 — 20 cedat et ipse tibi me iudice:
Verg. Ecl. IV 38 cedet et ipse mari (je-
doch in anderer Bedeutung), besonders
aber Eugen. Tolet. (ed. Vollmer XXXIII
11 p. 254) iudice me cygnus et gar-
rula cedat hirundo, cedat et inlustri
psittacus ore tibi. — Nachdem Paulus
die Vegetation des Sees gerühmt hat,
vergleicht er ihn mit anderen bekannten
Seen, mit dem Averner, Fuciner, Lukriner
und mit einem See in Epirus. Die Er-
wähnung des letzteren inmitten lauter
italienischer Seen erscheint nach der Er-
klärung von H. J. Müller (Symbolae ad
emendandos scriptores Latinos, Progr.
des Friedr. Werderschen Gymn. Berlin
1876 p. 29) nicht mehr auffallend. Es
gibt nämlich in Epirus, wie auch in Kam-
panien, einen See Acherusia, der gerne
in Verbindung mit dem Avernus genannt
wird, da auch dorthin die Sage den Ein-
gang in die Unterwelt verlegt (vgl. Plin.
n. h. III 5, 61; IV I, 4). Auch Vibius
Sequester bringt in seiner Aufzählung
einen Acheron nach dem Avernus. Pau-
lus wählt diese Ausdrucksweise jeden-
falls aus metrischen Gründen statt
Acheron. — vitrea cui Fucinus unda
est: Verg. Aen. VII 759 vitrea te Fuci-
nus unda (flevit) ; vgl. auch in den
Schlußversen des Briefes an Theude-
mar XIV Margine de vitreae Mosellae,
Hist. Rom. XIV 10 fluvius vitreis
labebatur fluentis. — Lucrinusque
potens findet seine Erklärung durch
Isidorus Orig. XIII 19, der bei der Auf-
zählung von Seen vom Lukriner sagt:
Lucrinus autem dictus, quia olim prop-
ter copiam piscium vectigalia magna
praestabat.
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
25
30
Vinceres omne fretum, si te calcasset lesus,
Si Galilaeus eras, vinceres omne fretum.
Fluctibus ergo cave tremulis submergere Untres;
Ne perdas homines fluctibus ergo cave.
Si scelus hoc fugias, semper laudabere cunctis;
Semper amandus eris, si scelus hoc fugias.
Sit tibi laus et honor, trinitas inmensa, per aevum;
Quae tam mira facis, sit tibi laus et honor.
Qui legis ista, precor, 'Paulo' die 'parce, redemptor',
Spernere neve velis, qui legis ista, precor.
21 calcassit G | hiesus G \\ 22 galileus G \\ 23 lyntres G || 25 fugias
aus fugius corr. L fugia G li 26 amandus] andu auf Rasur L \\ 28 quae tam]
qui aetam G \\ 30 der Vers von derselben Hand, aber mit kleineren Buchstaben
zwischen die Zeilen geschrieben G \ neve velis] neuelis L.
21 — 23 vinceres: Die Verkürzung
der letzten Silbe findet sich auch bei
Fortunat (vgl. Leo p. 424). — fluctibus
tremulis vgl. Paul. XVIII v. 15 Anm.
27 — 30 trinitas mit verkürztem
ersten / ist in ganz später Zeit nicht selten.
— Bei V. 27 — 28 ist wiederum der Ein-
fluß Eugens von Toledo (p. 254 v. 19—20)
unverkennbar. Dieser schließt sein Ge-
dicht mit einem Lobpreis Christi ab:
Gloria summa tibi, laus et benedictio,
Christe,
Qui praestas famulis haec bona grata
tuis
(vgl. Paul. V. 28 quae tam mira facis).
Jedenfalls hatte auch Paulus ursprünglich
für sein Gedicht diesen seiner Vorlage
entsprechenden Abschluß gewähU und
fügte V. 29 — 30 erst später hinzu, als
er sein Gedicht an den Hof Karls
brachte und es dort vorlegte. Wenn
das Gedicht VI (vgl. Vorbem.) mit den
gleichen Versen (153 und 154) abschließt,
so lag dem Verfasser wohl die ur-
sprüngliche Fassung unseres Gedichtes I
vor; vgl. auch Theodulf Poet. I 558 v. 1
Gloria, laus et honor tibi sit, rex
Christe, redemptor.
II-
Paulus an Adelperga.
'Von der Erschaffung der Welt bis zur Sintflut sind 2242 Jahre,
von da bis Abraham 942, bis zur Gesetzgebung des Moses 505, zum
salomonischen Tempelbau 480, zur babylonischen Gefangenschaft 512,
zur Geburt Christi 518 und bis zur Gegenwart 763 (1 — 8). Un-
getrübter Friede herrscht jetzt in Italien unter Desiderius und Adel-
chis und auch in Benevent unter Arichis und Adelperga (8 — 10).
Möchten doch diese beiden am jüngsten Tag der ewigen Seligkeit
teilhaftig werden (11—12).'
Wie das Akrostichon (Adelperga pia) beweist, hat Paulus dieses
Gedicht seiner Schülerin, der Tochter des Königs Desiderius, gewid-
met zur Förderung ihrer geschichtlichen Studien (vgl. Vorbem. zu III).
Es ist das einzige Gedicht, von dem uns die Entstehungszeit an-
gegeben ist. Aus Strophe 8,3 geht hervor, daß es Paulus im Jahre
763 verfaßte und zwar jedenfalls in Benevent selbst.
Überliefert ist es in einer Madrider Handschrift A 16 saec. XII,
die einstens in Montecassino sich befand und deshalb für die Her-
stellung des Textes eine sichere Grundlage bietet. Nicht mehr in
beneventanischen Zügen geschrieben, stammt sie aus der Zeit und
dem Kreise, vielleicht aus der Hand des Petrus Diaconus. Der von
Dümmler in seiner Ausgabe der Gedichte des Paulus Diaconus (Poet. I
p. 35) herangezogene Florentiner Codex Strozz. 46 saec. XIV ist eine
Abschrift des Madrider und bedeutungslos.
Paulus gibt hier eine Einteilung der Weltchronologie in Welt-
alter, wie sie nach dem Vorgang von Eusebius (Hieronymus) und
Augustin auch Isidor in seinem Chronicon anwendet. Da nun in
der Madrider Handschrift auf unser Gedicht unmittelbar eines folgt,
8 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
das den Titel trägt Item versus de annis a principio und den gleichen
Stoff behandelt, so untersuchte ich das Verhältnis, in dem beide Ge-
dichte zueinander stehen.
Paulus ist in seiner Einteilung von der bei Isidor und den
anderen üblichen etwas abgewichen: Die dritte Epoche umfaßt bei
ihm die Zeit von Abraham bis Moses und die vierte von Moses
bis zum salomonischen Tempelbau, während Isidor daraus nur
eine Epoche macht und sie von Abraham bis David reichen
läßt. Diese nämliche Art der Einteilung, wie sie Paulus hat, zeigt
jenes zweite Gedicht, das aus Irland nach Benevent gekommen
war. Es finden sich auch einige stilistische Anklänge, vgl. Paul. 6,
1 und 2 quo salatem virgo mundi peperit, quem prophetae prae-
dixerunt und v. 28 in dem anderen Madrider Gedicht: salas mundi
praedicatur; Paul. 11,2 dies sed aut hora quando non patet morta-
libus und im andern v. 35 horam autem atque diem finis huius
saeculi nee, ut puto, certum sciunt et caelomm angeli. Bedeutender
als diese Anklänge erscheint mir aber, daß Paulus seinem Gedicht
die gleiche Verszahl gab, nämHch 36, nur daß er, wie bei seinem
grammatischen Rhythmus (XV) diese Verse in zwölf Gruppen zu je
drei Zeilen zusammenstellt, von denen zwei oder drei meist assonie-
ren (in dem anderen Gedicht ist ein- und zweisilbige Assonanz kon-
sequent durchgeführt). Mit dieser Gruppierung erreichte Paulus, daß
seine chronologische Einteilung übersichtlicher erscheint und also
seinem Zweck zu belehren mehr entspricht.
Diese Vergleichung und auch der Umstand, daß beide Gedichte
in einer Handschrift aus Montecassino und zwar beieinanderstehend
überliefert sind, scheint mir dafür zu sprechen, daß das zweite Ge-
dicht für Paulus die Vorlage bildete. Wenn er nur den Inhalt der
ersten sechzehn Zeilen seiner Vorlage in seinem Gedicht verwendete
und die anderen auf profane Geschichte bezüglichen Angaben aus-
schied, so hat dies seinen Grund in dem Wunsch Adelpergas, daß
mehr die heilige Geschichte betont werden möge (vgl. Vorbem. zu III).
Dieses zweite Madrider Gedicht, das zuerst Dümmler in der
Zeitschr. f. deutsch. Altert. XXII 426 herausgab, kannte auch Bethmann
(Archiv X 294) und hielt es nicht für ausgeschlossen, daß es dasselbe
Gedicht sei, das Leo von Ostia I 15 Necnon et universas fere an-
nalis computi lectiunculas rithmice composuit und Petrus de viris
illustribus Casinensibus 8 zitiert: Universas etiam lectiunculas a
principio usque ad suam aetatem una cum annali computo rithmice
composuit.
Paulus an Adelperga. 9
Beide meinen aber vielmehr den hier herausgegebenen Rhyth-
mus. Ein anderes rhythmisches Gedicht mit komputistischem Inhalt,
das in einer Handschrift aus La Cava steht, hat Traube zweifelnd
mit Paulus in Verbindung gebracht, Textgeschichte der Regula
S. Benedicti S. 113.
1. A principio saeculorum usque ad diluvium
duocenti quadraginta duo bina milia
evoluta supputantur annorum curricula.
2. Dehinc usque quo fidelis Abraham exortus est,
novies centeni duo quadraginta pariter
sibi successisse anni scribuntur ex ordine;
3. Ex hoc tempore quousque Moysi in heremo
praeceptorum instituta tradidit altissimus,
annos quinque et quingentos praeterisse terminos.
4. Legis datae a diebus et conscriptae caelitus
usque quo templum dicavit rex sapientissimus,
quadringenti octoginta orbes evoluti sunt.
5. Percucurrit hinc annalis ordo sua spatia
quingentenis et bissenis annis, Babylonica
donec populum vastavit Israel captivitas.
6. Exhinc usque quo salutem virgo mundi peperit,
quem prophetae praedixerunt venturum Emmanuel,
octodecem et quingenti peracti sunt circuli.
Item versus pauli diaconi de annis a principio A f. 52v.
2,3 scribuntur aus scribantur corr. A || 5,1 spacia A \\ 5,3 uastabit A
6,3 octodeceni Bethmann. octodeni Huemer.
1,2 duocenti ist entspreciiend der
handschriftlichen Überlieferung beizu-
behalten und damit zu erklären, daß
dem Dichter anni statt annorum curri-
cula vorschwebte.
3,1 Moysi in heremo vgl. Paulin.
Poet. 1 141 V. 4 Moyses in eremo. — prae-
terisse: veranlaßt durch scribuntur.
4,3 orbes vgl. hier die Abwechslung
im Ausdruck: 1,3 evoluta annorum
curricula (Hist. Langob. I cap. 4), 5,1
percucurrit annalis ordo sua spatia,
6,3 peracti sunt circuli; ähnlich Hist.
Rom. XIII 3 Septem mensibus evolutis,
XV 2 annali emenso spatio, XV 7 annali
circulo evoluto.
10 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
7. Rex aeternus mundum venit restaurare perditum:
quinque milia expletis annis a principio
centum atque nonaginta novem <sunt> per calculum.
8. Glorioso ab adventu redemptoris omnium
ad hunc usque prima annum in quo est indictio,
septingenti sexaginta tresque simul anni sunt.
9. Alta pace nunc exultat Ausonia regio
Desiderio simulque Adelchis regnantibus
florentissimis et piis, cum haec annotata sunt,
10. Principatum Beneventi ductore fortissimo
Arechis regnante freto superni auxilio
Adelperga cum tranquilla stirpe nata regia.
11. Iudex veniet supernus velut fulgor caelitus,
dies sed aut hora quando non patet mortalibus,
felix erit, quem paratum invenerit dominus.
12. Ante tuum, iuste iudex, dum steterit solium
Arechis benignus ductor cum praeclara coniuge,
dona eis cum electis laetari perenniter.
7,3 sunt fehlt A, hinc Bethmann, novenis Vollmer \\ 9,1 regio Ausonia
Waitz, haec Ausonia Dahn, Ausoniana Eyssenhardt \\ 10,3 stirpentata regio A \\
11,3 dominus invenerit Bethmann.
7 expletis annis a principio vgl. ventana regio hoc nomine appellata est,
Hist. Rom. I 1 expletis a mundi princi- postea vero tota sie coepit Italia voci-
pio annis quattuor milibus. — sunt per
calculum: „Nach Ablauf der Jahre vom
Anfang an ergibt die Zusammenrechnung
5199" ; zu sunt vgl. 4,3, 6,3, 8,3.
9 Ausonia regio: Der Widerstreit
des Wort- und Versakzentes veranlaßte
mit Unrecht Waitz, Dahn und Eyssen-
hardt zu Textveränderungen; vgl. auch
Hist. Lang. II 24: Italia etiam Ausonia
dicitur . . . Primitus tamen Bene-
tari. — Adelchis, der Sohn des Desi-
derius (757 — 774), war vom Jahre 759
an Mitregent seines Vaters.
10 Arichis war Herzog von Bene-
vent 758—787.
11 felix erit, quem paratum in-
venerit dominus, vgl. M. G. Epp. IV
p. 81, 9 Beatus ille, quem, cum venerit
dominus eius, invenerit vigilantem nach
Luc. 12, 37.
III.
Brief an Adelperga.
„Da Du nach dem Vorbild Deines Gatten wissenschaftliche
Studien treibst und Dich auch mit weltlicher Geschichte und der des
Reiches Gottes beschäftigst, so habe ich Dir den Eutrop als Lektüre
überreicht (1 — 10). Das, was Dir beim Durchstudieren mißfiel, habe
ich beseitigt, indem ich die Geschichte erweiterte und Zusätze aus
der heiligen Schrift anfügte (11 — 21).
Ich begann die geschichtliche Darstellung ein wenig früher und
fügte zu der nur bis Valens reichenden Schilderung noch sechs Bücher
bis zur Zeit Justinians. Wenn es Euer Wunsch ist und ich am Leben
bleibe, will ich die Geschichte bis auf unsere Zeit fortsetzen (22 — 28)."
Dieses Widmungsschreiben, das wegen seines für die Lebens-
verhältnisse des Paulus sehr wichtigen Inhalts nach den Ausgaben
Droysens (M. G. Auct. ant. vol. II, Berlin 1895, und Schulausgabe der
M. G., Berlin 1879) hier abgedruckt wird, zeigt uns, wie am lango-
bardischen Hof die Wissenschaften gepflegt wurden, und welche An-
forderungen man damals in hochgebildeten Kreisen an die Geschicht-
schreibung stellte.
Wir entnehmen ihm zugleich, daß Paulus Lehrer der Prinzessin
Adelperga war. Als diese sich mit Arichis, dem Herzog von Bene-
vent, vermählte, wollte sie offenbar in ihren neuen Verhältnissen den
Mann unter ihrem Gefolge nicht missen, der ihr am Hofe ihres
Vaters geistlicher und wissenschaftlicher Berater gewesen war. Sehen
wir ja auch, wie Kleriker die verlobte Tochter Karls, Rothrud, nach
Byzanz begleiten sollten (XII 12). Zudem bestanden zwischen ihrem
Gatten und Paulus insofern Beziehungen, als der Herzog, wie aus
dem Anfang des Briefes hervorgeht, ein großer Freund wissenschaft-
licher Studien war und sein Geschlecht der Heimat des Paulus,
Friaul, entstammte. Endlich scheint mir auch die Art, wie Paulus
12
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
die Bauten des Arichis schildert (vgl. IV' v. 24 — 25), auf einen Auf-
enthalt des Paulus am beneventanischen Hof hinzuweisen. Ohne
Zweifel besteht zwischen dem chronologischen Gedicht (II) und
diesem Brief, der das Vorwort zu dem von Paulus nach den
Wünschen Adelpergas geänderten Eutrop bildet, ein innerer Zu-
sammenhang, der sie auch zeitlich einander naheliegend erscheinen
läßt: Paulus hatte seiner Schülerin den Eutrop in seiner ursprüng-
lichen Gestalt zum Studieren gegeben, sie hatte aber ihre Unzufrieden-
heit mit dieser Art geschichtlicher Darstellung geäußert, die nur
römische Geschichte, nicht aber auch die des Reiches Gottes be-
handle. Daraufhin versprach Paulus ihr beides in enger Verbindung
vorzuführen. Zuvor aber verfaßte er für sie 763 das Gedicht von
den Weltaltern, um damit seiner Schülerin gleichsam eine kompendiöse
chronologische Grundlage zu geben. Dann erst entstand seine
Historia Romana. Droysen (p. VI) verlegt die Entstehung des Briefes
vor das Jahr 764, allein schon die Erwähnung von drei Kindern Adel-
pergas, von denen das älteste 763 geboren wurde, weist auf spätere
Zeit und so nehme ich an, daß er zwischen 766 und 769 entstand
(vgl. auch Dahn S. 15 und Vorbem. zu VI).
DOMNAE ADELPERGAE EXIMIAE
SVMMAEQVE DVCTRICI
PAVLVS EXIGWS ET SVPPLEX.
Cum ad imitationem excellentissimi comparis, qui nostra aetate
solus paene principum sapientiae palmam tenet, ipsa quoque subtili
ingenio et sagacissimo studio prudentium arcana rimeris, ita ut philo-
sophorum aurata eloquia poetarumque gemmea dicta tibi in promptu
sint, historiis etiam seu commentis tam divinis inhaereas quam mun-
a = Perugia // 75 saec.YÄV', b = Wien 104 saec.YÄV; c = Florenz Laur.
89, 41 saec. XIII.
Historie romane a paulo diacone ordinis sancti benedicti monasterii montis
Cassini edite ex historiis eutropii ad adelbergam ducis comparis coniugem prologus
et liber primus incipit b.
1 dominae b c \ adelbergae b \\ 3 et supplex fehlt ^ || 5 paene fehlt b
I principium a \ suctili a \\ 6 et fehlt b c \ prudentum b \ archana a . ||
7 gemea c \ tibi dicta c || 8 seu] et a.
1 — 5 exiguus et supplex: an Theu-
demar (XIV) schreibt er pusillus filius
supplex, in XXXII an Karl famulus
supplex, in XXXI an Adalhard bloß
supplex. — nostra aetate solus paene
principum sapientiae palmam tenet:
Paulus preist auch sonst die Weisheit
des Arichis vgl. IVi 15, XXXV 10—12.
Brief an Adelperga.
13
danis, ipse, qui elegantiae tuae stiidiis semper fautor extiti, legendam
tibi Eutropii historiam tripudians optuli. lo
Quam cum avido, ut tibi moris est, animo perlustrasses, hoc
tibi in eius textu praeter immodicam etiam brevitatem displicuit, quia
utpote vir gentilis in nullo divinae historiae cultusque nostri fecerit
mentionem. Placuit itaque tuae excellentiae, ut eandem historiam
paulo latius congruis in locis extenderem eique aliquid ex sacrae textu 15
scripturae, quo eius narrationis tempora evidentius clarerent, aptarem.
At ego, qui semper tuis venerandis imperiis parere desidero, utinam
tam efficaciter imperata facturus quam libenter arripui. Ac primo paulo
superius ab eiusdem textu historiae narrationem capiens eamque pro loci
merito extendens quaedam etiam temporibus eius congruentia ex divina 20
lege interserens eandem sacratissimae historiae consonam reddidi.
Et quia Eutropius usque ad Valentis tantummodo Imperium
narrationis suae in ea seriem deduxit, ego deinceps meo ex maiorum
dictis stilo subsecutus sex in libellis superioribus, in quantum potui,
haud dissimilibus usque ad lustiniani Augusti tempora perveni pro- 25
mittens deo praesule, si tarnen aut vestrae sederit voluntati aut mihi
vita comite ad huiusmodi laborem maiorum dicta suffragium tulerint,
ad nostram usque aetatem eandem historiam protelare.
Vale divinis domina mater fulta praesidiis celso cum compare
tribusque natis et utere felix. 30
9 qui] quia a \ studiis fehlt a \ factor b \\ 10 obtuli ^ ll 11 tibi ut c \\
12 15 19 testu a \\ 14 mensionem a \\ 16 scripturae textu b \\ 20 excedens a \
etiam] et a \\ 23 in eam b \\ 24 subsequutus a \\ 25 tempora augusti c \\ 26
praeside a \\ 27 huiuscemodi a \\ 28 uestram c \\ 29 suffulcta b \ celo b \\
30 tribus a \ comparentibusque c.
6 — 10 philosophorum aar ata elo-
quia: auch von ihrem Gatten werden die
philosophischen Studien besonders er-
wähnt XXXV V. 11. Diese Stelle gibt
einen Einblick in die Erziehung einer
langobardischen Prinzessin. Adelperga
studierte demnach Philosophie, Literatur
und Geschichte. — qui elegantiae tuae
studiis semper fautor extiti: Paulus war
nicht erst in Benevent nach ihrer Ver-
heiratung ihr Lehrer, sondern schon am
Hofe ihres Vaters, was durch semper
ausgedrückt ist.
16 quo eius narrationis tempora
evidentius clarerent: Paulus beabsich-
tigte also, daß durch seine Ausgabe des
Eutrop Adelperga mehr Klarheit über die
chronolpgischen Verhältnisse bekomme.
Sie soll bei Erwähnung eines Ereignisses
aus der Weltgeschichte immer zugleich
wissen, in welche Zeiten der Geschichte
des Reiches Gottes dies fällt.
25 — 28 vita comite: eine in den
Briefen des Paulus beliebte Wendung. —
promittens ad nostram aetatem pro-
telare: Paulus konnte infolge der po-
litischen Verhältnisse sein Versprechen
nicht halten.
IV.
Inschriften auf die Bauten des Arichis.
I.
'Die Mauern wetteifern an Höhe mit den Tempeln Roms, ver-
danken aber nicht wie diese Stadt ihre Größe Raubzügen durch die
ganze Welt und eitler Ruhmsucht (1 — 8). Nicht Heiden bauten sie,
sondern der katholische Fürst Arichis, den alle Vorzüge des Körpers
und Geistes zieren (9 — 19).
Eingedenk des jüngsten Tages ließ er einen hohen und präch-
tigen Tempel erstehen. Christus möge die frommen Gebete der Be-
drängten erhören (20 — 32).'
Arichis, der seit 758 schon unter Desiderius fast unabhängig
über den größten Teil Unteritaliens herrschte (Abel-Simson Jahrb. d.
fränk. R. I 363), ließ nach dem Bericht des im Jahre 978 verfaßten
Chronicon Salernitanum (cap. 17) Salerno befestigen und dort einen
sehr großen und schönen Palast und eine Kirche des Petrus und
Paulus errichten. An einer anderen Stelle (cap. 37) berichtet der
Chronist, Paulus habe für jenen Palast Inschriften in Versen verfaßt:
undiqae versibus illustravit.
Wenn man auch den Angaben des Salernitaners, bei denen
wohl auch der Lokalpatriotismus mitspielt, im allgemeinen keine zu
große Bedeutung beilegen darf, so ist hier an ihrer Richtigkeit nicht
zu zweifeln. Denn was erscheint natürlicher, als daß der Herzog seine
neu geschaffenen Bauten mit Versen seines Freundes geschmückt sehen
wollte. Da aber die Tradition einer berühmten PersönHchkeit, von
der man wußte, daß sie in einer Gegend wirkte, gerne im Laufe der
Zeiten auch Werke zuschreibt, die andere- schufen, so darf man auch
hier nicht alle Inschriften für Bauten des Arichis ohne weiteres dem
Paulus zuschreiben.
Inschriften auf die Bauten des Arichis.
15
Eine sichere Entscheidung scheint mir nach den bis jetzt zur
Verfügung stehenden Hilfsmitteln bei Titulus II und III unmöglich;
denn hier weisen weder stiUstische EigentümHchkeiten noch die hand-
schriftliche Überlieferung bestimmt auf Paulus hin. Da aber kein
Grund zu finden ist, der gegen diese Autorschaft spricht, so schien
es ungerechtfertigt diese beiden Gedichte auszuscheiden.
Dagegen ist der Titulus I zweifellos paulinisch. Er zeigt die
klare Anordnung der Gedanken, wie wir sie in den Gedichten des
Paulus finden, und die Schilderung der PersönHchkeit des Arichis ent-
hält inhaltlich und formell mehrfache Anklänge an zweifellos pau-
linische Werke (vgl. III und XXXV). Dann spricht auch die hand-
schriftliche Überlieferung dafür. Das Gedicht steht im Harleianus
3685, einer Handschrift, die zum Unterschied von den andern für
die Überlieferung der Gedichte des Paulus wichtigen nur solche von
ihm enthält, die, wie wir sehen werden, alle der Zeit vor seinem
Aufenthalt am Hofe Karls angehören.
Da in diesem Gedicht der größte Teil der Verse dem Arichis
selbst gewidmet ist, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß wir hier
jene von Petrus Diaconus de viris illustribus Casinensib. cap. 8 er-
wähnten versus Pauli ad Arichis vor uns haben.
Aemula Romuleis consurgunt moenia templis
Ampla procul fessis visenda per aequora nautis.
lila sed externis sumpsere augmenta rapinis
Et toto exuviis miserorum ex orbe petitis.
Dum male perduntur viduatae civibus urbes,
Pro pudor, et fragilis captantur flamina laudis.
Haec vero ex causis capiunt exordia iustis
Inpensisque probis nullo et cum crimine partis.
Ohne Überschrift H f. \.
1 menia (und ebenso immer e für ae, außer Aemula 1, Aeterni 10, quaeque
2b) H II 3 sumsere H \ aucmenta H \\ 1 kX vero H corr. Dümmler.
1 Romuleis templis: eine bei
Paulus beliebte Ausdrucks weise, vgl.
Hist. Lang. II 23; Gest. epp. Mett.
SS. II p. 265; XXX; XXVI v. 18; XXXV
V. 36. — moenia sc. Salernitana.
5 — 10 viduatae civibus urbes vgl.
Verg. Aen. VIII 571 viduasset civibus
urbem. Fortunat IV 8, 23 viduatam civibus
urbem. — captantur flamina laudis:
flamen = aura der sanfte, uns schmei-
chelnde Hauch des Ruhmes. — extiterant
16
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
15
20
Adde quod extiterant auctores luminis illis
Aeterni expertes, Veneri Phoeboque lovique
Atque pharetrigerae ponentes tura Dianae,
Quosque referre pudet. Horum est nam structor herilis
Catholicus princeps Arichis, tarn corpore pulcher
Pectore quamque magis virtute insignis et armis,
Omnia conponens quem sie sapientia compsit,
Redderet ut variis satis artibus esse potentem,
Quo merito Latiae dicatur gloria gentis,
Bardorum et culmen, pietatis cultor et index,
lustitiaeque tenax, summus servator honesti.
Iste pater patriae, lux omne <decusque> suorum,
10 phoebque // || 11 pharetrigera H \\ 12 scrutator H corr. Dümmler \
herilis aus herelis corr. H \\ 19 lusticieque H \ sumus H \\ 20 decusque von
Dümmler hinzugesetzt.
auctores: Die Gründer Roms waren
Heiden, Salerno aber verdankt seinen
Ausbau einem katholischen Fürsten.
12 quosque referre pudet: et eis
deis tura ponentes, quos referre pudet,
vgl. Sedul. carm. pasch. I 276 plura referre
pudet. — horum est nam: nam ist hier
adversativ gebraucht, eine Eigentümlich-
keit, die sich bei Fortunat (vgl. IV 26, 30;
VI 10, 28) u. a. häufig, selten aber bei
Paulus findet (vgl. XXXV 39). — struc-
tor herilis vgl. XXXV 34 structorem,
orba, tuum, clara Salerne. gemis; vgl.
ductor herilis Poet. II 650 v. 1 1 ; 651 v. 53.
13 — 15 catholicus princeps Arichis:
Leo von Ostia Chron. mon. Casin. I, 8
(SS. VII 568 N. 47, 48) Hie Aridiis pri-
mus Beneventi principe m se appellari
iussit, cum usque ad istum, qui Bene-
vento praefuerant, duces appellaren-
tur. — tarn . . quamque oft bei Paulus,
vgl. Neff De Paulo D. Festi epitomatore
p. 24. — virtute insignis et armis vgl.
Verg. Aen. VI 403. — quem sie sapientia
compsit vgl. Poet. I 60 v. 22 bene quem
patientia compsit.
16 variis satis artibus esse poten-
tem: auch im Brief des Paulus an Adel-
perga rühmt er seine Weisheit (vgl. oben
III). — qui nostra aetate solus paene
principum sapientiae palmam tenet vgl.
auch das im Gedicht XXXV entworfene
Bild.
17 Latiae dicatur gloria gentis: ein
auch sonst beliebter Versschluß, vgl.
Verg. Aen. VI 767, Ovid. Met. XII 530,
Alcvin. I 247 v. 4 u. s. w.
18 Bardorum: Paulus braucht in
seinen prosaischen Schriften nur Lango-
bardi. Daraus ist aber kein Beweis gegen
seine Autorschaft zu entnehmen (vgl.
Dahn S.68); denn die längere Form läßt
sich im Vers schwer verwenden (vgl.
Gedicht des Petrus XXXVIII 10 Hie
domuit Lango-properans ad proelia
-bardos); Bardi findet sich noch IX 11
und in seiner Grabschrift XXXVI 9. —
pietatis cultor et index vgl. XXXV 13
divini cultor et index.
19 lustitiaeque tenax, summus ser-
vator honesti vgl. Luc. Phars. II 389 iusti-
tiae custos, rigidi servator honesti.
20 iste pater patriae vgl. Fortun.
V 10, 1; VIII 15, 1; IX 10, 1 summe
pater patriae; Alcvin. I 172 v. 118 Factus
amor populi, patriae pater et decus
Inschriften auf die Bauten des Arichis.
17
Mente satis vigili pensans et acumine magno
Tempore supremo Ventura pericula saeclo,
Ut nostris cecinit labiis reparator et auctor,
Omne quod hie spatiis effertur in ardua vastis'
25 Quaeque stupens lustras diti caperisque decore,
Suscipiens promissa patris, cui fallere non est,
Suppetias dedit esse suis portumque quietis.
Christe potens, via, vita, salus, spes sola tuorum,
Qua quisque innixus numquam est confusus ab aevo,
30 Ne patiare umquam frustrari cordis anheli
21 pensans Wattenbach, pensaret et H \\ 22 suppremo H
I spaciis H \\ 25 diti Traube, de te //, tacite Wattenbach \\
30 haneli //.
24 his Dümmler
27 supetias H \\
aulae. — lux omne decusque suorum:
das in der Handschrift fehlende decus
einzusetzen veranlassen ähnliche Ver-
bindungen bei Paulus, vgl. XXXII v. 2
unten luxque decusque; XXXV v. 10
luxque decorque, Epp. IV 514 unten
Vale, Salus patriae, lumenque decusque
tuorum: auch bei gleichzeitigen Dichtern
finden sich ähnliche Ausdrucksformen:
Alcvin. I 226 v. 21 o decus omne tuis
(Verg. Ecl. V 34 tu decus omne tuis), vitae
lux maxima nostrae; Theod. Poet. I 522
V. 2 cleri luxque decusque vigens; Poet.
II 661 V. 24 luxque decorque', an Stelle
von lux tritt dann auch laus vgl. Alcvin.
I 254 v. 22 o laus atque decus; Theod. I
534 v. 74 lausque decusque; Alcvin. I
257 V. 26, 258 v. 60 laus honor atque
decus.
22 Ventura pericula saeclo, ut ce-
cinit vgl. Ventura saeclo praecinens VII
4. — ut nostris cecinit labiis beweist,
daß Paulus am Hofe des Arichis als
Geistlicher tätig war.
23 reparator et auctor vgl. Alcvin.
I 285 V. 20 redemptor et auctor.
24 — 27 omne quod: auch sonst, vgl,
Theod. I 507 v. 530. — hie spatiis effer-
tur in ardua vastis: Arichis dachte an
die am jüngsten Tag der Weh bevor-
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA,
stehenden Gefahren und schuf alles,
was in diesen gewaUigen Räumen hoch
emporragt und was du staunend be-
trachtest, als Hort und Hafen der Ruhe
für die Seinen, nämlich eine Kirche in
Salerno. Aus v. 24 und 25 kann man
entnehmen, daß der Dichter selbst sie
geschaut hat. — suscipiens promissa
patris: Arichis erfüllte damit ein Gelübde
seines Vaters. — cui fallere non est:
bezieht sich auf Arichis. — portumque
quietis vgl. XXXV v. 27 tu requiesque
tuis portusque salusque fuisti.
28 via, vita, salus, spes sola tuo-
rum: eine auch sonst in der karolingi-
schen Dichtung behebte Zusammenstel-
lung alliterierender Wörter, vgl. Alcvin. I
241 V. 37 Sit via, vita, salus, spes; 259
v. 85 spes alma tuorum, Sit tibi vita,
Salus Sit sine fine; 261 v. 44; 321 v. 22
lux, via, vita, salus; Theod. I 530 v. 3;
554 v. 15 via, vita, salus; vgl. Joh. XIV 6.
29 numquam est confusus ab aevo:
Psalm. XXX 2 ; LXX 1 in te. Domine,
speravi, non confundar in aeternum;
Rom. IX 33 et omnis, qui credit in eum,
non confundetur; Alcvin. I 279 v. 116
in domino sperans malus confunditur
umquam; vgl. Petr. I 2, 6 und Jes. 28, 16.
III, 4. 2
18 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Vota precesque pias, mage sed sustolle iacentem,
Corde tibi ut relevato omni spes fida redundet.
31 mage Dümmler, magne H \\ 32 Sic scripsi, corde tibi utre leuata bonis
spes fidet redütet H, corda tibi ut relevata bonisque fideque redundent coni.
Dümmler, corde tibi ut relevata boni spes rite redundet Traube.
II.
Diese nur lückenhaft erhaltene Inschrift wurde für die Kirche
des Petrus und Paulus in Salerno verfaßt und ist uns nur von
Ughelli (Italia Sacra VII 358) überliefert, der sagt: Ecclesiam (S.Petri
et Pauli Salernitanam) luculentissimis versibus exornavit Paulus
Diaconus, quorum aliquos vetusta consumpsit antiquitas; qui super-
fuerunt, hi sequuntur:
Christe salus, utriusque decus, spes unica mundi,
Duc et educ Clemens, Arichis pia suscipe vota
Perpetuumque tibi haec condas habitacula templi.
Regnator tibi, summe decus, trinominis ille
Hebreae gentis Solymis construxit asylum,
Pondere quod factum sie circumsepsit obrizo;
Duxit opus nimium variis sculptumque figuris
Brac
8 Brac<teolis> Traube.
1 — 4 utriusque: Petrus und Paulus
— spes unica mundi: Der gleiche Vers-
schluß findet sich bei Paulin. Poet. 1 130
V. 142 und Sedul. carm. pasch. I 60 —
educ (e); vgl. Joh. 10, 3 (Gleichnis vom
guten Hirten). — trinominis (i) Hebreae
gentis = Israelitae, Judaei, Hebraei.
III.
Wie beim vorausgehenden Titulus, so weist auch bei diesem
nur die Erwähnung des Arichis auf Paulus hin und läßt es als mög-
lich erscheinen, daß er der Verfasser ist. Gewichtige Beweispunkte
dafür sind aber außerdem ebensowenig zu finden wie dagegen. Die
Verse sind der St. Galler Handschrift 573 saec. IX — X entnommen (7)
und stehen dort inmitten einer kleinen Sammlung von Inschriften,
Inschriften auf die Bauten des Arichis.
19
von denen nur die zwei ersten (V, n und lll) wahrscheinlich pauHnisch
sind (vgl. Vorbem. zu V).
10
Haec domus est domini et sacri ianua regni,
Huic properate viri: haec domus est domini.
Hie deus ipse manet proprie, qui semper ubique est,
Currite huic populi: hie deus ipse manet.
Si qua piacla nocent, oHm quae forte patrastis,
En qui pellat adest, si qua piacla nocent.
Amne rigate genas, sanentur ut ulcera cordis,
Ut Salus adveniat, amne rigate genas.
De bonitate dei cuncti confidite semper,
Diffidat nullus de bonitate dei.
Mitis enim pater est, se numquam spernit amantes,
Qui bona dat gratis, mitis enim pater est.
Pectora vestra sonent: „parce et miserere, precamur;"
„Parce Arichis, Christe," pectora vestra sonent.
ANTE FORES BASILICAE J p. 476.
1 SACRA IANUA (der ganze Vers ist in Capitalis geschrieben) J \\ 2 und
4 huc Traube \\ 5 parastis in patrastis corr. J. \\ 13 und 14 sonet J \\ 14 parce
Arichis, Christe Dümmler, parce xpe arichis J, parce, <o> Christe, Arichis Traube.
2 huic properate: vgl. Eug. Toi. carm.
XII 2; huc properate viri und Hildr.
Grabschrift des P. D. XXXVI 28 huc pro-
verasti.
3 proprie wird wohl besser zu manet
gezogen : Gott, der Allgegenwärtige, weilt
besonders gerne in der Kirche.
7 amne rigate genas vgl. Ovid. ars
am. 532 imbre rigante genas.
V.
Andere Inschriften.
Während die vorausgehenden Inschriften durch ihren Inhalt
zweifellos auf den beneventanischen Hof hinweisen, so veranlaßt
mich die handschriftliche Überlieferung zu der Annahme, daß die
folgenden drei den langobardischen betreffen.
Sie sind nämlich in der oben erwähnten Leipziger Handschrift
(vgl. Vorbem. zu I) überliefert und schließen die mit dem Loblied auf
den Comersee beginnende Sammlung vorkarolingischer Gedichte des
Paulus ab. Dieser Abschluß ist durch das am Ende der Kreuzes-
inschrift stehende Explicit auch äußerlich angedeutet und ich schied
deshalb und mit Rücksicht auf Form und Inhalt das sich anschließende
Gebet: Christe, deas mundi (Dümmler Poet. aev. Carol. I 78) als nicht
paulinisch aus.
Da die I. Inschrift, die auch in der St. Galler Handschrift 899
inmitten paulinischer Gedichte steht, sich unmittelbar an das Epitaph
der Königin Ansa anschließt, so liegt es nahe sie für einen Titulus der
betreffenden Grabkirche zu halten. Die Inschriften II und III stehen
ebenso vereint in der anderen St. Galler Handschrift 573.
Multicolor quali specie per nubila fulget
Iris, caerulei cum cingunt aethera nimbi.
ITEM UERSUS IN TRIBUNALI (diese Worte in L am Rand, teilweise in
tironisdien Noten, wiederholt) L f. 37, G p. 12.
1 fulgit L G \\ 2 cerulei L
1 fulgit, V. 4 nitit: da sich bei Pau-
lus selten die Vertauschung der Konjuga-
tionen findet (vgl. XIII 3 und 11; XXII
22), so wurde hier, ebenso wie IX 1, trotz
der handschrifthchen Überlieferung die
regelmäßige Form eingesetzt.
2 — 3 Iris multicolor vgl. Sedul. Poet.
III 198 V. 6 Multicolor varians Iris
Andere Inschriften.
21
Vel primum radios cum Titan spargit in orbem,
Haud alio mirum nitet hoc fulgore tribunal,
In quo terribilis vultus dominantis et una
Sanctorum effigies pulchre sub enigmate vefnant.
4 haud] a mit darüber geschriebenem e G
6 pulchre LG, pulchro Dümmler.
alio fehlt in G j nitit L G
honore micat. — caerulei cum cingunt
aethera nimbi: von den dunklen Regen-
wolken hebt sich um so strahlender der
Regenbogen ab, vgl. zum Gedanken
Verg. Aen. VIII 622: qualis cum caerula
nubes Solis inardescit radiis longeque
refulget.
4 — 5 tribunal: Es ist hier an ein
Mosaikgemälde in der Apsis der Kirche
zu denken, auf Goldgrund Christus in-
mitten von Heiligen. Nach den Worten
terribilis vultus dominantis ist anzu-
nehmen, daß hier Christus als Richter
beim Weltgericht abgebildet war. Chri-
stus wurde im neunten Jahrhundert mit
flammenden Augen dargestellt, vgl. J.
V. Schlosser (Beiträge zur Kunstgeschichte
aus den Schriftquellen des frühen Mittel-
alters, Sitzungsberichte der Wiener Akad.
philol. hist. Kl. CXXIII, 1890, S. 11 ff.). —
pulchre sub enigmate vernant = in
schöner Darstellung erglänzen die Bilder,
vgl. Thes. ling. Lat. p. 987, 3. sub v.
aenigma.
II.
O una ante omnes felix pulcherrima virgo,
Quae lapsum casto reparasti viscere mundum,
Posce deum natumque, piis quem contines ulnis,
Salvet ut hanc proprio quaesitam sanguine plebem.
ITEM IN BASILICA SCAE MARIAE L f.ZJy, J p. 466.
2 reparasti] das erste r auf Rasur £ 1| 3 contenis J
salueat corr. L \ sanguine J.
4 saluet ut aus
1 vgl. Verg. Aen. III 321 0 felix
una ante alias Priameia virgo.
3 quem contines ulnis: In der Apsis
der Marienkirche befand sich demnach
eine Darstellung der Maria mit dem Jesus-
kind auf dem Arm und darunter standen
diese Verse (vgl. J. v. Schlosser a. a. O.).
4 vgl. Act. Apost. 20, 28.
22
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
III.
Adam per lignum mortem deduxit in orbem,
Per lignum pepulit Christus ab orbe necem.
2.
Crux tua, Christe potens, his sit protectio saeptis,
Ne lupus insidians possit adire gregem.
3.
Crux tua, rex regum Christe, hoc tueatur ovile,
Ne leo crudelis carpere possit oves.
Crux tua, lux lucis, has vallet fulgida caulas,
Fundere ne serpens dira venena queat.
ITEM UERSUS SUPER CRUCEM Z. /. 37v, J p. 466.
2 lignum aus dignum corr. J \\ Überschrift von 3, 4 (rechts neben 2) ITEM
ALITER (ALIAZ) JI || 3 septis J \\ Überschrift von 5, 6 (rechts neben 4) ITEM
ALITER (At L) J L || 5 vor ouile ein Wort (etwa obile^ radiert L \\ Überschrift
von 7, 8 (rechts neben 6; ITEM ALITER J L \\ nadi 8 EXPt L.
1 Adam per lignum mortem de-
duxit: vgl. zum Gedanken Theod. I 451
V. 295 Ligno mors subiit, redit et vita
inclyta ligno und besonders Alcvin. I 337
V. 5 — 8 : Mors mala per hominem para-
disi ex arbore fluxit. Per tactum ligni
paradisum clauserat Adam, Perque cru-
cis lignum Christus reseravit Olimpum.
VI.
Loblied auf den heiligen Benedikt.
In diesem und dem folgenden Gedicht schildert Paulus das
Leben und die Wunder des heiligen Benedikt, wobei er sich an das
zweite Buch der 593 verfaßten Dialoge Gregors eng anschließt. Die
Kenntnis dieses zweiten Buches (zuletzt herausgegeben von J. Cozza-
Luzi, Historia S. Benedicti, Grottaferrata 1880, und Mittermüller,
Gregorii dialogorum lib. II, Regensburg; Auszüge in SS. Langob.)
ist zum Verständnis beider Gedichte notwendig. Einigermaßen
brauchbar sind die Glossen von Händen des XI. und XII. Jahr-
hunderts am Rand der vatikanischen Handschrift Reg. lat. 801 saec. X,
in denen eine Vergleichung mit Gregor schon durchgeführt ist. Sie
werden über dem kritischen Apparat nach den Angaben Dümmlers
abgedruckt werden.
Beide Gedichte führen uns in das Kloster Montecassino, das
nach der Zerstörung durch die Langobarden im Jahre 581 und nach
der 717 erfolgten Neubesiedlung in den Jahren 720 — 883 zu hoher
Blüte gelangte und sich zu einem bedeutenden Kulturzentrum erhob
(vgl. Traube, Textgesch. der Regula S.B. S. 29 und 97).
Die Frage, wie und wann Paulus nach Montecassino kam, fand
bis jetzt, wie man aus Abel (I 413 Anm. 5) ersehen kann, eine ver-
schiedenartige Beantwortung. Gewöhnlich wird die Meinung vertreten,
Paulus habe durch die traurigen politischen Verhältnisse veranlaßt die
Stille des Klosters aufgesucht. Faßt man aber seine Beziehungen
zum langobardischen Hof näher ins Auge, so wird es klar, daß er
nicht dem Drange seines Herzens, sondern dem Zwange der Not-
wendigkeit folgend, nach Montecassino ging, daß dieses Kloster also
der Ort seiner Verbannung war.
24 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Die Berufung des Paulus zum Lehrer der Prinzessin Adelperga
beweist, wie hoch ihn Desiderius schätzte. Ohne auf das Zeugnis des
Salernitaners (praeclams atque carus ab ipso rege et ab omnibus
erat, In tantum ut ipse rex in omnia archana verba consiliariam
eum haberet) Wert zu legen kann man annehmen, daß Paulus auch
in poHtischen Dingen zu den einflußreichsten Ratgebern des lango-
bardischen Königs gehörte.
Als im Jahre 763 in Italien tiefer Friede herrschte (vgl. II 9
alta pace nunc exultat Ausonia regio), da bedurfte der König seiner
nicht und Paulus konnte dem Herzogspaar in Benevent seine Dienste
widmen. Mit dem Jahre 769 aber beschäftigten hochpolitische Fragen
den langobardischen Hof; galt es doch zwischen dem Papst und den
Franken eine solche Stellung einzunehmen, daß unter Vermeidung
ernstlicher Verwicklungen Desiderius sein Ziel, die Erweiterung der
langobardischen Macht in Italien, stets im Auge behalten konnte (vgl.
Abel I 65 ff.). Das Jahr 770 brachte die Vermählung Karls mit einer
Tochter des Desiderius, die aber im nächsten Jahr aus politischen
Gründen wieder gelöst wurde. In jenen für sein Land und seine
Familie so schweren Zeiten hatte der König ohne Zweifel den
Paulus unter seinen Räten, ihn, den Geburt, Bildung, Stellung
und besonders freundschaftliche Beziehungen zur königlichen Familie
mehr als andere dazu geeignet erscheinen ließen die Verhand-
lungen zu leiten, die hauptsächlich mit dem heiligen Stuhl geführt
werden mußten.
Demnach ist es wahrscheinlich, daß Paulus im Jahre 769 Bene-
vent wieder verließ und sich in Pavia befand. Sicherlich gehörte er
damals, als die Feindseligkeiten zwischen Karl und Desiderius schließ-
lich zum Kampf führten, zu den rührigsten Gegnern des Franken-
königs und stritt für seinen König und die langobardische Sache,
wenn auch nicht mit dem Schwerte, so doch mit Waffen, mit denen
der gebildete, von Patriotismus erfüllte und einflußreiche Mann dem
Gegner ebenso empfindlichen Schaden zufügen konnte.
So ist es erklärlich, daß nach dem Fall Pavias im Juli 774, der
dem Herrn die Verbannung brachte, auch den Berater und Mitstreiter
das gleiche Los traf. Er mußte als Verbannter in Montecassino leben
und wählte sich nicht, wie einige behaupten, aus Schmerz über den
Fall seines Volkes oder aus Überdruß am weltlichen Leben dieses
Kloster zum Aufenthaltsort. Sowohl das vorliegende Gedicht als
auch VIII enthalten Andeutungen, die unsere Behauptung noch weiter
stützen werden.
Loblied auf den heiligen Benedikt. 25
Die Entstehung beider Loblieder auf den heiligen Benediktus
(VI und VII) fällt wohl in die erste Zeit seines Aufenthaltes in Monte-
cassino, also kurz nach 774. Noch hat er sich mit dem Wechsel
seiner Lebensverhältnisse nicht befreundet, noch fühlt er sich als
hilfloser Verbannter, noch hängt er mit ganzer Seele an seiner
schönen Vergangenheit. Weit ist er noch entfernt von besonderen
Studien über die Geschichte des Klosters, wie er sie später anstellte.
Außer Gregor kennt er nur das Gedicht des Marcus (vgl. Traube,
Textgeschichte S. 100). Auch metrische Verstöße verraten deutlich
den Anfänger.
In der Historia Langobardorum schickt Paulus dem ersten Lob-
lied folgende Einleitung voraus:
Diebas lustiniani orthodoxi imperatoris beatas Benedictas pateVy
qvd monachomm regalam institait et prius in locOy qal Sublacus
dicitur, qai ab arbe Roma quadraginta milibus abest, et postea in
Castro Casino, quod Arx appellatiir, et magnis vitae meritis et
apostolicis virtutibas falsit. Cuius vitam, sicat notam est, beatas
papa Gregorias in suis dialogis suavi sermone composuit. Ego
quoque pro parvitate ingenii mei ad honorem tanti patris singula
eius miracula per singula distica elegiaco metro contexui.
Von dem Schluß des Gedichtes (von v. 127 an) liegt uns eine
dreifache Fassung vor. Die ursprüngliche, d. h. diejenige, in welcher
Paulus am Beginn seines ersten Aufenthaltes in Montecassino das
Loblied abfaßte, haben wir in P vor uns und in der Leidener Hand-
schrift Voss. lat. Q. 15 saec. X(a). Dafür spricht nicht nur die große
Bedeutung, die P für die Oberlieferung der paulinischen Gedichte
hat, von denen eine große Anzahl in fast fehlerfreiem Texte erhalten
ist, sondern auch der Inhalt. Die Verse 127 — 130 gehören an die
Stelle, wo sie in P stehen, was ein Vergleich des Gedichtes VII mit
dem unsrigen, seiner Vorlage, deutlich beweist, und die Verse 131
bis 138 bilden einen zum Ganzen passenden Abschluß (vgl. Anm.).
Die zweite Fassung, bei welcher die Verse 127 — 130 und 135
bis 138 weggelassen sind, stammt auch von Paulus. Als er das
Loblied in die Hist. Lang, aufnahm, ließ er das Gebet für die
Klosterbrüder und für seine Persönlichkeit aus leicht erklärlichen
Gründen weg.
Weniger leicht läßt sich die Entstehung der dritten Fassung er-
klären. Man möchte zuerst daran denken, daß Paulus, der jedenfalls
alle seine Gedichte an den Hof Karls mitnahm, diese Zusätze und
26 I^arl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Änderungen vornahm, bevor er sie vorlegte. Dagegen sprechen
stiHstische Erwägungen. Auch kann man schwerHch annehmen, daß
er den gleichen Schluß, den er bei einem andern vorgelegten Gedicht
(auf den Comersee I) verwendet und durch Hinzusetzung von zwei
neuen Versen erweitert hatte, nun bei diesem wiederholte.
Wahrscheinlicher ist, daß ein Mönch in Montecassino zur Ab-
fassung eines größeren Gebetes an den heiligen Benedikt aus der
ursprünglichen Fassung die Verse 127 — 130 und 135 — 138 heraus-
nahm, die Verse 139 — 152 hinzudichtete und zum Abschluß des
Ganzen die Schlußverse des Lobliedes auf den Comersee (vgl. Anm.
zu I v. 27 — 30) verwendete, veranlaßt durch den gleichlautenden An-
fang. Möglicherweise wollte er auch dadurch den Glauben hervor-
rufen, als sei es ein selbständiges Gedicht des Paulus. Würden die
Handschriften, in denen diese dritte Fassung überHefert ist, nicht dem
IX. und XI. Jahrhundert angehören, so hätte man an Petrus diaconus
Casinensis als Verfasser denken können. Allein auch sonst hat man
in Montecassino an dem vorhandenen literarischen Besitzstande in
ähnlicher Weise herumgearbeitet. Vgl. Traube Poet. III 393 über die
Gedichte des Bertharius.
Im Apparat wird die erste Fassung (P a) als I zusammen-
gefaßt. Wenn oben vorausgesetzt wurde, daß P eine besonders
gute und alte paulinische Tradition darstellt, so gilt dies vom Wort-
laut im einzelnen doch gerade in diesem Gedicht nicht in gleichem
Maße. Es fehlt nicht an Interpolationen. Manche Fehler erweisen,
daß die Vorlage in nicht allgemein geläufigen Zügen geschrieben war,
etwa spanisch oder insular.
Die OberHeferung der Historia Langobardorum, für die ich
mich auf Bethmann-Waitz (M. G. SS. Langob. et It. saec. VI — IX) und
Dümmler (Poet. I 36) stütze, wird als II aufgeführt. Sind einzelne
Handschriften oder Handschriftengruppen zu erwähnen, so geschieht
es, ohne daß damit immer die gleichen bezeichnet werden, durch IIa,
IIb u. s. w.
Mit III ist die Übereinstimmung der Handschriften bezeichnet,
aus denen die dritte Fassung sich zusammensetzt: Montecassino 453
saec. XI (= n), Montecassino 55 saec. XI (— r), Casanat. B IV. 18
saec. IX (= t). Es versteht sich, daß für II und III nur eine Aus-
wahl der Lesarten zu geben war.
Loblied auf den heiligen Benedikt.
27
10
Ordiar unde tuos, sacer o Benedicte, triumphos?
Virtutum cumulos ordiar unde tuos?
Euge beate pater, meritum qui nomine prodis!
Fulgida lux saecli, euge beate pater!
Nursia, plaude satis tanto sublimis alumno;
Astra ferens mundo, Nursia, plaude satis.
O puerile decus, transcendens moribus aevum,
Exsuperansque senes, o puerile decus.
Flos, paradise, tuus despexit florida mundi;
Sprevit opes Romae flos, paradise, tuus.
Vas pedagoga tulit diremptum pectore tristi;
Laeta reformatum vas pedagoga tulit.
Gregor. Dial.
LH.
c. 1
Glossen in Reg. lat. 801
attulit — diremptum] scissum.
11 vas] capisterium — pedagoga] nutrix — tulit]
UERSUS IN LAUDE SCI BENEDICTI P f. 130.
2 cumulos I! III Püiulos A ll 5 6 gaude P || 7 aeuum I III, annos II (+ r).
In der Einleitung (oben S. 25) wurde
magnis vitae meritis eingesetzt mit Rück-
sicht auf Gesta episcoporum Mettensium
(SS. II 262) magnis in vita meritis (vgl.
Ausg. der Hist. Lang, von Waitz).
1 Paulus beginnt das Loblied auf
den Comersee mit den gleichen Worten
wie das auf den heiligen Benedikt. Dahn
geht zu weit, wenn er sagt (S. 66) : 'Es
wäre dem frommen Sinn unseres Paulus
wie Blasphemie erschienen seinen heili-
gen Vater und einen profanen See mit den
nämlichen Worten anzusingen'. Unmöglich
kann man diesen Punkt als entscheidenden
Beweis anführen, daß Paulus nicht der
Verfasser des Lobliedes auf den Comer-
see ist. Der gleiche Anfang mag seine
Begründung darin finden, daß es sich in
beiden Gedichten um ein Loblied handelt
und daß er dort die Wunder der Schöpfung
(vgl. I 28 quae tam mira facis), hier die
des heiligen Benedikt zu preisen vorhat
(vg. auch Bem. zu Gedicht I).
3 — 10 meritum qui nomine prodis:
Dein Name Benedictus sagt schon, daß
Du große Verdienste hast, vgl. Sedul. carm.
pasch. I 185 merito qui et nomine ful-
gens; Anhang IV v. 3 nomine, non meritis
Fiducia. — plaude satis vgl. Ven. Fort.
C. III, 7, 17 Gallia, plaude libens (dar-
nach Ermold. Nig. Poet. II 26 v.79 Francia
plaude libens). — puerile decus Theod. I
558 V.2, Stat. Silv. 3, 4, 31 ed. Vollmer. —
transcendens moribus aevum: vgl. Greg.
Dial. II Einl. aetatem moribus transiens.
Der in v. 7 und 8 ausgesprochene Gedanke
findet sich auch bei Paulus X v. 5 — 6 und
Poet. II 659 V. 15 — 16 Canitie cordis iuve-
niles vicerat annos, Transcendens sensu
plurima iura senum ; vgl. auch Stat. silv. 2, 1 ,
40. — jlos despexit florida mundi: solche
Wortspiele liebt Paulus vgl. XXXV v. 16
Anm., vgl. Greg. Dial. II Einl. despexit
iam quasi aridum mundum cum flore.
11 Mit diesem Vers beginnt die Auf-
zählung der Wunder des heiligen Benedikt;
die Hinweise auf die einzelnen Kapitel
der Dialogi des Gregorius, denen sie
entsprechen, habe ich wie Dümmler auf
dem Rand gegeben.
28
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15
20
25
30
35
Urbe vocamen Habens tironem cautibus abdit;
Fert pietatis opem urbe vocamen Habens.
Laudibus antra sonant mortaHbus abdita cunctis;
Cognita, CHriste, tibi laudibus antra sonant.
Frigora, flabra, nives perfers tribus alacer annis;
Temnis amore dei frigora, flabra, nives.
Fraus veneranda placet, pietatis furta probantur;
Qua sacer altus erat, fraus veneranda placet.
Signat adesse dapes agapes, sed lividus obstat;
Nil minus alma fides signat adesse dapes.
Orgia rite colit, CHristo qui accommodat aurem;
Abstemium pascens orgia rite colit.
Pabula grata ferunt avidi ad spelea subulci;
Pectoribus laetis pabula grata ferunt.
Ignis ab igne perit, lacerant dum viscera sentes;
Carneus aetHereo ignis ab igne perit.
Pestis iniqua latens procul est deprensa sagaci;
Non tulit arma crucis pestis iniqua latens.
Lenia flagra vagam sistunt moderamine mentem;
Excludunt pestem lenia flagra vagam.
Unda perennis aquae nativo e marmore manat;
Arida corda rigat unda perennis aquae.
Gurgitis ima, calibs capulo divulse, petisti;
Deseris alta petens gurgitis ima, calibs.
lussa paterna gerens dilapsus vivit in aequor;
Currit vectus aquis iussa paterna gerens.
C.2
C.3
c. 4
C.5
c. 6
C.7
13 Urbe v. h.] Romanus quasi nomen habens a Roma — cautibus] rupibus
— 17 flabra] ventos — 19 probantur] Romani monachi — 20 altus] nutritus —
23 orgia] festa pro pasca posuit — accomodat] sc. presbiter — 24 abstemium] absti-
nentem — 25 subulci] pastores — 26 pabula] spiritalia — ferunt pro referunt —
27 ignis] libidinis — igne] urticarum — sentes] Spinae — 31 flagra] flagella —
mentem] monachi vagae mentis — 32 pestem] demonis — 33 marmore] petra —
35 calibs] ferrum — capulo] manubrio — divulse] excusse — 37 gerens] Placidus
— dilapsus] tractus ab unda — 38 currit] Placidus.
13 tyronem P \\ 17 alacer I (-{- n D impiger II (+ t) \\ 18 tempnis II
III (+ A) II 21 Signa in signat corr. P \ libidus II | opstat P \\ 22 nihil P \\
35 36 calips P \ diuulpse P \\ 37 currit in aequor r.
14 fert pietatis opem vgl. Eug. Tolet.
hex. 311 p. 47, Ven. Fort. VI, 3, 16.
29 sagaci ist Dativ, vgl. v. 56 nee
tibi cernitnr.
34 unda perennis aquae vgl. Sedul.
carm. pasch. IV 224.
Loblied auf den heiligen Benedikt.
29
Praebuit unda viam prompto ad praecepta magistri;
40 Cursor! ignaro praebuit unda viam.
Tu quoque, parve puer, raperis nee occidis undis;
Testis ades verax, tu quoque, parve puer.
Perfida corda gemunt stimulis agitata malignis;
Tartareis flammis perfida corda gemunt.
46 Fert alimenta corax digitis oblata benignis;
Dira procul iussus fert alimenta corax.
Pectora sacra dolent inimicum labe peremptum;
Discipuli excessum pectora sacra dolent.
Lyris amoena petens ducibus comitaris opimis;
50 Caelitus adtraheris Lyris amoena petens.
Anguis inique, iuris, luco spoliatus et aris;
Amissis populis, anguis inique, furis.
Improbe sessor, abi, sine dentur marmora muris;
Cogeris imperio; improbe sessor, abi!
55 Cernitur ignis edax falsis insurgere flammis;
Nee tibi, gemma micans, cernitur ignis edax.
Dum struitur paries, lacerantur viscera fratris;
Sospes adest frater, dum struitur paries.
Abdita facta patent, patulo produntur edaces;
60 Muneris accepti abdita facta patent.
Saeve tyranne, tuae frustrantur retia fraudis;
Frena capis vitae, saeve tyranne, tuae.
c. 8
c. 10
c. 11
c. 12. 13
c. 14
Glossen in Reg. lat. 801 — 39 prompto] oboedienti — 40 cursori] Mauro
— 43 corda] Florentii presbiteri — 45 corax] corvus — 46 fert] proicit — 47 ini-
micum] Florentium — labe] casu solarii — 48 excessum] sc. sui Mauri, cum de
inimici morte exultavit — 49 Lyris] nomen fluminis Cassiniensis — opimis] duobus
angelis — 51 aris] altaribus — 52 populis] paganis — 53 marmora] saxa — muris]
officinarum — 54 imperio] Benedicti — 56 tibi] a te — micans] pater Benedicte
— 59 facta] eorum, qui cibum contra regulam sumpserunt — patulo] aperte —
60 accepti] epularum et potuum — 61 tyranne] Totila — 62 frena] terminos, quia
novem annis regnas, decimo morieris.
39 40 prebuit (nicht selten e für ae) P \ promto P \\ 43 corda fehlt
P II 48 excessum // ///, excessu / i| 51 luco I (-f TT ^), lucos II«, loco II (-|-
r) II 53 Inprobe P \\ 53 54 sersor P \\ 58 Sospis P i| 62 seue aus seuae P.
45 — 46 dira alimenta: heiligen
Schauer erregend, vgl. Verg. Aen. VIII 350
dira religio loci.
50 Lyris amoena petens: die Ver-
wendung des Neutr. plur. an Stelle eines
Substantivs ist in diesem Gedicht be-
sonders häufig.
55 ignis edax Verg. Aen. II 758. —
gemma micans Paul. X v. 2.
30
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
65
70
75
80
Moenia celsa Numae nullo subruentur ab hoste;
Turbo, ajt, evertet moenia celsa Numae.
Plecteris hoste gravi, ne lites munus ad aram;
Munera fers aris; plecteris hoste gravi.
Omnia saepta gregis praescitum est tradita genti;
Gens eadem reparat omnia saepta gregis.
Fraudis amice puer, suado captaris ab ydro;
Ydro non caperis, fraudis amice puer.
Mens tumefacta, sile tacita et ne carpe videntem;
Cuncta patent vati; mens tumefacta, sile.
Pellitur atra fames delatis caelitus escis;
Nilominus mentis pellitur atra fames.
Pectora cuncta stupent, quod eras sine corpore praesens;
Quod per visa monens, pectora cuncta stupent.
Vocis ad imperium tempnunt dare frena loquelis;
E bustis fugiunt vocis ad imperium.
Vocis ad imperium sacris non adesse sinuntur;
Intersunt sacris vocis ad imperium.
Tellus hiulca sinu corpus propellit humatum;
lussa tenet corpus tellus hiulca sinu.
c. II
c. 16
c. 17
c. 18
c. 20
c. 21
c. 22
c. 23
c. 24
Glossen in Reg. lat. 801 — 63 Numae] Romae, Roma a gentibus non exter-
minabitur — 64 turbo] tempestates — ait] sc. Benedictus — 65 aram] clerice, a
demonio libera te — 66 gravi] postponens imperium viri dei — 67 genti] sc. Lango-
bardorum — 68 gens] sc. Langobardorum, ut in sequentibus invenitur per Petronacem
civem Brexianum monachum apud Cassinum effectum — 69 puer] qui flascones a
domino suo attulerat — suado] suadenti — ydro] serpente — 71 tumefacta] superbi
pueri — ne carpe] pro 'ne carpas' — videntem] sc. abscondita tua — 73 escis] in-
certum quibus deferentibus ducentos farinae modios — 74 mentis] fratrum, qui
dubitaverant — 75 praesens] quando fabricam monasterii in visu fratribus apparens
disposuit — 76 visa] i. e. per visum — 77 loquelis] sanctimoniales — 78 imperium]
diaconi — 79 sacris] missarum sollempniis — 80 imperium] patris Benedict! —
81 hiulca] patefacta — sinu] sc. suo.
63 subruentur P II (+ r) euertentur A H ^ 11 64 allidet // ///, euertet /
{+ uertet //« und auertet IIb) — 67 68 septa P \\ 71 carpe /////, caspe / ] silet
acita in sile tacita corr. P \\ 73 delatis aus delatus corr. P \ aescis P \\
75 praeses P \\ 77 loquilis aus loquillis corr. P \\ 79 80 gleichzeitig am Rand
nachgetragen P \\ 79 non adesse P, non esse // ///, nee adesse A ; vgl. 87.
63 Paulus sprach vielleicht ae in
subruentur einsilbig.
65 ne lites: i hier lang.
74 nilominus: o ist hier kurz gebraucht.
79 Es sieht fast so aus, als habe
hier und' v. 87 Paulus ursprünglich non
gemessen, vgl. handschriftl. Überl.
Loblied auf den heiligen Benedikt.
31
85
90
95
100
105
Perfidus ille draco mulcet properare fugacem;
Sistit iter vetitum perfidus ille draco.
Exitiale malum capitis decussit honorem;
It procul imperiis exitiale malum.
Fulva metalla pius, non habens promittit egenti;
Caelitus excepit fulva metalla pius.
Tu miserande, cutem variant cui fella colubrae,
Incolumem recipis, tu miserande, cutem.
Aspera saxa vitrum rapiunt nee frangere possunt;
Inlaesum servant aspera saxa vitrum.
Cur, promoconde, times stillam praebere leciti?
Dolia, cerne, fluunt; cur, promoconde, times?
Unde medela tibi, spes est cui nulla salutis?
Qui semper perimis, unde medela tibi?
A lacrimande senex, hostili concidis ictu,
Ictu sed resipis, a lacrimande senex.
Barbara lora manus ignaras criminis arcent;
Sponte sua fugiunt barbara lora manus.
Ille superbus equo reboans clamore minaci,
Stratus humi recubat ille superbus equo.
Colla paterna ferunt extincti viscera nati;
Viventem natum colla paterna ferunt.
Omnia vincit amor: vicit soror imbre beatum;
Somnus abest oculis: omnia vincit amor.
c. 25
c. 26
c. 27
c. 28
c. 29
c. 30
c. 31
c. 32
c. 33
Glossen in Reg. lat. 801 — 83 mulcet] suadet — fugacem] fratrem — 84 sistit]
pro 'iubet* — 85 malum] leprosi — 86 imperiis] sc. patris — 87 fulva] duodecim
solidos — 88 excepit] super arcam monasterii — 89 cui] ei, qui venenum accepisti
— 91 vitrum] ampullae — 93 promoconde] cellarari — stillam] olei — lechiti] i. e.
ex lechito — 95 In modum medici pergebat ad fratres potionem eis dare — 97 hostili]
demonico — ictu] dum hauris aquam — 98 ictu] alapa — 99 barbara] Zallae —
lora] ligamina — manus] rustici innocentis — 100 sponte sua] nemine solvente —
manus] nofnts {?) — 101 ille] Zalla — 103 paterna] rustici — ferunt] apportant —
104 ferunt] reportant — 105 vinxit] retinendo — beatum] fratrem.
84 Sistud P 11 86 Id P jj 87 non habens /, nee habet // ///; vgl. 79 |1
89 fella // ///, feile / (+ IIa) \ colobre / |1 90 Incolomem P \\ 93 leciti /,
lechiti ///// 11 95 96 medella / 1| 96 perimis /////, perimes /, retines //«, metuis
//ö, times IIc 11 98 miserande P \\ 105 uinxit soror P.
83 perfidus ille draco Sedul. carm.
pasch. II 8.
93 promocondus Kellermeister. —
lediiti mit kurzem e gebraucht, entstanden
aus Xijxv&og der Krug; der Vers wird von
Micon schon im Jahre 825 zitiert (Poet.
III 287): Cur proconde times stillam
praebere lechito.
105 omnia vincit amorV^rg. Ecl.X 69.
32
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
110
115
120
125
Simplicitate placens instar petit alta columbae;
Regna poli penetrat simplicitate placens.
O nimis apte deo, mundus cui panditur omnis,
Abdita qui lustras, o nimis apte deo.
Flammeus orbis habet iustum super aethera nantem;
Quem pius ussit amor, flammeus orbis habet.
Ter vocitatus adest testis novitatis habendus;
Carus amore patris ter vocitatus adest.
Dux bone, bella monens exemplis pectora firmas;
Primus in arma ruis, dux bone, bella monens.
Congrua signa dedit vitae consortia linquens;
Ad vitam properans congrua signa dedit.
Psalmicen assiduus numquam dabat otia plectro;
Sacra canens obiit psalmicen assiduus.
Mens quibus una fuit, tumulo retinentur eodem;
Gloria par retinet, mens quibus una fuit.
Splendida visa via est, facibus stipata coruscis;
Qua sacer ascendit, splendida visa via est.
Rupea saepta petens nancta est errore salutem;
Errorem evasit rupea saepta petens.
c. 34
c. 35
c. 36
c. 37
c. 38
Glossen in Reg. lat. 801 — 107 placens] beata Scolastica — 109 apte] care
— 110 lustras] sub uno solis radio — 111 orbis] sy<d>era ignea — nantem] euntem:
metafora — 112 ussit] arsit — amor] dilectionis dei — 113 adest] Servandus dia-
conus — 115 firmas] scribendo monachorum regulam — 116 ruis] exemplis facto-
rum — 117 Signa] transitus sui — vitae] huius — 118 vitam] caelestem — 119
psalmicen] psalmos canens — plectro] linguae — 120 canens] inter verba orationis
— 124 sacer] Benedictus — 125 septa] speluncae illius — est] mulier — 126 er-
rorem] demonis.
Unterschiede der drei Fassungen in der Anordnung des Sdilusses von t;. 127
an: I ordnet, wie unser Text gibt, nur fehlen v. 139 — 154 ^135 — 138 stehen am
Schluß der Seite, aber fortlaufend und von gleicher Hand gesdirieben in P): in
II fehlen 127—130 und 135—154; /// ordnet: 131—134, 127—130, 135—154 (aber
t gibt 133—138, 127—130, 139—154;.
109 mundis P 1| 112 ussit // ///, iussit / 1| 113 est in adest corr. P \\
117 linquens aus linguens corr. P \\ 125 126 septa P.
111 super aethera nantem = vo-
lantem vgl. Verg. Georg. IV 59.
112 quem pius ussit amor vgl. Verg.
Ecl. II 68, 0 V. Ep. IV52 me tarnen urit amor.
113 ter vocitatus vgl. Ver. Aen. VI
506 ter voce vocavi.
116 in arma ruis vgl. Verg. Aen. II
353, XI 886.
117 vitae consortia linquens vgl.
Poet. I 103 V. 27, Paul. VIII 1 angustae
vitae consortia.
Loblied auf den heiligen Benedikt.
33
130
135
Nunc, venerande pater, cunctis celeberrime saeclis,
Mitis adesto gregi nunc, venerande pater.
Funde, benigne, preces validas, quo noxia vitet;
Quo vitam capiat, funde, benigne, preces.
Poemata parva dedi famulus pro munere supplex.
Exsul, inops, tenuis poemata parva dedi.
Sint, precor, apta tibi, caelestis tramitis index,
O Benedicte pater, sint, precor, apta tibi.
Vincula solve mei solita virtute piacli;
Pectoris et plectri vincula solve mei.
Glossen in Reg. lat. 801 — 131 poemata] sc. ubi (? Vollmer coni. üsi = versi)
— dedi] o Benedicte — famulus] sc. tuus ego Paulus — 133 tramitis] regulae —
index] monstrator.
129 ualidas quo noxia uitet /, caueat quo noxia uitae /// ll 130 qui P \\
131 132 dedi /, dedit // ///.
129 funde, benigne, preces vgl.
XXXIX V. 9 fundito, quaeso, preces be-
nignus.
131 poemata nur hier dreisilbig. —
dedi famulus supplex vgl. Paul. XXXII.
132 exsul, inops, tenuis: Paulus fühlt
sich als heimatlos, verbannt, da er seine
Heimat hatte verlassen müssen. Hätte
er dies freiwillig getan, etwa aus An-
hänglichkeit an den König Ratchis, der
in Montecassino als Mönch seinen Wein-
berg bebaute (Wattenbach I 181), so hätte
er nicht diese Worte gebrauchen, nicht
in dieser Weise ein selbstgewähltes Los
beklagen können. Ähnlich äußert sich
auch Theodulf Poet. I 563 v. 15, als er
von seiner Verbannung spricht: exsul,
inops, pauper; mit inops meint Paulus
seine Hilf- und Mittellosigkeit; denn als
Verbannter hatte er nicht bloß seine Habe
verloren, sondern er mußte auch die
Verbindung mit seinen Freunden ab-
brechen, die ihm früher eine Stütze waren,
wie mit dem Hof von Benevent; mit tenuis
will er sagen, daß er, der einst am Hofe
so großen Einfluß hatte, jetzt ohne jeg-
liche Bedeutung sei. In den Worten
exsul, inops, tenuis gibt Paulus den
Grund an, warum seine Gedichte unbe-
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA
deutend sind, ebenso wie er VIII 4 sagt:
Musae . . . pauperiem fugiunt.
133 apta = accepta vgl. v. 109 o nimis
apte deo.
136 — 137 pectoris et plectri: Im An-
schluß an XXXIV 7 et cordis plectro tu
die möchte man hier stellen et solve
vincula plectri pectoris mei, allein die
Pentameter bringen fast durchgängig
ohne Verbindung einen neuen Gedanken.
Paulus bittet also, Benedikt möge die
Bande seines Herzens und seiner Zunge
lösen, die ihm in seiner traurigen Stim-
mung wie zugeschnürt erscheinen und
ihn keine guten Gedichte machen lassen;
ein ähnliches Bild bei Petrus XXXVIII
V. 28 nullaque maeroris servantur vin-
cula cordis; plectrum = lingua ist sehr
häufig, vgl. V. 119 und im Index zu Poet.
III p. 810. — arce varias figuras: In
dieser Bitte, Benedikt möge seinem Her-
zen verlockende Bilder fernhalten, sehe
ich nicht eine übliche Gebetformel, son-
dern das stillschweigende Bekenntnis,
daß sein Herz sich nach allem, was er
vor nicht langer Zeit verlassen mußte,
zurücksehnt. Bestätigt wird diese Auf-
fassung durch den Anfang des Gedichtes
VIII.
III, 4. 3
34
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Arce piis meritis varias a corde figuras;
Desidiam et somnos arce piis meritis.
Currere cede viam tua per vestigia sursum;
140 Nil remorante fide currere cede viam.
Guttura Claude lupi semper lacerare parati;
Ne male me rapiat, guttura Claude lupi.
Cor labiumque meum fac laudent cuncta creantem;
Christum habeant semper cor labiumque meum.
145 Pestifer ille draco mea ne procul intima turbet
Nonque michi occurrat pestifer ille draco.
Me tua sancta phalanx habeat post funera carnis;
Oro, ne excludat me tua sancta phalanx.
Omnia nempe potes meriti pro lampade summi;
150 Magnus amice dei, omnia nempe potes.
Perfice cuncta, precor, per eum, quem semper amasti;
Dulcis amande pater, perfice cuncta, precor.
Sit tibi laus et honor, pietas immensa, per aevum,
Qui tam mira facis, sit tibi laus et honor.
140 fidem TT II 145 146 draco TT T, latro ^ H 146 occurrat] excludat t.
138 desidiam et somnos: Seine un-
glückliche Stimmung raubt ihm die Lust
zu jeglicher Tätigkeit. Wir sehen also,
daß die Verse 131 — 138 inhaltlich zu-
sammen gehören.
145 pestifer ille draco vgl. v. 83
perfidus ille draco.
147 sancta phalanx Poet. I 83 v. 1,
vgl. XXXV V. 38 peregrina falanx; da-
für steht öfter auch cohors Alcvin I 317
V. 5 sancta cohors fratrum, vgl. auch
Paul. XXVI 26.
VII.
Zweites Loblied auf den heiligen Benedikt.
Paulus behandelt hier den gleichen Stoff, aber in jambischen
Dimetern. Er nahm die Umarbeitung vielleicht deshalb vor, damit
man die Wundertaten des heiligen Benedikt dem Gedächtnis leichter
einprägen könne.
Die Entstehungszeit des Gedichtes liegt jedenfalls der des vor-
ausgehenden sehr nahe. Paulus fügte es auch seiner Hist. Lang, ein,
wo er (I 26) folgende Worte vorausschickt: Hymnum quoque singula
eiasdem patris miracula continentem metro iambico ardiiloico ita
texaimas. Es ist nur durch die Hist. Lang, auf uns gekommen. Die
Überlieferung ist sehr gut. Wir geben wie bei VI unter dem Text
nur die Erklärungen des Reginensis.
L Fratres, alacri pectore
Venite, concentu pari
Fruamur huius inclitae
Festivitatis gaudiis.
2. Hac Benedictus aurea,
Ostensor arti tramitis,
Ad regna conscendit pater
Captans laborum praemia.
3. Effulsit ut sidus novum
Mundana pellens nubila.
Aetatis ipso limine
Despexit aevi florida.
2,2 ostensor arti tramitis vgl. VI
133 caelestis tramitis index.
2,3 aurea regna Poet. I 92 v. 3,
Paulin. Aquil. I 128 v. 54.
3*
36
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
4. Miraculorum praepotens,
Afflatus Alti flamine,
Resplenduit prodigiis
Ventura saeclo praecinens.
5. Laturus esum pluribus
Panis reformat vasculum.
Artum petens ergastulum
Extinxit ignes ignibus.
6. Fregit veneni baiulam
Crucis per arma cymbiam.
Coercuit mentem vagam
Leni flagello corporis.
7. Funduntur amnes rupibus.
Redit calybs e gurgite.
Currit per undas obsequens.
Peplo puer vitat necem.
8. Virus patescit abditum.
Mandata praepes efficit.
Hostem ruina conterit.
Cedit fremens leo grave.
9. Immota fit moles levis.
Rogus migrat fantasticus.
Fractum revisit sospitas.
Excessus absentum patet.
10. Rector vafer, deprenderis.
Inique possessor, fugis.
Futura, praenoscimini ;
Arcana, cor, non contegis.
Glossen in Reg. lat. 801 — 5,1 esum] animae — 5,2 vasculum] capisterium
— 5,3 ergastulum] heremi — 5,4 ignes] luxuriae — ignibus] urticarum — 6,1 baiu-
lam] latricem — 6,2 cymbiam] fialam — 6,3 vagam] monachi vagi — 7,2 calybs]
ferrum falcastri — 7,4 peplo] melote — 8,1 virus] panis infecti — 8,1 abditum] Floren-
tium — 8,2 mandata] iussa — praepes] corvus — 8,3 ruina] solarii — conterit] dat
locum malignus spiritus — 8,4 grave] graviter — 9,1 immota] supersedente daemone
— moles] saxi — 9,2 rogus] quoquinae — 9,3 fractum] conlisum — 9,4 absentum]
fratrum, qui contra regulam cibum sumpserant — 10,1 rector] rex Totila — depren-
deris] daemon crudelitatis eius anterioris — 10,3 futura] novem annis regnas.
4,4 Ventura saeclo vgl. IV i 22.
9,2 rogus fantasticus nur in der
Phantasie, nicht in Wirklichkeit bestehend,
vgl. VI 55.
Zweites Loblied auf den heiligen Benedikt.
37
11. Fundantur aedes somniis.
Tellus vomit cadavera.
Dracone frenatur fugax.
Aether pluit nomismata.
12. Vitrum resistit cautibus.
Manant olivo dolia.
Vinctum resolvit visio.
Vitam receptant funera.
13. Tanti potestas luminis
Voto sororis vincitur —
Quo plus amat quis, plus valet
Enare quam cernit polum.
14. Non ante saeclis cognitum
Noctu iubar effulgurat,
Quo totus orbis cernitur
Flammisque subvehi pius.
15. Haec inter instar nectaris
Miranda plectro damit.
Nam pinxit apte lineam
Vitae sacrae sequacibus.
16. lam dux alumnis at potens
Adsis gregis suspiriis.
Gliscat bonis ydrum cavens,
Sit callis ut sequax tui.
11,1 aedes] monasterii per uisum dispositi — 11,2 cadavera] resuscitatorum
— 11,3 dracone] correctore — frenatur] castigatur — fugax] sc. monachus — 11,4
nomismata] duodecim solides — 12,1 vitrum] ampulla in saxis proiecta — 12,2 olivo]
oleo — 12,3 vinctum] rusticum — visio] orbati rustici — 13,2 sororis] Scolasticae
— 13,3 quis] aliquis — 13,4 Enare] evolare — 15,1 haec] doctrina — 15,3 lineam]
iter — 16,3 ydrum] diabolum — 16,4 callis] itineris.
13.3 quo plus amat quis, plus valet
vgl. VI 105 omnia vincit amor.
13.4 enare quam cernit polum vgl.
VI 107—108.
15,1 instar nectaris vgl. XIII 9, 2. —
plectro vgl. VI 136 Anm.
15,3 pinxit apte lineam, er bezeich-
net die Regula S. Benedict!.
16,1 iam dux adsis gregis suspiriis
vgl. VI 128 nunc mitis adesto gregi.
16,3 gliscat bonis ydrum cavens
vgl. VI 129.
VIII.
An einen Freund.
'Einem engbegrenzten Leben hinter Klostermauern kehren die
Musen den Rücken. Sie lieben es nur- auf Rosenauen ihr Spiel zu
treiben. Daher meine schlechten Gedichte (1 — 7). Nimm sie trotz-
dem gerne an und sei überzeugt, daß ich gerade so wie Du nach
dem Himmelreich trachte und in unwandelbarer Liebe Dir zugetan
bin (8—20);
Der Harleianus, der allein und ohne Angabe des Verfassers
dieses Gedicht überliefert, enthält noch andere als paulinisch erkannte
und zwar lauter solche, die der Zeit angehören* die vor Paulus'
Aufenthalt am Hofe Karls liegt (vgl. oben S. 15). Noch mehr als
die Überlieferung sprechen aber Inhalt und Form für die Autorschaft
des Paulus Diaconus.
'Einst und jetzt' könnte die Oberschrift dieses stimmungsvollen
Gedichtes lauten. Einst konnte Paulus bei seiner Stellung als Hof-
geistlicher an den Höfen von Pavia und Benevent ein behagliches
Leben führen, konnte, nicht durch strenge Klosterregeln gebunden,
seine Schritte lenken, wohin er wollte, durfte frei und froh die
schönen Gegenden an den Ufern des Comersees durchwandern.
Jetzt bannt ihn das Machtwort Karls hinter die Klostermauern von
Montecassino.
Dieser Kontrast seines gegenwärtigen Lebens, mit dem er
sich noch nicht abgefunden, zu den vergangenen glücklichen Tagen
liegt ihm schwer auf der Seele und erzeugt jene Stimmung, die
er auch in dem Gedicht VI 132 und 135 — 138 zum Ausdruck
An einen Freund.
39
bringt. Die ersten Verse unseres Gedichtes geben gleichsam die
Erläuterung dazu.
cassino.
Es entstand nicht lange nach 774 in Monte-
10
Angustae vitae fugiunt consortia Musae
Claustrorum saeptis nee habitare volunt,
Per rosulenta magis cupiunt sed ludere prata,
Pauperiem fugiunt deliciasque colunt.
Quapropter nobis aversae terga dederunt
Et comitem spernunt me vocitare suum.
Inde est, quod vobis inculta poemata mitto,
Suscipe sed libens qualiacumque tarnen.
Inmodico flagrat de vestro pectus amore,
Crede, pater, nostrum, semper amande mihi.
Et peream, si non tecum captare per aevum
Per domini munus regna beata volo.
Hoc mihi est votum, hoc fido pectore spero,
Hoc licet indignus nocte dieque precor.
Ohne Überschrift H f. \.
1 anguste (und so fast immer e für ae) H \ consorcia H \\ 2 dubitare H,
corr. Dümmler \\ 5 nobis aus vobis corr. H \\ 8 sed H, Sethe Traube \\ 14 hoc
licet indignus Wattenbach, hodie et indignos H.
1 — 5 angustae vitae consortia,
claustrorum saeptis, pauperies: Damit
meint er sein Leben in Montecassino,
mit rosulenta prata und delicias die
glücklichen Tage am Hofe, in der Nähe
des Comersees. — per rosulenta prata
vgl. Prudent. Peristeph. III 199. — aversae
terga dederunt vgl. Verg. Aen. IX 686
versi terga dedere.
8 Die überlieferte Lesart ist aus
metrischen Gründen nicht annehmbar;
es verbirgt sich ein Eigenname; Traube
(Neues Archiv XVII 399) schlägt suscipe
Sethe libens vor mit Hinweis auf ein
Gedicht Columbans (M. G. Epp. III 183
V. 1).
10 — 14 crede pater: Wen Paulus
damit meint, läßt sich nicht sagen, man
kann nur aus der Erwähnung des Rheins
V. 17 schließen, daß der Angeredete
sich in den Rheingegenden aufhält. —
per aevum ist nicht, wie Wattenbach tut,
in perennis zu ändern; denn es ist ein
beliebter Versschluß vgl. I 27, VI 153. —
et peream : Er fürchtet durch seine ein-
leitenden Worte (v. 1 — 4) den Glauben
erweckt zu haben, als ob sein Herz an
weltlichen Dingen hänge; deshalb diese
nachdrucksvolle Beteuerung (v. 13 und 14);
vgl. auch Paul. XIII 5, 1. — mihi est:
In späteren Gedichten ist der Hiatus ver-
mieden.
40
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15 Tu quoque, si felix vigeas de munere Christi, —
Namque potes — misero redde, beate, vicem.
Ante potest flavos Rhenus repedare Suavos
Ad fontem et versis pergere Tibris aquis,
Quam tuus e nostro labatur pectore vultus,
20 Ore colende mihi tempus in omne pater.
16 potis H \\ 17 hrenus H \\ 20 vielleicht O recolende Traube.
15 — 20 Diese Verse finden sich mit
fast gleichen Worten wieder am Schlüsse
des Briefes an Adalhard XXXI. — misero
redde vicem vgl. XXIX 11 redde vicem
misero. — quam tuus e nostro Verg.
Ecl. I 59 — 63 entnommen, vgl. auch XL
9 — 12. — Die Erwähnung des Tiber deutet
auf den Aufenthalt des Schreibenden, auf
Italien (Montecassino).
IX.
Auf das Grab der Königin Ansa.
'Die hier begrabene Königin wird weiterleben, solange die Welt
steht; denn groß sind ihre Verdienste um Staat und Kirche. In den
Zeiten der Not des Vaterlandes stand sie hilfreich ihrem Gatten zur
Seite (1 — 8). Sie ist die Mutter des Adelchis, des Hortes der
Langobarden, und durch die Vermählung ihrer Töchter knüpfte sie
Verbindungen mit mächtigen Herrschern und Staaten an (9 — 14).
Berühmt ist sie auch durch Gründung von Kirchen und Hospizen.
In ihr vereinigen sich die herrlichsten Tugenden (15 — 28).'
Die Gemahlin des Desiderius wurde nach dem Berichte der
Annalen im Jahre 774 mit ihrem Gatten und einer Tochter von Karl
in die Verbannung geschickt. Desiderius soll nach Lüttich geführt
und in Corbie an der Somme gestorben sein (Abel-Simson I 194
Anm.). Das Todesjahr der Ansa ist nicht bekannt.
Mit Haupt (Opuscula I 295) zweifle ich nicht an der Autorschaft
des Paulus, trotzdem Dahn (Paul. Diac. S. 67 und Allgemeine Deutsche
Biogr. V 73) sich entschieden dagegen ausspricht. Abgesehen von
stilistischen Erwägungen sprechen dafür besonders die handschriftliche
Überheferung (vgl. meine Vorbem. zu I) und die nahen Beziehungen
des Paulus zu der Tochter der Verstorbenen und zum Königshause
überhaupt.
Um die paulinischen Epitaphien richtig würdigen zu können
muß man bedenken, daß sich diese poetische Gattung unter dem
Einfluß griechischer Vorbilder entwickelte und daß allmählich be-
stimmte Ausdrucksformen geprägt wurden, die ein Dichter vom
andern übernahm (vgl. Lier, Topica carminum sepulcralium Latinorum,
Philologus XVI [1903] S. 445, 563 und XVII [1904] S. 54). Eine
42 Karl Neff, Gediclitc des Paulus Diaconus.
Untersuchung der zahlreichen Epitaphien des I. Bd. der Poet. aev. Carol.
soll nun zeigen, welche Grundsätze bei der Anordnung der Gedanken
für die Dichter maßgebend sind, welche Ausdrücke sich wiederholen,
besonders aber, welche Stellung Paulus Diaconus dieser Tradition
gegenüber einnimmt.
Gewöhnlich nennt am Anfang des Epitaphs der Dichter den
Namen des Toten, der hier seine Ruhe gefunden, gibt dabei auch
einige Andeutungen über das Äußere des Grabmals und erwähnt
gerne, daß nur der Körper hier liegt, die Seele aber schon zu den
Sternen emporgeeilt ist:
Hac iacet egregius nivea sab mole sacerdos p. 20 v. 7;
Hac tamalatur hämo . . . Nomen avis tribait p. 103 v. 1 — 2;
Hlc Sacra beatt membra Camiani solvuntur p. 107 II v. 1;
Marmore Natalis tegitar vener abile corpus p. 107 III v. 1;
Hoc humata iacent Joannis membra sepulchro p. 109 V v. 1;
Pallida sab parvo claudantur membra sepalcro,
Ärdua sed caeli spiritus astra petit p. 109 VI v. 1 — 2;
Mole sab hac magni servantur membra Qeroldi p. 114 v. 1;
Hlc Gislebertus praesul requiescit humatus,
Corpus terra tegit, Spiritus astra petit p. 305 v. 1 — 2;
Mole sub hac tegitur Chaidocus iure sacerdos p. 365 v. 1 ;
Hoc iacet in tumulo Pippinus p. 405 v. 1 ;
Aurea funereum complectit littera Carmen,
Verba tonat fulvus et lacrimosa color p. 489 v. 1 — 2.
Bei der Darstellungsform des Lebensganges selbst bedient sich
der Dichter meist der dritten Person, springt aber oft in die zweite
über und sagt dem Toten gleichsam seine Charakteristik vor:
'Du warst . . ., Du tatest dies oder jenes . . .' Nur in wenigen
Epitaphien (p. 101, 420, 444) erzählt der Tote selbst dem an seinem
Grab Stehenden seine Lebensgeschichte. Er spricht wie aus dem
Grab zu ihm heraus, so p. 432 v. 1 : Te precor ex tumulo, f rater.
Gewöhnlich aber redet der Dichter gleichsam im Auftrage des
Toten den FremdHng an, der auf seiner Wanderschaft an das Grab
kommt, und fordert ihn auf Gott zu bitten, daß er dem Toten gnädig
sein möge. Auch diese Darstellungsform geht auf griechische Vor-
bilder zurück (vgl. Lier S. 468):
Tu quicumque legis die die 'peccata remitte' p. 102 v. 22;
Tu quicumque cupis requies cognoscere fratrum.
Et loca quo quisque spectat ab arce deum p. 344 v. 1 — 2;
Auf das Grab der Königin Ansa. 43
Et si forte cupis nomen meritumque sepulti
Discere, tu poteris magna viator amans p. 19 v. 5 — 6;
Same tarnen laudes, quas Petri captus amore
Extremo venlens hospes ab orbe Legat p. 114 v. 41 — 42;
Quisquis legas versus devoto pectore supplex
Die 'miserere deus' p. 113 v. 25 — 26;
Quisquis ab occasu venis huc vel quisquis ab ortu p. 108 v. 1;
Quam quis ab occasu properans vel quisquis ab ortu p. 490 v. 23;
Quisquis es hunc cernens titulum, die pectore puro:
Sit requies Uli, lector opime, precor p. 406 v, 1 — 2;
Quisquis es, 'Hadriano', die, 'sit amoena quies' p. 490 v. 26;
Pro peregrino me, posco, precare tuo p. 404 v. 16.
Meist erklärt der Dichter am Anfang oder Schluß, daß er un-
fähig sei alle Vorzüge und Taten in würdiger Weise zu preisen:
Cuius haud, lector, vitam tibi prodere scalptor
Quit calibis stilo, artatus marmore parvo p. 103 v. 4 — 5;
Jam quoniam digne non possumus omnia versu
Promere, conticeat nostrae nunc fistula linguae p. 104 v. 26 — 27;
Plura quid enumerem sanctis virtutibus istis,
Dicere quas nequeo, scribere nee valeo p. 407 v. 27 — 28;
Sensus et eloquiis formam describere laudis
Cuius non possit pleniter ulla manus p. 430 v. 7 — 8.
In einigen Epitaphien nennt auch der Dichter seinen Namen
und bittet den Leser sich für dieses Gedicht erkenntlich zu zeigen,
indem er für ihn bete:
Post patrem lacrimans Carolus haec carmina scripsi p. 113 v. 17;
Hoc lacrimans cecini David ego flebile Carmen p. 112 v. 27;
Promere quae Carolum compellit amorque dolorque p. 489 v. 3;
Nunc Angilbe rti carmine fulget, amen p. 366 v. 8;
Tu mihi redde vicem, lector, rogo, carminis huius
Et die: 'Da veniam, Christe, tuo famulo' p. 350 v. 17;
Sed iam posco, vicem reddas mihi carminis huius,
Atque 'Illius', die, 'miserere deus'f p. 420 v. 23 — 24.
Bei der Durchführung des Lebensbildes selbst beginnen die
Dichter naturgemäß mit der Herkunft des Toten, wobei sie mit Vor-
liebe hinzufügen, daß seine Taten noch edler waren als sein Ge-
schlecht:
Scotia quem genuit p. 365 v. 2;
Francia quem genuit p. 405 v. 3;
44 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Nobilis ex magna genitus iam gente parentum,
Sed sacrls longe nobilior meritis p. 113 v. 5 — 6;
Transcendunt cuius gesta set alta genas p. 430 v. 12.
Dann folgt meist die Erwähnung seiner körperlichen Vorzüge,
von denen es aber gewöhnlich heißt, daß sie von den Verdiensten
des Toten übertroffen werden:
In specie pulcher, nobilior meritis p. 405 v. 12;
Deqae sua facie superabat lilia piilchra p. 405 v. 9;
Mirandus specie, set plus mirabilis actis p. 430 v. 15.
Bei der Aufzählung der geistigen Vorzüge lieben es die Dichter
oft zwei Verse mit lobenden Adjektiven auszufüllen, besonders heben
sie Bildung und Mildtätigkeit hervor.
Moribus et forma consilioqae vigens p. 111 v. 8;
Mente nitens formaqae decens sensuqae renidens p. 489 v. 7;
Eloquio falgens . . . Qrammaticae studio, metroram legibus
aptus p. 20 V. 9 — 10;
Eloquio dulcis, f actis probus, ore serenus p. 404 v. 13;
Alloquio clarus, vita sed clarior alma p. 104 v. 22;
Nobilis alloquio, moribus nobilior p. 102 v. 12;
Grammatica pollens, mundana lege togatus,
Divina instructus nee minus ille fuit p. 111 v. 9 — 10;
Solamen egenis p. 107 v. 3;
Pauperibus largus, nulli pietate secundus p. 113 v. 11;
Rex bonus et placidus, nulli bonitate secundus p. 405 v. 15;
Promptus ad omne bonum an vielen 'Stellen.
Bedeutende Männer werden meist als Helden, als Leuchte,
Ruhm, Zierde und Hoffnung ihres Vaterlandes gepriesen:
Helmengaldus nobilis heros, Gloria qui patriae et decus omne
fuit p. 532 V. 1—2;
Lumen erat patriae p. 20 v. 17. Patriae decus p. 102 v. 3;
Unica spes patriae, murus et arma suis p. 111 v. 4;
Militibus periit murus et arma tuis p. 112 v. 4;
Qui tibi tutor opum, murus et arma fuit p. 490 v. 28;
Spes iam Samnitis certa salutis erat p. 430 v. 14;
Jpse suae gentis spes requiesque fuit p. 430 v. 32.
SchließUch spricht der Dichter auch von der Wirkung, die der
Tod auf die Hinterbliebenen ausübte, und bittet das Grabmal nicht
zu verletzen:
Auf das Grab der Königin Ansa. 45
Hanc flevit civis, luxit peregrinas et exter p. 104 v. 15;
Hunc deflet Italiis contrito pectore Francus p. 110 v. 13;
Itala, Romana . . . Morte tua, prlnceps, gens sine fine doLet
p. 431 V. 35—36;
Ut nullus violet quod tenet ipse solam p. 20 v. 32;
Obsecro nulla manus violet pia iura sepulcri p. 350 v. 19;
Quem, peto, nulla manus violet p. 420 v. 27.
Untersucht man die Epitaphien des Paulus Diaconus,
so findet man, daß die für Ansa und Sophia verfaßten in Form und
Anordnung der Gedanken von den übhchen Darstellungsformen ab-
weichen, seine späteren aber, die am Hofe Karls entstanden, die
erwähnten Eigentümlichkeiten zeigen. Diese beweisen, daß auch
er sich der Vorbilder bediente, nach denen der literarische Kreis
des Königs arbeitete. Zu diesen Vorbildern gehörte besonders das
Epitaphium Constantii, das in der Pariser Handschrift 528 und in
der St. Galler 899 neben Gedichten überliefert ist, die am Hofe
Karls entstanden (vgl. Mommsen Grabschrift des Kaisers Constantius
Chlorus, Hermes, XXVIII, 1893, S. 33; Carmina epigraphica ed. Bücheier
II 1335).
Die Verschiedenheit der Grabschrift für die Königin Ansa von
den untersuchten liegt besonders • in der Anordnung der Gedanken.
Der Dichter sagt nichts von ihrer Abstammung, wie es sonst am
Anfang geschieht, und geht nach einer kurzen Bemerkung über ihre
körperlichen Vorzüge (coniux pulcherrima v. 3) sofort zur Darlegung
ihrer Verdienste über, die er scharf in politische und kirchliche teilt.
Erst am Schluß kommt er mit wenigen Worten auf ihre geistigen Eigen-
schaften zu sprechen.
Über die Abfassungszeit des Gedichtes bestehen verschiedene
Anschauungen. Dahn (S. 68) und nach ihm Abel (II 506) glauben,
daß es noch zu Lebzeiten der Königin abgefaßt worden sei, noch
vor dem Untergang des langobardischen Reiches, und zwar zwischen
770 und 771. Zu dieser Anschauung sahen sie sich besonders durch
die Verse 12 — 14 veranlaßt, wo auf Karl als Schwiegersohn (770)
angespielt ist, und Dahn meint: „Es muß doch überraschen, daß
unter den starken Helden, den drei Eidamen, auf welche Ansa sich
stützt, auch Karl genannt wird, der Ansa nach Zerstörung des
Reiches mit ihrem Gemahl in die Gefangenschaft geführt hat," und
an einer anderen Stelle: „Die Grabschrift nennt Karl, Ansas bittersten
Feind, ihren Stützer neben denen, die es wirklich waren, Arichis und
Thassilo".
46 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Dieser Sinn liegt nicht in den allerdings etwas allgemein ge-
haltenen Worten: fortia natamni thalamis slbi pectora vinxit.
Paulus will nur sagen, daß Ansa politisch wichtige eheliche Ver-
bindungen gestiftet hat, und wenn er bei fortia pectora wohl auch
in erster Linie an Arichis und Thassilo dachte, so konnte er doch
auch den Feind seines Volkes dazu zählen.
Auch die Verse 7 — 8 zwingen nicht zur Annahme, daß das
Gedicht vor dem Untergang des Reiches entstand. Wenn der Dichter
sagt, Ansa habe an der Seite ihres Gemahls das von Kriegen heim-
gesuchte und dem Zusammensturze nahe Reich aufgerichtet, gefestigt
und emporgebracht, so meint er damit die Verdienste, die sie sich
beim Regierungsantritte ihres Gatten um das Reich erwarb, das unter
den unglücklichen Kriegen, die sein Vorgänger Aistulf (749 — 757) mit
Pipin, dem Vater Karls, führte, viel zu leiden gehabt hatte. Diese
Erklärung mag auch darin ihre Bestätigung finden, daß Paulus bei der
Aufzählung ihrer Verdienste, dem eigentlichen Thema der Grabschrift,
chronologisch vorgeht: Zuerst segensreiche Tätigkeit bei Beginn der
Regierung ihres Gatten 757, dann Lob auf Adelchis, der 759 Mit-
regent seines Vaters wurde, hierauf Vermählungen ihrer Töchter mit
auswärtigen Fürsten, der Adelperga mit Arichis (763 Geburt ihres
ersten Kindes), Liutperga mit Thassilo (zwischen 764 und 769, vgl.
Abel I 58) und Desiderata (?) mit Karl (770, vgl. Abel I 80).
Es liegen demnach keine Gründe vor, die zur Annahme zwingen,
daß das Epitaph, was ja an und für sich nichts Ungewöhnliches wäre,
noch zu Lebzeiten der Königin entstand, und ich verlege die Ent-
stehungszeit zwischen 774 und 782, in die Zeit, wo Paulus sich in
Montecassino als Verbannter aufhielt und noch keine Annäherung an
Karl erfolgt war. Dazu veranlaßt mich außer der oben erwähnten
Eigenart des Epitaphs selbst die Auffassung des Satzes Bardis spes
maxima mansit (v. 1 1). So sehr man auch auf Grund obiger Zusammen-
stellung geneigt ist ihn als einen der Gemeinplätze zu bezeichnen,
die in den Epitaphien auftreten, so sprechen doch die historischen
Verhältnisse dagegen. Adelchis war wirklich nach 774 der Mann,
auf den die Patrioten hoffend ihre Blicke richteten und der auch
während seines Aufenthalts beim griechischen Kaiser in Konstantinopel
immer für die Sache seines Volkes tätig war. Auch in den An-
nalen kommt dies zum Ausdruck (vgl. Anm. zum Gedicht). Diesen
Gedanken kann aber Paulus nicht in einer Zeit ausgesprochen
haben, wo er bereits Karl näher getreten war, d. h. also nicht
nach 782.
Auf das Grab der Königin Ansa.
47
Ob Ansa in der Verbannung im Frankenreich starb und ihre
Leiche nach ItaHen geschafft wurde, oder ob sie von Karl später er-
wirkte, daß sie den Rest ihres Lebens bei einer ihrer Töchter ver-
bringen durfte, läßt sich nicht entscheiden. Ihr Grab befand sich,
wie Haupt erkannte, in der von ihr und Desiderius gestifteten Abtei
San Salvatore in Brescia (vgl. Urkunde vom Jahre 769 bei Muratori
Antiq. Ital. I 525).
10
Lactea splendifico quae fulget tumba metallo
Reddendum quandoque tenet laudabile corpus.
Hie namque Ausonii coniux pulcherrima regis
Ansa iacet totum semper victura per orbem
Famosis meritis, dum stabunt templa tonantis,
Dum flores terris, dum lumen ab aethere surget.
Haec patriam bellis laceram iamiamque ruentem
Compare cum magno relevans stabilivit et auxit.
Protulit haec nobis, regni qui sceptra teneret,
Adelgis magnum, formaque animoque potentem,
In quo per Christum Bardis spes maxima mansit.
Fortia natarum thalamis sibi pectora vinxit,
Discissos nectens rapidus quos Aufidus ambit,
Pacis amore ligans cingunt quos Rhenus et Hister.
SUPER SEPULCRUM DOMNE ANSE REGINAE L f. 36 v.
1 fulgit I II 6 flores terris Dümmler, flores e terris vor e eine Rasur L \
ethere L \ surget Dümmler, surgit Z, I| 10 adelgis aus adelchis corr. Z, jj 12 vin-
xit L, iunxit Haupt und Dümmler \\ 14 quos Rhenus Haupt, chorentis L.
3 — 6 Ausonii regis des Desiderius,
vgl. Bern, zu II 9,1. — totum semper
victura per orbem meritis vgl. Hist. Lang.
III 19, Grabschrift des Drokton v. 2 nam
meritis toto vivit in orbe suis. — dum
stabunt etc. vgl. zum Gedanken Verg.
Ecl. V 76 — 78; surget ist statt surgit
einzusetzen wegen des vorausgehenden
stabunt (vgl. oben S. 20 Anm.).
8 — 10 compare cum magno vgl.
Brief des Paulus an Adelperga III 29 celso
cum compare. — regni qui sceptra
teneret vgl. XXVI 19 — 20 teuere regni
aurea sceptra. — formaque animoque
potentem vgl. Poet. I 60 v. 59 sensu
formaque animoque decorus, Poet. 1104
V. 18 censuque animoque potenti; an
dieser Stelle ist wohl auch sensuque zu
verbessern.
11 Bardis vgl. IV^ 18. — spes ma-
xima mansit vgl. Einhard Vita Karoli
cap. 6 Adalgisum, in quem spes om-
nium inclinatae videbantur, Ann. Einh.
in quo Langobardi multum spei habere
videbantur.
12—14 Die Flüsse Aufidus, Rhein
und Donau deuten das Land des Arichis,
Karls des Großen und Thassilos an.
48
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15
20
25
Quin etiam aeterno mansit sua portio regi,
Virgineo splendore micans, his dedita templis.
Cultibus altithroni quantas fundaverit aedes
Quasque frequentat egens, pandit bene rumor ubique.
Securus iam carpe viam, peregrinus ab oris,
Occiduis quisquis venerandi culmina Petri
Garganiamque petis rupem venerabilis antri.
Huius ab auxilio tutus non tela latronis,
Frigora vel nimbos furva sub nocte timebis;
Ampla simul nam tecta tibi pastumque paravit.
Plura loqui invitam brevitas vetat inproba linguam.
Concludam paucis. Quicquid pietate redundat,
Quicquid mente micat gestorum aut luce coruscat,
In te cuncta simul, fulgens regina, manebant.
26 quicquid] das erste q auf Rasur L \\ 28 manebat L.
15 — 16 quin etiam aeterno mansit
sua portio regi: Ansa vermählte ihre
Töchter nicht bloß irdischen Königen,
auch dem ewigen König blieb sein Teil
dadurch, daß Ansilperga Äbtissin von
San Salvatore in Brescia wurde. — his
dedita templis: aus dieser Stelle schloß
Haupt mit Recht, daß die Grabschrift im
Salvatorkloster sich befand und hier
Ansa begraben wurde.
17 — 18 quantas fundaverit aedes
quasque frequentat egens: quantas ■=
quot; Paulus will sagen: quantas aedes
cultibus altithroni fundaverit et quantas
aedes, quas frequentat egens: 'Allge-
mein bekannt ist, wieviele Gotteshäuser
und Hospize sie gründete.'
19 — 21 securus iam carpe viam:
Der Dichter wendet sich hier an den
zu dem Grab kommenden Pilger, der
entweder nach Rom oder zum Heilig-
tum des Erzengels Michael auf dem
Monte Gargano wallfahren will. —
venerandi culmina Petri vgl. Angil-
bert Poet. I 420 v. 1 venerandi culmina
templi. — venerabilis antri: Nach der
Legende hatten Hirten auf der Suche
nach einem entlaufenen Rind in einer
Grotte des Monte Gargano die Er-
scheinung des heiligen Michael und zwar
am 8. Mai unter Papst Gelasius (S.Jahr-
hundert). Zur Erinnerung daran wurde
eine Kirche erbaut, die heute noch ein
besuchter Wallfahrtsort ist.
25 — 28 improba brevitas: 'Die leidige
Kürze (der geringe Raum auf dem Grab-
stein) verbietet der Zunge noch mehr zu
sagen, so sehr sie sich auch sträubt.'
Es ist dies zugleich eine Wendung um zum
Schluß zu kommen, wie sie ähnlich auf-
tritt XXVI 15 sed quid plura feram?;
Theodulf Poet. I 528 v. 27 quid referam?
virtute cluis, pietate redundas. — quic-
quid pietate redundat: beliebter Schluß,
vgl. außer der eben angegebenen Stelle bei
Theodulf auch Angilb. Poet. I 366 v. 22;
Sedul. carm. pasch. II 260; Eug. Toi.
carm. XVI 3. — luce coruscat: vgl. Angilb.
Poet. I 366 v. 12. — manebant = erant:
Zu manebat wurde der Schreiber jeden-
falls durch den Schluß der beiden vor-
ausgehenden Zeilen veranlaßt, vgl. auch
XXXVI 35 in te . . . omne simulque bo-
num semper, venerande, manebat.
X.
Auf das Grab der Enkelin Sophia.
*Du warst die Schönste Deines Geschlechts und an Kenntnissen
Deinen Jahren weit voraus. Dein Geist erfaßte alles im Fluge (1 — 8).
Dein Tod war auch der Tod der Großmutter. Statt zu Deiner Hoch-
zeit rüstet man sich zu Deiner Leichenfeier. Alles trauert um Deinen
frühen Tod (9—18).'
An der Autorschaft des Paulus Diaconus ist nicht zu zweifeln,
da diese Grabschrift in drei für die paulinische Oberlieferungs-
geschichte wichtigen Handschriften (der Leipziger Rep. I 74, vgl.Bem.
zu V; der Pariser lat. 528, vgl. Bem. zu VI; dem Harleianus, vgl.Bem.
zu VIII) enthalten ist und auch stilistische Beobachtungen auf ihn hin-
weisen. Fraglich aber erscheint, wer mit Sophia neptis gemeint ist.
Bis jetzt dachte man an eine Nichte des Dichters (vgl. Gedicht XII,
wo von seinem Bruder Arichis vier Kinder erwähnt werden), allein
mir ist es wahrscheinlicher, daß hier an eine Enkelin der Königin
Ansa zu denken ist. Dafür spricht vor allem die Überlieferung:
das Epitaph geht in der Leipziger Handschrift unmittelbar dem der
Ansa voraus. Dann auch der Inhalt: nur mit wenigen Worten gedenkt
der Dichter der Eltern und hebt besonders die Wirkung des Todes
der Jungfrau auf die Großmutter hervor.
Das kleine Gedicht, das nicht ohne poetischen Reiz ist und
noch nicht die in der karolingischen Zeit üblichen Gemeinplätze der
epitaphistischen Literatur zeigt, entstand zwischen 774 und 782.
Quellen u. Untersuch, z, lat, Philologie des MA. III, 4. 4
50
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
Roseida de lacrimis miserorum terra parentum
Haec te, gemma micans, cara Sophia, tenet.
Tu decus omne tuis, virgo speciosa, fuisti,
Qua non his terris gratior ulla manet.
Heu fueras teneris, dulcis, tarn docta sub annis,
Longaevi ut stuperent iam tua verba senes.
Et quae longa dies aliis praestare puellis
Vix poterat, raptim cuncta fuere tibi.
Te moriente avia iam vivere posse negavit
Illius et mortis mors tua causa fuit.
Iam thalamus sponsusque tibi parabantur et inde
Spes quoque iam nobis grata nepotis erat.
Epitaphium sophiae neptis P /. 126v; EPITAFION SOPHIE NEPTIS L
f. 36; Epithaphion H f. 5^.
2 haec te gemma micans] die Buchstaben vom ersten a bis g durch Nässe
zerstört P, haec regem manicans H \ caro P \ sofia H \ tenit // || 3 von
decus ist c und u nidit zu erkennen P \ tuis aus tui corr., dann durchgestrichen
und verbessert an den Rand geschrieben H \\ 5 Heu eras dazwischen eine durch
Rasur entstandene Lücke Z. |1 6 longeui P L H \ cuperent // || 7 prestare
(und so fast immer e für ae) H \\ 9 avia] uia H \ uivere aus uiuire corr. L \\
10 mortis] moestis // || 11 thalamus aus talamus corr. L \ inde PH, ecce L.
doctior in terris nulla puella foret;
1 — 4 roscida de lacrimis: vgl. XXXV
V. 1 lugentum lacrimis populorum rosci-
da tellus. — gemma micans VI 56 ; vgl.
auch XXIX 7. — tu decus omne tuis
Verg. Ecl. V34; vgl. IV^ 20 omne decus-
que suorum, XXXV v. 27 tu requiesque
tuis . . . fuisti. — qua non his terris
gratior ulla manet: vgl. XXVI 8 qua
non occiduo pulchrior ulla foret. — Es
mag auffallen, daß Paulus bei der Grab-
schrift einer Prinzessin nicht mit ihrer
edlen Abkunft beginnt, wie es nach an-
tikem Vorbild die karolingischen Dichter
gewöhnlich tun (vgl. S. 43), aber Paulus
arbeitet noch nicht nach den Vorbildern,
die ihm später bei seinem Aufenthalt
am Hofe Karls vorlagen.
5 — 8 Der Hinweis auf den hoch-
entwickelten Geist der in so jungen
Jahren Verstorbenen findet sich auch in
Epitaphien älterer Zeiten, vgl, Vollmer
zu Stat. silv. 2, 1, 38; Carmina latina
epigraphica ed. Bücheier 1166 quod si
longa tuae mansissent tempora vitae,
649, 7 ultra annos sapiens praeceps fata
invida raptum. — longaevi senes (Ovid.
Ep. V 40). Vgl. zum Gedanken VI 8 ex-
superansque senes, o puerile decus und
Poet. II 659 V. 15, 16. — stuperent darf
nicht mit H gegen P L in cuperent ge-
ändert werden, da eine Vertauschung der
Konjugationen oder die Verkürzung eines
langen Vokals in längeren Formen bei
Paulus und auch sonst (vgl. Fortunat ed.
Leo Index) nichts Ungewöhnliches ist,
vgl. V. 11 parabantur : XIV v. 1 fluebat.
9 avia (mit langem Nominativ -a!)
= Ansa, vgl. die Vorbemerkung. —
vivere posse negavit: Es ist in alten
Epitaphien häufig zu lesen, daß die Über-
lebenden so in Trauer versetzt sind, daß
sie sich selbst den Tod wünschen, vgl.
Lier, Philol. XVI (1903) S. 464.
11 spes quoque iam nobis: Der
Dichter stellt sich hier und v. 13 und 15
an die Stelle der Eltern (vgl. auch IX 9;
XXVIII 9).
Auf das Grab der Enkelin Sophia.
51
Hei mihi, pro thalamo dedimus tibi, virgo, sepulchrum,
Pro taedis miserum funeris officium.
16 Tundimus heu maesti pro plausu pectora pugnis
Pro cithara et cantu planctus ubique sonat. •
Gemmantem vitem decoxit saeva pruina
Purpureamque tulit dira procella rosam.
13 Hei mihi P L, H mihi H \\ 14 thaedis P, theHs (am Rand uel tedis) L,
caedis H \\ 15 heu aus eu corr. L \ moesti H \ plauso P \ pugni am Rand s L \\
16 chithara L, cythara P \ canto P \\ 17 fehlt H || 18 purporeamque L \ tulit
fehlt P I rosa P. Daran sdiließen sich in P folgende, wie es sdieint, später
eingetragene Verse:
Christe potens, sollers summi sapientia patris,
Da sensum, da verba tuo (corr. aus \o), deposco, fideli.
Hierauf folgt der Brief des Paulus an Theudemar.
14 — 18 funeris officium Poet. I 104
V. 28. — tundimus heu maesti pro plausu
pectora pugnis: eine jedenfalls beabsich-
tigte Alliteration; vgl. den gleichen Vers-
schluß Verg. Aen. IV 673, XII 871; Ovid.
Met. III 535. — planctus ubique sonat
XXXV 31. — purpureamque tulit dira
procella: ähnliches Bild XXVIII 2; vgl.
Lier, Philol. XVI (1903) S. 583. — Die
Verse Christe potens sind wahrschein-
lich von Paulus selbst hinzugefügt und
zwar, als er das Gedicht an den Hof
Karls brachte (vgl. I). Meine Vermutung
sehe ich dadurch gestützt, daß sich an
diese Verse der Brief des Paulus an
Theudemar anschließt. Wenn man be-
denkt, welche Anforderungen Karl an
Paulus stellte, so begreift man wohl
seine Bitte um sensus und sapientia:
sollers ist nicht wie Dümmler will (M.
G. Epp. IV 506, 10) zu Christe, sondern
zu sapientia zu ziehen (vgl. Anhang XI 6
4*
XI.
Bittschrift an Karl.
*Es gibt auf der Welt keinen unglücklicheren Menschen als mich,
seitdem nun noch ein neues trauriges Ereignis, die Gefangennahme
meines Bruders, mich mit Schmerz erfüllt (1 — 8). Seine Frau und
Kinder müssen, ihres väterlichen Besitzes beraubt, in der Heimat betteln
gehn. Meine Schwester weint sich in ihrem Elend fast die Augen
aus (9 — 16). Nur Du kannst helfen; hab' Erbarmen und gib ihnen
Besitz und Stellung wieder. Dann will ich Christi Lob verkünden,
der allein gebührenden Lohn spenden kann (17 — 28).'
Die Gedichte VI und VIII gaben schon, wenn auch nur an-
deutungsweise, einen Einblick in die traurige Stimmung, die den
Dichter in der frühesten Zeit seiner Verbannung nach Montecassino
erfüllte. Hier schildert er sich in den ersten vier Versen als den un-
glücklichsten Menschen, den es gibt. Außer seiner eigenen Bestrafung
bereitet ihm ein neuer Anlaß großen Kummer: die Wegführung seines
Bruders Arichis in fränkische Gefangenschaft und das Elend der zurück-
gebliebenen Familie.
Abgesehen davon, daß uns Paulus in Hist. Lang. IV 37 den
Namen seines Bruders nennt, und außer den Andeutungen im vor-
liegenden Gedicht gibt es keine Oberlieferung über dessen Schick-
sale. Wir wissen aber, daß der Herzog Hrodgaud in Friaul 776
gegen Karl sich empörte (Abel I 245 ff.), daß im April gleichen
Jahres der Aufstand niedergeschlagen war und daß Karl über die
Empörer strenge Strafen verhängte: Fortführung in fränkische Ge-
fangenschaft, Konfiskation ihres Vermögens und ihrer Güter (Abel 1 252).
Arichis, der Bruder des Paulus, wohnte in Friaul. Hier hatte Karl,
ebenso wie am Hof des von Friaul stammenden Herzogs von Benevent,
Bittschrift an Karl. 53
die erbittertsten Gegner (vgl. Ann. Einh. 788 SS. I 173; Einh. Vita Car.
cap. 11). Demnach ist es sehr wahrscheinlich, daß Arichis ebenso
wie sein Bruder auch infolge der früheren Beziehungen ihrer Familie
zum Hof in Pavia zur Nationalpartei gehörte und sich an dem Auf-
stand des Herzogs Hrodgaud beteiligte; denn es trafen ihn die gleichen
Strafen wie die anderen Empörer.
Die Autorschaft unseres Paulus wird nicht bloß durch den In-
halt, sondern auch durch die Überlieferung gestützt: in der Pariser
Handschrift lat. 528 (P) steht unser Gedicht unter zweifellos paulini-
schen Gedichten, die auch zeitlich ihm nahestehen, außerdem im
Harleianus (H) und im Urbinas (U).
Die Abfassungszeit läßt sich aus v. 5 folgern: septimus annas
adest, ex quo nova causa dolores generat: das siebente Jahr ist da,
d. h. nimmt seinen Anfang, es sind gerade sechs Jahre vorüber, seitdem
jenes neue Ereignis, die Bestrafung seines Bruders, eintrat (vgl. auch
Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands II ^ 161 Anm. 1). Wenn nun
Arichis im April 776, wo der Aufstand unterdrückt war, bestraft wurde,
so war genau im April 782 das sechste Jahr vorbei und schon im
Mai 782 konnte er sagen: adest septimus annus. Demnach verfaßte
Paulus wahrscheinlich in dieser Zeit die Bittschrift, vgl. auch Hauck
a. a. O. und Abel I 253 Anm. 3, und ließ sie durch Petrus von Pisa
überreichen (vgl. Vorbem. zu XII).
Das Gedicht gehört unstreitig zu den schönsten Erzeugnissen
des karolingischen Kreises und hat jedenfalls auch auf Karl seine
Wirkung nicht verfehlt, der gerade in jener Zeit Männer von dichteri-
scher und wissenschaftlicher Befähigung an seinen Hof zu ziehen
suchte.
Verba tui famuli, rex summe, adtende serenus.
Respice et ad fletum cum pietate meum.
Sum miser, ut mereor, quantum vix ullus in orbe est.
Semper inest luctus tristis et hora mihi.
IT UERS PAULI AD REG PCANDO P /. 126, H f. 6, ohne Übersdirift
U f.Sl.
1 attende H U \\ 2 ei affectum U \\ 3 illus M.
2 ut mereor: Paulus will sagen:
„Wenn ich auch einer der Unglück-
lichsten bin, so verdiene ich doch meine
Strafe der Verbannung, und ich bitte des-
Bruder." Durch diese Selbstlosigkeit ver-
leiht er der Bitte für seinen Bruder mehr
Nachdruck.
3 — 6 semper inest luctus vgl. I 7
halb nicht für mich, sondern für meinen \ ver tibi semper inest.
54
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
5 Septimus annus adest, ex quo nova causa dolores
Multiplices generat et mea corda quatit.
Captivus vestris extunc germanus in oris
Est meus afflicto pectore, nudus, egens.
Illius in patria coniunx miseranda per omnes
10 Mendicat plateas ore tremente cibos.
Quattuor hac turpi natos sustentat ab arte,
Quos vix pannuciis praevalet illa tegi.
Est mihi, quae primis Christo sacrata sub annis
Excubat, egregia simplicitate soror.
15 Haec sub sorte pari luctum sine fine retentans
Privata est oculis iam prope flendo suis.
Quantulacumque fuit, direpta est nostra supellex
Nee est, heu, miseris qui ferat ullus opem.
Coniunx est fratris rebus exclusa paternis
20 lamque sumus servis rusticitate pares.
NobiHtas periit, miseris accessit egestas.
Debuimus, fateor, asperiora pati.
6 quattit H \\ 7 vestris] extris U \ horis P// il 8 afflictu H \\ 9 coniux P \\
10 plateas aus plates corr. U \ tremento U \\ 11 quatuor H U \ hac aus ac
corr. P I turpi] uirpi P \ arce H \\ 12 praevalet illa tegi P H, quis ualet illa
tegit ü II 13 que (öfter e für ae) U \\ 14 simplicitatae H \\ 17 quantulacunque U \
suppellex P H U \\ 20 sumus aus summus corr. P \\ 21 accessit aus accedit
corr. P, successit U
aegestas P H.
12 quos vix pannuciis: Der Gedanke
ist klar, nicht aber der Wortlaut. Nach
V könnte man deuten: quos illa vix
tegit, quis pannuciis valet: mit Müh und
Not hüllt sie ihre Kinder in die wenigen
ihr zu Gebote stehenden Lumpen (vgl. die
ähnliche Ausdrucksweise in den Briefen:
XIV tota qua solum valeo mente und XXXI
oculis quibus solis valeo. Allein diese Les-
art sieht sehr nach Interpolation aus; PH
bieten die richtige Lesart: „Mit Mühe und
Not bringt es die Mutter fertig, daß diese
(= ihre Kinder) sich in Lumpen hüllen."
13 est mihi soror: Daraus erfahren
wir, daß Paulus außer seinem Bruder
Arichis noch eine Schwester hatte, die
ins Kloster gegangen war.
18 nee vgl. Vollmer, Philol. Suppl.
X 302, 89.
19 — 21 rebus exclusa paternis: Da-
mit ist jedenfalls der Besitz ihres Vaters
gemeint. — servis rusticitate pares:
rusticitas ist der Gegensatz zu nobilitas:
infolge ihrer Armut können sie nicht
mehr standesgemäß leben, sondern sind
zu einer niedrigen Lebensführung, ähn-
lich den Unfreien verurteilt, vgl. zum
Gedanken Alcvin. Poet. I 187 v. 798—799
nie tarnen metuit clara se stirpe fateri
Progenitum dicens: pauper sum et
rusticus unus; vgl. auch Dahn S. 5. —
nobilitas periit: Hist. Lang. VI 24.
22 debuimus asperiora pati: kann
kaum bedeuten: „wir mußten wirklich zu
Hartes erdulden", sondern wegen fateor
und sed (v. 23) nur: „wir hätten noch
Härteres erdulden sollen". Vgl. Bethm.
S. 260, Dahn S. 29.
Bittschrift an Karl.
55
25
Sed miserere, potens rector, miserere, precamur
Et tandem finem his, pie, pone malis.
Captivum patriae redde et civilibus arvis,
Cum modicis rebus culmina redde simul,
Mens nostra ut Christo laudes in saecla frequentet,
Reddere qui solus praemia digna potest.
25 redde et] reddet H | civilibus] genitalibus U \\ 26 sumul U
P I secuta U II unter 28 xeXwo U.
27 laude
26 cum modicis rebus culmina redde:
Er bittet, Karl möge diesem Elend ein
Ende machen, den Gefangenen wieder
in die heimatlichen Gefilde ziehen lassen
und ihm seinen Wohnsitz (culmina =
tectum) nebst einem bescheidenen Teil
seines Besitztums zurückgeben; es ist
aber nicht ausgeschlossen, daß culmina
auch die angesehene Stellung be-
deutet, besonders wenn man zu
den modicae res auch Haus und Hof
rechnet.
27 Paulus erklärt hier, daß er, wenn
seine Bitte erfüllt und seine Trauer
geschwunden sei, seine Tätigkeit nur
Christus weihen wolle, der dann Karl
seine Gnade lohnen werde. Man kann
die Zusage herauslesen, daß er von nun
an der Politik ferne zu bleiben und als
Mönch zu leben entschlossen sei.
XII.
Petrus von Pisa an Paulus Diaconus.
^Gelobt sei Christus, der die Hölle überwunden und auch Dich
Paulus, den hochgelehrten und sprachenkundigeu Dichter, an unsern
Hof sandte (1 — 4). Deine unermüdliche Tätigkeit als Lehrer des
Lateinischen und Griechischen erweckt in mir die Hoffnung, daß Du
uns nicht wieder verlassen wirst (5 — 9). Für die Förderung der
Kenntnisse im Griechischen sage ich Dir ganz besonderen Dank;
denn nunmehr können auch die Kleriker im Gefolge meiner Tochter
mit dieser Sprache bekannt gemacht werden (10 — 12).'
Der Verfasser dieses im Auftrage Karls an Paulus gerichteten
Gedichtes ist Petrus von Pisa, der in den Handschriften die Beinamen
diaconus, archidiaconus, grammaticus und magister hat. Alcvin er-
zählt in einem Briefe aus dem Jahre 799 (iVL G. Epp. IV 285), daß
er als junger Mann sich auf einer Reise nach Rom in Pavia auf-
gehalten und hier eine Disputation mitangehört habe, die ein Jude
Lullus mit diesem Petrus hatte, und fügt bei et scriptam esse
eandem controversiam in eadem civitate audivi. Es scheint sich
also um einen wichtigen wissenschaftlichen Streitpunkt gehandelt
zu haben.
Diese Bemerkungen Alcvins sind deshalb von großer Bedeutung,
weil man daraus entnehmen kann, daß in der Residenz des Desiderius,
während dessen Regierungszeit (757 — 774) Alcvin jedenfalls diese
erste italienische Reise machte, wissenschaftlich hochstehende Männer
lehrten. Da nun auch Paulus an diesem Hofe sich aufhielt, so ist es
in Anbetracht seiner Stellung und seiner wissenschaftlichen Be-
strebungen zweifellos, daß diese beiden gelehrten Männer sich nahe-
Petrus von Pisa an Paulus Diaconus. 57
traten und Freunde wurden; was man auch aus v. 8 im Gedicht XVIII
antiquo et caro quondam mittente sociale herauslesen kann.
Als Karl im Jahre 780 nach Italien zog und sich längere Zeit
auch in Pavia aufhielt, bekam er einen Einblick in dajs wissenschaft-
liche Leben, das in italienischen Städten herrschte, und wollte, daß
auch sein Hof eine Pflegestätte feiner Bildung werde, was Angilbert
(Poet. I 360 V. 19—22) mit deutlichen Worten ausspricht:
David habere capit sapientes mente magistros
Ad decas, ad laudem cuiuscumque artis in aala,
Ut vetenim renovet studiosa mente sophiam.
David amat vates, vatoram est gloria David.
Da galt es nun geeignete Männer für seine Zwecke zu ge-
winnen und so berief er um jene Zeit Petrus (vgl. Hauck, Kirchen-
gesch. II 155 ff.) und im Jahre 782 Alcvin, den er in Parma kennen
gelernt hatte, an seinen Hof (Abel I 390).
Daß in demselben Jahre Paulus, wie klar gelegt wurde, seine
Bittschrift verfaßte, scheint mir kein Zufall zu sein. Jedenfalls hatte
ihm sein Freund Petrus geraten diesen Zeitpunkt zu wählen, als Karl
Gelehrte für seine Akademie suchte. Damals mag wohl jener bei
der Überreichung dieser Bittschrift seinen Freund als geeignetes Mit-
glied jener zu gründenden gelehrten Gesellschaft empfohlen und da-
durch Karl veranlaßt haben Paulus zu begnadigen und im Jahre 782
an seinen Hof zu berufen. Wenn sein Erscheinen als göttliche Fügung
hingestellt wird (Str. 4), so ist das ebenso zu verstehen, wie wenn in
Str. 11 der fromme König ein Ereignis, das nur das Ergebnis diplo-
matischer Berechnung war, auch als solche bezeichnen läßt.
In dem literarischen Kreise bildete der damals schon hochbetagte
Petrus von Pisa den Mittelpunkt. Er wurde in lateinischer Grammatik
und Literatur zugleich Lehrer des Königs (vgl. Einh.Vita Caroli cap.25:
In discenda grammatica Petrum Pisanam diaconem senem audivit)
und auch Angilberts (vgl. Ged. XXXIX und M. G. Epp. IV 285, 6). Über
seine weiteren Lebensverhältnisse und seine schriftstellerische Tätigkeit
soll im Anschluß an spätere Gedichte gesprochen werden.
Die Gedichte XII und XIII entstanden jedenfalls in der ersten
Zeit des Aufenthaltes des Paulus am fränkischen Hof, etwa Anfang
783; denn noch gibt dieser keine Andeutung, ob er länger bleiben
wolle, und auch der König spricht nur die Hoffnung aus ihn viel-
leicht doch dauernd gewinnen zu können.
Gewählt ist der volkstümliche, sehr verbreitete trochaeische Fünf-
zehnsilber, der auch dem Paulus geläufig war, vgl. oben Gedicht II
58 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
und Wilhelm Mayer, Gesammelte Abhandlungen zur mittellateinischen
Rhythmik I 204.
Das überschwengliche Lob, das Karl dem Paulus für seine Lehr-
tätigkeit ausspricht, ist wohl schon deshalb nicht wörtlich zu nehmen,
weil er durch besondere Anerkennung seiner Verdienste ihn zum
Bleiben veranlassen will. Sicher aber hat Paulus als Lehrer der
griechischen Sprache wirklich etwas geleistet, da der König an drei
Stellen des Gedichtes davon spricht (Str. 7, 8, 10). An der letzten
Stelle preist er diese seine Tätigkeit als etwas ganz Besonderes, das
nie gehofften Ruhm einträgt.
Daraus kann man zwar nicht folgern, daß in karolingischer Zeit
durch Paulus überhaupt zum erstenmal das Studium des Griechischen
jenseits der Alpen Eingang fand, sondern daß er es neu belebte
und viele unterrichtete (vgl. 9, 1 post Graecam, multis quam
ostendis, regalam). Ganz besonders war aber der König wohl
deshalb darüber erfreut, weil er nun Gelegenheit hatte die Kleriker,
die mit seiner Tochter Rothrud nach Byzanz ziehen sollten, durch
einen Nichtgriechen unterrichten lassen zu können und es erfüllte
ihn in seinem Bestreben alles zur Hebung der Bildung zu tun
mit Befriedigung, daß er auch diese infolge des regen Verkehrs
mit Byzanz wichtigen Studien an seinem Hofe angeregt hatte.
Vor Paulus' Ankunft am Hof im Jahre 781 nach der Verlobung
der Prinzessin war der Eunuch und Notar Elissaeus (Abel I 385
bis 386) beauftragt worden ihr griechische Sprache und Sitte zu
lehren (vgl. Theophanes ed. de Boor I 455 y.axüdnev 'EhooaTov
. . . TiQdg TO diöd^ai amrjv rd rs icbv Fgaizcbv ygä/ijuaTa xal ti]v
yXwooav), Paulus kann zwar griechisch, wie aus Gest. epp. Mett.
SS. II 264 hervorgeht; er hatte es in jungen Jahren am Hof in
Pavia gelernt, aber seine Kenntnisse in dieser Sprache sind, wie
er XIII 11 und 12 sagt, sehr gering. Das Studium des Griechi-
schen lag im achten Jahrhundert im Westen vollkommen darnieder
und man begnügte sich mit dem Einlernen einzelner Formeln
und Verse.
Ein klareres Bild davon gibt uns ein kurzer grammatischer
Traktat, der sich im Parisinus lat. 528 f. 134^ — 135 findet und zuerst
von H. Omont (Bibliotheque de l'Ecole des chartes XLII 1881,
126 — 127) veröffentlicht wurde. Da das Stück sich an eine größere
Anzahl paulinischer Gedichte anschließt, und zwar solcher, die am
Hofe Karls entstanden sind, so kann man annehmen, daß es auf
Paulus und seine Lehrtätigkeit zurückgeht. Ich habe die Handschrift,
Petrus von Pisa an Paulus Diaconus.
59
die auch den Rhythmus selbst enthält, noch einmal benützt und gebe
hier einen Teil des Traktates mit allen Fehlern und Eigenheiten ge-
treulich wieder. In genauem Anschluß an Donat (vgl. Keil, Gramm,
lat. IV 355) wird das Wort doctas grammatikalisch behandelt; die
Form ist, wie so oft, dialogisch, die Methode die des /legio^uog oder
emjusQiojuog (vgl. Baebler, Beiträge zu einer Geschichte der lateinischen
Grammatik im Mittelalter S. 17).
TI ECTIN DOCTUS.
MEPOC ÄUrU.
TI MEPOC AUrU ECTIN.
ONOMA ECTIN.
nOCA nAPEnONTE TUTO
ONOMATIt
EX.
noiA.
IIOIOTIC, CYNCPICIC, GENOC
APITHMOC, CKEMA, niHOCIC.
TINOC nOIOTITOC ECTIN.
nPOCITOPIIUAC
TIC BATMOC CINKPICEOC
ECTIN.
THETICOC
CYNKPICEOC BATHMI nOIO-
CIN
TRIC
IIOIOI
THETIKOC
CINKPITIKOC.
YnEPTETIKOC
TINOC FENOC ECTIN
APENIKU.
THIAIKON
UDETEPU.
KOINON
nANTOC
EniKOINON
Quid est doctus?
Pars orationis.
Quae pars orationis est?
Nomen est.
Quot accedunt huic nomini?
Sex.
Quae?
Qualitas, comparatio, genus.
Numerus, figura, casus.
Cuius qualitatis est?
Appellativae.
Quis gradus conparationis est?
Positivus.
Conparationis gradus quot sunt?
Tres.
Qui?
Positivus.
Conparativus.
Superlativus.
Cuius generis est?
Masculini.
Feminini.
Neutri.
Communis.
Omnis.
Promiscui.
Auch in der St. Galler Handschrift 899 p. 84, in der viele Stücke
zum karolingischen Hof Beziehungen aufweisen, fand ich Notizen,
die sich passend hier anschheßen.
60
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
NOYC nATPIKOC sensus paternus.
AOrOC verbum sive ratio.
ON quod est.
TOY ONTOC qui sit.
IIROON pexistentia.
TO MH ON quod non est.
MH ONTA quae non sunt.
AOrOI sermones.
TQ NOI sensui.
TOY ONTOC qui sit.
HYAE materia vel corpus.
MH ONTÜC non sit.
YAHN corpus.
TH YÄH huic corpori.
1. Nos dicamus Christo laudem genitoris unico,
mundi legitur librorum qui creator paginis,
cuius fine Clemens venit liberare perditos.
2. Ante saecula qui natus paterna substantia,
ut salvaret, quos creavit, carnem nostram induit
et innumeris ostendit virtutem miraculis.
3. Rupit tartara calcato draconis imperio,
cuius mors terrarum orbem vastabat invidia,
vinctos diu paradysi perduxit ad gaudia.
4. Qui te, Paule, poetarum vatumque doctissime,
unguis variis ad nostram lampantem provinciam
misit, ut inertes aptis fecundes seminibus.
IT. UERS. petri grammatici Pf. 123— 123v.
4,1 doctissime] e auf Rasur P, doctissimum Dümmler \\ 4,2 prouintiam P \\
4,3 aptis fecundes aus aptes fecundis corr. P.
1,1 Christo genitoris unico dem
eingebornen Sohne des Vaters ; unicus =
unigenitus.
2,1 ante saecula qui natus paterna
substantia vgl. im Symbolum Athana-
sianum : Deus ex substantia Patris ante
saecula genitus.
4,1 — 2 poetarum vatumque: vates
ist der dichterisch begeisterte Sänger und
poeta der schaffende Dichter. — lam-
pantem Unguis variis: Er verstand also
Lateinisch, Griechisch und Hebräisch und
war demnach trilinguis (vgl.Poet. III 167
V. 27; 229 v. 1). Dies ist aber nur für die
lateinische Sprache wörtlich zu nehmen;
denn für diese Zeit waren Kenntnisse im
Hebräischen eine Seltenheit. Was das
Griechische betrifft, vgl. Vocbem.
Petrus von Pisa an Paulus Diaconus.
61
5. Graeca cerneris Homerus, Latina Vergilius,
in Hebraea quoque Philo, Tertullus in artibus,
Flaccus crederis in metris, Tibullus eloquio.
6. Tu nos gestu docuisti exemplorum credere,
quod amoris agro nostri plantatus radicitus
tenearis nee ad prisca cor ducas latibula.
7. Cum grammaticae Latinis fecundare rivulis
non cesses nocte dieque cupientis viscera
partiumque satione Graecorum sub studio,
8. Haec nos facit firmiores doctrina laudabilis
vestra de permansione qua fuit dubietas,
quod te restis nostrae cinxit nee dimittit anehorae.
5,1 Greca (oft e für aej P \\ 6,1 docuisti zweimal P \\ 6,2 radictus P \\
7,1 latinis] das erste i corr. P \\ 7,3 ratione P, satione Traube.
5,1 — 3 in Hebraea quoque Philo:
Der Jude Philo war dem karolingischen
Kreis aus lateinischen Übersetzungen be-
kannt. Paulus nennt den in Alexandria
geborenen Philosophen XIII 4 Memphiti-
cus. — Tertullus in artibus: Wen Petrus
damit meint, läßt sich nicht bestimmt
sagen, möglicherweise den in der Apostel-
geschichte (24, 1) genannten jüdischen
Redner, der gegen den Apostel Paulus
auftritt. Daß er ihn neben dem Juden
Philo nennt, könnte dafür sprechen. —
Homer galt (Poet. I 97 v. 54) als vatum
summus, ohne daß er gelesen wurde,
und Angilbert hatte als Mitglied des ge-
lehrten Kreises Karls diesen Beinamen,
Alcvin hieß mit seinem Dichternamen
Flaccus. Horaz war aber jedenfalls auch
nicht durch Lektüre bekannt, vgl. P. v.
Winterfeld Rh. M. 60, 1905, 33. Welche
Schriftsteller in der karolingischen Zeit
besonders gelesen wurden, erfahren wir
aus Poet. I 203 v. 1535 ff. und 543 v. 1—18.
6,1 gestu exemplorum = prae te
gerens exempla — credere, quod: Die
Konstruktion mit quod statt acc. c. inf.,
sonst eine häufige Erscheinung (vgl. in
diesem Gedicht 8,3 u. 11,1), wird von Pau-
lus selten gebraucht. Aus dieser und aus
der 8. Strophe geht hervor, daß Paulus
noch keine Zusage machte, ob er am Hofe
Karls bleiben wolle. Er scheint also noch
nicht lange dort geweilt zu haben. —
prisca latibula weist auf Montecassino
hin, wo seine wissenschaftHche Bedeu-
tung nicht solche Würdigung fand wie
in der gelehrten Gesellschaft Karls.
7 — 8 Die von Traube (Neues Archiv
XVII 399) vorgeschlagene Lesart pra-
torumque satione bringt ein zu fecun-
dare rivulis passendes Bild; vgl. auch
4,3 fecundes seminibus; doch fordert
der Gedanke nicht die Änderung des
überlieferten /7flr^/w/w; Petrus kann sagen,
daß Paulus im Gegensatz zum Lateini-
schen vom Griechischen nur die partes
orationis lehre (vgl. 9). — vestra de
permansione: sc. firmiores de vestra
permansione, de qua fuit dubietas, quod
„fester im Glauben betreffs eures Ver-
weilens, daß". — Ein Vergleich dieses
Gedichtes des Petrus von Pisa mit dem
folgenden zeigt deutlich den Vorzug der
Darstellungsweise des Paulus.
62
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
9. Credimus post Graecam, multis quam ostendis, regulam
te iam doctis traditurum Hebraeorum studia,
quibus ille Gamalihel doctor legis damit.
10. Magnas tibi nos agamus, venerande, gratias,
qui cupis Graeco susceptos erudire tramite.
Quam non ante sperabamus, nunc surrexit gloria.
11. Haud te latet, quod iubente Christo nostra filia
Michaele comitante sollers maris spatia
ad tenenda sceptra regni transitura properat.
12. Hac pro causa Graecam doces clericos grammaticam
nostros, <ut> in eins pergant manentes obsequio
et Graiorum videantur eruditi regulis.
12,2 ut fügte Dümmler ein.
9 post Graecam regulam, vgl. 12,3
Graiorum videantur eruditi regulis und
10,2 Graeco susceptos erudire tramite:
Aus dieser Ausdrucksweise entnehme
ich, daß der Unterricht im Griechischen
sich nur auf einzelne grammatikalische
Erscheinungen bezog. — doctis tradi-
turum = die in den Kenntnissen bereits
Fortgeschrittenen , Gegensatz suscepti,
d. h. die in die schola palatina Auf-
genommenen. — Gamalihel doctor legis,
zu dessen Füßen der Apostel Paulus saß
(Act. Apost. 5, 34; 22,3).
11 Während Karl im Jahre 781 sich
in Rom aufhielt, warb die Kaiserin Irene
für ihren zehnjährigen Sohn Konstantin
um die Hand von Karls achtjähriger
Tochter Rothrud (Abel I 386). Diese Ver-
lobung wurde 787 wieder aufgelöst (Abel
1 569). — Michaele comitante: Michael
war ein griechischer Gesandter, vgl. M.
G. Epp. IV 547, 16; 556, 20). — sollers:
Rothrud wird auch sonst we^en ihrer
geistigen Vorzüge gerühmt, vgl. Angil-
bert Poet. I 361 v. 43 Rotthrud Carmen
amat, mentis clarissima virgo. — ad
tenenda sceptra regni vgl. Petrus XXI 18
nunc regni sceptra tenentis. — transi-
tura properat: Damit ist jedenfalls nur
gemeint, daß die Prinzessin zu dieser
Vermählung Vorkehrungen trifft. Dahn
(S. 47) liest aber in diesen Worten die
Andeutung, daß diese schon in aller-
nächster Zeit stattfinde. Da nun die
Prinzessin 781, im Jahre ihrer Verlobung,
nicht älter als neun Jahre war, so wäre
der früheste Zeitpunkt ihrer Vermählung
das Jahr 785, wo sie ungefähr das Alter
ihrer Mutter Hildegard, die zwölf Jahre
alt sich mit Karl verheiratete (vgl. XXVI
21 Anm.), erreicht hätte. Nach der Dahn-
schen Erklärung der Stelle wäre also
unser Gedicht erst 784/785 entstanden,
was aber der sonstige Inhalt (vgl. Vor-
bem.) nicht als annehmbar erscheinen läßt.
XIII.
Antwort des Paulus.
Ich habe wohl gemerkt, von wem die mir überbrachten Zeilen
stammen. Das mir gespendete Lob erscheint mir als Ironie und
Spott. Nie nahm ich mir jene heidnischen Dichter, mit denen ich
verglichen werde, zum Vorbild (1 — 5). Meine Kenntnisse im Grie-
chischen und Hebräischen sind sehr gering, bilden aber meinen ein-
zigen Reichtum und ich kann nichts anderes zum Geschenke machen
als diese und meinen guten Willen. Was mich hier festhält, ist nicht
Ruhmsucht, es ist der Anker eurer Liebe (6 — 9).
Wenn die Kleriker im Gefolge Deiner Tochter nur so viel
griechisch reden, als sie von mir gelernt haben, dann werden sie
wie Statuen erscheinen und verlacht werden. Aber einen Beweis,
daß ich nicht ganz unkundig in den Sprachen bin, will ich geben.
Dies lernte ich als Knabe, das andere entschwand mit den Jahren
(10 — 12).' — Daran schließt sich die auch sonst bekannte römische
Obersetzung eines griechischen Epigramms ohne den zugehörigen,
von Paulus vergessenen Schluß.
Man hätte erwartet, daß Karl für die segensreiche Tätigkeit des
Paulus nicht bloß anerkennende Worte haben, sondern ihm die Er-
füllung seiner Bitte, wenn auch nicht sofort gewähren, aber doch
wenigstens in Aussicht stellen würde. Daß auch Paulus dies er-
wartete, beweist seine Antwort. Sie ist in sehr zurückhaltendem, manch-
mal sogar kühlem Tone gehalten. In dem ganzen Gedicht, das an Karl
gerichtet ist, bringt er keine andere Anrede in die Feder als gegen
den Schluß rector (10,2). Man vergleiche nur die anderen am Hofe
Karls entstandenen Gedichte und man wird dann diesen Punkt nicht
als belanglos ansehen. Während Petrus zwei volle Strophen (6 u. 8)
54 K^rl Neff, Gediclite des Paulus Diaconus.
dazu verwendet um Paulus zu versichern, wie man ihn schätze, und
wie viel Karl daran liege ihn, der nunmehr frei über seinen Auf-
enthaltsort verfügen könne, an seinem Hofe festzuhalten, bringt
Paulus mit einfacher Verwendung des von Petrus (8,3) gebrauchten
Bildes nichts anderes als die sehr geschraubten und gewundenen
Worte : anchora me sola vestri hie amoris detinet, nectar omne quod
praecellit qaodqae f lagrat optime. Wenn er anfügt, daß ihn nicht
eitle Ruhmsucht festhält, so konnte Karl zwischen den Zeilen lesen,
daß dem Paulus als Ziel viel mehr die Befreiung seines Bruders vor-
schwebte und daß diese ihm erwünschter war als das maßlos ge-
spendete Lob.
Von besonderer Bedeutung scheinen mir Str. 7 u. 8 zu sein.
Mit der auffallenden durch zwei Strophen hindurchgehenden und
durch nichts im Gedichte des Petrus veranlaßten Äußerung, daß er
keine materiellen Güter besitze und nicht wie andere solche zum
Geschenk machen könne, will er Karl in verblümter Weise nur sagen:
könnte ich Dir Schätze bieten, wäre mir meine Bitte vielleicht schon
erfüllt worden. Wahrscheinlich enthält auch die Stelle 7,3: vitam
litteris ni emam in ihrer doppeldeutigen Ausdrucksweise, insofern
als er nicht sagt, wessen Leben er gleichsam durch seine wissen-
schaftliche Tätigkeit erkaufen möchte, eine stille Mahnung.
Wenn man das ganze Gedicht überblickt, so erkennt man, wie
fein Paulus dem König zu verstehen gibt, daß er sich mit Lob nicht
abspeisen läßt und bis jetzt keinen Grund hat die Zusage seines
Bleibens zu geben.
L Sensi, cuius verba cepi exarata paginis,
nam a magno sunt directa, quae pusillus detulit.
Portes me lacerti pulsant, non inbellis pueri.
Versus Pauli P f. 123v— 124.
1,1 coepi P.
1 verba exarata: Worte, die ent- 1 mer), carta mit einem campus candidolus
standen, indem man die Wachstafel mit i (campi albentes), die Zeilen mit Furchen
dem Griffel durchfurchte. Auch in der
karolingischen Zeit wurde ein Gedicht
zuerst auf einer Wachstafel niederge-
schrieben; für scribere wird daher mit
Vorliebe arare, perarare, sulcare, chara-
xare gebraucht; penna wird mit einer
zweigespaltenen Pflugschar (bifidus vo-
(occae) verglichen (XIX 1 u. 2) ; vgl. Poet.
I 361 V. 45. — a magno sunt directa,
quae pusillus detulit: Karl ist der Ab-
sender und ein Page der Überbringer
des Schreibens; an einer anderen Stelle
(XVIII 6) ist es ein Adjutant des Königs
(clarus miles).
Antwort des Paulus.
65
2. Magnus dicor poetarum vatumque doctissimus
omniumque praeminere gentium eloquio
cordis et replere rura fecundis seminibus.
3. Totum hoc in meam cerno prolatum miseriam,
totum hoc in meum caput dictum per hyroniam.
Heu, laudibus deridor et cacinnis obprimor.
4. Dicor simihs Homero, Flacco et Vergiho,
similor Tertullo seu Philoni Memphitico,
tibi quoque, Veronensis o Tibulle, conferor.
5. Peream, si quenquam horum imitari cupio,
avia qui sunt sequuti pergentes per invium;
potius sed istos ego conparabo canibus.
2,1 doctissimos P \\ 2,2 preminere (einige Male o, für ae) P \\ 4,2 similor aus
simulor corr. P \ philoni aus philom com P \\ 5,2 auia mit c über u P.
2 entspricht der 4. Str. im voraus-
gehenden Gedicht.
3 Beachte die wirkungsvolle Ana-
phora verbunden mit Reim. — in meam
miseriam: „Das ganze Lob ist nur vor-
gebracht worden um mir meine Arm-
seligkeit, das, was mir fehlt, recht zum
Bewußtsein zu bringen,und alles ist Ironie";
in meum caput = in me, vgl. XXII 22
deridetque meum caput. — heu: Die
handschriftliche Überlieferung ist beizu-
behahen; heu ist zweisilbig gebraucht
wie seu,ceuA,2 und XV^Q, 1, vgl. Traube,
Karolingische Dichtungen S. 112 ff. und
O Roma nobilis, Abh. d. I. Cl. d. Akad. d.
Wiss. XIX Bd. II S. 320. — deridor: Ver-
tauschung der Konjugation, vgl. XIII 11
deridentur, XXII 22 deridet (beides als
Fut. gebraucht); X 6 stuperent.
4 bringt die Antwort auf XII 5. —
Veronensis o Tibulle: Paulus verwechselt
den aus Verona stammenden Catullus mit
Tibullus. Von diesem sind alte Hand-
schriften nicht überliefert, er war aber
den Karolingern nicht ganz unbekannt.
5 avia qui sunt sequuti pergentes
per invium: Beachte das Wortspiel avia-
invium. Paulus verwahrt sich gegen
einen Vergleich mit den in Str. 4 ge-
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA
nannten Männern, die das vom rechten
Weg Abliegende im Auge hätten und
dabei durch Unwegsames gingen. Er
will damit sagen, daß diese Schriftsteller
als Heiden in der Irre gehen, da sie nicht
den rechten Weg einschlagen, den allein
das Christentum zeigt, und Dinge zu er-
gründen suchen (pergentes per invium) ,
wie der Philosoph Philo, die dem mensch-
lichen Geist versagt sind (vgl. Verg. Aen.
II 736 avia cursu dum sequor et nota
excedo regione viarum). — potius sed
istos ego conparabo canibus: Dieser
Vergleich erscheint befremdend, da Pau-
lus ein so gelehriger Schüler der Antike
ist, aber er gebraucht ihn vielleicht in Er-
innerung an Matth. XV 26, wo Jesus die
Heiden auch mit Hunden vergleicht im
Gegensatz zu den oves domus Israel.
Möglich ist aber auch, daß Paulus sagen
will: Jene Schriftsteller laufen, eben weil
sie nicht den rechten Weg, nämlich den
des Christentums gehen, wie die Hunde,
bald hierhin bald dorthin. Im ähnlichen
Sinne sagt Alcvin Poet. I 279 v. 121— 123:
Converti ad dominum ne tardes tra-
mite recto;
Doctrinis etiam variis non flexilis esto,
Te via nam domini teneat firmissima;
III, 4. 5
66
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
6. Graiam nescio loquellam, ignoro Hebraicam.
Tres aut quattuor in scolis quas didici syllabas,
ex his mihi est ferendus maniplus ad aream.
7. Nulla mihi aut flaventis est metalli copia
aut argenti sive opum, desunt et marsuppia.
Vitam Htteris ni emam, nihil est, quod tribuam.
8. Pretiosa quaeque vobis dona ferant divites,
aHi conportent gemmas Indicosque lapides:
meo pura tribuetur voluntas in munere.
9. Anchora me sola vestri hie amoris detinet,
nectar omne quod praecellit quodque flagrat optime.
Non de Htteris captamus vanae laudem gloriae.
6,2 scolis aus scoli corr. P \\ 8,2 conportent aus conportant corr, ? P.
Sedul. carm. pasch. I 300:
Arrius infelix, qui curvaperavia rectum
Flectere nisus iter, foveam delapsus in
atram;
vgl. auch Poet. I 82, 22.
6 in scolis didici: Darin liegt kein
Widerspruch, wie Dahn S. 10 behauptet,
mit den Angaben Hildrichs, des Ver-
fassers der Grabschrift des Paulus (unten
XXXVI 14): divino instinctu regalis pro-
tinus aula te sumpsit alendum. Paulus
wurde in der schola palatina in Pavia
unterrichtet, vgl. Bern, zu XXXVI 15. —
ferendus maniplus ad aream: Er muß
eine Handvoll der Öffentlichkeit über-
geben.
7 — 8 Ein Vergleich unseres Gedichtes
mit dem vorausgehenden zeigt, daß Paulus
in seiner ebenfalls zwölf Strophen um-
fassenden Antwort auf jede Strophe des
Petrus erwidert, nur 7 und 8, wo Paulus
hervorhebt, daß er nicht im Besitze von
Schätzen sei, sind durch keine Andeu-
tung im vorhergehenden Gedicht ver-
anlaßt; vgl. Vorbem. — nulla flaventis
metalli copia vgl. Brief an Theudemar
(XIV 35) nullae me, credite, divitiae,
nulla praedia, nulla flaventis metalli
copia a vestro poterunt separare col-
legio; vgl. auch VI 132 und Brief an
Adalhard (XXXI am Anfang). — con-
portent ist in Rücksicht auf ferant ein-
zusetzen. Die Reichen mögen kostbare
Geschenke aller Art geben, er kann nur
seinen guten Willen anbieten, d. h. seine
Bereitwilligkeit das zu erfüllen, was Karl
von ihm wünscht. — gemmas Indicosque
lapides: vgl. XXVI 6 Indica gemma;
Anh. \\2 et rutilat vario Indus honore
lapis. Damit kann der Beryll gemeint sein
(vgl. Isid. Etymol. XVI cap. 7 Beryllus in
India gignitur, gentis suae lingua nomen
habens) oder auch die Perle, vgl. Plin.
nat. bist. IX 106 culmen omnium rerum
pr etil mar gar itae tenent. Indiens maxime
has mittit oceanus.
9 nectar quod flagrat optime: Die
Verwechslung von fragrare, f lagrare und
auch fraglare findet sich in den Hand-
schriften sehr häufig (vgl. Poet. I 3 v. 8;
98 v. 14; 128 V. 67, 133 Str. 3 u. 5; Index
zu Poet. III). Hier erwartet man frag-
rare, vgl. Poet. I 261 V. 34 et totum
redolet pectus amore dei; Poet. I 79
V. 9 Romanis blando quantum frag-
lavit (flagravit G) amore. Die Ver-
wendung von flagrare, wenn von Liebe
die Rede ist, lag näher; vgl. auch Grab-
schrift Hildrichs XXXVI v. 33 nectareus
et pacis amor. — non de Htteris cap-
tamus laudem: Paulus will sich nicht
durch wissenschaftliche Tätigkeit Be-
Antwort des Paulus.
67
10. Nee me latet, sed exulto, quod pergat trans maria
vestra, rector, et capessat sceptrum pulchra filia,
ut per natam regni vires tendantur in Asiam.
11. Si non amplius in illa regione clerici
Graecae proferent loquellae, quam a me didicerint,
vestri, mutis similati deridentur statuis.
12. Sed omnino ne linguarum dicar esse nescius,
pauca, mihi quae fuerunt tradita puerulo,
dicam; cetera fugerunt iam gravante senio:
11,2 proferent Traube, proferunt P \ loquillae P
aus i corr. P \\ 12,1 dicä P.
dedicerint das erste e
rühmtheit verschaffen, sondern nur Gott
dienen. Diese Worte bilden die Erwide-
rung auf XII 10: nunc surrexit gloria. —
laudem gloriae: Ähnliche Ausdrucks-
weisen sind in der karolingischen Zeit
häufig, vgl. Index zu Poet. III unter
abundantiae exempla.
10 gibt die Antwort auf XII, 11. —
ut per natam regni vires tendantur:
Paulus schließt sich in dieser Strophe
enge an die Worte Karls an, setzt aber
statt iubente Christo, worauf Bezug zu
nehmen ihm eigentlich näher lag, den
wahren Grund und beweist dadurch, daß
er die politischen Verhältnisse wohl im
Auge behalten hat.
1 1 proferent wurde in Rücksicht auf
didicerint und deridentur (vgl. Bern, zu
Str. 3) eingesetzt.
12 dicar esse nescius: Da die
überlieferte Lesart dicam esse nescius
nicht dem Sprachgebrauch des Paulus
entspricht, so wurde die auch inhaltlich
mehr entsprechende dicar gewählt. Da-
mit man nicht sage, er habe überhaupt
keine Sprachenkenntnisse besessen, so
fügt er die lateinische Übersetzung fol-
genden griechischen Epigramms {^Xdxxov
Anth. Pal. VII 542) bei:
"Eßgov x^i/^isgioig äzalog XQVfÄoToi ÖE'&Evxog
HovQog ohoßrjQoTg tzooölv ed QavosTidyov ,
zov JtagaovQOfisvoio nsQiQgaysg av/Jv'
sxoyjsv
drjyaXsov jtozaf-iov Biarovioio xQvcpog.
5 Kai t6 [a,£v rjQTidad^rj divaig f^sQog' t] ds
XEXovoa
Xeicpdlv vjiSQ'ßs xdcpcp fxovvov edrjXE
xdga.
MvQOfXEvrj 8s xdXaiva 'xixog, xixog' eIjze
'x6 (JLEV aov
TivQxal'rj, x6 8e oov Jitxgov £§ayj£v vScoq.'
Paulus kann damit nicht etwa den Be-
weis liefern wollen, daß er imstande sei
ein griechisches Original in poetischer
Form zu übersetzen, sondern nur, daß er
in seiner Jugend die bereits lange vorher
übersetzten lateinischen Verse kennen
gelernt habe. Die Worte pauca, mihi
quae fuerunt tradita puerulo, dicam etc.
sagen, daß er das Gedicht aus der Er-
innerung wiedergibt, das ihm einst sein
Lehrer vorlegte, und daß ihm nicht
alles mehr im Gedächtnis geblieben ist.
— iam gravante senio: Damit ist nur
gesagt, daß er sich schon alt fühlt. Da
sein Geburtsjahr nicht überliefert ist,
so kann man nur unbestimmte Angaben
machen. Nehmen wir an, daß er als Gast
an der königlichen Tafel (Hist. Lang, II 28)
des Ratchis, der 744 zur Regierung kam,
mindestens 18 Jahre alt war, dann fällt
seine Geburt ungefähr ins Jahr 726 und
er war demnach bei Abfassung dieses
Gedichtes (783) bereits 57, im Jahre 786,
wo er nach Montecassino zurückkehrte,
60 Jahre.
5*
68
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
DE PUERO QUI IN GLACIE EXTINCTUS EST.
Trax puer adstricto glacie dum ludit in Hebro,
Frigore concretas pondere rupit aquas.
Dumque imae partes rapido traherentur ab amni,
Praesecuit tenerum lubrica testa caput.
Orba quod inventum mater dum conderet urna,
*Hoc peperi flammis, cetera,' dixit, 'aquis'.
Vgl. die handschriftliche Überlieferung bei Baehrens, Poet. lat. min. IV 103
und Riese, Anthol. lat.^ Nr. 709 S. 174. Demnach sind zwei Versionen zu unter-
scheiden, die eine vertreten durch einen cod. Bellovacensis = W, die andere, hier
wiedergegebene durch P.
1 dum ludit in Hebro] cum luderet Hebro 1^ |1 2 concretas] frenatas l^|l
3 dumque] cumque W \ rapido traherentur ab amni] fundo raperentur ab imo W \\
4 praesecuit tenerum] abscidit a iugulo U^ |1 5 orba quod] quod mox W \ urna]
igni W II Bei W finden sich noch die Verse:
Me miseram! Plus amnis habet solumque reliquit,
Quo nati mater nosceret interitum.
Aus Strophe 12 geht hervor, daß
wir keine selbständige Arbeit des Paulus
vor uns haben, wie Riese a. a. O. und
M. Rubensohn behaupten (Neue Jahr-
bücher für Philol. und Pädagogik CXLVII,
1893, S. 764: „Eine Übersetzung des
Paulus Diaconus aus der griechischen
Anthologie"). W überliefert wohl die
ursprüngliche Übersetzung, wie sie Pau-
lus in der Schule kennen lernte, P die
von ihm aus dem Gedächtnis nieder-
geschriebene. Daher die Vertauschung
des cum mit dem ihm geläufigeren dum,
daher die Änderung in v. 3, die beweist,
daß ihm nur noch der Klang im Ohre
geblieben war, daher das Fehlen des
letzten Distichons.
XIV.
Brief an Theudemar.
'Wenn ich auch räumHch getrennt bin, weilt mein Herz doch
stets bei Euch und die Erinnerung an all das, was ich verlassen
mußte, erfüllt mich mit Wehmut (1 — 15). Trotz der guten Aufnahme,
die ich überall fand, erscheint mir der Palast wie ein Kerker und ich
sehne mich nach dem Frieden Eures Klosters (16 — 26). Nichts soll
mich abhalten zu Euch zurückzukehren, sobald der Herr des Himmels
von mir die Nacht der Trauer und von den Meinen das Joch der
Knechtschaft wegnimmt und mir die Gnade des Fürsten dazu die
Erlaubnis gibt. Betet für mich zu Benedikt, daß Gott mich bald
heimsende (27—43).
Schreibt mir, wie es Euch und den Brüdern geht, welchen Zu-
wachs ihr bekommen und wen ihr durch Tod verloren habt (44 — 58).'
Der Brief entstand im Jahre 783, wo Karl in Diedenhofen sein
Hoflager hatte (vgl. Abel I 414 Anm. 3) und zwar, wie aus der
poetischen Nachschrift hervorgeht, am 10. Januar. Diesen inhaltlich
und auch formell dem Gedicht XIII ganz nahe stehenden Brief reihe
ich nach nochmaliger Vergleichung des Parisinus lat. 528 hier an,
weil sich Paulus hier gegenüber dem vertrauten und verehrten Mann,
an den er den Brief richtet — es ist Theudemar, der Abt von Monte-
cassino (778 — 797) — , offener ausspricht als in seinem poetischen
Antwortschreiben an den König und dadurch einen tieferen Einblick
in die Stimmung tun läßt, die ihn in den ersten Zeiten seines Auf-
enthaltes am königlichen Hof beherrscht.
70 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Einst war ihm die Zelle in Montecassino als Kerker und Ver-
bannungsort erschienen (vgl. Bern, zu den Gedichten VI u. VIII), jetzt
sehnt er sich nach ihr zurück. Dieser Umschwung der Stimmung
ist nicht nur dadurch zu erklären, daß Paulus während seines un-
gefähr achtjährigen Aufenthalts sich in die klösterlichen Verhältnisse
eingelebt und sie liebgewonnen hatte (sehr anmutig ist die Art, wie
er im Geiste an den einzelnen Obliegenheiten der Kommunität teil-
nimmt [22 — 26]), sondern besonders durch den Kontrast seines
gegenwärtigen Lebens mit dem damaligen.
Da Karl mit rastlosem Geiste auf allen Gebieten des Staats-
lebens, vor allem in kirchlichen und wissenschaftlichen Dingen durch-
greifende Umgestaltungen und Verbesserungen vornahm, so stellte er
auch an seine Umgebung die größten Anforderungen und es ist kein
Zweifel, daß besonders Paulus wegen seiner vielseitigen Bildung ihm
bei der Durchführung seiner Maßnahmen mit Rat und Tat behilflich
sein mußte. Wie oft mag ihn wohl gerade in der ersten Zeit, wo
der Grund zur Hebung des wissenschaftlichen Lebens gelegt werden
sollte, Karl veranlaßt haben sich schriftlich oder mündlich über be-
stimmte Punkte zu äußern oder zur Belehrung des Königs und zur
Klärung strittiger Punkte mit einem anderen Gelehrten zu disputieren
oder zur Unterhaltung Gelegenheitsgedichte zu machen und zwar in
einer Zeit, wo Paulus nicht die entsprechende Stimmung hatte. Nimmt
man dazu die anstrengende Lehrtätigkeit, die er, wie alles andere,
mit um so größerer Gewissenhaftigkeit ausübte, als er dadurch eher
für seinen Bruder die Gnade des Königs zu erringen hoffte, so be-
greifen wir, wenn ihn eine unwiderstehliche Sehnsucht nach der be-
schaulichen Stille und Ruhe des Klosters ergriff und er an seinen
Abt die Worte schrieb: Ad conparationem vestrl coenobii mihi pala-
tium carcer est, ad conlationem tantae, quae apud vos est, guietis
hie mihi degere tempestas est.
Auch hier sagt er deutlich, daß er bei seinem Aufenthalt nur
den Zweck verfolge die Befreiung seines Bruders zu erwirken und
daß er, unbeeinflußt durch die glänzenden Aussichten, die ihm ein
Bleiben am Hofe eröffnete, heimkehren wolle, sobald es möglich sei.
Dabei aber verschweigt er nicht, daß Karl sich ihm gnädig zeigte.
Brief an Theudemar.
71
AMABILLIMO ET TOTIS MIHI PRAECORDIIS DILECTO
DOMINO MEO, PATRI ABBATI THEUDEMARI, PAULUS
PUSILLUS FILIUS SUPPLEX.
Quamvis prolixa terrarum spatia corpore tenus a vestro con-
sortio dividant, iungit me tarnen utcumque vestro coetui tenax et 5
quae dividi numquam poterit Caritas, tantusque singulis paene mo-
mentis me vester meorumque seniorum et fratrum amor excruciat,
quantum nee epistolaris valet relatio nee pagellarum exponere bre-
vitas. Cum enim menti subeunt occupata tantum in divinis operibus
otia ac mei statio hospitioli gratissima, cum vester pius et religiosus lo
affectus, cum sancta tantorum Christi militum divinis cultibus insudans
caterva, cum singulorum fratrum in diversis virtutibus exempla ful-
gentia, cum dulcia supernae patriae perfectionum colloquia, haereo,
stupeo, langueo nee inter imo pectore tracta suspiria retinere lacrimas
possum. 15
Inter catholicos et christianis cultibus deditos versor; bene me
omnes accipiunt, benignitas mihi affatim amore nostri patris Benedicti
et vestris meritis exhibetur; sed ad conparationem vestri coenobii
mihi palatium carcer est, ad conlationem tantae, quae apud vos est,
quietis hie mihi degere tempestas est. Solo ab hac patria debili 20
corpusculo teneor, tota, qua solum valeo, mente vobiscum sum.
Videorque mihi nunc suavibus nimium vestris Interesse concentibus,
nunc consedere satiandis in caenaculo plus lectione quam cibo, nunc
INCP EPISTOLA P/. 127.
6 pene (häufig e statt ae^ P \\ 9 diuinis] u auf Rasur P \\ 14 imo
über i stehen zwei Punkte und darüber ein Budistabe wie i P \ retenere P \\
16 deditos aus deditus corr. P \\ 17 benignitas Traube, benigniter P.
3 — 10 pusillus filius supplex vgl.
Anm. zum Anfang des Briefes an Adel-
perga (III). — quae dividi numquam
poterit Caritas: Ähnlicher Gedanke bei
Alcvin M. G. Epp. IV 53, 11. — occu-
pata tantum in divinis operibus otia:
In diesen Worten liegt, daß seine Tätig-
keit am Hofe meist weltlichen Dingen
gewidmet war. — cum vester: Die Ana-
phora tritt in diesem Brief besonders
häufig auf, vgl. 22, 27, 34.
11 — 14 sancta Christi militum ca-
terva vgl. 27 Sacra et venerabilis pha-
lanx; VI v. 147 u. 148 sancta phalanx. —
inter imo pectore tracta suspiria vgl.
Ovid. Met. X 403 suspiria duxit ab imo
pectore.
21 — 26 tota, qua solum valeo, mente
vgl. Brief an Adalhard XXXI inter-
ioribus oculis, quibus solis valeo. — ad
instar auch sonst von Paulus gebraucht
Gest. epp. Mett. SS. II 267; Hist. Lang.
I 14; IV 47.
72
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
singulorum considerare in diversis officiis studia, nunc gravium iam
25 senio seu languidorum, quomodo quisque valeat, perdiscere causas,
nunc ad instar mihi paradisi dilecta sanctorum terere limina.
Crede, pater et domine, crede sacra et venerabilis phalanx, solo
me affectu misericordiae, solis pietatis precibus, solis animae hie
profectibus ad tempus detineri; et, quod his est ampHus, tranquilH
30 nostri regis et domini potestate. Ceterum quam primum valuero et
mihi caeH dominus per pium principem noctem maeroris meisque
captivis iuga miseriae demiserit, si tamen quomodocumque clemen-
tissimi principis iocundum quivero emereri permissum, mox ad vestra
consortia nulla aha, vita comite, detentus occasione repedabo. Nullae
35 me, credite, divitiae, nulla praedia, nulla flaventis metalli copia, nullus
quorumlibet affectus a vestro poterunt separare collegio.
Te itaque, pater dulcissime, vosque, o carissimi patres et fratres,
inploro, pro me continue beatissimum communem patrem et prae-
ceptorem poscere dignamini Benedictum, ut suis apud Christum ob-
40 tineat meritis, ut me quantocius dignetur reddere vobis. Spero equi-
dem in deo nostro, qui numquam in bonis patitur desideriis quem-
quam fraudari, quod me secundum anhelantis mei cordis desiderium
vobis citius restituat cum congruo fructu.
26 terrere P \\ 27 phallanx P \\ 28 me] mea P \ precibus Waitz, patri-
bus P, visceribus Lebeaf \\ 29 deteneri P \ tranquilli Dahn, tranquill a P |1
31 meis qua P \\ 34 decentus P \\ 35 me credite nicht lesbar P \ flaventis aus
labentis corr. P \\ 36 a vestro] auexo P \\ 39 obteneat P \\ 40 quantotius P.
27 — 29 solo me affectu misericordiae:
In diesen Worten gibt er deutlich an,
was ihn noch festhäU, nämlich das Ge-
fühl des Mitleids für die Seinen, ihre
Bitten und der Gewinn, den er durch
ihre Befreiung für seine Seele erringt;
damit kann er seine innere Ruhe meinen
oder das angenehme Gefühl anderen
Gutes getan zu haben. — tranquilli
nostri regis et domini potestate: Daß
Karl ihn nicht fortlassen will, ist deutlich
auch in XII 6 u. 8 ausgedrückt; vgl. auch
XIII 9 ancora me sola vestri hie amoris
detinet; man beachte auch, daß er Karl
immer den gnädigen Fürsten nennt (tran-
quillus, pius, clementissimus) .
31 — 35 mihi noctem maeroris meis-
que captivis iuga miseriae: Mit der Be-
freiung der Gefangenen schwindet auch
seine Trauer, vgl. zum Gedanken XXI
v. 12 taetro maerore relicto; v. 9 quod
tepost tenehras fecit cognoscere lumen. —
nulla flaventis metalli copia: Diese wört-
lich in XIII 7 von Paulus gebrauchten
Worte bestätigen die nahen Beziehungen
zwischen diesem Gedicht und unserem
Brief.
40 — 52 ut me quantocius dignetur
reddere vobis: In den prosaischen Schriften
des Paulus finden sich nicht selten Vers-
schlüsse oder ganze Verse, vgl. Neff,
De Paulo D. Festi epitomatore p. 8. —
cum congruo fructu: Mit dem ent-
sprechenden Erfolg meint er die Be-
freiung der Gefangenen. — pro nostris
dominis eorumque exercitu: Es ist nicht,
Brief an Theudemar.
73
Superfluum vobis aestimo, ut effundatis preces pro nostris
dominis eorumque exercitu, scribere, cum sciam vos in hoc ipso 45
semper insistere; pro domno illo abbate, sicut et facitis, Christum
deposcite, cuius hie singulari post principalem munificentiam nutrior
largitate. Tanta mihi, carissimi, vestra illuc copia existit, ut, si vehm
vos singulariter nuncupare, tota haec vestris nominibus pagina non
possit sufficere. Unde generahter omnibus et opto et scribo salutem, so
obsecrans, ut non obHviscamini mei. Te vero, mi domine et vene-
rabihs abba, seu quicumque es, nonne praeposite, peto, ut mihi scribi
faciatis de vestra fratrumque salute, vel quales vobis fructus praesens
annus adtulerit; utque eorum fratrum mihi dirigatis cum nominibus
numerum, qui mundanis exuti vincuHs migrarunt ad Christum. Nam 55
plurimos obisse audio; sed nominatim nonnum illum, qui, si vere ita
est, mei cordis partem non modicam abstuHt secum. Vale, pater
sanctissime, et memor esse dignare fiUoU tui.
lam fluebat decima de mense diecula lani,
Margine de vitreae cum sum directa Mosellae. ^
Cum patre melHfluo, fratres, sine fine valete!
48 ex istit P \
und i eine Rasur P
wischt P.
ut aus et corr. P \ uellim P \\ 56 nominatim] zwisdien t
I 59 diecula] deicola? P \\ 60 mosellae fast ganz ver-
wie Dahn S. 31 will, an Karl und seine
Söhne Pippin und Ludwig zu denken,
da diese seinem Herzen noch ferne stehen
und ihm noch als die Feinde seines
Vaterlandes und seiner Familie erscheinen.
Er bezeichnet damit Äbte oder Kloster-
vorstände mit ihren Mönchen, vgl. XIV 11
sancta Christi militum caterva. — dom-
no ilL: Möglicherweise stand an Stelle
des ///. der Name Adalhards, des Abtes
von Corbie an der Somme, der infolge
seiner Bekanntschaft von Montecassino
her sich jedenfalls des Paulus annahm,
als er am Hofe Karls erschien (vgl. Vor-
bem. zu XXXI). — seu quicumque es,
nonne praeposite: Schon Lebeuf erschie-
nen diese Worte auffähig und er änderte
deshalb quocumque es nomine. Bethmann
nimmt an, daß dies ein Zusatz ist, der
nachträglich gemacht wurde, als man den
Brief für die Klosterschule als Muster ab-
schrieb. Dem Schüler soHte gesagt werden,
daß er, wie hier Paulus seinen Abt anredet,
er die Anrede zu wählen habe, die seinem
Adressaten zukommt. Man kann auch
denken, daß Paulus, lange ohne Nach-
richt von Montecassino geblieben, die
Möglichkeit nicht ausschließen will, daß
an Theudemars Stelle, der abwesend oder
gestorben sein könnte, ein anderer älterer
Bruder den Brief in Empfang nimmt.
53 quales fructus: Paulus erkundigt
sich, wie der Zusammenhang ergibt, nicht
nach der Ernte, sondern nach dem Zu-
gang neuer Mönche.
59 fluebat: vgl. die Anm. zu X 6. —
Die Verse bilden gleichsam die Adresse
zu dem Brief, vgl. XXXIX.
XV.
Grammatische Rhythmen.
In diesen beiden rhythmischen Gedichten werden 40 Perfekt-
formen der vier Konjugationen aufgezählt und zwar so, daß das
II. Gedicht einen Nachtrag zum I. liefert.
Sie sind in der Pariser Handschrift lat. 7530 (Q) überliefert,
wo f. 5^ eine prosaische Abhandlung de speciebus praeteriti perfecti
beginnt. Daran schließt sich f. 7^ der I. abecedarische Rhythmus.
Ihm folgt f. 8 ein II. aus 10 Strophen bestehender, deren Anfänge
die Worte Paulus feci bilden.
Schon die ersten Herausgeber (Nouveau traite de diplomatique
I 293), dann Dümmler (Poet. I 625) und Traube (Neues Archiv XV 200)
erkannten darin ein Werk des Paulus Diaconus, denn dieser be-
schäftigte siciT viel mit grammatikalischen Studien (vgl. die Ausgabe
seines dialogisierten Donat von Amelli, Montecassino) und war am
Hofe Karls auch als Lehrer der Grammatik tätig. Er ist ferner der
Verfasser andrer rhythmischer Gedichte und verwendete auch sonst die
Form des Akrostichons (II und XVI).
Das wichtigste Beweismittel bietet aber die handschriftliche Ober-
lieferung. Die in beneventanischer Schrift geschriebene Pariser Hand-
schrift stammt ohne Zweifel aus Montecassino und P. Lejay (Revue
de Philologie XVIII 42 — 52) verlegt ihre Abfassungszeit ins Jahr 779.
Traube bezweifelt aber, daß der Parisinus mit den Rhythmen
des Paulus „soas ses yeux oa du moins par ses ordres" entstanden
sein könne, da er dafür zu fehlerhaft geschrieben sei; er hält es für
möglich, daß er aus einer älteren Vorlage vom Jahre 779 abgeschrieben
wurde (Traube, Textgesch. S. 112). Zur Entscheidung dieser Frage
ist zunächst festzustellen, daß die Darstellung in formeller und inhalt-
licher Beziehung die Annahme zweier Verfasser fordert und der
I. Rhythmus nicht von Paulus verfaßt sein kann.
Grammatische Rhythmen.
75
Da er nichts anderes ist als eine rhythmische Bearbeitung der
Grammatik des Diomedes, so haUe ich es für sehr wahrscheinlich,
daß er erst entstand, als Adam die Bibliothek Karls mit einer Ab-
schrift der Grammatik des Diomedes bereicherte, wofür er mit der
Abtei Wasmünster belohnt wurde (Poet. I 93 c.VI), also nicht vor 780.
Weil nun Karl im nämlichen Jahre die wissenschaftlichen Studien an
seinem Hofe neu belebte, so liegt der Gedanke nahe, daß der um die
gleiche Zeit von ihm berufene Grammatiker Petrus von Pisa, sein
Lehrer in der Grammatik, im Jahre 781 den Diomedes rhythmisch
behandelte um ihn dadurch leichter zu Lehrzwecken verwenden zu
können. Als aber Paulus Diaconus im Jahre 782 an den karolingischen
Hof kam und seine Lehrtätigkeit begann (vgl. XII 7 cum grammaticae
Latinis fecundare rivalis non cesses), verfaßte er den II. gramma-
tischen Rhythmus, das Resultat eigener Studien, zur Ergänzung des I.
Beide bildeten dann als ein Ganzes die Grundlage für die grammati-
kalischen Unterweisungen am Hofe. Als Paulus wieder nach Monte-
cassino zurückgekehrt war, also nach 786, wurde die Abschrift ge-
macht, die wir im Parisinus vor uns haben. Verlegt man mit P. Lejay
die Entstehung unserer Rhythmen in das Jahr 779, in dem Paulus
Diaconus noch als Verbannter in Montecassino lebte, so könnten wir
folgern, daß er schon hier als Lehrer der Grammatik tätig war.
Die vielen Fehler, die sich in beiden Rhythmen und besonders im
I. finden, lassen es aber als vollkommen ausgeschlossen erscheinen,
daß wir im Parisinus eine erste Niederschrift oder etwa das Hand-
exemplar des Paulus haben.
L Adsunt quattuor in prima iunctione species:
'a' ex eis prima habet in perfecto tempore,
una syllaba plus, ut est famulavi famulo.
2. Bino loco constituta est secunda species,
quae 'a' vitat et in solam 4' vocalem desinit
sine Ulla consonante, ut est sono sonui.
1 vgl. Diomedisart.gramm.I (Gramm,
lat. ed. Keil I 364, 15 (Coniugationis
primae temporis perfecti formae sunt
quattuor . . . prima est, in qua semper
'a' inest et una abundat syllaba . . .
famulo famulavi.
2 Diom. p. 365, 25 Secunda forma
est, quae ... 'a' libentius vitat et in 'i'
littcram purum desinit milla duce con-
sonante, ut est sono sonui.
76
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
3. Continetur isto modo tertia iam species,
alebh litteram non habet atque eius syllabae
iteratio fit, sicut obsto obstas obstiti.
4. Dicam <iam> de forma quarta, quae sie solet fieri:
in 'vi' syllaba finitur, sed transacto tempore
prima brevis prolongatur, lavo lavi <sic>ut est.
5. Ecce quinque formis adest secunda coniunctio,
cuius prima in 'i' cadit absque consonantibus,
cuius tale est exemplum: splendui et splendeo.
6. Forma sequitur secunda, quam si cupis discere,
mox dicemus: est correpta instanti in tempore,
sed producitur perfecto, sedeo ut sedi est.
7. Genus tertiae iam modo formulae dicendum est:
terminatur *i', sed prima geminata syllaba,
ut est spondeo spopondi, quae perit conposita.
8. Hinc iam quartae prosequamur ordinem speciei,
cuius terminum 'si' tenet ultima conplexio,
haereo ut est et haesi et arsi et ardeo.
9. Inde quinta in 'xi' exit, ceu ruxi luxi est.
Vidi quoque sive prandi aut nullius formulae
verba sunt aut sextam sibi vindicabunt speciem.
3,2 atque eius] et eiusdem Dümmler \\ 4,1 iam fügte Dümmler ein ||
4,3 brebis Q \ labo Q \ ut (?, sicut Dümmler \\ 5,1 coniugatio Q, corr. Dümmler \\
6,1 qua si Q \\ 7,3 spopondiq Q, corr. Dümmler \\ 8,3 et hes. Q \\ 9,1 exit] exi Q.
3 atque eius syllabae: nämlich die-
jenige Silbe, die 'a' nicht hat. Es ist
nicht nötig mit Dümmler et eiusdem
syllabae zu schreiben; vgl.Diom.p.366,7
Tertia forma est, qua 'a litter a eximitur
et iteratio syllabae fit, ut . . . obsto
obstiti.
4 Diom. p. 366, 17 Quarta species
in 'vi' quidem syllabam desinit, sie ta-
men ut prior syllaba, quae in praesenti
correpta fuerat, perfecto tempore pro-
ducatur, ut lavo lavas lavi.
5 Diom. p. 366, 21 Secundae con-
iugationis formae sunt quinque: prima
est, quae in '/' litteram cadit nulla duce
consonante, splendeo, splendui.
6 Diom. p. 366, 31 Secunda forma
est, qua prima syllaba ex correpta per-
fecto producitur, sedeo sedi.
7 Diom. p. 366, 33 Tertia forma
est, quae desinit quidem in '/' litteram
praepositis consonantibus variis, sed
inceptiva verbi littera sive syllaba ge-
minata, ut . . . spondeo spopondi . . .;
adiecta vero praepositione geminatio
cessat syllabae.
8 Diom. p. 367, 5 Quarta forma est,
quae desinit in 'si' syllabam, ut . . .
ardeo arsi, haereo haesi.
9 ceu ist zweisilbig zu lesen, vgl.
oben S. 65 (Anm. zu XIII); es ist aber
nicht ausgeschlossen, daß ruxi vel luxi
Grammatische Rhythmen.
77
10. Koniugationis novem tertiae sunt species,
coniugationis primae quarum prima quidem est:
alfam habet in 'vi' cadens, pasco pavi quäle est.
11. Lucide dicamus eia de secunda specie:
multiformis haec *i' tenet nulli iunctam grammati;
colo colui, exemplum si requiras, istud est.
12. Modus tertiae iam formae a nobis dicendus est,
cuius inceptiva semper syllaba gemella est,
ut est pungo et pupugi, nam et punxi lectum est.
13. Namque quartae normae (modus) non praetereundus <est>,
cuius clausulam supremam *es' et 'iota' retinent:
ludo lusi hoc utuntur exemplo grammatici.
14. Optat si quis quintam scire, sensum huc accomodet:
in 'xi' longa haec desistit, ut cinxi vel coxi est,
sunt et alia, quae versus non valet recipere.
10,1 Koniugationis] g auf Rasur Q \\ 10,3 habens in ui cadens Q, habens
in 'vi' cadit Dümmler \\ 11,2 multiformem Q \\ 12,1 est] dicendus eius Q, corr.
Dümmler \\ 12,2 syllaba] b auf Rasur Q \ gimella Q \\ 13,1 modus und est
von Dümmler hinzugefügt \\ 13,2 clausula Q \ iotam Q \\ 13,3 lusi] ludi Q,
corr. Dümmler.
est die richtige Lesart ist, vgl. 14, 2 in
'xV longa haec desistit, ut cinxi vel
coxi est; Diom. p. 367, 10 Quinta forma
est, quae extrema syllaba in 'xi' litteras
cadit ut . . . rugeo ruxi, lugeo luxi . . .
Duo sane verba video et prandeo, quae
nullius formae regulam servant, aut
rede excipientur aut sextam sibi for-
mam vindicabunt, ut video vidi, prandeo,
prandes prandi.
10 alfam habet in vi cadens: diese
Lesart wurde besonders in Rücksicht auf
3,2 und auf die Stelle bei Diom. p. 367, 18
gewählt: Coniugationis tertiae . . . for-
mae sunt novem. Prima est, quae desinit
quidem in 'vi' syllabam, sed ... 'a'
habet . . . ut pasco pavi.
11 multiformis haec sc. species: Wie
vielgestaltig diese Art ist, ersieht man
aus den bei Diom. p. 367, 21 angegebenen
Beispielen: Secunda forma in 'i' purum
litteram desinit, ut . . . colo colui . . . in-
cumbo incubui, consulo consului, pecto
pexui, pono posui, gigno genui.
12,3 nam = sed (vgL 13,1; 20,2).
Diom. p. 367, 28 Tertia forma est, quae
desinit in '/' quidem litteram appositis
variis consonantibus , sed inceptiva
verbi litte ra sive syllaba geminata in
hunc finiuntur modum . . . pungo pu-
pugi . . . sed et punxi dicimus.
13,2 Diese Lesart findet ihre Be-
stätigung in 8,2 cuius terminum 'si' tenet
ultima conplexio und in 22,2 eius sigma
atque iota retinent f ine m; iota wird nicht
dekliniert (22,2 u. 23,2); Diom. p. 369, 1
Quarta forma est, quae desinit in 'si'
syllabam, ut . . . ludo lusi.
14 Diom. p. 369, 9 Quinta forma
est, quae desinit in 'xi' syllabam, ut .
CO quo coxi, cingo cinxi.
78
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15. Post haec suo sexta loco formula concxa est,
quae 'vi' syllaba finitur <in perfecto tempore,
ut est cupio cupivi et sapivi sapio).
16. Quo na<m> ter<minetur modo septima iam praedico).
<Cui>us ter<minum *i' tenet), 'e' sedet in limine,
et ex agili pigriscit, capio ut cepi est.
17. Rite sequitur octava, quam concludit littera
consonantibus 'i' iuncta, uti verto verti est.
Oritur haec <in> instanti a persona media.
18. Superest, ut nona harum scribatur posterior,
cuius semper bis pulsatur ultima conplexio,
ut est abdidi <et abdo> sie dictum accipimus.
19. Transeamus hinc ad quartam quam nonnulli nominant
coniugationem: formis haec ex quinque prima est,
quae ut garrio garrivi in <per>fecto duplex est.
20. Venit iam secunda forma, textus tum vicesima,
'ui' namque terminatis modus litteris sonet,
ut est volo voluique, malo atque malui.
15,2 — 3 und 16,1 — 2 diese Zeilen in Q fast gänzlidi zerstört \\ 16,2 in
limine resedet (et.?) Q \\ 16,3 coepi Q \\ 17,1 sequuntur Q \\ 17,2 consonantibus]
b ist nur undeutlich zu erkennen Q \ consonanti iota Dümmler \\ 17,3 in-
stanti Q, ab instanti Dümmler \\ 18,3 et abdo fügte Traube ein \\ 19,3 infecto Q,
corr. Dümmler \\ 20,1 venit] i zwischen n und t darübergesdirieben Q \ forma
15 Diom. p. 369, 25 Sexta forma
est, quae desinit in 'vi' syllabam, ut
cupio cupivi, sapio sapivi et sapui.
16 in limine = initio vgl. VII 3
aetatis ipso limine. — ex agili pigriscit =
4,3 brevis prolongatur; Diom. p. 370, 2
Septima forma est, quae desinit in 'i'
quidem litteram, ita tamen ut instantis
syllaba prima correpta perfecto tempore
producatur, ut . . . capio cepi.
17 in instanti vgl. 6,2 instanti in
tempore; Diom. p. 370, 10 Octava forma
est, quae desinit in '/' quidem litteram,
ita tamen ut a secunda persona in-
stantis temporis venire videatur, ut . . .
verto verti.
18 Diom. p. 370, 12 Nona forma est.
quae desinit in 'di' syllabam, ita tamen
ut iteratio mediae syllabae fiat . . . ab-
do abdidi.
19 Diom. p. 370, 24 Coniugationis
tertiae productae, quam quidam quartam
nominant, formae sunt quinque. Prima
est . . . ut garrio garrivi garrii. — Dio-
medes teilt wie Donat und Probus die
3. Konjugation in die mit kurzem und
langem 'is' in der 2. Pers. Sing., Priscian
spricht nur von vier Koniugationen. Diese
werden seit Diomedes an amo doceo
lego audio gelernt (vgl. Baebler, Beiträge
zu einer Geschichte der latein. Gram-
matik im Mittelalter S. 60).
20 'ui' namque terminatis litteris
vgl. 7,2 terminatur '/'; II 2,1 'io' termi-
Grammatische Rhythmen.
79
21. X. in tertia in 'eo' vocalibus desinit,
quae ut prima in Vi' exit nee tarnen bifida est:
est exemplum eo ivi et queo similiter.
22. Ymnum Christo decantantes quartae textus formulae
scripti tenus, eins sigma atque iota retinent
finem, farcio et farsi ut solemus dicere.
23. Zeta tandem adtingentes, nunc supremae formulae,
quae 'x' habet ante iota, depromendus ordo est,
ut est sanxi: Diomedessic de his locutus est.
textus tum vicesima] formam tous tu uicesima Q, forma totius vicesima Dümmler,
in textu vicesima Traube \\ 20,2 nonaque terminaris Htteris modus resonet Q, in
'ui' qui terminatis Htteris modus sonat Dümmler, in 'ui' qui terminatis modus sonat
litteris Meyer, in 'ui'que terminalis htteris quo 'u' sonet Traube \\ 20,3 uoluique Q \
atqu(^ Q II 21,1 desinit vocalibus Dümmler \\ 22,1 textu Q \\ 22,2 scriptotenus
Dümmler \ sima Q \\ 22,3 farsio Q \\ 23,1 adtengentes Q.
natas formas, 3,1 'ui' terminatur; Diom.
p. 371, 3 Secunda forma est, quae de-
sinit in 'i' litteram puram, ut volo volui,
malo malui.
21 vocalibus desinit: Trotz des Wi-
derstreites zwischen Rhythmus und ge-
wöhnlicher Betonung ist diese über-
lieferte Stellung beizubehahen, vgl. 12,3
pungo et pupugi; 21,2 bifida est. Diom.
p. 371, 4 Tertia forma est, que desinit
in 'vi' quidem syllabam ad similitudinem
primae formae .. .ut queo quis quivi, . .
eo ivi.
22 decantantes: Der gleiche Ge-
brauch des Part. Rel. wie 23,1 adtingentes.
— eius sc. formulae. — Diom. p. 371, 13
Quarta forma est, quae desinit in 'si'
syllabam, ut farcio farsi.
23 Diom. p. 371,15 Quinta forma est,
quae desinit in 'xi' syllabam, ut sancio
sanxi.
IL
1. Post has nectit subsequentes in secunda species
septimam atque octavam sapientum Studium,
ut est deleo delevi, gaudeo gavisus sum.
1,1 species Q, specie Dümmler \\ 1,2 optavam Q.
1 in secunda sc. iunctione vgl. 2,1
ad correptam tertiam; verbinde post has
species nectit subsequentes.
80
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
2. Addunt etiam <et> istas ad correptam tertiam
'io' terminatas quinque formas, nam est decima
supra nonam *o' *vi' mutans, ut cupivi cupii.
3. 'Ui' terminatur sequens, ut sapio sapui.
Sigma litteram bis sena, ut percussi, geminat.
In „xi", ut aspexi, exit tertia et decima.
4. Leniter hinc bis septena, ut salio salii,
geminatur. Sex sunt 'io' terminatae formulae
tertiae correptae, binas bis producta retinet.
5. 'Uo' terminata verba duas habent species:
quinta decima fit ita: induo <et> indui.
Instruo instruxi datur formae sextae decimae.
6. Septima, ut ago egi, 'a' *e' mutat decima,
fitque longa, sed non crescit subsequenti formula.
mutat *a', ut frango fregi, *n' et perit consonans.
7. Fit hoc species tenore nona atque decima,
'i' sine vocalem solam, perimitur consonans,
scindo ut est atque scidi. Addamus vicesimam.
8. Exit haec in „psi", ut carpsi. Prima et vicesima
's', ut messui, habetur geminata littera.
Hinc, ut fisus sum, secunda ad passivum transmeat.
2,1 et fügte Dümmler ein \\ 2,3 'i' 'vi' Dümmler, 'io' 'vi' mutans Traube \
cupii Q, cupio Vollmer \\ 3,1 sapio sapii Q, sapui sapio Dümmler \\ 3,2 s. litte-
ram Q II 3,3 in cxi Q \\ 4,1 salii] sisili Q \\ 5,2 et fügte Dümmler ein \\
7,2 'i' (aus n) sine uocali sola Q.
2 decima supra nonam: Er fügt zu
den im vorhergehenden Rhythmus auf-
gezählten neun Arten noch eine zehnte;
vgl. 9,2 sexta super illas quinque. —
'o' 'vi' mutans: Das 'o' von cupio wird
in 'vi' verwandelt. Es ist kein Grund
die überlieferte Lesart zu ändern.
4 salio salii vgl. Diom. p. 374, 5
Salio : perfectum suavius enuntiare vide-
mur salii, quasi munii; sed plerique
veter um salui dixerunt. — sex sunt 'io'
terminatae formulae: Paulus zählt hier
nur fünf auf: cupio sapio percutio aspicio
salio, rechnet aber capto im vorher-
gehenden Rhythmus dazu. — binas bis
producta retinet: er meint garrio farcio
sancio in 1 19, 22 u. 23 und aperio in II 9.
7,2 Man möchte lieber stellen: sine
'/' vocalem solam, consonans perimitur.
Grammatische Rhythmen.
81
9. Coniugationi quartae una tantum iuncta est,
hoc est sexta super illas quinque, ut praemissum est:
'io' aperio, mutat quae 'ui' aperui.
10. Istas si quis quadraginta <species didicerit),
. . . quid . certe . . tur. .
humiliter.
9,3 quae mutat in ui (? |j 10,1 — 3 in Q größtenteils durch Feuchtigkeit zerstört.
Nach Istas si quis quadraginta beginnt 8"^. Den Schluß bildet: EXPLICIT DE
SPECIEBUS PRETERITI PERFECTI.
9 ut praemissum est im vorher-
gehenden Gedicht. — 'io' aperio: die
gleiche Betonung wie 3,1 sapio, 4,1 salio.
— 'ui' ist wie 3,1 zweisilbig zu lesen. —
'io' mutat 'ui' vgl. 2,3; 6,1.
10 quadraginta: 24 im I. und 16 im
II. Rhythmus. — Eine Ergänzung der
lückenhaften Strophe versuchte ich ohne
Erfolg. Der Sinn scheint zu sein: Wer
diese 40 Perfektformen kennt, der hat
sichere Kenntnisse. SchließHch fordert
der Dichter den Leser auf für ihn zu
beten, etwa mit den Worten: Pro me
tarnen posce, lector, dominum humiliter.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. 111, 4.
XVI.
Rätsel.
^Etwas Schöneres als ich bin, gibt es nie in einem Pokale.
Mir gebührt der Vorrang. Durch meine Kräfte kann ich viele täuschen.
Gesetz und Recht verlieren ihre Wirkung. Wer reichlich mich ge-
nießt, wird staunend meine Kraft spüren (1 — 6).'
Die Anfangsbuchstaben dieses Rätselgedichtes geben den Namen
Paulus. Daß der Verfasser unser Paulus ist, dafür sprechen mehrere
triftige Gründe. Abgesehen davon, daß ihm die Form des Akro-
stichons nicht fremd war (oben I und XV") und wir ihn auch als
Verfasser von Rätselgedichten kennen lernen werden, ist es besonders
die Oberlieferung und die Form des Gedichtes, die zweifellos auf
Paulus Diaconus hinweisen.
In der Leipziger Handschrift Rep. I 74 saec. IX (L) ist fol. 15^ — 24
eine größere Sammlung von Rätseln unter dem Titel Questiones enig-
matum rhetoricae aprtis (^= artis) überliefert. Sie wurde heraus-
gegeben von P. Brandt im Tirocinium philologicum des Bonner
Seminars S. 101 — 133 und von W. Meyer aus Speyer, Gesammelte
Abhandlungen zur mittellateinischen Rhythmik II 161 ff.
Für die Autorschaft sprechen folgende Gründe. Vor allem, daß
unser Gedicht in einer Handschrift steht, die zweifellos paulinische
Gedichte enthält. Dann auch seine Eigenart. Meyer hat durch ge-
naue Untersuchung von Form und Inhalt nachgewiesen, daß jene
Rätsel in der Lombardei entstanden und zwar im 7. oder 8. Jahr-
hundert. Sie bestehen aus rhythmischen Hexametern, die Meyer
(a. a. O. S. 16) auch langobardische nennt, weil er sie nur in lom-
bardischen Inschriften fand und auch der Inhalt für diese Herkunft
spricht. Unser Rätsel, ebenso sechszeilig wie die vorausgehenden,
schließt nun die Reihe dieser langobardischen Rätselgedichte ab und
weist schon dadurch zweifellos auf unseren Paulus hin.
Wenn man nun erwägt, daß Karl der Große seinem gelehrten
Kreise nicht bloß ernste Fragen vorlegte, sondern eine besondere
Freude daran hatte, wenn Rätsel aufgegeben und gelöst wurden, so
Rätsel. 83
erscheint es sehr wahrscheinHch, daß Paulus diese langobardische
Rätselsammlung als Beitrag lieferte, damit man ähnlich wie bei den
Epitaphiensammlungen Muster habe, wie derartige Dichtungen ge-
macht werden könnten. Zugleich aber wollte er diese Sammlung
nicht überreichen ohne selbst eine Probe seines Könnens geliefert
zu haben und dabei gleichsam sein Künstlersignat zu geben.
Man darf aber nicht annehmen, daß die ganze Sammlung der
langobardischen Rätsel, die in mehreren voneinander stark abweichen-
den Handschriften vorkommt, Paulus zum Verfasser hat. Wahrscheinlich
fand er sie bereits vor und stellte sie in etwas geglätteter Form an die
Seite der zahlreichen ähnlichen hauptsächlich angelsächsischen Samm-
lungen, die damals, vielleicht durch Alcvin verbreitet, am fränkischen
Hof behebt waren, wie denen des Aldhelm, Eusebius und Bonifatius.
Gerne las man damals auch den sogen. Symphosius (Baehrens IV 364).
Unser Rätselgedicht ist jedenfalls in der ersten Zeit seines Auf-
enthalts am Hofe Karls entstanden, also zwischen 782 und 786.
Die hier gebrauchten rhythmischen Hexameter sind Nach-
bildungen des quantitierenden Hexameters, wobei aber der Wort-
akzent maßgebend ist. Jede Zeile schließt wie der gewöhnliche
Hexameter, ohne daß auf die Quantität der Silben Rücksicht ge-
nommen ist. Beim Lesen der Verse betone man, wie die Prosa es
verlangt. Sonst verweise ich auf die oben angeführten eingehenden
Untersuchungen W. Meyers (S. 13 — 16). Über ähnlich gebaute Verse,
die im 6. Jahrhundert in Montecassino entstanden, vgl. Traube, Text-
geschichte der Regula S. 91.
Pülchrior me nüllus | versätur in pöculis ümquam,
Ast ego primätum | in Omnibus teneo sölus.
Viribus atque meis | pössum decipere mültos,
Leges atque iura | per me virtütes amittunt.
5 Värio me si quis | haurire volüerit üsu,
Stupebit ingenti | mea percüssus virtüte.
ITEM DE UINO L f. 24. 5 hauri L \ vor usu Rasur L
1 pülchrior me nullus: Man er-
wartet das Neutrum; aber aus den an-
deren Gedichten geht hervor, daß das
Masculinum gesetzt wurde, auch wenn
die Lösung ein Wort im Neutrum ergab,
vgl. Meyer a.a.O. S. 164 de ovo: Nati
mater ego, natus ab utere mecum, prior
illo non sum, und S. 167 demelle: Lucida
de domo lapsus diffundor ubique.
2 ast reiht einen neuen aus dem
Vorausgehenden sich ergebenden Ge-
danken an. — Dem Sinne nach gehören
immer zwei Verse zusammen.
3 vgl. Bonif. aenigm. Poet. 1 14 v. 376
Viribus atque meis valeo dep eller e
sensus.
6*
XVII.
Petrus an Paulus.
'Im Mittag stand die Sonne, der Hirte ruhte im Schatten der
Pappel, Schlummer umfing Menschen und Tiere, Stille lag über Ge-
birg und Meer; da brachte mir ein Jüngling, ausgezeichnet durch
Vorzüge des Körpers und Geistes, das Rätsel: „Der Erzeuger gibt
dem Erzeugten, was er fühlt selbst nicht zu haben." Mir fällt die
Lösung zu schwer, darum versuche es Du, dem sie keine Schwierig-
keit bereiten wird (1 — 28). Laß den Bruder in Ruhe und löse noch
ein Rätsel: ein Daktylus kommt heraus. Gott erhalte König Karl
(29—45).'
Petrus überschickt also seinem Freunde zwei Rätsel, von denen
das erste jedenfalls von Karl, das zweite von ihm selbst gestellt wurde.
Damit beginnt die Reihe der Gedichte, die uns zeigen, daß sich der
gelehrte Kreis Karls auch mit Fragen weniger ernsten Inhalts befaßte.
Lumine purpureo dum sol perfunderet arva,
lam radiis medium caeli transcenderat axem,
Populea et fessus pastor recubabat in umbra
Cingebatque sopor homines fulvosque leones
ITEM UERS. PETRI AD PAULUM P f. 124, PETRI G p. 15.
1 aruam G \\ 3 populea aus pupulea corr. P \\ 4 cingebatque] cingebat hi P.
1 — 4 lumine purpureo: vgl. In lau-
dem solis, Riese, Anth. lat.i 389 v.36 (ein
auch in der Leipz. Handschr. stehendes
und damals bekanntes Gedicht) Sol qui
purpureo diffundit lumine terras; vgl.
auch Culex 42, 107 f. — populea et fessus
pastor vgl. Verg. Georg. IV 511 populea
sub umbra: Nemes. (ed. H. Schenkl) III 3
fessus ■ recubare sub ulmo: Poet. I 389
V. 65 non solitus pastor gelida recubare
sub umbra. — fulvi leones Ov. Her. X 85;
Verg. Aen. II 722.
Petrus an Paulus.
85
5 Et lapidum solito sat iure silentia montes
Stringebant pelagique gravis cessaverat ira:
Extemplo iuvenem prospexi corpore pulchro,
De cuius niveo florebat barbula mento,
Respectu placitum, sensu, pietate, loquella,
10 Ingenio cunctos superantem nomine summo.
Hac me subridens voluit palpare sagitta:
*Iam nova ventifero surgunt miracula mundo,
Quae penitus priscis fuerant abscondita saeclis.
E quibus est unum, quod te dicente, poeta,
15 In nostris missum subito pandatur ocellis:
Dat genitor genito, quod se non sentit habere
Nee quaquam in genitore potes cognoscere, lector,
Quod praebuit firmo nascenti pectore proli.
Verborum sapiens, animo scrutare secretum,
20 Ut possit dictis media resonare caterva.
5 solitos at G \ silentio P 11 6 pelagique aus pelagiquae corr. P, pelaque G j
graues P \ censauerat G |1 7 exemplo P G \ respexi P \ pulchro] palam G \\
8 niueae florebant barbula guttae G H 9 placido G \ sensi aus sensu corr. P \
loquilla P \\ 10 cunctos] cultus P \ superante G \ summum G \\ 11 Ac P |
me subridens zwischen beiden Wörtern Rasur G \\ 14 quod te Dümmler, quo te
P G I dicente getilgt, darüber dicenda G \\ 15 missum] misit (in P zwischen
misit und subito ein Zwischenraum) P G, visum Haupt \\ 17 quaquam Traube,
quemquamPG | ingentore G 1 potens G 1| ISpraebetG ] nascenti Dö7z«,nascentePG.
5 vgl. Calpurn. II 17 altaque per
totos fecere silentia montes.
6 pelagique gravis cessaverat ira
vgl. zum Gedanken: In laudem solis v. 17
tunc placidum iacet omne mare.
7 — 10 iuvenem prospexi (ich sah vor
mir; respexi weniger gut wegen respectu
V. 9). — corpore pulchro: Es ist wohl an
Karl selbst zu denken, wie die Schilde-
rung zeigt, vgl. besonders v. 10 cunctos
superantem: Paulus scheint auch an ihn
zu denken (vgl. XIX v.l5— 17). Die Be-
zeichnung iuvenis spricht auch nicht da-
gegen ; denn Karl war damals (783) 41 Jahre
alt (Abel II 535). — sensus, ingenio vgl.
XXIX V. 1.
11 hac me voluit palpare sagitta:
Es ist wohl sagitta = die bohrende Spitze
mit Bezug auf die schwierige Rätselfrage
gebraucht.
12 — 15 Die Erscheinung sagt zu
Petrus: „Der stürmischen Welt erscheinen
rätselhafte Dinge, die von jeher ganz
verborgen waren. Davon ist eines, das
sofort gelöst werden soll, wobei Du die
metrische Antwort zu finden hast."
16—18 Das Rätsel lautet: „Der Er-
zeuger gibt seinem Sprossen, was er fühlt
selbst nicht zu haben, und Du kannst
gar nicht am Erzeuger erkennen, was er
seinem zur Welt kommenden Sprößling
mit starker Brust verlieh."
20 — 22 ut possit dictis media resonare
caterva: Die Lösung soll dann in unserem
gelehrten Kreise verkündet werden. —
quod si conspicua fuerit nee luce re-
86
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
25
30
Quod si conspicua fuerit nee luce repertum,
Poplite curvato tunc disce docente magistro.'
Mens mea mox torpens proprias restrinxit habenas
Audituque pavens mansit stupefacta misella.
Non potuere mei quod parvi forte lacerti,
Tu poteris, magna fulgens in monte lucerna.
Sit tibi, libripotens, solvendi maxima cura,
Fortia qui dudum potuisti solvere vincla.
Dentibus egregium tu desine rodere fratrem,
Iratus regis qui numquam cernitur aula.
Summa salus homini est, si non percusserit ausu
Conservum inlicito domini sub lege manentem.
lam nivei dentes mentis serventur in horto
Atque oculis vestris monstretur dactilus unus.
22 poblite P \ tunc Traube, nunc P G | 23 restrixit P \\ 25 potueri P,
putuere G \\ 26 aut poteris G \\ 27 zwischen libri und potens Rasur G \\ 28 qui]
queque G \\ 29 tu desine] studes me G \\ 30 aulas G \\ 32 manente P G \\
33 borto G \\ 34 daculus (ß:, d. h. require am Rand) G.
pertum = et si id secretum conspicua
luce repertum non fuerit, d. h. Karl will
die Lösung schon am nächsten Tag, vgl.
XVIII 14 crastina conspicuo cum lux
fulgebit Eoo.
23 mens mea mox torpens: Petrus
gab sich alle Mühe das Rätsel zu lösen.
26 — 28 fulgens in monte lucerna,
libripotens: Ist nicht als bloße Artigkeit
aufzufassen; vgl. auch Joh. 5, 35 Ille
erat lucerna ardens et lucens. — fortia
qui dudum potuisti solvere vincla: Es
ist hier nicht an die Befreiung des
Bruders, sondern nur an früher schon
gelöste Rätsel zu denken, vgl. zum Bilde
XX 1 nervosis religata problemata vinclis.
29 — 32 dentibus egregium tu desine
rodere fratrem: Diese Anspielung ist
nicht bestimmt zu erklären. Ebert, Allgem.
Geschichte der Literatur des Mittelalters
II 51, meint, daß Petrus bittet, Paulus möge
ihn nicht deshalb verspotten, weil er das
Rätsel nicht habe lösen können. Hauck
S. 161 sagt: „Petrus bezeichnet sich selbst
als den Bruder, den man am Hof niemals
zornig sehen könne." Es scheint mir aber,
daß Petrus hier seinem Freund wegen
seines Benehmens gegen einen andern
Vorwürfe macht, der in seinem Ärger
sich nie bei Hofe sehen läßt. Für diese
Erklärung spricht die Stellung des num-
quam. Paulus nimmt diesen Vorwurf
sehr ernst, wie er XVIII 9 und XX zu
verstehen gibt. Es sind in Karls Kreise
die Geister oft hart aneinander geraten;
denn sonst könnte Alcvin nicht Karl bitten
ihn in Schutz zu nehmen, vgl. Poet. I 222
v. 40 ff. invida ne valeat me carpere
lingua nocendo Paulini . . . vel quicun-
que velit mea rodere viscera morsu; an
einer anderen Stelle (I 276 v. 30) sagt er:
non tu, quaeso, iocis laedas nee carmine
quemquam. Man wäre fast versucht in
ihm den egregius frater zu vermuten.
33 — 34 iam nivei dentes mentis ser-
ventur in horto: wiederholt in anderer
Form die in v. 29 ausgesprochene For-
derung; zu mentis in horto vgl. XXXV 12.
Mit V. 34 stellt er ihm ein neues Rätsel,
dessen Lösung Paulus im Gedicht XX gibt.
Petrus an Paulus.
87
35 Tange supercilium, poteris cognoscere verbum,
Caelorum regnum devoto pectore serva
Et ternis pinna virgis scribatur imago.
Omnipotens Karolum felicia sceptra regentem,
Qui caelum astriferum, terram pontumque creavit,
40 Litora spumiferi pelagi qui terminat undis,
Angelicum castis quem laudat vocibus agmen,
Aeterna miseros qui flamma perdit in ignis
Et meritis pietate fovet sine fine beatos,
Intentis precibus sanctis conservet in aevum,
45 Qui nostram dapibus nutrit reficitque senectam.
35 uersum P \\ 36 Signum P \ seruat G \\ 37 aeternis P \ pinna virgis P,
uirgis pinna G, virgis pinnae Dümmler \\ 38 carolum P \\ 40 litoras pomiferi G \
pelagiquae G \ undos G \\ 44 Intentus praecibus G \\ 45 finit und ää von
gleichzeitiger Hand am Rand G.
35 — 37 tange supercilium vgl. XX 7 :
Petrus will nur sagen: „Lege die Hand
an die Stirne und denke darüber nach."
Paulus deutet es anders. — ternis virgis:
virga (uirgula) ist der Zug, den die Hand
beim Schreiben macht.
39 — 41 astrifer: Petrus liebt diese
Zusammensetzungen ganz besonders, vgl.
V. 12 ventifer; v. 40 spumifer. — v. 41
findet sich wenig verändert bei Petrus
(unten XXXVIII 33) wieder.
42 in ignis: statt ignibus des Me-
trums wegen.
XVIII.
Paulus an den König.
'Kurz vor Einbruch der Nacht erhielt ich die feurigen Pfeile,
die mir bis ins Innerste drangen. Der darauf folgende Tag reichte
mir nicht aus entsprechend zu erwidern und so wird denn erst der
nächste die Antwort bringen (1 — 19). Ich wundere mich, daß mein
Rätsel nicht gelöst wurde (20 — 24).'
Dieses schwer zu deutende Gedicht weist nicht, wie Ebert II 51
meint, auf andere poetische Wettkämpfe hin, sondern steht mit dem
vorausgehenden in engster Beziehung. Paulus entschuldigt sich, daß
er bei der Kürze der Zeit noch nicht imstande sei gebührend zu
antworten und schickt einstweilen dieses Gedicht voraus um dann
in zwei Gedichten (XIX und XX) die Lösung der beiden in XVII
gestellten Rätsel zu behandeln. Da diese poetische Korrespondenz
viele Anspielungen enthält, die nur den Beteiligten bekannt waren,
so ist die Erklärung der einzelnen Gedichte sehr schwierig. Bei
Feststellung der Reihenfolge ging ich vom Inhalt aus und setzte die
Gedichte, aus denen wir erkennen, daß Paulus der Erfüllung seines
Wunsches, der Befreiung seines Bruders, noch nicht näher gekommen
ist und immer noch zwischen Furcht und Hoffnung schwankt, als
die früheren, diejenigen aber, die eine zufriedenere Stimmung und
größere Annäherung an Karl verraten, als die späteren. Dabei aber
zog ich auch die handschriftliche Oberlieferung in Betracht und fand,
daß die Gedichte besonders in der Pariser Handschrift lat. 528, die
jene Gedichte wie zu einer Sammlung vereinigt enthält, fast die
gleiche Anordnung zeigen.
Diese Rätselgedichte XVI — XXII entstanden jedenfalls noch im
Jahre 783.
Paulus an den König.
89
10
Cynthius occiduas rapidis declivus ad oras
lam volitabat equis, iam nox se caerula pallam
Rebus et humanis metas positura labori
Stelligero varii cultus fulgore micantem
Rorantemque simul citius vestire parabat:
Cum subito vestra clarus mihi miles ab aula
Detulit ignitas quasi puri muneris instar
Antiquo et caro quondam mittente sodale
Intima iocineris penetrantes usque sagittas.
Mane novo ad vestras quoniam properavimus aedes
Et spatiis paene est iam lux revoluta diurnis,
Non sivit brevitas aut digne obponere peltam
Item versus pauli missi ad regem P/. 125v. PAULI DIACONI am Rand G p. 17.
1 Cinthius G \\ 2 cerula und so öfter e statt ae P G \\ 3 fehlt in P \\
4 stilligero P \ vario et cultu G \ micantum G \\ 6 subito vestra] et vestra G
milis P II 8 quondam] corda P 1| 9 ioceneris P \ penetrante P 1| 11 poenae P,
pene G \ est iam] etiä G \\ 12 siluit G \ opponere G | peltam Dümmler,
peltn P, peltum G.
1 — 5 vgl. die schöne Schilderung
der hereinbrechenden Nacht, Gegenstück
zu der Schilderung der Mittagszeit im
vorausgehenden Gedicht des Petrus nach
dem Vorbild Vergils Aen. IV 522. —
Cynthius occiduas declivus ad oras vgl.
Calpurn. (ed. H. Schenkl) I 1 nondum
Solls equos decllnis (declivis andere
Überl.) mitigat aestas. — pallam stelli-
geram, fulgore varii cultus micantem : Die
Nacht rüstete sich schnell ihren sternen-
besetzten, im bunten Schmuck strahlen-
den und taufeuchten Mantel sich um-
zulegen; vgl. Riese, Anthol. lat. 583 Nox
abit astrifero velamine cincta micanti. —
rebus humanis et labori metas positura
= die Nacht beendet das mühevolle Tun
und Treiben der Menschen vgl. Verg.
Aen. I 278 hie ego nee metas rerum nee
tempora pono.
6 — 8 vestra clarus mihi miles ab
aula: Bei einbrechender Nacht schickte
ihm der König das Gedicht; vgl. Bem. zu
XIII 1 pusillus detulit. — quasi puri
muneris instar: als wäre es ein Geschenk
ohne jegliche unangenehme Beigabe, aber
es waren glühende Pfeile, die ihm ins
Herz drangen; damit meint er das zweite
Rätsel in XVII; daß diese Worte nicht
ganz im Scherz gesprochen sind, beweist
auch die Antwort im Gedicht XX. —
antiquo et caro quondam sodale: Aus
dieser Stelle kann man entnehmen, daß
Petrus von jeher des Paulus Freund war,
vgl. auch V. 19 qui carum ut hostem
iaculis confixit acutis.
10 — 11 mane novo ad vestras quo-
niam properavimus aedes: Weil Paulus
schon in der Frühe im Palast (jedenfalls
in der schola palatina) erscheinen mußte
und fast den ganzen Tag bei Hof zu tun
hatte, so war es ihm nicht möglich das
aufgegebene Rätsel in der gewünschten
Zeit zu lösen.
12 — 14 digne obponere peltam: Er
hatte keine Zeit sich entsprechend gegen
die im XVII. Gedicht gemachten Angriffe
zu schützen und selbst wieder hinzu-
schießen. — spatiose in speciose zu
ändern ist nicht nötig (vgl. M. G. Epp.
IV 534, 6 spatiose tractandi). Paulus
kündigt hiemit eine umfangreiche Ant-
wort an, wie sie auch Gedicht XIX
brachte; die Kürze der Zeit (brevitas)
90
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Missilibus contra spatiose aut ludere telis.
Crastina conspicuo cum lux fulgebit Eoo
15 Tinxerit et tremulos Titania purpura fluctus
Errabitque vagis late rubor aureus undis
Cuncta et ridebunt Phoebo radiante per orbem,
Excipiet tenues arcu pellente sagittas,
Qui carum ut hostem iaculis confixit acutis.
20 Miror, qua numeri textum non contigit arte,
Extremo nostrum tenuit quod limine Carmen.
Ardua, divino nitido quae fulgis in horto,
Cedre, vale et celsos pertinge cacumine nimbos,
Tu quoque cum fructu, felix cyparisse, per aevum.
13 speciose Traube \\ 14 cum fehlt in G \ eoo aus euo corr. P, eo G ||
15 tremulus P \\ 16 errauitque P G \ robor P \\ 17 ridebunt aus ribunt corr. G \
phebo P, phoeno G \ radiante aus rahante corr. G || 18 expiet P \ arco P \\
19 carum] carm G \\ 20 emiror G \ arce aus arte corr. G \\ 22 nitidoque
fulgis P nitido falgis am Rand Requ. G \\ 23 pertingere G \ cacumina am Rand
Requ. G II 24 confructu G \ ciparisse P.
hätte ihm dies nicht gestattet, vgl. IX 25
plura loqui brevitas vetat. — ludere
telis: ludere ist der häufig verwendete
Ausdruck für das Kurzweiltreiben mit
Gedichten und Rätseln.
14 — 16 Paulus kündigt seine Ant-
wort für den nächsten Tag an, also einen
Tag später, als Karl sie von Petrus XVII
V. 21 verlangt hatte, und gibt dabei
eine stimmungsvolle Schilderung des er-
wachenden Tages. — crastina lux vgl.
Verg. Aen. III 588 postera iamque dies
primo surgebat Eoo. — tremulos fluctus
vgl. I V.23; in laudem solis, Riese, Anth.
lat. 389 (Anm. zum Gedicht des Petrus
XVII) V. 18 per tremulos currit lux aurea
fluctus; Nemes. II 75 — 76 Nondum pur-
pureos Phoebus cum tolleret ortus Nee
tremulum liquidis lumen splenderet in
undis: vgl. Bonif. I 20 v. 27; Verg. Aen.
VII 9, VIII 22; Ovid. Her. XI 75. — vagis
undis vgl. Ov. Met. VIII 595.
17 — 19 cuncta et ridebunt vgl. Verg.
Ecl. VII 55 omnia nunc rident. — ex-
cipiet sagittas: Paulus sagt hier deut-
lich, daß am Beginn des nächsten Tages
Petrus die Antwort bekommen soll, „der
ihn, seinen Freund, wie wenn er sein
Feind wäre, verwundete".
20 — 21 numeri textum non contigit:
Paulus spricht seine Verwunderung aus,
daß Petrus sein den Schluß eines Ge-
dichtes bildendes Rätsel nicht löste, oder
wie er satirisch sagt, mit welcher Kunst
er es nicht berührte. Am Schlüsse des
Gedichtes XXII v. 53 findet sich ein sol-
ches Rätsel und man könnte deshalb ver-
sucht sein mit Dümmler dieses Gedicht
unserem vorauszuschicken. Dagegen
sprechen aber die in den Vorbemerkungen
zu XVIII bezüglich der Reihenfolge aus-
gesprochenen Grundsätze. Auch ist nicht
ausgeschlossen, das Paulus außer diesem
noch ein anderes Zahlenrätsel stellte.
22 — 24 Das überlieferte nitido ist
beizubehalten als nähere Bestimmung zu
divinus hortus = Gottesgarten, Welt. —
Mit cedrus, cyparissus, fructus sind Karl,
seine Gemahlin Hildegard und deren
Kinder gemeint. Demnach entstand das
Gedicht noch vor dem 30. April 783, wo
Hildegard starb.
XIX.
Antwort des Paulus.
^Glücklich ist und singen kann, wem reiche Ernte beschieden,
unglückHch, wessen Fluren Stürme verwüsten. Nicht Lieder, sondern
nur Seufzer und Klagen hört man von ihm (1 — 14). Hätte doch
mich jener Jüngling mit seinem Zauberstab berührt. Von ihm hängt
es ab, wie ich singe. Auf ihn setze ich meine Hoffnung, ohne die
der Mensch nicht sein kann (15 — 27).' —
Dann löst er das erste der zwei im XVII. Gedicht enthaltenen
Rätsel und gibt ein neues auf (28 — 47).
Der Unglückliche, von dem Paulus hier spricht, ist er selbst
und in den Stürmen, die Haus und Flur zerstören, sehe ich eine
Anspielung auf seine persönlichen Verhältnisse, auf die Kriegsstürme,
die ihn aus dem Vaterland verjagten, sein Haus, d. h. seine Familie
vernichteten. Deshalb freut ihn auch das Dichten nicht.
Er erkennt auch hier an, daß Karl ihm Zeichen seiner Huld ge-
geben (v. 23) und ihm dadurch Lust zum Dichten gemacht hat, aber
seinen Wunsch erfüllte er ihm doch nicht. Wenn er die Bedeutung
der Hoffnung im menschlichen Leben in solcher Weise hervorhebt,
so ist's, als ob er sagen wollte: Sie ist das einzige, was auch mir
gegenwärtig noch bleibt. Karl wird mir meinen Wunsch schon noch
erfüllen (vgl. auch Dahn S. 44).
Die Lösung dieses Rätsels und auch der folgenden beweist, daß
Paulus die oft schwierigen Aufgaben vielleicht nicht in der erwarteten
Weise löst, seine Deutung aber gewandt und geistreich zu begründen
versteht.
92
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
15
Candidolum bifido proscissum vomere campum
Visu et restrictas adii lustrante per occas.
O nimium felix, conscendens igneus axem
Perfundit radiis cuius florentia rura
Cynthius et nebulas ardenti vertice frenat,
Gliscere dat fructus tempestatesque serenat.
Illum delectat dulci resonare camena
Condere et altisonum gracili sub arundine Carmen.
Infelix ille est, taetris cui nubibus aether
Inminet et miseros discursat grando per agros
Subruiturque domus gelida perflante procella.
Non libet hunc talem calamos inflare labello,
Sed potius pronum male singultantia verba
Edere et ubertim perfundere gramina fletu.
O mihi si iuvenis, quem tecum ludere narras,
VERSUS PAULI AD PETRUM P f. 125. ITEM VERSUS PAULI DIACONI
B f. 58.
1 candido lumbifido P, candidüm labifido B \ vomere aus vomre corr. B \\
2 strictas B \\ 3 oninium P \ conscenderis B \\ 4 perfundit] nadi t ein nicht zu
erkennender Buchstabe B \ rorantia B \\ b Cinthius B \ frenä P, frenans
Dümmler \\ 6 serenat Traube, serenäP, serent über t steht .^ B, serenans Dümmler \\
7 dulcis B II 8 arundini B \\ 9 tetris P, fehlt in B \ ether B \\ 10 imminet B ||
12 calam' P B, zwischen talem und calam' Rasur P || 13 singultatia P, singultanti
auerba dazwischen ober der Linie — B \\ 14 uberti P B.
1 candidolum campum : vgl. XIII v. 1
Anm. — restrictas per occas: In der
Handschrift P f. 135 sind Synonyma auf-
gezählt und darunter neben gleba auch
occa und cispis.
2—6 o nimium felix Alcvin Poet.
1311 V. 7; Verg. Aen. IV 657 heu nimium
felix. — conscendens igneus axem: vgl.
ähnliche Ausdrucksweise in XVII v.lu.2;
wiederum ein Beweis für die Zusammen-
gehörigkeit beider Gedichte. — florentia
rura ist rorantia vorzuziehen, da v. 6
von den Früchten die Rede ist. — caelum
tempestatesque serenat Verg. Aen. I 255.
— gliscere dat: dare c. inf. schon vor
Vergil in der Konversationssprache üblich
(vgl. Norden, P. Vergilius Maro Aen. VI
S. 141).
7 — 14 gracili sub arundine Carmen
wörtlich Nemes. Ecl. I 3 entlehnt. — Be-
achte, wie er den einzelnen Punkten der
Schilderung des Lebens eines Glücklichen
in scharfem Kontrast das eines Unglück-
lichen gegenüberstellt. — non libet hunc
talem calamos: wörtlich aus Nemes. Ecl.
I 4, vgl. auch Verg. Ecl. II 34, V 2. —
male singultantia verba Calp. Ecl. VI 24;
Stat. Silv. 5, 5, 26; Propert. I 5, 14. —
perfundere gramina fletu: Die hier zum
Ausdruck gebrachte traurige Stimmung,
die darauf schließen läßt, daß sein Wunsch
noch nicht erfüllt ist, veranlaßte mich
dieses Gedicht vor XXI und XXII zu
setzen, wo die Trauer der Freude wich
(XXI V. 3 in quibus sc. versibus exultans
calamo te ludere posse dixisti).
15 o mihi si iuvenis: Dieser Über-
gang beweist deutlich, daß der geschil-
Antwort des Paulus.
93
Cuius vix palmas et odoras pandere lauros
Minciades poterat seu Zmyrnae rure creatus,
längere colla pedo dignatus vellet et esset!
Non tarn dissimilis sed ut est tua causa duöbus,
20 Aspicies tereti me pangere carmina versu
Replere et densas suavi modulamine Silvas.
Huius et hoc ipsum est, tenui quod canto susurro.
Postquam me proprii perfudit lumine vultus,
Elicuit muti quascumque e gutture voces.
25 Cuius adhuc fidens de spe sustoUor herili.
16 odor aspandere B j laurus B || 17 zmirne B \\ 18 pedo Traube, peds
P B II 19 sed] s» P II 20 aspicies tereti] aspiceret sternet B, teriti P \\ 21 re-
plerem B \ et] ^ auf Rasur B \ suabi B \ modulamin^ B \\ 22 cuius B \ cant
über t steht •» B \ usurro B \\ 23 perfundit B \\ 25 cuius] quis Traube \
sustollo B.
derte Unglückliche er selbst ist. Auch
zeigt diese Stelle, daß in unserem Ge-
dicht die Antwort auf Gedicht XVII vor-
liegt und Paulus mit iuvenis Karl meint,
dessen Taten kaum ein Vergil oder Homer
hätte besingen können.
17 — 18 Minciades = Vergilius in der
Nähe des Mincio bei Mantua gebürtig. —
Zmyrnae rure creatus: Homer; Juvenci
Hist. euangel. Praef. v. 9 Smyrnae de
fönte 10 . . . Minciadae . . . Maronis. —
tangere colla pedo: pedum ein Stab, mit
dem Vergil (Ecl. V 88) und Homer II.
XXIII 845 die Hirten ausrüsten. Paulus
spricht den Wunsch aus: wenn doch Karl
geruht hätte mit seinem Stab ihm den
Rücken zu berühren, und wenn er es
doch noch tun woUte, wie er es bei
Petrus getan (XVII v. 11 hac me sub-
ridens voluit palpare sagitta). Darin liegt
leise der Wunsch angedeutet, Karl möge
ihm noch seine Bitte erfüllen.
19 — 22 non tam dissimilis: Aber
wenn auch das von Dir aufgegebene
Rätsel (iua causa) eine für Männer wie
Vergil und Homer passende Aufgabe ist,
so wirst Du doch sehen, daß auch ich das
Dichten verstehe. — tereti me pangere
carmina versu vgl. Calp. Ecl. IV 152 quae
tereti decurrent carmina versu.
22 — 24 huius et hoc ipsum: huius
bezieht sich auf iuvenis. Paulus sagt:
Es ist die Schuld Karls, daß er nur leise,
nicht mit Begeisterung singt. Als Karl
ihm aber seinen Wunsch erfüllte, da sagte
Petrus von ihm (XXI v. 6) : iamque cavo
mollis resonat tua lingua palato. —
postquam me proprii perfudit lumine
vultus: Karl gab ihm demnach schon
Zeichen seiner Gunst, vielleicht Ver-
sprechungen wegen seines Bruders; das
hier gebrauchte Bild erinnert an v. 4:
Wie die Sonne in der Natur Blüten zu
Früchte werden läßt, so vermag auch
die Sonne der Gnade Karls seinem
stummen Mund Lieder zu entlocken.
Diese kunstvolle Anlage des paulinischen
Gedichtes steht in großem Gegensatz zu
dem des Petrus, der oft ohne jegliche
Verbindung einen Gedanken an den
anderen anreiht.
25 cuius adhuc fidens de spe: cuius
bezieht sich auf v. 23 lumine vultus
und ist von spe abhängig. Paulus wird
immer noch durch die Hoffnung auf Karls
Gnade aufrecht erhalten, vgl. auch Hist.
Lang. II 27 de spe iam fidus.
94
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
SpGS Sacra regna poli tribuit, spes omnia confert.
Mortuus est, quisquis de spe titubando tepescit.
Ergo age, perplexos forti religamine nodos
Pandere multimoda nitar ratione per auras.
30 „Unus non genitor, quod se non sentit habere,
Dat genito, potius multa hoc sed turba facessit."
Nam mas femineum dat proHs corpore sexum,
Proditur androgeno nonnumquam sexus uterque.
Hie sine luminibus lumen dat, naribus ille,
35 Seu pedibus manibusque carens seu parte resectus
Qualibet integrum generat sine labe puellum.
Saepe pecus mutilum bruto dat cornua nato,
Sic patre curtato cauditus gignitur agnus.
Praeterea et rerum species diversa per orbem
40 Ex se nascenti tribuit, quod non habet ipsa.
Hoc mare, hoc tellus, concae quoque saepe frequentant.
Hactenus incassum certans si forte cucurri,
Cum pietate doce flexum, sum scire paratus.
27 titubante B \ tepercit B \\ 28 perplexos] proplexor B \ nodis B \\
29 nitas B \\ 31 fehlt in P j turba Traube, curba B \ facessit it auf Rasur B \]
32 da P 1 sexus B \\ 35 resecti P \\ 36 laue B \ puellä B \\ 37 sepe e = ae
öfter B I cor nuanato B \\ 38 curtato] r auf Rasur P, aus cunctato corr. B \
agno B II 40 lex senascenti (e?) B \\ 41 conc<^ q auf Rasur B \ quoque] ei
quae B \ S(^pe zwischen e und p eine durch Rasur entstandene Lücke P \\ 42 actenus
P B II 43 flexum Dümmler, flexim P B \ sum] suü B.
26 — 27 quisquis de spe titubando
tepescit vgl. Sedul. carm. pasch. I 350
quisquis sperando tepescit. — Bis jetzt
haben wir nichts anderes als eine erneute
Bittschrift, die mit einem Lobpreis der
Hoffnung abschließt. Mit ergo age (Verg.
Georg. I 63) rafft er sich gleichsam auf
um von seiner Herzensangelegenheit weg
sich der gestellten Aufgabe zuzuwenden.
— pandere per auras öffentlich kundtun
wie Verg. Aen. II 158 ferre sab auras.
30 — 31 Mit diesen von Traube (Neues
Archiv XVII 398) verbesserten Versen
beginnt die Lösung des Rätsels: „Nicht
nur ein Erzeuger gibt seinem Sprossen,
was er fühlt selbst nicht zu haben, son-
dern eine ganze Menge tut dies." Paulus
bringt nun die Beweise dafür.
32—38 prolis Dat. plur. vgl. XVII
V. 42 in ignis. — androgenus = andro-
gynus Hermaphrodit. — pecus mutilum
= dem ein Hörn fehlt oder beide, vgl.
Ov. Ars amat. III 249.
39—42 Paulus bewies den Satz zu-
erst an Menschen, dann an Tieren und
an verschiedenen anderen Dingen auf
der Welt und fasst das Ganze in v. 41
zusammen. „Dies beweisen Meer, Erde
und auch conchae, eine unverständliche
Zusammenstellung."
43 cum pietate = dementer; doce
flexum vgl. XVII v. 22 poplite curvato
Antwort des Paulus.
95
45
Vatibus antiquis parva haec dissolve non impar:
*Dic,' rogo, *quis genitor cunctis despectus in orbe
Seu virtute carens ingenti robore natum
Procreat egregium, nullus cui sistere contra
Praevaleat mundique simul quem regna paviscant.'
44 dissoluere B \ inpar P \\ 45 inspectus B, det pectus Dümmler \\
46 ingerit aus ingenti corr. B \\ 47 pro acreate gregium B |i 48 prevaleat P \
pavescant B.
tunc disce. — sum scire paratus vgl. XXII
V. 50 discere sum promptus rege do-
cente pio.
44 — 48 vatibus antiquis non impar:
wohl eine durch die Worte des Petrus
XVII V. 26—27 veranlaßte Bemerkung.
Mit Vers 44 legt Paulus ein neues an
das von Petrus anklingendes Rätsel vor,
für welches Traube (Neues Archiv XVII
398) eine sehr einleuchtende Lösung
(Kiesel — Feuer) gibt.
XX.
Paulus an Petrus.
'Jetzt habe ich die Lösung des Rätsels. 'Desine' ist der ver-
langte Daktylus und Du mahnst mich duldsam und nicht stolz zu
sein. Diese Mahnung paßt aber eher für Dich (1 — 10).' — Dann gibt
Paulus ein neues Rätsel auf (11 — 14).
Dieses Gedicht, das die Antwort auf den 2. Teil von XVII bildet,
enthält Andeutungen, welche beweisen, daß Paulus sich am Hofe noch
als Fremdling fühlt. Wenn er v. 9 sich gegen den Vorwurf des Hoch-
muts mit den Worten verteidigt: ,Niedergeschlagenheit und Stolz können
doch nicht in einem Herzen beisammen wohnen', so enthält dies nach
meiner Anschauung das Geständnis, daß er noch keinen Grund zur
Freude hat, daß er demnach seinen Wunsch noch nicht erfüllt sieht
und sich mit seinen neuen Verhältnissen noch nicht befreundet hat.
lam puto nervosis religata problemata vinclis
Discussi digiti suspicione mei.
'Dentes iam nivei mentis condantur in horto':
Doctrina est simplex, quaestio nulla quidem.
Ohne Überschrift D p. 221. PAULI (Diaconi von jüngerer Hand dazu-
gesetzt) CONTRA PETRUM (Diaconum von j. H.) G p. 7.
1 vor iam auf der Zeile und am Rand f D \ nervosi Q \ proplemata D,
problemmata G || 2 dicussi G \ mei] e auf Rasur G \\ 3 mentes (das zweite e
auf Rasur) iam nivei dentes G, mentis] mentes D \ orto G \\ 4 questio D G.
1 — 2 'Jetzt glaub' ich des Rätsels
Lösung zu haben, d. h. des zweiten in
XVII V. 37 gegebenen. — problemata,
aber XXII v. 49 problema. — discussi
digiti suspicione mei: Mit dieser eigen-
tümhchen bildlichen Ausdrucksweise will
Paulus sagen, er habe die festen Knoten
des Rätsels gelöst, als Finger diente ihm
dazu eine gute Idee.
3 beweist, daß dieses Gedicht die
Antwort auf XVII bringt; vgl. dort v. 33
iam nivei dentes mentis serventur in
horto. Es ist kein Zweifel, daß Paulus das
im Namen des Königs zuerst gegebene
Rätsel auch zuerst beantwortete und dann
erst diese Antwort Petrus überschickte.
4 — 6 doctrina est simplex: Zur Lö-
sung dieses Rätsels braucht es keine Ge-
Paulus an Petrus.
97
10
Mordaces, mandas, tegat ut patientia sensus.
'Desine' si dicam, dactilus unus erit.
'Tange supercilium': monitas non esse superbum,
Pestis in hospitio non manet ista meo.
Visere deiectam non vult elatio mentem.
Inclytus atque potens, quod mones, ipse cave.
Ponatur tribrachis, hinc trocheus unus et alter
Nee fugiat mentem, quae sua tecta vehit.
Tange solum, fumescat, ut hoc sit limpha nivalis.
Pandenti abstrusum cymbia munus erit.
5 mandat D || 8 ospitio D \\ 9 deiectam Dümmler, deactam aus deractam
corr. D \ vult aus vul corr. D \\ 10 inclitus G \\ 12 qu(? DG \\ 13 ut hoc sit
scripsi, uthossit D, athossis G, adussit Dümmler, adustis Haupt \ nympha navalis G,
nympha lavacris Haupt.
lehrsamkeit, es ist keine Streitfrage. —
mordaces mandas: Damit gibt er die
Erklärung zu den Worten des Petrus XVII
V. 33. Daraus kann man wohl entnehmen,
daß Paulus durch satirische Bemerkungen
(mordaces sensus) jemand beleidigte und
sich dessen bewußt war; denn er führt gar
nichts zur Entschuldigung an, während er
sich gegen den anderen Vorwurf energisch
verteidigt. — dactilus unus erit ent-
spricht XVII V. 34.
7 — 10 lange supercilium: Paulus
zitiert auch hier wie v. 3 zuerst die Worte
des Petrus und schließt daran die Deu-
tung; monitas entspricht dem mandas
in V. 5; vgl. zum Gedanken Poet. I 65
V. 5 pone supercilium: Sedul. prol. in
carm. pasch, v. 3. — pestis ista = su-
perbia: manet = est. — visere deiectam
non vult elatio mentem: deiectus Gegen-
satz zu inclytus atque potens : 'Übermut
wohnt nicht im Herzen eines gedemütigten,
eher in dem eines berühmten und einfluß-
reichen Menschen, wie Du, Petrus, es bist.'
1 1 Paulus gibt hier ein neues Rätsel
auf und zwar ebenso wie am Schluß
von XIX ein dem vorausgehenden ent-
sprechendes. Er mußte einen Daktylus
ausfindig machen, jetzt verlangt er einen
Tribrachys und zwei Trochäen, Petrus
rief ihm zu tange supercilium, er ihm
lange solum. Es liegt der Gedanke nahe,
daß er Petrus im Anschluß an v. 10 zur
Demut auffordert und ihm die am Boden
kriechende Schnecke (quae sua tecta
vehit) als Vorbild hinstellt, vielleicht will
er das Wort hümiliätiönem! Bonifatius
Poet. 17 V. 137 Humilitas: Ima solo
quantum, tantum fio proxima caelo.
13 — 14 fumescat, ut hoc sit limpha
nivalis: Der Boden dampfe, wie wenn
er eiskaltes Wasser wäre = der Be-
scheidene wird erhöht (?), vgl. Mart. 6,
43,2 nympha navalis. — cymbia: Eine
Schale (sonst cymbium) soll der Preis
sein für die Lösung des Rätsels (pan-
denti abstrusum).
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4.
XXI.
Petrus an Paulus.
'Habe Dank für Dein Gedicht, in dem Du Deine Freude äußerst,
daß Du nun zu Ehren angenommen bist, und in dem Du für mich
zu Gott Gebete sendest (1 — 12). Aber unsere drei Fragen hast Du
nicht beantwortet, ob es Dir Heber ist mit Ketten gefesselt zu sein
oder in einem Kerker zu liegen oder den wilden Sigfrid zu taufen.
Löse außerdem noch das angegebene Rätsel (13 — 25).'
Dieses Gedicht hieher zu stellen dazu veranlaßte mich außer der
handschriftlichen Überlieferung — in der Pariser Handschrift lat. 528
steht es als letztes und in der St. Galler folgt es auch auf Jam puto
nervosis (XX) — besonders der Inhalt. Es ist die Antwort auf ein
nicht mehr erhaltenes Gedicht des Paulus und hat folgende Vor-
geschichte, die sich einzelnen Andeutungen entnehmen läßt. Karl
entschloß sich endlich die Bitte des Paulus zu erfüllen und teilte
diesem seinen Entschluß mit. Damit er aber dabei nicht so leicht
wegkomme, läßt er ihm in scherzhafter Weise gleichsam zur Sühne
die Wahl zwischen drei Strafen (vgl. XXII v. 5 sapplicii mihi poni-
tar Optio trini).
Daraufhin schickt Paulus an Karl ein Gedicht, in welchem er
ihm erklärt, jetzt sei der düstere Kummer aus seinem Herzen ver-
schwunden und er sei zu Scherzen bereit (v. 3. 5. 12). Er preist in
diesem Gedicht Gott, der ihn durch Nacht zum Licht geführt, und
bittet ihn, er möge Karl in seinen Schutz nehmen. In seiner Freude
und seinem Gefühl des Dankes vergißt er ganz auf jenen Scherz
Karls einzugehen und deshalb erinnert ihn Petrus in diesem uns vor-
liegenden Gedicht daran.
Petrus an Paulus.
99
10
Paule, sub umbroso misisti tramite versus,
Quos pietas nostri suscepit culminis apte,
In quibus exultans calamo te ludere posse
Dixisti, quoniam nostro es susceptus honore.
Triste sub ardenti laetatur pectore viscus
lamque cavo mollis resonat tua lingua palato
Et patris egregiis sublimas cantibus agnum
Cum genitore pio, qui caeli regnat in arce,
Quod te post tenebras fecit cognoscere lumen.
Nos tibi pro tali dicamus carmine grates.
Quo pro me summum precibus pulsare tonantera
Sat tibi cura fuit taetro maerore relicto.
Sed causas mentis clausisti fronte sepulchro
Dimissa tres, de quibus haut responsa dedisti:
ITEM VERSUS METRICI P f. 135 v. PETRI (von jüngerer Hand Diaconi
hinzugesetzt) G p. 8.
5 ardenti aus ardente corr. P \ l^tatur P, ^ = ae öfter in P G \\ 7 canticu
magnum am Rand -r- G II 8 inarte am Rand -^ G || 10 talia G || 11 per me G ||
12 relicta G || 13 fronte P G, forte Haupt \\ 14 dimissa P G, demissa Beth-
mann. dimissas Haupt.
1 — 2 sub umbroso tramite: Die ge-
schriebenen Verse bilden gleichsam einen
dunklen Pfad, vgl. Petr. XXXVII v. 1 hoc
opus exiguo quod cernis tramite; Poet. I
281 V. 2 disrumpis nomen medio de tramite
totum; 320 v. 6 tramite quo recto penna
volantis eat. — pietas nostri suscepit
culminis apte = die Gnade unserer Hoheit
(Karl) nahm sie huldvoll entgegen.
4 — 9 nostro es susceptus honore
und V. 9 quod te post tenebras fecit
cognoscere lumen deuten an, daß der
Wunsch des Paulus erfüllt ist, ebenso
V. 12 taetro maerore relicto. Diese
letzten jedenfalls dem nicht überlieferten
Gedicht des Paulus entnommenen Worte
(v. 9 u. 12) erinnern an eine Stelle im
Briefe des Paulus an Theudemar: quam
primum noctem maeroris demiserit, wo-
bei ihm besonders das Schicksal seines
Bruders vorschwebt. — cavo mollis re-
sonat tua lingua palato: vgl. XIX v. 12ff.,
wo er noch nicht die zu Scherzgedichten
nötige Stimmung hat.
10 — 14 pro tali dicamus carmine
grates: Dieses Gedicht ist unbekannt. —
pro me precibus pulsare tonantem: vgl.
Bonif. Poet. I 4 v. 31 pulsabo tonantem:
77 V. 4 pro te pulsare tonantem. — Stelle:
tres causas clausisti dimissa fronte,
sepulchro mentis; causa bedeutet ge-
stellte Aufgabe oder Rätsel, vgl. XIX v. 19;
dimissa fronte: Die in beiden Hand-
schriften überlieferte Lesart kann bei-
behalten werden : dimittere (= remitiere)
froniem bedeutet, die Stirne nicht, wie
es beim Denken geschieht, in Falten legen.
Petrus sagt demnach zu Paulus, dieser
habe sich über das gestellte Rätsel nicht
besonnen und es gleichsam hinter seiner
Stirne begraben; sepulchro mentis: ähn-
liche Bilder vgl. XXXV v. 12.
7*
100
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15
20
25
Si cupis ingenti ferri tu pondere frangi
Carceris aut saevo fessus recubare sub antro,
Aut si pompiferi Sigifrit perpendere vultum
Impia pestiferi nunc regni sceptra tenentis,
Ut valeas illum sacro perfundere fönte,
Vis, qui te cernens vita spoliabit et arte.
De his responsum ne cesses mittere nobis.
'Tange caput, suspecta manus percurrat ad aurem;
Altera iam tenerum festinet tangere ventrem,
Necnon per ternos consurgat littera ramos.'
Hoc, precor, ut solvas, Christi venerande minister.
16 aut G, ä P 11 18 nunc] nur n mit darübergeschriebenem c P \\ 19 fönte G
20 spoliauit G \\ 21 necesses P G \\ 22 suspecta P G, suspensa Haupt.
15 — 16 ingenti ferri tu pondere
frangi vgl. Poet. I 390 v. 90 manus sine
pondere ferri; Dahn (S. 40) sieht in dem
beigesetzten tu den Gegensatz zu dem
gefangenen Bruder des Paulus. — carceris
sub antro vgl. Poet. I 563 v. 13 de car-
ceris antro.
17 pompiferi Sigifrit: Die sog. Ein-
hardschen Annalen erzählen, im Jahre 777
habe sich Widukind zu diesem Dänen-
könig vor Karl geflüchtet (Abel I 272).
Im Jahre 782, Mitte Juli, schickte Sigfrid
eine Gesandtschaft zu Karl nach Lipp-
springe, aber die Verhandlungen scheinen
zu keinem Resultat geführt zu haben,
da sie 789 erneuert werden (Abel I 425,
426). Wenn er in unserem Gedicht er-
wähnt ist, so mag die im Jahre 782 bei
Karl erschienene Gesandtschaft die Ver-
anlassung gegeben haben und man kann
mit Recht folgern, daß die Entstehung
des Gedichtes zeitlich diesem Ereignis
nahe liegt und jedenfalls ins Jahr 783
fällt. — pompifer vgl. XXXVIII v. 2
pompifero gestu; Poet. I 432 v. 9 pom-
piferi quod vana est gloria mundi.
18 — 20 impia pestiferi regni sceptra
tenentis: Sigfrid war wegen seiner Unter-
stützung der Sachsen Karl gefährlich. Er
blieb auch im Jahre 789 noch Heide,
wie aus einem Briefe Alkvins ersichtlich
ist: M. G. Epp. IV 31, 15 mandate mihi
per litteras . . si spes ulla sit de Dano-
rum conversione. — sacro perfundere
fönte vgl. XXXVIII V. 20 baptismate per-
fundis.
21 — 25 de his bezieht sich auf das
Vorausgehende. Petrus wünscht eine Ant-
wort auf seine drei Fragen (vgl. v. 14).
Mit tange caput fügt er (vgl. XVII v. 29,
XX V. 11) unvermittelt ein neues Rätsel
an; vgl. auch XVII v. 35 tange super-
cilium; XX v. 13 tange so tum. — Die
Deutung dieses neuen Rätsels folgt XXII
V. 37 ff. — necnon per ternos consurgat
littera ramos vgl. Persius sat. III 56
Et tibi quae Samios deduxit littera
ramos
Surgentem dextro monstravit limite
callem ;
Isid. Orig. I, 3, 7 'y' litteram Pythagoras
Samius ad exemplum vitae humanae
primus formavit.
XXII.
Antwort des Paulus.
'Vor der Lösung der gestellten Frage ist mir bange, aber ich
versuch's. Des Gefängnisses und der Ketten bedarf es bei mir nicht,
da ich in den Banden Deiner Liebe liege. Sie erfüllt mein Herz,
seitdem Du Gnade geübt hast. Wozu soll ich zu Sigfrid gehen?
Wir können uns gar nicht verständlich machen, da er meine Sprache
nicht versteht. Auch fürchtet er Deine Macht zu sehr, als daß er
mich anzurühren wagte. Er wird entweder freiwillig sich von Dir
taufen lassen oder gezwungen als Gefangener vor Dir erscheinen
(1—36).'
Dann gibt Paulus die Lösung des im vorausgegangenen Gedicht
(v. 22 — 25) gestellten Rätsels und schließt mit einer rätselhaften An-
spielung (37—54).
Aus keinem der früheren Gedichte spricht eine solche freudige
Stimmung, ein so von Herzen kommender Humor wie aus diesem,
dem längsten der am Hofe Karls entstandenen. Während die früheren
nur wenige oder gar keine Andeutung enthalten, daß Paulus von
Liebe und Verehrung für den König erfüllt ist, so nennt er ihn
hier in seiner Dankbarkeit und Freude maxime princeps (v. 1), pie-
tatis amator (v. 15), rex venerande (v. 38), deliciae populi, summus
et orbis amor (v. 54) und er kann ihm, da er Gewährung seiner
Bitte erlangt, nicht genug seine Liebe versichern (v. 10. 16).
Wenn er v. 33 sagt: caelitus et qaoniam est vobis conlata po-
testaSy so sehe ich darin nicht eine Schmeichelei, die dem geraden
Charakter des Dichters ferne liegt, sondern den Beweis, daß in der
Anschauung des Paulus ein großer Umschwung eingetreten ist. Er sieht
in Karl nicht mehr den Feind seines Volkes, sondern den von Gott
102
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
selbst zum Herrscher der Christenheit bestimmten König und widmet
ihm gerne auch jetzt noch, wo er seinen Zweck erreicht hat, seine
Dienste. Am deuthchsten bringt Paulus seine Verehrung für Karl
zum Ausdruck in seiner Geschichte der Metzer Bischöfe, wo er (Gest.
epp. Mett. SS. II 265) sagt: De quo viro nescias atrum virtutem
in eo bellicam an sapientiae claritatem omniumque liberaUum artlum
magis admireris peritiam.
Da in diesem Gedicht Paulus seine Sinnesänderung zum ersten-
mal deutlich merken läßt, sah ich mich veranlaßt es erst an diese
Stelle zu setzen und seine Entstehungszeit ins Jahr 783 zu verlegen.
Sic ego suscepi tua carmina, maxime princeps,
Ceu paradiseo culmine missa forent.
Luminibus tacitis quae postquam cuncta notavi,
Terruerunt animum fortia verba meum.
Eheu, supplicii mihi ponitur optio trini
Artat et incertum quaestio dura satis.
Dicam equidem, quod mente gero, sed vestra potestas
Efficiat potius, haurit ut arce poli.
UERSUS PAULI DIACONI G p. 13.
3 qu^ (? = ae öfter G 1| 8 effitiat Q
arcet am Rana Vjc Q.
1 — 4 tua carmina: Damit ist das
vorausgehende Gedicht gemeint. — para-
diseo culmine: Wie eine Botschaft vom
Himmel {paradisus = Sitz der Seligen,
Himmel) mutete ihn das Gedicht Karls
an, vgl. auch zum Gedanken XV 26
Brief des Paulus an Theudemar: ad instar
mihi paradisi dilecta sanctorum limina.
Dieser Freude beim Empfang des Ge-
dichtes folgte nach dem Lesen des In-
hahs großer Schrecken. — luminibus
tacitis Verg. Aen. IV364: „sprachlos vor
Verwunderung". — terruerunt animum
ist Ov. Amor. III 5, 2 entnommen.
5 — 8 supplicii optio trini: „Die Wahl
zwischen drei Todesarten (vgl. XXI v. 15
bis 20)." — artat et incertum: Die schwie-
rige Frage machte ihm zu schaffen, da
er seiner Sache nicht sicher ist. —
quaestio dura vgl. XX v. 4 doctrina est
Simplex, quaestio nulla quidem. — dicam
equidem vgl. Verg. Aen. VI 722. — haurit
ut arce poli: Paulus meint, er werde
sagen, was ihm in den Sinn kommt,
aber Karl würde wohl Vorzüglicheres
leisten, da ihn als König himmlische
Eingebung unterstützt. Er vernimmt alles
gleichsam vom Himmel. Diese himm-
lische Eingebung findet ihre Begrün-
dung in V. 33; vgl. auch Brief des Pau-
lus an Kad M. G. Epp. IV 5 14, 17 vestra
tamen sagax providaque subtilitas,
sicut caelitus mente hauserit, ita dis-
ponat.
Antwort des Paulus.
103
10
15
20
Non opus est claustris nee me compescere vinclis:
Vinctus sum domini regis amore mei.
Nam si parva licet rebus componere magnis
Et valet a summis hie paradigma trahi:'
Ut sacer inmenso Christi Petrus arsit amore,
Postquam dimisit crimina Christus ei,
Sic, ubi donasti facinus, pietatis amator,
Inflammat vaHdus cor mihi vester amor.
Si peragam Sigifrid truculentum cernere vultum,
Vix perpendo ahquod utilitatis opus,
nie caret Latus indocto corde loquelhs,
IlHus est minime cognita lingua mihi:
Sic similisque ferae et brutum pecus esse putabor
Deridetque meum stulta caterva caput.
Sit licet hirsutus hirtisque simillimus hircis
luraque det haedis imperitetque capris,
10 domni G \\ 14 ei Traube, eius G \\ 17 si peragam scripsi, si agä G,
si satagam Wattenbach \ sigifrid auf Rasur G \\ 21 sie similisque ferae et ^cr/jo^/,
similes equi ferunt nebrutü G. simia setiferumve brutum Haupt \\ 24 hetis G.
9 — 10 nee me compescere vinclis vgl.
Ov. Epist. XIX 85. Paulus beginnt mit
Humor und Witz die Beantwortung der
gestellten Fragen und zeigt, daß er ca-
lamo ludere wirklich versteht (XXI v.3). —
vinctus sum domini regis amore: Mit
diesen Worten und mit v. 16 sagt er, daß
er Karl im Herzen näher getreten sei.
11 — 16 si parva licet vgl. Verg. Ecl.
I 23, Georg. IV 176; Poet. I 458 v. 267,
I 536 V. 167. Paulus wählt in diesem
Gedicht mehrere griechische Wörter:
V. 12 paradigma: v. 46 grammata, v. 49
problema. — ubi donasti facinus: Es
fragt sich, welche und wessen Frevel-
tat Karl jetzt verziehen hat. Da er sich
mit dem Jünger Petrus vergleicht, der
seinen Herrn verleugnete (Matth. 14,
68 ff.), aber Verzeihung von ihm er-
hielt und deshalb mit unbegrenzter Liebe
ihm zugetan war, so ist wohl zuerst an
eine Tat des Paulus zu denken. Wenn
man auch nicht durch die märchen-
haften Erzählungen des Salernitaners ver-
anlaßt annimmt, daß Paulus einst dem
König nach dem Leben trachtete, so ist
es doch wahrscheinlich, daß er seinerzeit
zu den gefährUchsten Gegnern am lango-
bardischen Hofe gehörte. Man kann diese
Stelle aber auch so erklären, daß Paulus
die Tat seines Bruders, bei welcher er
jedenfalls nicht unbeteiligt war, hier auf
sich nimmt. — pietatis amator ein auch
sonst beliebter Versschluß vgl. XXXII v.lO.
21 — 24 sie similisque ferae: Da
Paulus die Sprache des Dänenkönigs
nicht versteht, so wäre er ihm wie ein
Tier erschienen; zum Sinn vgl. XIII 11
mutis similati deridentur statuis. —
deridetque meum: Ist als Futur zu fassen
vgl. XIII 1 1 ; meum caput ist wohl nur
Umschreibung für me, vgl. XIII 3, und
nicht nach Ebert II 51 mit „kahles Haupt"
zu erklären, wozu jegliche Berechtigung
fehlt. — hirsutus hirtis hircis: Beachte
diese Alliteration zur drastischen Schil-
derung des struppigen Dänenkönigs. —
iuraquedetvgl.VtTg.GQOTg.lV562 dat iura.
104
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
25
30
35
40
Sunt illi invalidae pavitanti in pectore vires,
Nam nimium vestrum nomen et arma timet.
Hie scierit vestris si me de civibus unum,
Audebit minimo tangere nee digito.
Tunc nee iners cupido vitam mihi tollet et artem
Illum nee palmis abluet unda meis.
Quin potius properet, vestra et vestigia lambat
Cumque suo ponat crimina crine simul.
Caelitus et quoniam est vobis conlata potestas,
Tinguatur vestris purificandus aquis.
Sin minus, adveniat manibus post terga revinctis
Nee illi auxilio Thonar et Waten erunt.
jTangere' quid ,caput' est aliut, nisi amare tonantem
Vel te, qui populi es, rex venerande, caput?
,Auris* Sit, domini fuerit qui iussa secutus,
Seu qui consilium servat, opime, tuum.
Innumerum vulgus Signatur nomine ,ventris':
Amplecti hos omnes quaestio vestra docet.
25 invalide G \\ 27 hie scripsi, his G, is Dümmler \\ 29 tollet scripsi,
tollit G II 35 sin minus adveniat Wattenbach, sin munus adveniä G \ post terga
Wattenbach, pono terga G \\ 37 quid aus quod corr. G \\ 39 sit scripsi, fit G ||
41 ventris Dümmler, ufis G || 42 amplecti hos Dümmler, amplectib ' hos G.
27 — 30 hie scierit = „wenn er heraus-
gebracht haben wird (sciscere)^ — iners
cupido: „Der Feigling (v. 25) wird mir
mein Leben nicht rauben, auch wenn ich
es aufs Spiel setze;" iners und artem
wohl ebenso absichtlich nebeneinander
wie V. 32 crimina crine. — vitam mihi
tollet: Das überlieferte tollit ist inmitten
der anderen Future nicht anzunehmen. —
illum nee palmis abluet unda meis: „Er
wird sich von mir nicht taufen lassen.
Diese Aufgabe fällt Dir zu (v. 34)."
33 caelitus et quoniam est vobis
conlata potestas: Diese Anschauung,
daß Karl eine göttliche Mission habe,
bildet sich erst, nachdem Paulus längere
Zeit in seiner Nähe verweilte, vgl. auch
V. 8. In XXXII V. 3—4 und am An-
fang des Briefes an Karl (XXX) spricht
Paulus diesen Gedanken deutlicher aus,
vgl. Gest. epp. Mett. SS. II 265; auch
Poet. I 61 V. 59—60.
35 — 36 manibus post terga revinctis
vgl. Verg. Aen. II 57. — Thonar et Waten:
Paulus übertrug jedenfalls aus Unkennt-
nis der nordischen Götter Thor und
Odhin die Namen der bei den Sachsen
verehrten und ihm bekannten auf die
Dänen, vgl. auch über Wotan Hist.
Lang. I 9.
37 — 43 Mit V. 37 beginnt ohne jeg-
liche Überleitung die Lösung des XXI
V. 22 gestellten Rätsels. — auris sit ist
die richtige Lesart, da auch v. 37 quid
Caput est steht. — amplecti hos omnes
quaestio vestra docet: Alle diese zu-
sammenzufassen lehrt das gegebene Rätsel,
also Caput auris venter. — littera, quae
ternis consurgit in ardua ramis: Damit
meint Paulus E, vgl. auch Anm. zu XXI
V. 24.
Antwort des Paulus.
105
45
50
Littera, quae ternis consurgit in ardua ramis,
Curam animae summam semper habere monet.
Est fortasse aliut novitas quod repperit apte,
Nam puto, sie fantur grammata vestra *cave'.
Ut moneor, faciam nee per me frena regentur,
lam mea sed potius cautio Christus erit.
Problema si necdum tetigit resolutio vestrum,
Discere sum promptus, rege docente pio.
Nam cupio vester, cunctos ut vincis in armis,
Sic mentis superet lumine celsus apex.
Quingentos centum postremi quinque sequantur,
DeHciae populi, summus et orbis amor.
si G
49 problemma G \
II 53 posttremi G.
vestrum Dümmler, ura am Rand I G Ü 52 sie Dämmler,
47 — 49 nee per me frena regentur:
Er will der Mahnung des cave folgen,
fügt aber bei, daß er nicht alles lenken
kann, sondern seine Sicherheit (cavere
— cautio) Christus ist. Es ist wahr-
scheinlich, daß das von Petrus im Auf-
trage Karls gegebene Rätsel (cave) mit
dem vorausgehenden (optio trini sup-
plicii) im Zusammenhang steht und viel-
leicht in scherzhafter Weise ihm sagen
soll: „Tue so etwas nicht mehr."
50 — 55 discere sum promptus, rege
docente pio vgl. XIX v. 42 cum pietate
doce flexum, sum scire paratus. — vester
<:^/5«5fl/>^x= „Euere Hoheit". DerWunsch
des Paulus, Karl möge nicht bloß mit
den Waffen, sondern auch durch das Licht
seines Geistes alle übertreffen, beweist
auch seine veränderte Gesinnung. —
quingentos centum: Paulus schließt mit
einem von Traube (Neues Archiv XVII
399) gedeuteten Rätsel. Die beiden
D als Bezeichnung für quingenti geben
die gebräuchliche Abkürzung für David
(vgl. XVII V. 45 krit. Apparat). Wenn
auch vielleicht Karl damals diesen Bei-
namen noch nicht hatte, so konnte doch
Paulus auf den Gedanken kommen Karl
mit diesem König zu vergleichen, der,
wie er, ein Held der Waffen und des
Geistes war. — deliciae populi, summus
et orbis amor vgl. Suet. Tit. c. 1 amor ac
deliciae generis humani; vgl. XXXV v. 28
deliciae, tu generalis amor.
XXIII.
Karl an Paulus.
'Was Du an Jahren mir gewünscht, wünsche ich Dir an Stunden
(1 — 4). Was treibst Du, der als Soldat meinen Feinden hätte gefähr-
lich werden wollen, jetzt aber als alterschwacher Greis dem Lager
ferne bleibt (5—12)?'
Dieses Gedicht gab zuerst Quercetanus (Andre du Chesne)
inmitten der Gedichte Alkvins im Jahr 1617 heraus und zwar
nach einer alten, jetzt verloren gegangenen Handschrift der Biblio-
thek S. Bertini (Alchwini opera p. 1719). Es ist schwer zu deuten
und hat wahrscheinlich folgenden historischen Hintergrund. Da die
Sachsen immer den Winter zu neuen Rüstungen benützten, so ent-
schloß sich Karl einmal diese Jahreszeit in ihrem Lande zu ver-
bringen (Abel I 475 ff. u. 493 ff.). Deshalb brach er noch vor Ablauf
des Jahres 784 dorthin auf, feierte das Weihnachtsfest im Lande der
Engern und verlegte dann seinen Hofhalt nach Eresburg, wo bis
Juni 785 sein Standquartier war. Dorthin hatte er auch Frau und
Kinder nachkommen lassen.
Wahrscheinlich erging damals auch eine Einladung an Paulus,
da Karl seine Gelehrten stets um sich haben wollte (vgl. Anm. zu
V. 11 — 12). Für diese dankte er in einem uns nicht bekannten, aber
aus dieser Antwort Karls leicht inhaltlich zu erschließenden prosaischen
oder poetischen Schreiben.
Dieses, von Paulus jedenfalls zu Weihnachten oder Neujahr an
Karl abgeschickt, enthielt am Anfang Glückwünsche und dann eine
Entschuldigung, warum er seiner Einladung nicht Folge leisten könne.
Diese hatte er in humoristischer Weise mit seinem greisenhaften Zu-
Karl an Paulus.
107
stand begründet und dadurch Karl veranlaßt den gleichen Ton an-
zuschlagen.
Aus stilistischen Erwägungen glaube ich, daß Karl selbst dieses
Gedicht, wie XXXIII, XXXIV u. XL, verfaßt hat (vgl. Vorbem. zu XXXIII),
und zweifle nicht, daß es an unseren Paulus gerichtet ist, da wir von
keinem anderen dieses Namens etwas wissen, dessen Nähe Karl sogar
auf seinen Kriegszügen gewünscht hätte.
En tibi, Paule, deus ter quinas augeat horas,
Addidit Ezechiae qui tria lustra pio,
Ut mihi ter quinos optas superaugeat annos
Post metas vitae carmine Pierio.
Quid modo miles agis, cultro qui colla secare
Hostibus a nostris, Paule, paratus eras?
Nunc tibi dextra, senex, elanguit effera belli,
Laeva caput supra aut scuta levare nequit.
Ohne Überschrift CLXXXVII Quere.
5 quod Quere. H 7 effera scripsi, effeta Quere. \\ 8 leua Quere.
1 — 4 Stelle deus (ita} tibi augeat
horas, ut optas, mihi superaugeat annos;
vgl. 4 Reg. 20, 6 ; Isai. 38, 5 ecce ego adi-
ciam super dies tuos quindecim annos;
Sedul. carm. pasch. 1 189 ter quinos quon-
dam regi Deus addidit annos; Alcvin
Poet. 1 233 V. 163 huic quoque ter quinos
Clemens deus addidit annos; M. G. Epp.
IV 44, 18; 184, 25. — Karl wünscht
ihm scherzhaft statt der Jahre nur Stun-
den. Da Paulus um sein Fernbleiben
zu entschuldigen sich so alterschwach
hinstellt, als stünde er schon am Ende
seiner Tage, so wagt Karl gar nicht ihm
Jahre zu wünschen. — carmine Pierio
Alcvin Poet. I 274 v. 6; ähnliche Ver-
bindungen bei Alcvin Poet. 1 198 v. 1318;
240 V. 18 Pierio plectro; 252 v. 11 Pierio
versa.
5 — 6 quid modo miles agis: quid
ist statt des überlieferten quod in Rück-
sicht auf V. 9 zu setzen. Zu dieser humo-
ristischen Frage veranlaßte jedenfalls Karl
eine Stelle in dem verlornen Brief des
Paulus, wo er in scherzhaft übertriebener
Weise die Heldentaten aufzählte, die er
im Krieg gegen die Sachsen ausführen
würde, wenn er noch jünger wäre. —
cultro qui colla secare hostibus erinnert
an eine Stelle aus dem zum Vorbild
dienenden Epitaph des Constans (Poet.
I 79 V. 12) munera principibus colla se-
cuta dedit.
7 — 10 effera belli: Das überlieferte
effeta zu setzen verbietet die Quantität;
vgl. Alcvin Poet. I 197 v. 1261 efferus in
pravos; Theodulf Poet. I 447 v.86 Phle-
getonteis effera virginibus; vgl. zum
Gedanken Alcvin Poet. I 246 v. 24 ge-
lida est cui dextera bello. — laeva
Caput: Stelle aut laeva nequit supra
Caput scuta levare; Paulus ist also nach
Karls Darstellung zum Angriff und zur
Verteidigung zu schwach. — quid modo
quod facias: Stelle quid modo facias,
quod sis proletarius urbe. Diese unge-
108
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Quid modo quod facias sis proletarius urbe,
10 Laurea qui belli castra videre times.
Tardus in annoso tabescit corpore sanguis,
Cor tibi frigidius laudis amore caret.
12 frigidior Quere.
wohnlichen Stellungen (v. 8) sind Kenn-
zeichen des königlichen Stils. Diese Stelle
entspricht genau v. 5 und Karl fragt
Paulus, was er jetzt als proletarius
(Gegens. miles) in der Stadt treibt. Die
Konjunktive lassen sich damit erklären,
daß der König absichtlich und zum
Scherz sich dieser urbanen Ausdrucks-
weise bedient. —
meint, ist ungewiß,
der Hof 783 vor
Sachsenland seinen
Welche Stadt Karl
Wir wissen nur, daß
der Verlegung ins
Winteraufenthalt in
Heristal nahm und bis Ostern 784 dort
blieb (Abel I 460). — castra timere
vides weist auf einen Kriegszug Karls
hin, zu dem er Paulus eingeladen hatte.
11 — 12 Diese ohne Verbindung an-
gereihten Verse verraten auch den un-
gewandten Dichter. Der Zusammenhang
ist: 'Dein Fernbleiben begreife ich wohl,
wenn ich bedenke, wie alterschwach Du
bist.' Dieses wiederholte Hervorheben
des greisenhaften Zustandes (v. 7), das
im Ernst gemeint beleidigend wäre, läßt
sich nur dadurch erklären, daß Paulus
in seinem Schreiben in scherzhaft über-
triebener Weise sein Alter als Entschuldi-
gung anführt. Eine ähnliche Entschuldi-
gung finden wir auch in einem Brief
Alkvins aus dem Jahre 789, M. G. Epp.
IV 234, 36 ff. : Quid valet infirmitas Flac-
ci inter arma? quid inter apros lepus-
culus? quid inter leones agniculus, in
pace nutritus, non in proeliis versatus?. . .
timidus domi remaneat, ne faciat alios
timere. Diese Stelle beweist zugleich,
daß Karl seine Gelehrten auch auf seinen
Kriegszügen bei sich haben wollte. —
Der Wortlaut der Verse 11—12 erinnert
an Sedul, carm. pasch. 1 109 frigidus an-
noso moriens in corpore sanguis.
XXIV.
Auf das Grab der Rotheid, Tochter Pippins.
Die Inschriften für Karls Schwestern Rotheid und Adelheid, für
seine Gattin Hildegard und deren Töchter Adelheid und Hildegard,
die in Metz in der Kapelle des heiligen Arnulf, des Oberhauptes des
karolingischen Geschlechtes, begraben lagen, gab zuerst Caesar Ba-
ronius heraus 'ex minis monasterii S. ArnulphV (Ann. eccles. a. 786
n. 7, 811 n. 48, ed. Col. IX 415, 628). Abschriften jedenfalls nach den
Grabsteinen, aber fehlerhaft finden sich in der Brüsseler Bibliothek
6842 und in der Stadtbibliothek zu Metz 64 (G 76) saec. XIV— XV
H m).
Außer dieser selbständigen Oberlieferung sind uns diese Grab-
schriften auch dadurch erhalten, daß Paulus sie selbst seiner Geschichte
der Metzer Bischöfe einreihte. Sie sind aber nicht in allen Hand-
schriften mit abgeschrieben worden. Zugrunde gelegt wurden hier
eine aus St. Symphorian zu Metz stammende Handschrift Paris lat.
5294 saec. XI {S), nach der ich die Inschriften noch einmal verglichen
habe, dann die Ausgabe von Du Chesne, im Jahre 1636 nach einer
unbekannten Handschrift hergestellt (SS. rer. Francic. II 202 — 204),
und schließlich die von Meurisse aus dem Jahre 1634 (Histoire des
evesques de Metz p. 28); außerdem vgl. Neues Archiv IV 110 und
Poet. aev. Karol. I p. 33.
Im Parisinus lat. 5294 gehen f. 1 1 v folgende Worte des Paulus
voraus: . . Hildegardis apud Mettensem urbem in beati Ar-
nulfi Oratorium requiescit. Pro eo denique, quod a beato
Arnulfo iam praefati reges originem ducerent, suorum ibi
carorum Corpora posuere. Nam ibi humatae sunt duae regis
Pippini filiae, quarum una Rothaidis, altera Adheleidis ap-
pellata est. Ibi quoque et iunioris regis Karoli duae nihilo-
minus tumulatae sunt natae, scilicet Adhelaida et Hilde-
110 ^3rl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
garda; quae Hildegardis matris nomine nuncupata matrem
morientem citius subsecuta est. Quarum omnium epitaphia
iussu gloriosi regis Karoli composita sunt.
Hier sagt Paulus selbst, daß alle diese oben angeführten In-
schriften auf Verlangen Karls abgefaßt wurden. Dieser kannte sicher
die stimmungsvollen Grabgedichte des Paulus für seine Königin Ansa
und deren Enkelin Sophia, und als Karls Gemahlin Hildegard am
30. April 783 starb, da übertrug er Paulus, der ihm gerade in jener
Zeit viele Beweise seiner dichterischen Begabung gegeben hatte, die
ehrenvolle Aufgabe für sie eine Grabschrift zu verfassen. Wenn man
bedenkt, daß damals am Hofe Karls auch andere Dichter von Namen
sich befanden, so erscheint dieser Auftrag, dessen würdige Durch-
führung für ihn in diesem Falle Herzenssache war, als der glänzendste
Beweis der Wertschätzung, der sich Paulus als Mensch und Dichter
beim König erfreute.
Als Paulus die Grabschrift für die Königin und später für deren
gleichnamiges Töchterchen (XXVI, XXVIII) verfaßt hatte (jedenfalls
stand sie vor Karls Vermählung mit Fastrada im Oktober oder No-
vember 783 schon auf dem Stein), wünschte dieser, daß Paulus auch
die Gräber seiner beiden Schwestern und seines Töchterchens Adel-
heid, die schon vor längerer Zeit gestorben waren, nachträglich mit
Inschriften versehe (XXIV, XXV, XXVII), und wahrscheinlich verfaßte
Paulus diese in rascher Aufeinanderfolge noch im gleichen Jahre.
Diese unterscheiden sich von den anderen dadurch, daß weder die
körperlichen noch geistigen Vorzüge erwähnt sind. Paulus läßt deutlich
merken, daß es sich hier um Personen handelt, die ihm vollkommen
ferne stehen und von denen er nichts weiter kennt als Namen und
Abstammung. So bietet er in diesem Epitaph für Rotheid nichts als
ihren Stammbaum und sagt nicht ein Wort des Lobes über diese
ihm zwar unbekannte, aber sicher vorher näher geschilderte Schwester
Karls, gewiß auch ein Beweis für seine ehrliche Gesinnung.
Galt es aber eine Persönlichkeit zu ehren, wie die Königin, der
er persönlich näher stand, dann fühlt man heraus, daß sein Herz
dabei ist, und dann schafft er auch auf diesem Gebiet Werke, die zu
den besten seiner Zeit gehören.
Auch in formeller Hinsicht sind die Epitaphien, die Paulus am
karolingischen Hof verfaßte, von Interesse. Wir haben gesehen, daß er
bei der Abfassung der Grabschriften für Ansa und Sophia unter dem
Einfluß einer gewissen, wohl von griechischen Inschriften herrührend-en
Tradition stand. Eine Vergleichung dieser früher entstandenen mit
Auf das Grab der Rotheid, Tochter Pippins. 111
den karolingischen aber ergibt, daß er die am Hofe Karls bekannten
Vorbilder studiert und immer mehr jene typischen Ausdrucksformen
angewendet hat, die ich früher zusammenstellte (IX). Diese Um-
gestaltung seiner Darstellungsweise zeigt sich beim Epitaph für die
Königin Hildegard (XXVI) und am vollkommensten bei dem für Herzog
Arichis (XXXV).
Hie ego quae iaceo, Rothaid de nomine dicor,
Quae genus excelso nimium de germine duco.
Nam mihi germanus, gentes qui subdidit armis
Ausonias, Karolus fretus virtute tonantis.
5 Pippinus pater est, Karolo de principe cretus,
Aggarenum stravit magna qui caede tyrannum.
Pippinus proavus, quo non audacior ullus,
Ast abavus Anschisa potens, qui ducit ab illo
Troiano Anschisa longo post tempore nomen.
10 Hunc genuit pater iste sacer praesulque beatus
Arnulfus, miris gestis qui fulget ubique,
Hie me spe cuius freti posuere parentes.
EPITHAPHIUM ROHAIDIS FILIE PIPINI REGIS 5 /. llv. Epitaphium
Rothaidis filie Pipini regis gloriosi que in isto loco iacet m = Metz 64 (G. 76) saec.
XIV— XV; ohne Überschrift Meurisse.
1 haec Meurisse Chesnius \ qu^ '^' statt 'ae' öfter S \ Rotaich m, Rothaidis
nomine ohne de Meur. Baronius \\ 2 que S, qui Bar. \ ducor m \\ 4 Karlus
fretus S, Karlus aus Karolus corr. S, fretus Karolus die andern \\ 5 Pipinus 5
Chesn. \ Karlo aus Karolo corr. S \ cretus Chesn. Bar., ortus 5 || 6 Agarenum
Chesn. \ cede S, clade Bar. \\ 7 Pipinus S Chesn. \\ 8 ast S, est Meur. \ anschisa
qui ducis, potens fehlt S, Asnchise potens qui ducit Chesn., Anchise potens qui ducis
Bar. II 9 Anchisa Chesn. \\ 10 presulque 5 || 12 freti naditräglidi dazugesetzt S.
4 gentes Ausonias vgl. II 9 Ausonia j Statthalter Abderrahman zwischen Tours
regio (Anm.). ! und Poitiers 732.
5 — 7 de principe cretus vgl. die | 8 — 9 Ansdiisa potens vgl. Gest. epp.
Verse über die Metzer Bischöfe Poet, i Mett. SS. II 264 cuius Ansdiisi nomen
I 60 V. 25; Verg. Aen. III 608. — Agga- \ ab Ansdiise patre Aeneae creditur esse
renum tyrannum: Bezieht sich auf den deductum.
Sieg Karl Martells über den maurischen j
XXV.
Auf das Grab der Adelheid, der Tochter Pippins.
Bei dieser Grabschrift für Karls Schwester verwendet Paulus vier
Verse für die Einleitung; von den noch übrigen sechs beziehen sich
nur zwei auf die Verstorbene, bringen aber auch nichts Persönliches,
sondern nur ihren Namen und den Wunsch, daß Arnulf sie schützen
möge.
Perpetualis amor capiendae et causa salutis,
Pectore quem vigili huc properare facit,
Nosse cupis, cur busta sacer numerosa retentet
Hie locus, astrigeri qua patet aula poli?
5 Iste sacer, domini qui post servavit ovile,
Legitimi fuerat germinis ante pater.
Cuius posteritas atavo confisa patrono
Hoc cupit in sancto ponere membra loco.
Pippini hie proles Adheleid pia virgo quiescit,
10 Quam simul et reliquas, sancte, tuere, pater.
EPITAPHIUM ADELEIDIS FILIE CUIUS SUPRA 5 /. 12. Item epitaphium
alterius filie Adeleidis nomine que eciam in isto loco tumulata est m\ Item epi-
taphium alterius filiae Adheleidis Chesn.
6 legitimi aus legittimi corr. 5 || 8 menbra 5 ll 9 adeleid 5.
1 — 2 Diese Verse erinnern formell
an die Einleitung zu den Versen über
die Metzer Bischöfe (Poet. I 60).
5 iste sacer vgl. XXIV v. 10.
7 — 8 atavo confisa patrono: Ähn-
licher Gedanke XXIV v. 12 hie me spe
cuius freti posuere.
XXVI.
Auf das Grab der Königin Hildegard.
*Hier ruht Hildegard, einst Karls glückliche Gattin, die durch
ihren Liebreiz, noch mehr aber durch die Vorzüge ihres Herzens die
anderen Frauen übertraf (1 — 14). Ihr größter Ruhm aber ist das
Wohlgefallen eines solchen Mannes, wie Karl ist, erregt zu haben.
Sie allein war würdig Königin eines so mächtigen Reiches zu sein.
Jetzt beklagen ihren Tod alle Nationen und selbst trotzige Krieger
können der Tränen sich nicht enthalten. Schmerz verzehrt das Herz
des Gatten. Nur der eine Trost ist allen geblieben, daß sie im
Himmel ihren Lohn finden wird (15 — 35).'
Hildegard starb im zwölften Jahre ihrer Ehe am 30. April 783
(vgl. Abel I 105 und 671). Aus dieser jedenfalls bald nach ihrem
Tode entstandenen Grabschrift fühlt man heraus, daß Paulus die Ge-
mahlin Karls wirklich schätzen gelernt hat.
Vergleicht man dieses Epitaph mit dem für die Königin Ansa (IX),
so erkennt man deutlich, wie Paulus in beiden Gedichten den gleichen
Stoff, nämlich Ehrung einer Königin, in ganz veränderter Weise be-
handelt.
Aurea quae fulvis rutilant elementa figuris.
Quam Clara extiterint membra sepulta, docent.
Hie regina iacet regi praecelsa potenti
Hildegard Karolo quae bene nupta fuit.
EPITAPHIUM HILDEGARDIS REGINE S f. 12.
1 fultis 5 II 2 menbra 5 || 3 precelsa 5 (e öfter statt ae) | potenti 'po'
auf Rasur 5 || 4 Karlo aus Karolo corr. S.
1 In goldenen Buchstaben stand die | esse bei Paulus häufig (vgl. Neff de Paulo
Grabschrift auf dem Stein; exsistere = \ Diacono Festi epitomatore p. 31).
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4. 8
114
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
15
Quae tantum clarae transcendit stirpis alumnos,
Quantum, quo genita est, Indica gemma solum.
Huic tarn clara fuit florentis gratia formae,
Qua nee in occiduo pulchrior ulla foret.
Cuius haut tenerum possint aequare decorem
Sardonix Pario, lilia mixta rosis.
Attamen hanc speciem superabant lumina cordis
Simplicitasque animae interiorque decor.
Tu mitis, sapiens, solers, iucunda fuisti,
Dapsilis et cunctis condecorata bonis.
Sed quid plura feram, cum non sit grandior ulla
Laus tibi, quam tanto complacuisse viro?
Cumque vir armipotens sceptris iunxisset avitis
Cigniferumque Padum Romuleumque Tibrim,
8 qua non occiduo m Chesn. \\ 9 haud Chesn. \ possunt Chesn. ]!
10 Pario] patrio 5 || 11 spetiem 5 || 13 iucunda 5, iocunda m Chesn. \\ 18 Civi-
ferumque m, Liniferumque Chesn. Bar. Meur. \ tybrum 5.
5 — 8 clarae transcendit stirpis
alumnos: Einh. Vita Car. cap. \^ de gente
Suaborumpraecipuaenobilitatisfeminam
in matrimonium accepit. — Indica gemma
vgl. XIII 8 (Anm.) gemmas Indicosque
lapides; Epit. Lothars Anh. I v. 12 rutilat
vario Indus honore lapis. — florentis
gratia formae vgl. Stat. Silv. IV 66
puldirae gratia formae. — qua nee
in occiduo puldirior ulla foret vgl. X
v. 4.
10 Sardonix Pario mixta: Parischer
Marmor im Verein mit Edelsteinen ver-
mag nicht den Liebreiz der Königin
wiederzugeben. — lilia mixta rosis: Eine
beHebte Zusammenstellung der zartweisen
Lilie und der roten Rose zur Bezeichnung
weiblicher Schönheit; vgl. Verg. Aen.
XII 68 mixta rubent ubi lilia multa alba
rosa; Fortun VI 1, 108, IX 2, 122; Pau-
linus Poet. I 128 v. 60; 148 v. 14; Alcvin
Poet. I 243 V. 10, 310 v. 3.
11 Der Gedanke, daß die geistigen
Vorzüge der Verstorbenen ihre körper-
lichen noch übertrafen, kehrt in den
gleichzeitigen Epitaphien häufig wieder;
vgl. auch Angilbert Poet. 1 361 v. 54 Prae-
pulchram speciem vitae iam vicit ho-
nestas.
13 Diese Häufung der Adjektiva
durch mehrere Verse hindurch ist in den
Epitaphien oft zu finden.
15 — 16 sed quid plura feram? be-
liebter Abschluß in Epitaphien vgl. Poet.
I 430 V. 27. — laus tibi, quam tanto
complacuisse viro vgl. Ovid. Trist. II 139
Nulla quidem . . . gravior poena est
quam tanto displicuisse viro; vgl. Con-
sol. ad. Liv. 41 (Li er p. 462) Quid tibi
nunc mores prosunt et puriter actum
omne aevum et tanto tam placuisse
viro.
17 — 18 cignifer Padus: Padusa, eine
der sieben Mündungen des Po, war ein
Lieblingsaufenthalt der Schwäne vgl. Verg.
Aen. XI 456 — 457. — Romuleusque Tibris
vgl. IVi V. 1 Anm.
Auf das Grab der Königin Hildegard.
115
Tu sola inventa es, fueris quae digna tenere
20 Multiplicis regni aurea sceptra manu.
Alter ab undecimo iam te susceperat annus,
Cum vos mellifluus consociavit amor.
Alter ab undecimo rursum te sustulit annus,
Heu genitrix regum, heu decus atque dolor!
25 Te Francus, Suevus, Germanus teque Britannus,
Cumque Getis duris plangit Hibera cohors.
Accola te Ligeris, te deflet et Itala tellus
Ipsaque morte tua anxia Roma gemit.
21 fehlt Chesn. Meur. \ te nachträglich hinzugesetzt S \\ 22 fehlt Chesn.
Meur. II 25 Suevus] suauis (?) S \ teque S m, atque Meur. \\ 26 gentis 5 | duris
fehlt S.
19 — 23 alter ab undecimo iam te
susceperat annus vgl. Verg. Ecl. VIII 39
alter ab undecimo tum me iam acceperat
annus; Buecheler, Carm. lat. epigr. 1560 B
octavus decimus vix te susceperat annus;
Fort. IV 26 V. 35—36
Tertius a decimo ut hanc primum
* acceperat annus,
Traditur optato consociata viro ;
Fort. VI 1 a V. 42 Quam tibi divinus con-
sociavit amor. — alter ab undecimo be-
deutet das 12. Jahr, nicht wie Servius in
seiner Erklärung der angegebenen Vergil-
stelle will, das 13. Demnach war Hilde-
gard 12 Jahre alt, als sie sich mit Karl
vermählte, und war ebensolange seine
Gattin. Da sie nun, wie feststeht, am
30. April 783 starb, so erfolgte die
Vermählung im Jahre 771. Abel glaubt
nun im Hinblick auf v. 17 — 20, daß Pau-
lus von der irrigen Ansicht ausgeht, Karl
habe Hildegard erst nach der Eroberung
des Langobardenreichs (774) geheiratet.
In diesem Sinn sind aber diese Verse
nicht zu deuten, sondern Paulus will
sagen: „Als Karl nach der Eroberung des
Langobardenreichs an der Spitze eines
so großen Reiches stand, da erwies sie
sich als die allein seiner würdige Königin."
Es liegt nicht der geringste Grund vor
an den Angaben des Paulus zu zweifeln;
denn er kannte die Familiengeschichte
Karls sehr genau und bekam von ihm
selbst Aufschlüsse, vgl. Gest. epp. Mett.
SS. II p. 264: Haec ego non a qualibet
mediocri persona didici, sed ipso totius
verit atis assertore praecelso rege
Karolo referente cognovi. Wie sollte
er dann über ein Hauptereignis im Leben
der Königin Hildegard in ihrer unter den
Augen Karls entstandenen Grabschrift
unrichtige Angaben machen?
24 heu genitrix regum: Sie hatte
Karl vier Knaben und fünf Mädchen ge-
boren; Pippin und Ludwig erhielten schon
781 den Königstitel; vgl auch Epit. Lo-
thars (Anh. I V. 17). — heu decus atque
dolor vgl. XXXV v. 4.
25 — 28 Es liegt die auch sonst bei
den karolingischen Epitaphien übliche
Anordnung der Gedanken vor: Nach An-
gabe des Namens und der Herkunft und
Schilderung der körperlichen und geisti-
gen Vorzüge erwähnt der Dichter, wel-
chen Eindruck ihr Tod auf die Ferne-
und Nahestehenden ausübte. — te Fran-
cus, Suevus vgl. auch XXXV v. 35 — 38.
— accola Ligeris vgl. Verg. Aen. VII 729
accola Volturni. — te deflet et Itala
tellus (Ov. Fast. IV 64) vgl. Poet. 1 1 10 v. 13
hunc deflet Italus.
115 K^rl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Movisti ad fletus et fortia corda virorum
30 Et lacrimae clipeos inter et arma cadunt.
Heu, quantis sapiens et firmum robore semper
Ussisti flammis pectus herile viri.
Solatur cunctos spes haec sed certa dolentes,
Pro dignis factis quod sacra regna tenes.
35 lesum nunc precibus, Arnulfe, exores eorum
Participem fieri hanc, pater alme, tuis.
30 En Chesn. \\ 31 quantum Meur. \\ 33 Celatur S | creta 5 11 34 Pro]
zwischen P und ro eine Rasur, es stand hier Ihm von der nädisten Zeile S \
quod] quo S || 35 fehlt m Chesn. Meur., nur Jesum hat S, ergänzt von Pertz ||
36 fehlt Meur.
31 firmum robore vgl. Poet. I 61
V. 29 firmum robore pectus. — ussisti
flammis pectus vgl. Poet. 1 112 v. 8 cuius
flamma meum pectus ubique cremat.
33 — 34 Diese Verse finden sich fast
wörtlich in XXXV v. 49—50.
XXVII.
Auf das Grab der Adelheid.
Diese Tochter Karls und seiner Gemahlin Hildegard wurde im
Lager vor Pavia 774 geboren (Abel I 149 u. 193), dann noch vor
der Einnahme der Stadt ins Frankenreich vorausgeschickt und starb
fern von ihren Eltern auf der Reise nach der Rhone.
Gewiß keine leichte und angenehme Aufgabe für ein neugeborenes
Kind eine Grabschrift zu verfassen, und Paulus hilft sich damit, daß
er mit ein paar Worten die Schicksale des Kindes erzählt.
Dabei aber benützt er die Gelegenheit Karls Macht und Tugenden
zu preisen und spricht sogar von der Eroberung des langobardischen
Reiches, gerade als ob er damit zu verstehen geben wollte, daß jetzt
jeglicher Groll aus seinem Herzen geschwunden sei und er ruhig über
jene politischen Verhältnisse sprechen könne, die einst trennend zwischen
Karl und ihm getreten waren. Da nun dieses Epitaph jedenfalls noch
im Jahre 783 entstand (vgl. Vorbem. zu XXIV), so nehme ich an, daß
die Annäherung des Paulus an Karl, die wir schon aus Gedicht XXII
herausgelesen haben, in diesem Jahre zur Tatsache geworden war,
nachdem er vorher die Befreiung seines Bruders endlich erlangt hatte.
Hoc tumulata iacet pusilla puellula busto,
Adeleid amne sacro quae vocitata fuit.
Huic sator est Karolus, gemino diademate pollens,
Nobilis ingenio, fortis ad arma satis.
EPITAPHIUM ADELEIDIS FILIE KAROLI REGIS QUE IN ITALIA NATA
EST QUANDO SIBI EAM IPSE SUBEGIT S/. 13; Epitaphium filiae Karoli Magni
Adheleidis quae nata de thalamo eius quando isdem Italiam subegit Chesn.
1 busto aus busta corr. 5 || 3 Karlus aus Karolus corr. S \ pollens aus
polles corr. S.
1—4 pusilla puellula busto: Beachte 1 pollens vgl. die Verse über die Metzer Bi-
die Alliteration. — gemino diademate \ schöfe Poet. I 60 v. 20 caelesti dogmate
118
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
5 Sumpserat haec ortum prope moenia celsa Papiae,
Cum caperet genitor Itala regna potens.
Sed Rhodanum properans rapta est de limine vitae
Ictaque sunt matris corda dolore procul.
Excessit patrios non conspectura triumphos,
10 Nunc patris aeterni regna beata tenet.
5 menia 5 || 6 petens S \\ 7 rodanum S | limine 5.
pollens; Karl ist Herrscher über das
Frankenreich und Italien. — nobilis in-
genio erinnert an das zum Vorbild die-
nende Epitaph des Constans (Poet. I 79
V. 8) : primus in ingenio, primus in arma
fuit; Poet. II 661 v. 22 fortis ad arma
simul.
5 prope moenia Papiae: Karl ließ
seine Frau und Kinder ins Lager kommen,
als er Pavia vom Ende September 773
bis Mitte Juni 774 belagerte; vgl. Vita
Hadriani S. 496: Dil igensque continuo
Franciam ibidem apud se Papiam ad-
duci fecit suam coniugem excellen-
tissimam Hildegardis reginam et nobi-
lissimos filios (Abel I 148).
8 — 10 ictaque sunt matris corda
vgl. XXVIII V. 6 regia corda patris. —
patrios non conspectura triumphos: Sie
sollte nicht mehr den Fall Pavias erleben;
patrios triumphos, patris aeterni: Ähn-
liche Wortspiele finden sich bei Paulus
häufig.
XXVIII.
Auf das Grab der kleinen Hildegard.
'Wie der Nord die Blüten des Frühlings wegreißt, so plötzlich
raffte der Tod Dich hinweg (1 — 4). Nicht klein ist die Trauer, die
Du, Kleine, besonders im Herzen Deines Vaters zurückließt. Wir weinen
und Du eilst zur ewigen Seligkeit (5 — 10).'
Wiederum eine Grabschrift für ein kleines Kind, für die Tochter
Hildegards, die am 9. Mai 783 starb. Paulus zeigt aber hier, wie er
auch einem so undankbaren Stoff einen poetischen Reiz zu verleihen
vermag.
Hildegard, rapuit subito te funus acerbum,
Ceu raptat Boreas vere ligustra novo.
Explevit necdum vitae tibi circulus annum
Annua nee venit lux geminata tibi.
EPITAPHIUM HILDEGARDIS FILIE CUJUS SUPRA 5 /. 13; Item epita-
phium Hildegardis filiae eiusdem Karoli Chesn.
1 rapuit aus rapuid corr. S \\ A genuina S.
1 — 4 rapuit te funus acerbum = im-
maturum (acogog ^dvarog in griech. Epit.):
„Ein zu früher Tod raffte Dich weg;" vgl.
Verg. Aen. VI 429, XI 28 ; Poet. 1 65 v. 4 mors
acerba; 112 v. 27 post nati funus acer-
bum: Buecheler, Carm. epigr. 93 verum
me mors acerba senibus his prius aetate
mmaturia abstulit fato invido. — ceu
raptat boreas: Ähnlicher Vergleich X v.l8.
Wie der Nord die Blüten des Frühlings
wegrafft, so der Tod die eben erst ins
Leben getretene, kaum 40 Tage alte (v. 8)
Hildegard.
120
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
5 Parvula, non parvum linquis, virguncula, luctum
Confodiens iaculo regia corda patris.
Matris Habens nomen renovas de matre dolorem,
Postquam vixisti vix quadraginta dies.
Pectore nos maesto lacrimarum fundimus amnes,
10 Tu nimium felix gaudia longa petis.
7 renovans »S | morte m Chesn. \\ 9 nadi pectore eine durch Rasur ent-
standene Lüdie S I mesto S \ 10 longa aus loga corr, S.
5 parvula, non parvum linquis luc-
tum: Ein Wortspiel, ähnlich dem in
V. 7. Hier gebraucht Paulus den auch
schon in älteren Epitaphien sich häufig
findenden Gedanken, daß der Verstor-
bene den Hinterbliebenen nur Schmerz
und Klagen zurückläßt: Buecheler 55, 16
reliqui fletum natu genitori meo; 563, 3
matrique dolore (m) reliquit; 1292 tu
secura iaces, nohis reliquisti querelas;
vgl. auch Bonif. Poet. I 20 v. 13 occidit
et nobis fletus gemitusque reliquit.
6 — 10 confodiens iaculo: Ähnlicher
Vergleich XXXV v. 41, regia corda patris
vgl. XXVII V. 8; Poet. 1 72 v. 16 vulnifico
fodiit corda mucrone patris. Dies Bild
geht jedenfalls auf Lucas II, 35 zurück:
et tuam ipsius (— Mariae) animam
pertransibit gladius. — lacrimarum fun-
dimus amnes vgl. Fortun. VI 5, 123; VIII
3, 255 u. a. — tu nimium felix XIX v. 3 ;
Fort. VIII 3, 299.
XXIX.
Auf das Grab des Dichters Fortunat.
'Hier ruht der geistreiche und liebliche Sänger Fortunat, aus
dessen Munde wir die Taten der Heiligen kennen lernen (1 — 6).
Heil Dir, Gallien, daß Du solche Männer besitzt. Ich habe diese
kunstlosen Verse nur um Deinen Ruhm zu verkünden gedichtet.
Bitte für mich (7—12)!'
Dieses Epitaph für den bedeutendsten Dichter des 6. Jahrhunderts
(M. G. Auct. ant. IV, 1 ed. Leo) ist uns in der Pariser Handschrift lat.
2832 saec. IX med. (= F), die ich noch einmal verglichen habe, in-
mitten einer Sammlung von Epitaphien (Neues Archiv IV 297 — 299)
überhefert und dann auch in den Abschriften der Hist. Lang., in
welches Werk es Paulus später aufnahm. Hier (II 13) gibt er eine
kleine Biographie dieses Dichters und schließt sie mit den Worten:
Ad cüius ego tamulam, cum Ulm orationis gratia adventassem, hoc
epltaphiam rogatus ab Apro, eiusdem loci abbaie, scribendum
contexai.
Aper, der um das Jahr 780 Abt des Hilariusklosters in Poitiers
war, veranlaßte demnach Paulus, als er während seines Aufenthalts
im Frankenreich einmal in diese Gegend kam und das Grab Fortunats
besuchte, diese Grabschrift zu verfassen. Die Werke dieses Dichters
waren Paulus bekannt, auch Theodulf nennt ihn unter den von ihm
gelesenen (Poet. I 543 v. 14) und Alkvin verfaßte auf ihn auch eine
kleine Grabschrift (I 326 XVII).
Über die Entstehungszeit des Epitaphs läßt sich nur sagen, daß
es jedenfalls in den Jahren 782 — 786 vor den Metzer Grab-
schriften abgefaßt wurde, da er in der Darstellung noch seine eigenen
Bahnen geht.
122
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
Ingenio clarus, sensu celer, ore suavis,
Cuius dulce melos pagina multa canit,
Fortunatus, apex vatum, venerabilis actu,
Ausonia genitus hac tumulatur humo.
Cuius ab ore sacro sanctorum gesta priorum
Discimus. Haec monstrant carpere lucis iter.
Felix, quae tantis decoraris, Gallia, gemmis,
Lumine de quarum nox tibi tetra fugit.
Hos modicus prompsi plebeio carmine versus,
Ne tuus in populis, sancte, lateret honor.
Redde vicem misero. Ne iudice spernar ab aequo,
Eximiis meritis posce, beate, precor.
Lang. = t.
EPITAPHIUM FORTUN ATI EPISCOPI F/. 118; die Handschriften der HisL
9 modicus F t, modicos
1 oreque t \\ 4 tumulatus ^ H 5 piorum t
Waitz II 12 eximiis aus eximis corr. F, eximius t.
1 ingenio clarus, sensu celer: „von
klarem Geist und rasch im Denken." —
ore suavis (dreisilbig) vgl. Hist. Lang. II 13
versiculos suavi et diserto sermone com-
posuit. Alcvin schreibt in seinem Epi-
taph für Fortunat I 326, 5
Qui sermone fuit nitidus sensuque
fidelis,
Ingenio calidus,promptus et ore suo.
3 — 5 apex vatum vgl. Hist. Lang.
II 13 nulli poetarum secundus. — ^4«-
sonia genitus: Er stammt aus Oberitalien.
— sanctorum gesta: Hist. Lang. II 13
sanctorum gesta partim prosa partim
metrali ratione conscripsit ; Alcvin 326
v. 3 plurima qui fecit sanctorum car-
mina metro; gemeint ist besonders vita
S. Martini; Poet. I 96 v. 10 sanctorum
renovans patrum conscripta priorum;
vgl. auch Poet. I 19 v. 1 (Epit. Dom-
berchti).
7 — 9 tantis decoraris gemmis: Pau-
lus liebt diesen Vergleich, vgl. VI v. 56;
X V. 2. — modicus: Paulus nennt sich
im Vergleich zu dem berühmten Dichter
„unbedeutend". Es ist kein Grund diese
überlieferte Lesart zu ändern. — plebeio
carmine versus Eugen. Toi. p. 268, 3.
10 — 12 ne tuus in populis lateret
honor: Den gleichen Grund, warum er
die Grabschrift verfaßte, gibt er in seiner
Hist. Lang. II 13 an ne eius vitam
sui cives funditus ignorarent. — redde
vicem misero (Ovid. Am. I 6, 23 redde
vicem meritis): Fortunat möge für ihn
Fürbitte einlegen, als Gegenleistung für
diese Grabschrift. Dies ist eine in den
Epitaphien der karolingischen Zeit be-
liebte Wendung, vgl. Epitaph AlcvinsPoet.
I 350 V. 17; Bernow. Poet. I 420 v. 23;
II 656 V. 13.
XXX.
Paulus an Karl.
*Ich möchte gerne zu Deiner Bibliothek einen Beitrag liefern
und habe mir notgedrungen Fremdes entlehnt, da ich Eigenes nicht
bieten kann. In dem Auszug, den ich Dir aus den 20 Büchern des
Sextus Pompeius machte, wirst Du vieles finden, was Dich inter-
essiert: Grammatisches, Etymologisches, Angaben über die Stadt Rom
und über heidnische Gebräuche, auch die Erwähnung von Ausdrücken,
die bei Dichtern und Geschichtschreibern beliebt sind. Die gnädige
Aufnahme dieses kleinen Geschenkes wird mir zu größeren Arbeiten
Mut machen.'
Dieses Karl gewidmete Werk des Paulus, dessen Autorschaft
ich nachgewiesen habe {De Paulo Diacono Festt epitomatore Erlangen
1891), entstand erst in der Zeit, wo er in Karl nicht mehr den Unter-
drücker seines Volkes, sondern den von Gott mit einer besonderen
Mission betrauten König sah, und zwar erst nach seiner Rückkehr
ins Kloster Montecassino, nach dem Jahre 786. Das unruhige Leben
am Hofe Karls, dieses Wandern von einem Hoflager zum andern und
dabei die Erledigung vieler ihm übertragener anderer Aufgaben lassen
es als unmöglich erscheinen, daß Paulus noch zwischen 782 — 786
diese umfangreiche Arbeit erledigte. In Montecassino dagegen fand
er eher Muße dazu.
Wenn ich zeigte (a. a. O. p. 36), daß in dem Kommentar zur
Regula S. Benedikti sich Stellen mit den Exzerpten des Festus be-
rühren, so beweist dies nicht etwa, daß der Kommentar nicht der lango-
bardischen Zeit angehört, sondern nur, daß sich Paulus schon damals
mit Studien über Festus beschäftigte, die er erst später in Monte-
cassino, angeregt durch die dort befindlichen Handschriften, zum
Abschluß brachte (vgl. auch Traube, Textgesch. zur Regula S. Bene-
dicti 110).
124
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Von den drei Handschriften, in denen das Widmungsschreiben
überHefert ist, habe ich die Münchner noch einmal vergHchen, sonst
schloß ich mich der Ausgabe Dümmlers an (M. G. Epp. IV p. 508).
DIVINAE LARGITATIS MUNERE, SAPIENTIA POTENTIA-
QUE PRAEFULGIDO DOMINO REGI CAROLO REGUM
SUBLIMISSIMO PAULUS ULTIMUS SERVULUS.
Cupiens aliquid vestris bibliothecis addere, quia ex proprio
5 perparum valeo, necessario ex alieno mutuavi. Sextus denique Pom-
peius Romanis studiis affatim eruditus, tam sermonum abditorum quam
etiam quarundam causarum origines aperiens opus suum ad viginti
usque prolixa volumina extendit.
Ex qua ego prolixitate superflua quaeque et minus necessaria
10 praetergrediens et quaedam abstrusa penitus stilo proprio enucleans,
nonnulla ita, ut erant posita, relinquens, hoc vestrae celsitudini legendum
conpendium obtuli. In cuius serie, si tamen lectum ire non dedigna-
bimini, quaedam secundum artem, quaedam iuxta ethimologiam posita
München 14734 saec. X = /, Wolfenbüttel 10. 3 qu. August, s. X f. 4 = /,
Wien 142 saec. X f. \ = n.
2 domino regi fehlt i, domno n \ Caralo i \\ 4 bibliotecis /z || 5 Sextus]
am Rand verbessert von anderer Hand Festus /, Festus n \\ 10 enuclens n.
1 — 3 diviniae largitatis munere:
Vgl. Vorbem. und Hist. Lang. VI 7 inter
reliqua suae largitatis munera. — re-
gum sublimissimo : In ähnlicher Weise
sprach er von seinem König auch in dem
Dedikationsgedicht zur Homiliensamm-
lung, das auch in Montecassino entstand
(vgl. XXXII V. 2.U.3). — ultimus servulus:
in einer Homilie (Migne XCV p. 1577)
extremus b. Benedicti servulus: vgl. Eug.
Toi. p. 27.
4 — 5 vestris bibliothecis: Wir sehen,
daß Karl bemüht war Bibliotheken anzu-
legen und daß er die Gelehrten aufforderte
Beiträge zu liefern und ihre eigenen Werke
ihm zu übergeben. Dadurch machte er sich
um die Erhaltung klassischer Werke ver-
dient und regte auch die Gelehrten seiner
Zeit zu schriftstellerischer Tätigkeit an;
vgl. Einh. Vita Car. cap. 33 de libris,
quorum magnam in bibliotheca sua
copiam congregavit: vgl. auch Traube,
Textgesch. S. 75 und 127. — Sextus
denique: Paulus verwendet denique statt
enim, aber erst in der Hist. Lang., was
mich noch in der Anschauung bestärkt,
daß die Entstehung des Festusexzerptes
in die letzte Zeit seines Aufenthalts in
Montecassino zu verlegen ist.
11 — 14 legendum conpendium ob-
tuli vgl. Brief an Adelperga III 9 Adel-
perga legendam historiam optuli. —
secundum artem: Da Paulus weiterfährt
iuxta ethimologiam posita, so ist jeden-
Paulus an Karl.
125
15
non inconvenienter invenietis, et praecipue civitatis vestrae Romuleae,
portarum, viarum, montium, locorum tribuumque vocabula diserta
reperietis, ritus praeterea gentilium et consuetudines varias, dictiones
quoque poetis et historiographis familiäres, quas in suis opusculis
frequentius posuere.
Quod exiguitatis meae munusculum si sagax et subtilissimum
vestrum ingenium non usquequaque reppulerit, tenuitatem meam vita 20
comite ad potiora excitabit.
14 Romule^ n \\ 15 moncium n \\ 16 repperietis / || 17 pO(^tis n, poematis / !|
18 frequencius n \\ 19 sagax] ga auf Rasur i \ subtilismum / || 20 usquequaque]
usque quare / ] repulerit n \\ 2\ pociora n. In nomine domini incipiunt excerpta
ex libris Pompei Festi de significatione verborum folgt in l n.
falls ars grammatica gemeint. — civi-
tatis vestrae Romuleae vgl. Gedicht des
Paulus IVi V. 1 Anm.
17 — 20 historiographi verwendete
Paulus auch in seiner Hist. Lang. I cap. 15,
II cap. 23. — exiguitas: Ist wie exiguus
in der Einleitung zum Brief an Adelperga
Höflichkeitsformel = meine Wenigkeit.
— tenuitatem meam ist im gleichen
Sinn wie in Hist. Lang. III 24 zu fassen:
iuxta tenuitatis nostrae vires universa
descripsimus : Gest. epp. Mett. SS. II 262
meae tenuitatis non immemor. — vita
comite auch sonst von ihm gerne ge-
braucht, vgl. Schluß der Briefe an Adel-
perga und Theudemar; betreffs der son-
stigen stilistischen Eigentümlichkeiten
unseres Briefes vgl. p. 37 ff. in meiner
in den Vorbem. angeführten Arbeit. Die
Unechtheit der Verse
Malta legit paucis, qui librum prae-
dicat istum;
Hoc servus fecit, Karolo rege, tuus.
Sic una ex multis nunc fiat ecclesia
templis;
Det David vires scilicet ipse deus.
hat Traube (Neues Archiv XV 199) nach-
gewiesen und die genaue Untersuchung
der Schreibweise des Paulus ergab nur
eine Bestätigung seiner Behauptung.
XXXI.
Brief an Adalhard.
'Leider war es mir nicht möglich Dich im vergangenen Sommer
zu sehen, wo ich mich in jenen Gegenden aufhielt. Die gewünschten
Briefe konnte ich Dir deshalb nicht früher schicken, weil ich keine
Abschreiber hatte und auch vom September bis Weihnachten krank
darniederlag (1 — 11).
Aber auch jetzt kann ich Dir nur 34 überschicken, die ich durch-
korrigierte. Die lückenhaften Stellen wagte ich nicht zu ergänzen,
sondern machte am Rande ein Zeta (12 — 17). Verbessere Du gelegent-
lich die übrigen Briefe nach einer Handschrift mit reinerem Text und
ergänze auch die Lücken. Zugleich rate ich Dir einzelne Stellen
nicht allen zugänglich zu machen (18 — 22).'
Die Schlußverse enthalten die Versicherung seiner treuen Liebe
und die Bitte, Adalhard möge seiner eingedenk sein.
Da die Handschrift (Petersburg cod. S. Germani 169, 858 saec.
VIII), in der dieser Brief überliefert ist, sich ursprünglich in der Abtei
Corbie an der Somme in der Picardie sich befand, so weist schon
die Überlieferung auf Adalhard, den Vetter Karls, der ca. 780 — 826
dort Abt war (vgl. Abel I 361).
Ob aber Paulus mit unserem Paulus identisch ist, darüber ist
bis jetzt keine endgültige Entscheidung getroffen worden. Mabillon,
Goussainville und die Mauriner zweifeln nicht daran, Bethmann meint
(Archiv X 297) ohne Beweise anzugeben: „alles paßt recht gut auf
ihn", Dahn (S. 37) hält die von Mabillon angeführten Gründe nicht
für überzeugend, wenn auch nach seiner Anschauung hohe Wahr-
Brief an Adalhard. 127
scheinlichkeit dafür besteht. Paul Ewald, der in seinen „Studien zur
Ausgabe des Registers Gregors I" (Neues Archiv III 440, 474) diese
Frage eingehend untersucht, kommt zu der Anschauung, daß die
Gründe für und wider nicht zwingend sind.
Um nun eine Grundlage für die Entscheidung dieser Frage zu
schaffen möchte ich hier einen Oberblick über die philologisch-
grammatische Tätigkeit des Paulus Diaconus geben, da auch der
Inhalt des Briefes auf diese hinweist.
Nach den Untersuchungen Traubes (Textgeschichte S. 41) ist
der Kommentar zur Regula S. Benedicti noch in der langobardischen
Zeit entstanden und also die erste derartige uns bekannte Arbeit. Dann
ist Paulus der Verfasser des grammatischen Rhythmus (XV), der mög-
licherweise die Grundlage bildete bei seiner Lehrtätigkeit in der
lateinischen Grammatik am Hofe Karls (vgl. XII 7).
In dem Katalog der Bibliothek des Benediktinerklosters Lorsch,
einer wichtigen Bildungsstätte der karolingischen Zeit (vgl. Rhein.
Mus. N. F. XXIII 1868 S. 385 ff.), steht f. 30 \- Item minores et mai-
ores partes donati et priscianl minores partes et asperi grammatici
in ano cod. Ars grammatici sancti augustini adbreviata. Item
eiüsdem. Item pauli diaconi ad Karolum regem item sancti
isidori episcopi. Das zitierte Werk ist das nämliche, das im Palatinus
1746 saec. IX, der aus Lorsch stammt, angeführt ist. Hier steht f. 27
Incipit ars donati quam pauLus diac, exposuit und voraus-
gehen, wie im Lorscher Katalog, grammatische Werke Augustini epis-
copi und nachher heißt es f. 40^ Incipit sancti isidori episcopi de
grammatica et partibas eins. Der Beisatz ad Karolum regem in
dem Lorscher Katalog weist nur auf unseren Paulus hin, da nur er
für Karl in dieser Hinsicht tätig war.
In dem gleichen Katalog heißt es f. 32^: Liber grandis glosarum
ex dictis diuersorum coadunatus in uno cod. Item lib. glosarum
et cronica isidori et sententia senice in uno cod. Glose pauli
diac. Item glose in quaternionibus. Jedenfalls ist damit sein
Festusexzerpt gemeint. Wichtig ist auch eine Notiz im ältesten
Katalog von Montecassino, den Traube aus dem Cavensis f. 69 zum
erstenmal herausgab und der ihm wie ein Verzeichnis der aus dem
Nachlaß des Paulus zugeflossenen Bücher erscheint (Textgeschichte
zur Reg. S. Ben. S. 113): brebe (^^^ Gaetani, Ib Reifferscheid) facimus
de ipsi codici: inprimis regum I, salomon, storiale, prophetarum,
homelie bede, homelie de dibersis doctores (das Werk des Paulus),
colectariu (colectaru Gaetani, colecta III Reifferscheid) de dibersis
128 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
doctores, scintillu (das Werk des Defensor), danihel, eptaticu, codice
betere (d. h. veterem) I, collectariu (collectaru Gaetani^ minores I,
cronica I, psalteria I, etthiomoligiaru (etthimollglaru Gaetani, etthio-
moligiarum Reifferscheid^ /, istoria (storia Reifferscheid^ longo-
bardoru I, lectionara I. insimul totidem sunt cotdici XVII.
Wenn man ferner bedenkt, daß Karl ihm auch die Herstellung
der Homiliensammlung (vgl. Gedicht XXXII) übertrug, eine Tätigkeit,
die sich mit der in dem Brief an Adalhard besprochenen ganz nahe
berührt, und daß es in den Jahren 782 — 786, wo Paulus am Hofe
Karls weilte, und auch mehrere Jahre nachher, keinen anderen Paulus
gab, der für Karl derartige Arbeiten erledigte, dann kann niemand
als unser Paulus jener Paulas grammaticus gewesen sein, der zwischen
784 und 791 im Auftrage Karls den Papst Hadrian I. um Zusendung
des über sacramentorum Gregors I. bat (Jaffe, Bibliotheca Rerum
Germanicarum IV 27 ff. Epp. III 626).
Ein weiterer Beweis für die Identität liegt auch darin, daß unser
Paulus eine Biographie Gregors geschrieben hat (Hist. Lang. III 24
de beato Qregorio plura dicere obmittimus, quia iam ante aliquot
annos eius vitam Deo auxiliante texuimus) und daß er in seiner
Hist. Lang., wie Ewald a. a. O. nachwies, eine Kenntnis der Briefe
Gregors verrät.
Zu allen diesen Beweispunkten kommt noch hinzu, daß zwischen
unserem Paulus und Adalhard Beziehungen bestanden. Nach Angabe
des Biographen Adalhards, des Paschasius Radbertus (Vita Adalh.
cap. 12 SS. II 525 und Hauck, Kirchengesch. Deutschi. S. 172), hielt
sich dieser vor 780 als Mönch in Montecassino auf, also in jener
Zeit, wo Paulus Diaconus dort als Verbannter lebte. Sicherlich
sind sie dort einander näher getreten. Daher der freundschaftliche
Ton, in dem der Brief gehalten ist und den er dem einstigen Frater
gegenüber anschlagen konnte (vgl. carissimo fratrl ; dtlecte mi; frater
amabilis).
Damit wäre eigentlich die Frage schon entschieden, die Er-
klärung des Briefes selbst aber bringt in stilistischer und inhaltlicher
Beziehung noch manchen Punkt zur Bestätigung und beweist auch,
daß seine Abfassung in die Zeit seines Aufenthalts am Hofe Karls
(782 bis 786) fällt.
Brief an Adalhard.
129
CARISSIMO FRATRI ET DOMINO ADALARDO, VIRO
DEI, PAULUS SUPPLEX.
Cupieram, dilecte mi, aestate praeterita videre faciem tuam, quando
illis in partibus fui, sed praepeditus lassitudine sonipedum ad te venire
non potui. Interioribus tarnen oculis, quibus solis valeo, tuae frater- 5
nitatis dulcedinem frequenter aspicio. Volueram equidem tuis imperiis
iam ante parere, sed, utpote pauper et cui desunt librarii, prius hoc
facere nequivi, maxime cum me tarn prolixa valitudo contriverit, ut a
mense Septembrio paene usque ad diem nativitatis Domini lectulo
detentus sim nee licuerit clericulo illi, qui haec eadem utcumque 10
scripsit, manum ad atramentarium mittere.
Suscipe tamen, quamvis sero, epistolas, quas desiderasti, et quia
mihi eas ante relegere prae occupatione totas non Hcuit, 34 ex eis
scito relectas et, prout potui, emendatas esse praeter pauca loca, in
quibus minus inveni, et tamen meo ea sensu supplere nolui, ne viderer 15
tanti doctoris verba inmutare. Quibus in locis et forinsecus ad oram
zetam, quod est vitii Signum, apposui.
0 = Petersburg, einst S. Germani Prat. 169. 858 f. 1.
Überschrift Selectae epistolae sancti Gregorii papae o
praepedibus corr. 0 \\ 10 uticumque o.
4 praepeditus aus
1 — 5 carissimo fratri et domino:
Diese Anrede hat ihre Begründung darin,
daß Adalhard (vgl. Vorbem.) einstens in
Montecassino mit Paulus gleichzeitig
Mönch war und nun Abt in Corbie an
der Somme ist. — Paulus supplex vgl.
die Anm. zu III. — interioribus tamen
oculis, quibus solis valeo vgl. Brief an
Theudemar XIV 21 tota, qua solum valeo,
mente.
7 utpote pauper et cui desunt li-
brarii: Es ist natürlich, daß die Ge-
lehrten, die der König immer bei sich
haben wollte (vgl. Vorbem. zu XXIII), bei
dem oft raschen Wechsel der Hoflager
in literarischen Hilfsmitteln recht arm-
selig daran waren und nicht die nö-
tigen Bücher und Abschreiber zur Hand
hatten. Diese Stelle beweist zugleich,
daß dieser Brief unmöglich in Monte-
cassino entstand, wie Mabillon meint
(Annal. ord. S. Bened. II p. 284); denn
hier fehlte es gewiß nicht an Hilfsmitteln
zu wissenschaftlichen Arbeiten. Auch
konnte er, wie uns ein Überblick über
seine damaligen literarischen Leistungen
zeigt, nur in der Zeit, wo er am Hofe
Karls weilte, seine große Beschäftigung
als Grund anführen: quia mihi eas ante
relegere prae occupatione totas non
licuit.
16 — 21 forinsecus ad oram zetam,
quod est vitii Signum, apposui: Die Ver-
wendung kritischer Zeichen findet sich
auch in der St. Galler Handschrift 899
aus dem X. Jahrhundert (G). Hier steht
am Rand neben den Versen 7 und 8 des
Gedichtes XXI und neben v. 49 von XXII
(vgl. krit. Apparat) das Zeichen !- (Lim-
niscus id est virgula inter geminos
punctos iacens Isid. Orig. I 21, 5) und
zwar, wie in unserem Brief, als vitii
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4.
130
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Tua itaque fraternitas, si se facultas dederit, reliquas epistolas
ad emendatiorem relegere studeat codicem, sed et loca, in quibus
20 minus habetur, nihilominus supplere. Hoc tarnen sanctitati tuae suadeo,
ne passim propter aliqua, quae in eis minus idoneos latere magis
quam scire convenit, publicentur.
Vale, f rater amabilis, semper in bonis gliscens; et cum mentem
ad superna tetenderis, memento mei.
25 Ante suos refluus Rhenus repedabit ad ortus,
Ante petet fontem clara Mosella suum,
Quam tuus e nostro, carum ac memorabile semper
Dulce, Adalard, nomen, pectore cedat amor.
Tu quoque, si felix vigeas de munere Christi,
30 Esto memor Pauli tempus in omne tui.
Signum; denn an jenen Stellen ist der
Text fehlerhaft. Paulus macht, wie wir
hier sehen, an lückenhaften Stellen, die
er aus Ehrfurcht vor Gregor nicht er-
gänzen will, ein C (= ^rrjfxa). Über
die Verwendung solcher kritischer Zeichen
vgl. Traube, Textgeschichte S. 68 und
auch A. Reifferscheid, Mitteilungen aus
Handschriften (Cavensis 3. foliorum 399
saec. XI — XII f. 255 de notis antiquorum)
Rhein. Mus. N. F. XXIII 1868 S. 127. —
ad emendatiorem codicem: Paulus will,
daß Adalhard zur Verbesserung der übri-
gen Briefe eine Handschrift mit reinerem
Text verwende und mit Hilfe dieser die
Lücken (loca, in quibus minus habetur
— est) ergänze. Er selbst benützte dem-
nach eine nach seiner Anschauung
schlechtere Handschrift. — ne passim
publicentur: Eine weitere Verbreitung
dieser Briefe wünscht Paulus wegen
einiger Stellen nicht, die man Unbefugten
{minus idoneos) besser verschweigt.
25 Die Erwähnung von Rhein und
Mosel deutet auch aufs Frankenland hin
und zwar Rhenus auf Adalhard und
Moseila auf Paulus. — ante suos re-
fluus nach Verg. Ecl. I 59—63; vgl. VIII
V. 15—20; XL v. 9—12; Eugen. Toi.
p. 268 V. 13—18.
XXXII.
Paulus an Karl.
*Gerne gehorchte ich Deinem Befehl, mächtigster König, den Gott
zum Hort der Christenheit gemacht hat. Wenn auch die Kräfte fehlten,
der gute Wille war da (1 — 6). So nimm denn gnädig das Werk auf,
verbessere in Deiner Weisheit, was Dir fehlerhaft erscheint, und er-
teile ihm Deine Genehmigung, damit es in den Kirchen seine Ver-
wendung finde (7 — 12).'
Die sich anschließenden Verse enthalten einen Segenswunsch
für Karl, den mächtigen Herrscher.
Paulus hatte von ihm den Auftrag erhalten eine Predigten-
sammlung zum Gebrauch in den Kirchen herzustellen und übergab
sie seinem König mit diesem poetischen Begleitschreiben. Dieser
erteilte seine Genehmigung und empfahl die Sammlung den Geistlichen
durch ein Rundschreiben (Pertz, Mon. Germ. Legg. I p. 44), dessen
Schlußworte hier angeführt werden, da auf sie Bezug genommen
werden muß.
'Idqae opus Paulo diacono, familiari clientulo nostro,
ellminandum iniunximus, scilicet ut studiose catholicorum patrum
dicta percurrens veluti e latissimis eorum pratls certos quosque
flosculos legeret et in unum quaeque (quemque M) essent utilia
quasi sertum aptaret.
Qui nostrae celsitudini devote parere desiderans trac-
tatus atque sermones diversorum catholicorum patrum perlegens et
optima quaeque decerpens in duobus voluminibus per totius anni
circulum congruentes cuique festivitati distincte et absque vitiis
nobis obtulit lectiones. Quarum omnium textum nostra sagacitate
perpendentes nostra eadem volumina auctoritate constabilimus
vestraeque religioni in Christi ecclesiis tradimus ad legendum'.
9*
132 ^3rl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Es ist kein Zweifel, daß mit Paulus Diaconus nur unser Paulus
gemeint sein kann, da er für die Lösung einer solchen Aufgabe be-
sonders geeignet war. Außerdem wissen wir, daß kein anderer Paulus
Karl so nahe stand, daß er von ihm die Worte familiaris clientulas
noster gebrauchen konnte.
Da nun die Widmungsverse 'Summo apicC auch in den drei
maßgebenden Handschriften (vgl. krit. App.) zugleich mit dem Rund-
schreiben überliefert sind, so ist an der Autorschaft des Paulus nicht
zu zweifeln, zumal sie auch durch stilistische Beziehungen zu anderen
Werken bestätigt wird.
Die Schlußverse 'Utere' finden sich nur in der Münchner Hand-
schrift 4533, stammen aber jedenfalls auch von Paulus, da dieser
seine Widmung des Eutrop mit einem inhaltlich ähnlichen Wunsch
abschließt und auch stilistische Gründe für ihn sprechen. Die Be-
hauptung Wiegands aber (Das Homiliarium Karls des Großen S. 3),
daß diese Handschrift das echte von Karl dem Kloster Benedikt-
beuern geschenkte Homiliar sei, kann nicht als Beweis angeführt
werden, da Gründe dagegen sprechen (vgl. Traube, Textgesch. S. 101).
Mit dem vorliegenden Gedicht, das, wie die Erklärung der ein-
zelnen Verse ergibt, in Montecassino und zwar zwischen 786 — 797
entstand, kommen wir zum letzten Lebensabschnitt des Paulus
Diaconus.
Wenn unsere Annahme richtig ist (vgl. Anm. zu XIII 12), so
steht er mindestens im 60. Lebensjahr. Er hat ein stürmisches Leben
hinter sich, reich an Sorgen und Arbeit. Besonders die Zeit am Hofe
Karls war für ihn die unruhigste seines Lebens: Stets neue anstrengende
Aufgaben und dazu eigentlich keine Heimat, kein Plätzchen, wo er
ständig bleiben konnte. Da versteht man, daß jene Gefühle, die er
einst in seinem Brief an Theudemar (XIV) zum Ausdruck brachte, in
seinem Herzen immer mächtiger wurden. Und so erfüllte denn Karl
endlich seinen sehnlichen Wunsch und ließ ihn wieder in die Stille
des Klosters zurückkehren. Da dieser im Winter 786 nach Italien
zog (Abel I 560), so dürfen wir wohl annehmen, daß Paulus damals
wieder nach Montecassino zurückkehrte.
Er scheidet von seinem königlichen Herrn als ein treu ergebener
Freund, der ihn auch jetzt noch bei der Durchführung seiner Organi-
sationen, soweit sie auf wissenschaftlichem Gebiete liegen, unterstützt,
von der Überzeugung durchdrungen, daß Karl von Gott zum Schirm-
herrn (vgl. V. 3 — 5) der Christenheit bestimmt ist. Dieser aber tut in
seinem Rundschreiben nicht bloß der Geistlichkeit seines großen
Paulus an Karl.
133
Reiches, sondern damit aller Welt kund, wie hoch er Paulus schätzt,
indem er ihn famillans cllentulas noster nennt, und auch der nun
folgende poetische Briefwechsel beweist, daß beide Männer auch
später noch innige Freundschaft verband.
SUMMO APICI RERUM REGI DOMINOQUE POTENTI
DAT FAMULUS SUPPLEX VERBA LEGENDA SUUS.
Ampla mihi vestro est humili devotio servo
Praeceptis parere tuis, celeberrime regum.
Quem dedit omnicreans rector miseratus ab altis
Christicolum populis defensoremque patremque.
5 Sit licet effectus modicis pro viribus impar,
Ingens ardenti tamen est sub corde voluntas.
En iutus patris Benedicti mira patrantis
Auxilio meritisque piis, vestrique fidelis
Abbatis dominique mei, etsi iussa nequivi
10 Explere, ut dignum est, tamen, o pietatis amator
Excipe gratanter, decus et mirabile mundi,
Qualemcumque tui famuH, rex magne, laborem;
Summo — SUUS mit roten Unzialen geschrieben. Karlsruhe früher Augiensis
173 saec. IX = p. Lugdun. Voss. 4 saec. X = ^. Monac. 4533 saec. XI = r.
SUUS aus siuis corr. q \\ 2 C(^leberrime ^ || 3 alto p \\ 7 patranti r \\
8 uxilio r \ fidelis aus fideles corr. r || 9 dominique aus dominoque corr. q |
uisa ^11 11 decus er || 12 ualemcumque r \ magnae r.
summo apici vgl. Paul. XXII v. 52
vester celsus apex; Paul. XXIX v. 3 apex
vatum. — famulus supplex: Eine nur
von Paulus am Anfang seiner Briefe
gerne gebrauchte Wendung, vgl. Anm.
zum Brief an Adelperga (III).
2 — 6 celeberrime regum, vgl. auch
V. 11 decus et mirabile mundi: Man
vergleiche damit die Anreden in den
früheren Gedichten und man kann aus
ihnen erkennen, wie nur allmählich ein
Umschwung in der Stimmung des Paulus
eintritt. — quem dedit omnicreans vgl.
Anm. zu XXII v. 33. — sit licet effectus:
Veränderte Wiedergabe von Ovid. ex
Pont. III 4, 79 ut desint vires, tamen est
laudanda voluntas; einen ähnlichen Ge-
danken spricht er in seinem Brief an
Adelperga aus (III 17) utinam tam effi-
caciter imperata facturus quam libenter
arripui. — ardenti sub corde XXI v. 5
sub ardenti pectore.
7 — 10 iutus patris Benedicti auxilio:
Diese Worte lassen die Schlußfolgerung
zu, daß die Homiliensammlung in Monte-
cassino entstand; mit abbatis domini
w.ei ist Theudemar gemeint, der 778
bis 797 dort Abt war. — ut dignum est
XXXV V. 6, dafür setzt er auch bloß
digne XVIII v. 12. — pietatis amator
XXII V. 15; Fortun. III 22, 5; Alcvin Poet.
I 172 V. 138, 238 v. 5.
134
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15
20
Quodque sacro nuper mandasti famine condi,
Nunc opus acceptans rutilo comitare favore.
In quo si quid erit labis vitiique nocentis,
Illud vestra sagax nimium sapientia purget.
Utque legi per sacra queat domicilia Christi,
Nullius titubante fide, si sensibus altis,
Enixe ut cupio, vestris utcumque placebit,
Firmum oro capiat vestra sanctione vigorem.
Utere felix munere Christi
Pluribus annis, luxque decusque
Magne tuorum, Carole princeps,
Atque togate arbiter orbis,
Dardanidaeque gloria gentis.
13 quodque aus quoque corr. r \\ 15 labis erit /?, labiis q
Handschriften folgt das Rundsdireiben Karls, an das sidi Utere
f. 4v ansdiließt.
4 togatae r \\ S Dardanideque r.
20 In den
gentis in r
13 — 16 quodque sacro famine man-
dasti: Da Karl gleichsam eine göttliche
Mission zu erfüllen hat, so ist der Befehl,
der an Paulus erging, auch sacer; vgl. im
Rundschreiben Karls: idque opus Paulo
diacono eliminandum iniunximus. Eine
Vergleichung des oben abgedruckten
Teiles des Rundschreibens mit unserem
Widmungsgedicht zeigt in der Anordnung
der Gedanken und in den einzelnen
Ausdrücken eine auffallende Ähnlichkeit,
die es als nicht unmöglich erscheinen
läßt, daß jenes im Anschluß an die
paulinischen Widmungsverse abgefaßt
wurde, Paulus selbst den Entwurf zu
dem Rundschreiben anfertigte und Karl
Zusätze machte oder überhaupt Ände-
rungen vornahm. Die Versicherung seiner
tiefen Ergebenheit, mit der Paulus sein
Widmungsgedicht einleitet, findet ihre
Antwort in familiari clientulo nostro,
eine gleichsam für famulus und servus
eingesetzte Wendung; v. 1—2 ampla de-
votio mihi est praeceptis purere erscheint
wieder in devote purere desiderans; v. 15
si quid erit labis vitiique sehe ich gleich-
sam beantwortet in distincte et absque
vitiis nobis obtulit; v. 16 vestra sagax
sapientia purget vgl. nostra sagacitate
perpendentes: ist eine im Munde des
Königs auffallende Wendung, die jedenfalls
im Entwurf stand. Ebenso berührt sich
der Schluß beider Schriftstücke: v. 17
legi per sacra domicilia vgl. in Christi
ecclesiis tradimus ad legendum, v. 20
firmum capiat vestra sanctione vigorem
vgl. nostra auctoritate constabilimus.
1 — 5 Utere felix vgl. Schluß des
Briefes an Adelperga. — luxque decus-
que vgl. Anm.. zu IVi v. 20. — togate
arbiter orbis: Als Herr von Italien ist
er im Besitz der römischen Weltherr-
schaft. Aus Einhard (Vita Gar. 23) er-
fahren wir, daß Karl nur zweimal und
zwar nur auf Bitten der Päpste Hadrian
und Leo seine fränkische Tracht mit der
römischen vertauschte; arbiter orbis
Fortun..IV26,91; Bonif. Poet. 1 11 v.249.
— Dardanidaeque gloria gentis vgl.
IVi v. 17 Latiae dicatur gloria gentis.
XXXIII.
Karl an Paulus.
Karl schickt diesen poetischen Gruß nach Montecassino an den
hochbetagten Paulus. Er teilt ihm mit, daß er sich wohl befinde und
bittet ihn, er und die Brüder möchten ihn in ihr Gebet einschließen.
Mit einem Gruß an alle und mit dem Wunsch, Christus möge sie
schirmen, schließt das Gedicht.
Es beweist, ebenso wie XXXIV, XL und XLI, daß Karl seinen
gelehrten Freunden, die ihm mehrere Jahre lang bei der Verwirk-
lichung seiner wissenschaftlichen Ideen treu zur Seite standen, auch
jetzt, wo sie nicht mehr an seinem Hofe leben, eine liebevolle An-
hänglichkeit bewahrt hat (vgl. v. 2; 5; 15).
Ober die Abfassungszeit dieses Gedichtes läßt sich nur sagen,
daß es nach 787 entstand und in die letzten Lebensjahre unseres
bereits hochbetagten Dichters (vgl. v. 1 und 11) fällt.
Was den Verfasser des Gedichtes anlangt, so wissen wir, daß
der erste Herausgeber Andre du Chesne (Alchwini opp. p. 1720 vgl.
Ged. XXIII) es unter den Gedichten Alkvins anführt und daß man bis
jetzt allgemein der Anschauung war, daß es von ihm im Namen Karls
an Paulus gerichtet wurde. Man führte die Alkvinischen Anklänge
als Beweis an (Archiv X 248, Neues Archiv XVII 400).
Es ist richtig, wie wir früher gesehen haben, daß auch Petrus
von Pisa im Namen Karls Gedichte an Paulus richtete und zwar so,
daß Petrus sich ganz an die Stelle seines Auftraggebers setzte, sogar
in der ersten Person redete und z. B. von der Prinzessin Rothrud als
nostra filia sprach (XII 11). Karl hatte dabei jedenfalls vorher gesprächs-
weise den Inhalt angedeutet, die dichterische Darstellungsform aber
war Eigentum des Petrus.
136 ^3rl Ncff, Gediclite des Paulus Diaconus.
Unser vorliegendes Gedicht und auch das folgende können nicht
auf diese Weise entstanden sein. Es ist doch klar, daß ein Dichter,
dem sein König einen solchen Auftrag gab, das Beste bot, was seine
Muse leisten konnte, besonders wenn es galt Personen zu ehren, die
dem Herzen des Königs so nahe standen. Betrachtet man aber beide
Gedichte, so sind sie nichts anderes als eine Zusammenstellung von
Worten, Versschlüssen, ganzen Versen, wie sie Alkvin früher gebrauchte.
Das Gedicht (Poet. aev. Carol. I 220), das, wie die Besprechung der
einzelnen Verse zeigen wird, die Fundgrube für beide Gedichte
bildete, ist sicher vor unseren Gedichten entstanden (vgl. a. a. O. die
Anm.) und Alkvin hätte sich also seines Auftrages dadurch entledigt,
daß er seinem König aus einem früheren größeren Gedicht zwei
kleinere neue zusammenflickte, was auch bei geringer Einschätzung
der Alkvinischen Poesie und der Annahme, daß der Adressat dem
Herzen des Dichters ganz ferne stand, ihm doch nicht zugemutet
werden kann.
Es erscheint vielmehr zweifellos, daß Karl sich anfangs zwar,
wie wir in Gedicht XII sehen, von anderen seine Gedichte machen
ließ, später aber sich selbst im Dichten versuchte, hatte er ja doch
das Sprachstudium eifrig betrieben und sich nach dem Bericht
seines Biographen sehr gewandt der lateinischen Sprache bedient
(Einh. Vita Car. 25 Latinam ita didicit, ut aeque lila ac patria
lingua orare sit solitus). Demnach ist der Schluß erlaubt, daß
Karl, angeregt durch die in seiner Nähe sich entfaltende lebhafte
dichterische Tätigkeit, diese poetischen Grüße an die zwei befreundeten
Gelehrten verfaßte und dabei besonders jenes Gedicht Alkvins, das
ja auch poetische Grüße an Freunde enthielt, als Muster nahm, und
wir werden später sehen (vgl. XL), daß auch Gedichte, die nicht
seinem Kreis ihre Entstehung dankten, aber dorthin gebracht wurden,
ihm als Vorbilder dienten. In dieser Weise entstanden aber nur diese
kleinen Gelegenheitsgedichte, die oft nichts enthielten als Grüße und
Beglückwünschungen; poetische Schreiben wichtigeren Inhalts aber
überließ er einer gewandteren Feder. Indem wir Karl selbst bei diesen
Gedichten als Verfasser annehmen, werden wir mit mancher über-
lieferten Lesart, die wir verbessern möchten, uns eher befreunden
können.
Durch die Behauptung, daß Alkvin im Namen Karls dieses Ge-
dicht an Paulus gerichtet habe, wird man unwillkürlich zu der Frage
angeregt, in welchem Verhältnis beide zu einander standen. Bei ihrer
wissenschaftlichen Tätigkeit am Hofe Karls und ihren Beziehungen
Karl an Paulus.
137
ZU ihm ist es zweifellos, daß sie sich persönlich kannten, wenn auch
darüber nichts überliefert ist. Jedenfalls aber sind sie einander nicht
näher getreten, da im Gegensatz zu dem sonstigen regen poetischen
Verkehr zwischen den einzelnen Freunden nichts auf ein freundschaft-
liches Verhältnis zwischen Alcvin und Paulus hinweist. Der Grund
mag in dem großen Kontrast der Charaktere liegen. Alkvin war der
orthodoxe Eiferer, dem die Wissenschaft nur als Dienerin der Kirche
wertvoll erscheint, Paulus der freier denkende Gelehrte, der erst in
zweiter Linie Theologe war. Bei Disputationen mögen wohl oft diese
Geister auf einander geplatzt sein und keinen Ausgleich mehr gefunden
haben, besonders wenn man sich erinnert, daß Paulus oft etwas zu
temperamentvoll vorging, so daß man ihm zurufen mußte: desine
r ödere f rat rem (XVII v. 29). Daß Alkvin aber vielen Angriffen aus-
gesetzt war, beweist die Stelle eines Gedichtes (Poet. I 222 v. 40 ff.),
selbst wenn die Worte mehr im Scherz gesagt sein sollten. Er bittet
hier nämlich Karl, er möge ihn vor allen denen schützen, die ihn
angreifen. Bezeichnend für Alkvin ist jedenfalls auch, daß sein Ver-
hältnis zu Angilbert, einer Paulus verwandten Natur, und zu anderen
(vgl. Epp. IV p. 101; Poet. I. 243 n. XXII; Abel II 209) zeitweise ge-
trübt wurde.
Parvula rex Karolus seniori carmina Paulo,
Dilecto fratri, mittit honore pio,
Quae rapuit calamus subito dictantis amore
Demandans cartae: Per mea verba cito
Ohne Überschrift CLXXXVI Quere.
4 caestae Quere., chartae Mabillon.
1 — 3 quae rapuit calamus: Dieser
Vers ist Alcvin entnommen vgl. Epp. IV
p. 284, 28 quae subito casu ex ore dic-
tantis evolant; Epp. IV p. 73, 15 Caritas
dictantis ab ore rapuit verba; Rhabanus
verwendet (Poet. II 187 v.3) fast wörtlich
unseren Vers, nur hat er auch ab ore
statt amore. Es ist zwar sehr verlockend
deshalb' die überlieferte Lesart zu ändern,
vielleicht wollte aber Karl hervorheben,
daß die Liebe seine Worte diktierte; ist
ja auch Epp. IV p. 73, 15 von der Caritas
dictantis die Rede und Epp. IV p. 112, 28
drückt sich auch Alcvin ähnlich aus:
quas (litterulas) licet atramento stiloque
perscriptas, tarnen caritate intelligite
esse dictatas. Dictare bedeutet hier,
wie an vielen anderen Stellen in den
Briefen Alcvins nicht bloß „vorsagen
zum Zweck des Nachschreibens", sondern
„verfassen, ausarbeiten".
4 — 6 fer mea verba cito: Wiederum
die auch sonst beliebte Anrede an die
Karte, vgl. Alcvin Poet. I 220 v. 1 ; 259
V. 1 ; 260 V. 1 ; Angilb. Poet. I 362 v. 72. —
perge per urbes vgl. XXXIV v. 18; Alc-
vin Poet. 1265 V. 21; 267 III v.3.
138
Karl Nclf, Gedichte des Paulus Diaconus.
5 Ad faciem Pauli venerandam, perge per urbes,
Per montes, Silvas, flumina, lustra, pete
Casinum montem, Benedicti nomine darum,
Pastoris magni praecipuique patris.
Illic quaere meum mox per sacra culmina Paulum,
10 nie habitat medio sub grege, credo, dei.
Inventumque senem devota voce saluta
Et die: Rex Karolus mandat 'aveto' tibi.
Gaudia dicque, precor, nostrae sibi magna salutis
Gratificam Christi per miserantis opem.
15 Atque pium patrem rogita tunc semper ubique,
Pro nobis sacras ut ferat ille preces,
Necnon nos fratrum precibus commendet honestis,
Sum votis quorum certus adesse deum.
Quapropterque dei per me mandare salutem
20 Perpetuae pacis omnibus his placuit.
Ecce valete simul cuncti, iuvenesque senesque,
Gratia vos Christi protegat atque regat!
6 sylvas Quere. 1| 11 voce Quere., mente Mabillon \\ 13 precor Mabillon.
reor Quere. \\ 15 rogita Dümmler, rogito Quere. \\ 16 preces ut ferat ille sacras
Quere., eorr. Dümmler \\ 19 quapropterque dei scripsi, quapropter ei Quere. y qua-
propter sociis Frobenius.
9 — 13 illie quaere meum vgl. Alcvin
I 260 V. 1 mea eartula, quaere. — per
Sacra eulmina vgl. IX v. 20 venerandi
culmina Petri. — inventumque senem
devota voce saluta: vgl. Ale. 261 v. 3;
221 V. 18.
15 — 20 semper ubique eine besonders
bei Alcvin beliebte Zusammenstellung. —
dei mandare salutem perpetuae pacis
vgl. Ale. 240 V. 5 cui deus aeternum tri-
buat per saecula salve; Angilb. Poet. I
362 V. 83 pacificam utque feras (sc.
eartula) cunetis in ore salutem; Ale. 238
V. 16 tibi perpetuam Musis mandare
salutem.
21 — 22 iuvenesque senesque ein be-
liebter Versschluß, vgl. Ale. 179 v. 439;
181 V. 528; Angilb. Poet. I 362 v. 85. —
gratia vos Christi vgl. Ale. 251 v. 11
protegat atque regat (sehr häufig bei
Alcvin) Christi de gratia semper.
XXXIV.
Karl an Petrus und Paulus.
*Hilf mir, Christus, wenn ich Deine Gaben preise und an Petrus
und Paulus Grüße schicke. Du, Flöte, sende Dank und Gruß den
Brüdern, die durch ihre Gelehrsamkeit und ihre Dichtung unser Herz
erfreuen (1 — 9). Eile, mein Brief, hin zu Petrus und danke ihm für
sein herzerfreuendes Gedicht, dann nach Rom zu Hadrian und schließ-
lich nach Montecassino, den Ort des Friedens und der Frömmigkeit,
zu Paulus und grüße ihn (10 — 26)!'
Aus diesem Gedicht erfahren wir nur, daß beide Freunde Karls,
wenn auch räumlich getrennt, für ihren König immer noch wissen-
schaftlich und dichterisch tätig sind. Es beweisen dies die Verse 8,
9 und besonders v. 12, aus dem hervorgeht, daß Petrus sich durch
ein heiteres Gedicht den Dank Karls verdiente. Dadurch daß der
gleiche Brief seine Grüße an beide überbringen soll, gibt er zu ver-
stehen, daß sie seinem Herzen gleich nahe stehen.
Die Erwähnung des Papstes Hadrian (v. 15), der 772 — 795 re-
gierte, läßt die Abfassungszeit zwischen 787 und 795 verlegen.
Das Gedicht stammt aus der Feder Karls und ist nicht in seinem
Namen von Alkvin verfaßt (vgl. Bem. zu Gedicht XXXIII und zu
XXXIV V. 24—26).
Überliefert ist es in einer Handschrift in Montecassino 257
saec. XII p. 34 (Y), die zur Zeit des Petrus Diaconus geschrieben und
von ihm korrigiert wurde. Hier fehlen die zwei letzten Verse: Colla
mei Pauli etc. Leo von Ostia (Chron. Casin. I c. 15, SS VII 592)
aber zitiert auch dieses Gedicht und überliefert die Verse 17 — 26 von
Hinc celer-optime salve vollständig. Er spricht auch von einer Ant-
wort des Paulus. Ob diese Verse, wie Bethmann (Archiv X 248,
140
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
249, 296; XII 502) behauptet, echt sind, läßt sich nicht nachweisen, da
sie, wie die meisten anderen, den Gedichten Alkvins entnommen sind
und von einem Kenner Alkvinischer Poesie hinzugesetzt sein können.
Die erste Ausgabe des Gedichtes auf Grund obiger Handschrift be-
sorgte Charles de Montrond (Bibl. de l'ecole des chartes I 306), dann
Tosti storia di Montecassino I 105, aus diesem Giesebrecht De lite-
rarum studiis apud Italos 1845 p. 26).
10
Christe, pater mundi, saecli radiantis origo,
Annue nunc voto, ut tua mistica dona queamus
Dicere, quae nobis solita dementia praestat,
Atque salutiferam patribus perferre salutem.
Surge iocosa, veni mecum, fac, fistula, versus.
Incipe quam primum meritas persolvere grates
Et cordis plectro tu die *Vale' fratribus almis,
Dulcia qui nobis doctrinae mella ministrant
Carminibusque suis permulcent pectora nostra.
Curre per Ausoniae, non segnis epistola, campos
Ohne Überschrift am Rand von Angelas de Nuce Versus Caroli magni ad
Paulum diaconum Casinensem monachum Y f. 17, codd. des Leo v. Ostia = s,
2 qu^am K, queamus Bethmann \\ 4 salutifera Y, salutiferam Montrond.
1 — 4 saecli radiantis origo: saeclum
bedeutet hier caelum, vgl. Poet. I 72 v. 34
aurea saecla tenet. — ut mistica dona
queamus dicere: Eine ähnliche Einleitung
findet sich Alcvin Poet. I 169 v. 6 ut
mea lingua queat de te tua dicere dona;
258 V. 44 mystica dona. — salutiferam
patribus perferre salutem: vgl. Ale. 221
V. 29 ähnlicher Schluß dulcem patri
perferre salutem; aber salutifera salus
stammt wohl von Karl, vgl. auch Poet. I
76 V. 1 — 2 dicite patri verba salutifera.
5 — 7 surge iocosa vgl. Angilb. Poet. I
360 V. 1 surge, meo domno dulces fac,
fistula, versus; vgl. auch Verg. Ecl. VIII
21 incipe Maenalios mecum, mea tibia,
versus. — incipe quam primum meritas
persolvere grates steht fast wörtlich bei
Eugen. Toi. p. 27 hex. praef. metr. 6; vgl.
auch Poet, I 95 v. 8, wo Wigbod in der
Vorrede zu einem Karl gewidmeten Werk
auch Eugen. Toi. sich zum Vorbild nimmt.
— cordis plectro vgl. Micon. Poet. III 367
V. 24 et cordis plectro tum die: Pater
alme, valeto; vgl. auch Anm. zu VI v. 136.
8 — 10 Petrus und Paulus waren als
Lehrer und als Dichter für Karl tätig;
doctrinae mella ministrant vgl. Ale.
Poet. I 221 V. 9, 271 v. 28. — curre per
Ausoniae: Stat. silv. IV 4, 1 curre per
Euboicos non segnis epistola campos;
Otto Müller, der auf die Verwendung
dieses Verses aus den Silvae des Statius
hinwies, folgert daraus, daß auch dieses
Gedicht durch Karls Fürsorge vom Unter-
gang gerettet wurde (vgl. Rhein. Mus. 18
p. 190). Andere auffallende Entlehnungen
konnte ich nicht finden; vgl. auch Voll-
mer, Einleit. zu Statius S. 34 Anm. 2.
Karl an Petrus und Paulus.
141
15
20
Atque meo Petro certam, dilecta, salutem
Gratificas laudes die et pro carmine laeto,
Quod mihi iamdudum placidum direxerat ille.
Inde per egregiam transibis praesulis aedem
Adriani, tantum Petri loca sancta rogando
Pro me proque meis visitata relinque silenter.
Hinc celer egrediens facili, mea carta, volatu
Per Silvas, colles, valles quoque praepete cursu
Alma deo cari Benedicti tecta require.
Est nam certa quies fessis venientibus illuc,
Hie olus hospitibus, piscis hie, panis abundans,
Pax pia, mens humilis, pulehra et coneordia fratrum,
Laus, amor et eultus Christi simul omnibus horis.
11 dilecta scripsi, de leto K, dilecto Montrond, debeto Giesebredit, deferto
Vollmer \\ 16 silentes Y, silenter Montrond \\ 17 — 26 bei Leo v. Ostia: Ad hunc
praefatus Karolus . . . satis affabiles et iocundas litteras metrice compositas misit,
de quibus aliquot hie versus inserere libuit. Ait enim post aliquanta cartulam suam
alloquens ita: Hinc celer etc. \\ 18 prepete Y, perpete s \\ 21 holus 5 ] piscis
hie Dümmler, hie pisces Y \\ 22 pulcra Y \\ 23 amor Y s.
11 — 15 certam, dilecta, salutem: Er
redet den Brief außer mit non segnis
epistola, auch mit mea carta an. Deshalb
erschien diese Lesart als passend; vgl.
auch Ale. Poet. I 310 V. 4 sit tibi certa
Salus. — placidum direxerat: Karl hatte
von Petrus ein lustiges Gedicht (pro
carmine laeto) erhalten, dazu paßt placi-
dum — „sanft, friedlich" nicht, wohl aber
placitum, wodurch gesagt wird, daß es
das Wohlgefallen Karls erregte. — ro-
gando visitata: Die Verwendung des
ablat. gerund, statt part. praes. oder eines
Finalsatzes ist eine häufige Erscheinung.
17—19 Die Anrede an die Karte ist
nicht bloß von Alcvin gebraucht, sondern
auch von Theodulf (Poet. I 483 v. 11 ; 520
v. 1); vgl. auch Theod. Poet. I 563 v. 3
celeri transcurre volatu; Ovid. Met. IV
718 celer . . . volatu. — celer egrediens
vgl. Theod. 527 v. 1 perge, libelle, celer;
483 V. 12 quem celer videbo; vgl. auch
XL V. 17 praepes concurrat. — per Silvas,
colles vgl. Ale. Poet. I 265 v. 21. — Bene-
dicti tecta require vgl. Ale. 221 v. 25
Samuhelis tecta require.
20 — 22 Diese beiden Verse finden
sich bei Alcvin Poet. I 221 v. 15—16,
nur steht bei Karl abundans, wozu est
zu denken ist (wie bei Ale. 211 v. 9
potus cibus esset habundans); zu v. 20
vgl. Nasonis ecl. 386 v. 42 hie requies
fessis demum venientibus extat, Eug.
Tolet. p. 242 v. 7 hie fessis requies.
23 laus, amor et eultus Christi simul
Omnibus horis: Karl setzte amor statt
honor, das immer in Verbindung mit
laus vorkommt, z. B. Ale. Poet. I 257
V. 26; 258 v. 60; honor et eultus 267
V. 6. — Omnibus horis beliebter Schluß,
vgl. Ale. 265 V. 15; 266 v. 15.
142
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Die patri et sociis sanctis 'Salvete, valete'.
25 Colla mei Pauli gaudendo amplecte benigne,
Dicito multotiens: 'Salve, pater optime, salve'!
24 mit diesem Vers endet Y \\ 25 gaudendo] persaepe mit dieser Verände-
rung nadi V. 19 an den Rand gesdirieben von Angelas de Nuce V \\ 26 Leo
V. Ostia fügt bei: Et reliqua. Cui similiter idem Paulus versifice rescribere et
gratias pro visitatione et salutatione sua cunctorumque fratrum referre maximas studuit.
24 — 26 sociis sanctis salvete: Be-
achte die Alliteration; vgl. auch Ale. 222
V. 51. — colla mei Pauli gaudendo am-
plecte benigne vgl. Ale. 222 v. 47
Paulini gaudens conplectere colla
magistri. Diese Stelle beweist deutlich,
daß unmöglich Alcvin der Verfasser des
Gedichtes ist. Er hätte niemals eine
solche Verschlechterung seiner eigenen
Verse vorgenommen um daraus für sei-
nen König ein neues Gedicht zusammen-
zustellen. — V. 26 findet sich fast wört-
lich wieder bei Ale. 222 v. 39. Das Ge-
dieht setzt sieh demnach aus lauter ent-
lehnten Stellen zusammen, die aber nicht
bloß bei Alcvin, sondern auch bei anderen
am Hofe bekannten Dichtern stehen.
XXXV.
Auf das Grab des Arichis.
'Hier ruht Arichis, den körperliche Vorzüge, hohe wissenschaft-
liche Bildung und alle Herrschertugenden zierten (1 — 28). Mit ihm
schwindet Friede und Freude in Benevent und nicht bloß die Völker
seines Reiches, sondern auch auswärtige beklagen ihn (29 — 38). Es
weint um ihn seine nunmehr unglückliche Gattin, die kürzlich einen
Sohn verlor und einen im fernen Gallien hat. Zwei Töchter im
blühenden Alter und auch der Gedanke, daß ihr Gatte jetzt im
Himmel weilt, sind ihr Trost im Unglück. Möge Maria ihm gnädig
sein (39—52).'
Arichis, der Gemahl der Adelperga, starb am 26. August 787 im
Alter von 53 Jahren in Salerno, wo er auch begraben wurde (Abel I
363 ff. und 603). Er hatte in Unteritalien ein mächtiges langobardisches
Reich begründet. Karl hatte nach dem Fall von Pavia seine Selb-
ständigkeit nicht eingeschränkt, erst im Jahre 787 kam es zu ernsteren
Verwicklungen (Abel I 557 ff.). Karl stand schon mit seinem Heere
kampfbereit bei Kapua, da vermied Arichis den Kampf, indem er
Verhandlungen einleitete, sich Karls Forderungen fügte und seine
beiden Söhne als Geiseln anbot, von denen Karl schließlich den
jüngeren, namens Grimoald, mitnahm. Da der ältere Bruder Romuald
kurze Zeit vor seinem Vater, am 21. Juli 787, gestorben war, so war
Grimoald der zukünftige Herrscher von Benevent, allein Karl ließ ihn
trotz der Bitten der Beneventaner erst im Mai 788 zurückkehren (Abel
I 630). Auf Grund dieser historischen Verhältnisse läßt sich die
Abfassungszeit des Epitaphs bestimmen. Aus v. 44 ast aliiim ex-
torrem, Qallia dura, tenes ist zu schließen, daß der Mai 788 noch
nicht da war und daß das Gedicht also vor dieser Zeit, jedenfalls
144 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
noch im Todesjahr des Arichis entstand, als Paulus bereits wieder
nach Montecassino zurückgekehrt war. Überliefert ist es Rom Vat.
tat. 5001 saec. XIII— XIV (C), in einer Handschrift, die das Chroni-
con Salernitanum enthält (vgl. Archiv V 131, X 371, XII 247; SS. rer.
Lang. p. 232). Die Autorschaft des Paulus ist durch die stilistischen
Beziehungen zu paulinischen Gedichten zweifellos. Über die Dar-
stellungsweise vgl. den Schluß der Vorbem. zu XXIV.
Wenn uns auch die Überlieferung keinen Anhaltspunkt zur An-
nahme bietet, daß Paulus nach seiner Rückkehr ins Kloster von Monte-
cassino an den Hof von Benevent kam, so ist dies außer Zweifel,
wenn man sich an das Verhältnis des Paulus zur herzoglichen Familie
in früheren Jahren erinnert. Wenn er, wie ich (vgl. Vorbem. zu VI)
annahm, im Jahre 769 sich wieder an den Hof des Desiderius begab,
so waren bis zu seiner Rückkehr nach Montecassino im Jahre 786
siebzehn Jahre vergangen, seitdem er Arichis und Adelperga nicht
mehr wiedersah. Es ist demnach nichts natürHcher und es braucht
nicht erst urkundlich festgelegt zu sein, daß er, aus dem Frankenland
zurückgekehrt, von Montecassino aus seine ersten Schritte zu denen
lenkte, denen er vorher nahe stand. Ob Paulus in politischen Dingen
seine Hand noch im Spiele hatte, läßt sich nicht sagen; wenn er
aber eingriff, so geschah es jetzt, wo er Karls Freund war, sicherlich
nur in begütigender Weise. Demnach mag Paulus wohl mitgewirkt
haben, daß Arichis im Jahre 787 sich zur Annahme der Forderungen
Karls statt zum Kampfe entschloß (Abel I 564).
Sicher erscheint mir auch, daß Paulus auf die Nachricht vom
Tode des Arichis nach Benevent eilte um die Herzogin in ihrem
Schmerze zu trösten. Ihrer gedenkt er in dem Epitaph in ganz be-
sonderer Weise. —
Damit wird die Reihe der Gedichte abgeschlossen, die Paulus
zum Verfasser haben. In ihnen erscheint er als ein Gelehrter von
vielseitiger, wissenschaftlicher Bildung, dem es dabei nicht an Witz
und Humor fehlt und der auch die irdischen Gaben Gottes gerne ge-
nießt. Dies und sein Bestreben, auf literarischem Gebiet immer Neues
zu lernen und zu schaffen, lassen ihn als den Typus eines Menschen
der karolingischen Renaissance erscheinen, ganz nach dem Sinne Karls.
Als genauer Kenner antiker Literatur zeigt er in seiner dichte-
rischen Sprache deutlich das Bemühen sich von der Sprache seiner
Vorbilder, besonders Vergils, nicht zuweit zu entfernen, nicht etwa
dadurch, daß er sie bloß ausschreibt, sondern indem er die bei
seinen Zeitgenossen sich findende Überladung und Künstelei ver-
Auf das Grab des Arichis.
145
meidet und sich möglichst von Ausdrucksformen fernhält, die wir
Barbarismen nennen. Klarheit in der Anordnung und im Ausdruck
seiner Gedanken, sowie einfache, dabei aber wirkungsvolle Darstellung
sichern ihm einen hervorragenden Platz unter den karolingischen
Dichtern.
Diese bestimmte und einfache Ausdrucksweise ist ein Spiegel-
bild seines bescheidenen, ehrlichen, aber bestimmten Charakters, der
nicht schmeicheln und seine Anschauung nicht von heut auf morgen
ändern kann. Lange dauerte es, bis er in die Loblieder einstimmte,
welche die andern Dichter am Hofe auf Karl sangen, und auch dann
noch, als auch er diese Persönlichkeit bewunderte und verehrte, blieb
er stets erfüllt von der Liebe zu seinem Vaterland. In der Grab-
schrift für Arichis kommt nicht bloß der Freund, sondern auch der
Langobarde zum Wort und mit Begeisterung entwirft er ein Lebens-
bild von dem Mann, mit dem die große Zeit der Langobarden zu
Grabe ging. Und wenn wir sehen, wie Paulus den Rest seines Lebens
dazu verwendet um die Geschichte seines Volkes zu schreiben, und
uns dabei an die Zeit zurückerinnern, wo er am Hof in Pavia tätig
war, so ist es, als ob er mit dieser letzten Arbeit, an deren Voll-
endung ihn der Tod hinderte, uns sagen wollte: 'Mein Leben gehörte
meinem Vaterland.' Er wurde, wie Hildrich mit Recht in seiner Grab-
schrift XXXVI V. 15 sagt, ob decus et lumen patriae zum Ruhm seines
Volkes einst am Hof in Pavia erzogen.
Lugentum lacrimis populorum roscida tellus
Principis haec magni nobile corpus habet.
Hie namque in cunctis recubat celeberrimus heros,
Praepollens Arichis, o decus atque dolor!
Tullius ore potens cuius vix pangere laudes,
Ut dignum est, posset vel tua lingua, Maro.
Voraus geht: Nunc que a diacono Paulo, elegant! viro, prolata sunt, minima
omittamus, sed huic ystorie enucleatim inserere faciam C.
1 lugenti C |1 3 recubans C \\ 4 o] ho C.
1 — 4 lacrimis populorum roscida
tellus vgl. X V. 1 . — celeberrimus heros
vgl. Verg. Aen. VI 169, 192; Poet. 178 v. 1 ;
94 V. 1 ; 353 v. 5; 367 v. 63. — o decus
atque dolor vgl. XXVI v. 24.
5 — 7 erinnert an XIX v. 16 und 17:
cuius vix palmas et odoras pandere
lauros Minciades poterat seu Zmyrnae
rure creatus. — ut dignum est XXXII
V. 10. — stirpe ducum regumque satus
vgl. Poet. II 649 V.3 stirpe satus regum.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4.
10
146
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
15
Stirpe ducum regumque satus ascenderat ipse
Nobilior generis culmina celsa sui.
Formosus, validus, suavis, moderatus et acer,
Facundus, sapiens, luxque decorque fuit.
Quod logos et phisis, moderansque quod ethica pangit,
Omnia condiderat mentis in arce suae,
Strenuus eloquii, divini cultor et index,
Pervigil in lacrimis tempora noctis agens.
Anteibat iuvenes venatu, viribus, armis;
Flaminibusque ipsis famina sancta dabat.
7 satis C I asenderat C |i 8 suis C
15 iuvenis C \\ 16 flamina aus famina corr. C.
9 suabis C \\ 13 eloqui C
10 — 11 facundus sapiens vgl. Poet. II
661 V. 20. — luxque decorque vgl. IV^
V. 20. — quod logos et phisis, mode-
ransque quod ethica pangit: Arichis,
den Paulus für einen der gebildetsten
Fürsten seiner Zeit hält (vgl. III 5, IV^
V. 16), besitzt demnach auch Kenntnisse
in der Philosophie, die Alcvin (de dia-
lectica I p. 952 bei Migne Patrol. lat.
tom. CI. 2) in Physik, Ethik und Logik
gliedert. In dem karolingischen Lehr-
plan gehört sie zum Trivium und zwar
zur Dialektik.
12 — 14 mentis in arce vgl. Theo-
dulf Poet. 1 485 v. 90 ingenuasque artes
mentis in arce locat; ähnliche Bilder
finden sich Poet. I 458 v. 263 corporis
arx Caput est, animae mens; 446 v. 70,
463 v. 8, 508 v. 592; Ale. Poet. I 302 v. 6;
303 v. 10; Theodulf spricht auch 465
V. 12, 487 v. 152 von arx cordis und
488 V. 182 von arx frontis; vgl. auch
Petrus XVII v. 33 mentis in horto; XXI
v. 13 mentis sepuldirum (frons). —
strenuus eloquii: ein gewandter Redner;
vgL Hibern. ex. Poet. I 408 v. 10—12; hier
wird als Folge des Studiums der Gram-
matik angegeben:
Diceris doctor, recti sermonis amator,
Eloquiiquepotens, rusticitate carens. —
divini cultor et index vgl. IV^ v. IS pie-
tatis cultor et index.
15 — 16 anteibat iuvenes venatu
viribus armis: Das überlieferte iuvenis
(Singular) ist nicht annehmbar; denn
es wäre unpassend zu sagen, als jun-
ger Mann nur habe er etwas leisten
können; dann erwartet man ein Objekt,
vgl. Poet. II 650 V. 27 anteibat cunctos. Ari-
chis übertraf die jungen Leute durch seine
Tüchtigkeit als Jäger, durch seine Stärke
und durch seine Kriegstaten, vgl. XXXVI
V. 10; Poet. II 660 v. 1 1 hie aemulos omnes
superabat viribus, armis. Ein Vergleich
unseres Epitaphs mit späteren, besonders
auf Langobarden bezüglichen zeigt deut-
lich, daß es als Vorbild benützt wurde,
z. B. Poet. II 660 Epitaphium Ursi. —
flaminibusque ipsis famina sancta da-
bat: Er traf auch Anordnungen, die sich
auf gottesdienstliche Verhältnissebezogen;
beachte auch das Wortspiel, ähnlich wie
V. 22 promtus amore mori. Paulus mag
wohl durch das von ihm in seiner Hist.
Lang. III 19 überlieferte Epitaph des
Drokton zu solchen Wortspielen ver-
anlaßt worden sein, vgl. v. 3 u. 4: nam
gente Suavus; Omnibus et populis inde
suavis erat; vgl. XXXII v. 13 quodque
sacro nuper mandasti famine condi, wo
es sich auch um eine gottesdienstliche
Anordnung Karls handelt; Poet. I 61 v.43
Petrus dat famina plebi.
Auf das Grab des Arichis.
147
Ter binis lustris patriae sie rexit habenas,
Fluctibus ut untrem navita doctus agit.
Solliciteque gravem pacis servavit amator,
20 Consilio cautus, providus atque sagax.
Cum natis proprium nil ducens tradere censum,
Insuper et patriae promtus amore mori.
Maestorum solamen erat, solamen egentum,
Hos satagens verbis, hos relevare manu.
25 Ornasti patriam doctrinis, moenibus, aulis.
Hinc in perpetuum laus tua semper erit.
17 luxtris C II 19 gravem scripsi, solliciteq; gue C, sollicite gratiam Dümm-
ler, ratem Traube \\ 23 mestorum aus mestrorum corr. C \\ 25 aulis Pertz, altis
Muratorius, oculis aus culis corr. C || 26 imperpetuum C.
17 — 20 ter binis lustris patriae sie
rexit habenas: Arichis regierte 758 bis
787; vgl. Fort. IV 4 v. 19 ita rexit ha-
benas, gleicher Versschluß Poet. 1 180
V.500, 182 V.566. — Die Lesart Dümmlers
sollicite gratiam ist aus metrischen Grün-
den nicht anzunehmen, gegen die von
Traube (Neues Archiv XVII 400) vor-
geschlagene spricht nur die unmittel-
bare Aufeinanderfolge der gleichbe-
deutenden Begriffe ratem Untrem; gra-
vem (sc. Untrem oder patriam): Ari-
chis hatte viele politische Schwierig-
keiten zu überwinden. Eine Umstel-
lung der Verse (17, 20, 19, 18) vorzu-
nehmen dafür gibt es keine zwingen-
den Gründe: „6 Lustren regierte er sein
Reich, wie der kundige Steuermann sein
Schiff lenkt. Ängstlich besorgt bewahrte
er, der friedliebende Fürst, das schwer-
belastete Staatsschiff, vorsichtig in seinen
Entschlüssen, behutsam und schlau." —
pacis amator vgl. Hist. Lang. VI cap. 58;
das Epitaph des Constans Poet. I 79 v. 3.
Die in diesem zum Vorbild dienenden
Epitaph vorkommenden Wortspiele er-
innern auch an Stellen (v. 16, 22, 46) im
vorliegenden:
4 Invictus bello, non fictae pacis
amator,
Co nf ix US plagis , victor ubique
tamen. —
21 cum natis proprium censum:
Mit diesem Vers gibt Paulus den Be-
weis, daß Arichis für das Wohl seines
Landes besorgt war und den Frieden
erhalten woHte. Als Karl im Jahre 787
nach Italien zog um Arichis zur An-
erkennung seiner Oberhoheit zu zwingen,
da erbot er sich seine Söhne Romuald
und Grimoald als Geiseln zu stellen,
auch soll er Geschenke, Geld, sogar
seinen eigenen Schatz überschickt haben
(Abel I 563, 565 Anm.). Hier will der
Dichter sagen: „Um seinem Lande das
Unheil abzuwehren opfert er selbst Kin-
der und Vermögen."
23 — 25 maestorum solamen erat
vgl. Vorbem. zu IX; Poet. II 657 v. 9
affUctis solamen erat, tutamen egen-
tum. — ornasti patriam: Arichis und
seine Gemahlin Adelperga waren hoch-
gebildet und sorgten auch in ihrem
Reich für Ausbreitung der Bildung. Sa-
lerno und Benevent erhielten Paläste
und Kirchen. Salerno hatte Arichis
besonders gut befestigen lassen (Abel
I 561).
26 — 28 in perpetuum semper ein
beliebter Pleonasmus. — tu requiesque
tuis vgl. IVi V. 27; Poet. 1 422 v. 3; II 660
V. 13—14; Stat. Silv. II 1, 70 requies
portusque. — deliciae, tu generalis amor
vgl. Suet. Tit. 1 amor ac deliciae generis
10*
148
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Tu requiesque tuis portusque salusque fuisti,
Gloria, deliciae, tu generalis amor!
Heu mihi, quam subito perierunt omnia tecum
30 Gaudia, prosperitas paxque quiesque simul.
Planctus ubique sonat, te luget sexus et aetas
Omnis et ante omnes tu, Benevente, doles.
Nee minus excelsis nuper quae condita muris,
Structorem, orba, tuum, clara Salerne, gemis.
35 Apulus et Calaber, Vulgär, Campanus et Umber,
Quosque Siler potat Romuleusque Tibris,
Quique bibunt Ararim te flent Histrumque Padumque,
Exter et adfinis seu peregrina falanx.
Tam felix olim, nunc namque miserrima coniux,
40 Regali in thalamo quam tibi iunxit amor,
Eheu, perpetuo pectus transfixa mucrone,
Languida membra trahens, te moribunda dolet.
27 iure quiesq; nach iure eine durch Rasur entstandene Lücke C \\ 29 he
C II 31 subitoque C \\ 34 orbe C \\ 35 Umber] daneben von anderer Hand
vel afer C i| 36 quo usque C \\ 37 histruque C \\ 38 exter scripsi, extim; C,
extimus Dümmler \ falans C \\ 42 temp.oribunda C | dolore C.
humani; XXII v. 54 deliciae populi,
summus et orbis amor.
29 — 31 heu mihi vgl. X v. 13 hei
mihi. — quam subito perierunt vgl. Poet.
I 112 V. 15 — 16 vae cui cum genito tot
periere bona. — planctus ubique sonat
X V. 16. — sexus et aetas omnis vgl.
Nason. Poet. I 386 v. 41 ; Theod. Poet. I
498 V. 164.
34 — 38 structorem tuum gemis vgl.
IVI V. 12. — Vulgär: Hist. Lang. V 29
spricht Paulus von der Einwanderung der
Bulgaren in Italien: qui usque hodie in
his locis habitantes. — Romuleusque
Tibris vgl. IV^ v. 1 Anm. — quique bi-
bunt Ararim = die Anwohner der Sa-
one, vgl. Verg. Ecl. I v. 62 aut Ararim
Parthus bibet; Aen. VII 715 qui Tiberim
. . . bibunt; Poet. I 103 v. 8 quique bi-
bunt Renum. — exter et adfinis seu
peregrina falanx: Ferne und nahe Woh-
nende betrauern ihn und auch solche,
die als Pilger vorüberziehn, vgl. Poet.
I 104 V. 15 hanc flevit civis, luxit pere-
grinus et exter; falanx: VI v. 147, Poet.
I 83 V. 1 sancta phalanx; XIV 27 Sa-
cra et venerabilis phalanx; dafür auch
cohors: XXVI v. 26 plangit Hibera co-
hors; Poet. I 428 v. 69 sancta cohors
fratrum.
39 — 42 nunc namque miserrima
coniux: namque steht hier adversativ,
vgl. Bern, zu IV^ v. 12. — regali in tha-
lamo quam tibi iunxit vgl. IX v. 12 tha-
lamis sibi pectora vinxit. — pectus
transfixa mucrone vgl. Anm. zu XXVIII
V. 6. — languida membra Ov. Ep. XX
156; Eugen. Tolet. p. 242 v. 2 languida
membra traho.
Auf das Grab des Arichis.
149
45
50
Viderat unius haec nuper funera nati,
Ast alium extorrem, Gallia dura, tenes.
Huic geminae natae vernanti flore supersunt,
Solamenque mali sollicitusque timor.
Has cernens reddi vultus sibi credit amatos;
Hae ne praeda fiant, fluctuabunda pavet.
Solatur tantos spes haec utcumque dolores,
Quod te pro meritis nunc paradysus habet.
O regina potens, virgo genitrixque creantis,
Prosit ei huc sacro membra dedisse lari.
43 haec scripsl, henuper C, heu nuper Dümmler \\ 47 amatus C || 48 hen
epda C il 50 pro] p C || 52 darauf folgt in C: Vixit autem quinquaginta tres
annos; obiit VII Kai. Septembris anno ab incarnatione domini DCCLXXXVII in-
dictione Villi. Ex domina Adelperga principissa filios Romoald Grimoald et Gisifum,
Theoderadam et Adelchisam.
43 — 45 viderat unius haec nuper
funera nati vgl. das Epitaph des Romuald
(Poet. I 111) und die Vorbem. zu XXXV.
— Für das handschriftliche he nicht heu,
sondern haec zu setzen veranlaßte mich
das kurz vorher stehende eheu. — ast
alium extorrem, Gallia dura, tenes: Über
Grimoald vgl. Vorbem. und das Epitaph
Poet. I 430. — Gallia dura, weil er dort
bleiben mußte trotz der eindringlichsten
Bitten der Beneventaner. — geminae
natae: Theoderada und Adeichisa.
46 — 50 solamenque mali Verg. Aen.
III 661, beachte auch die Alliteration.
Die Töchter sind ihr in ihrem Jammer
ein Trost; denn bei ihrem Anblick glaubt
sie die Züge ihres Gatten wieder zu er-
kennen, sie sind ihr aber zugleich eine be-
ängstigende Sorge; denn sie fürchtet sie
auch verlieren zu müssen. — solatur
tantos spes haec vgl. den Schluß von
XXVI. — quod te paradysus habet vgl.
Fort. II 16 V. 16, IV 17 v. 12; Poet. I 432
V. 14; II 661 V. 31 u. v. 2. — o regina
potens ein häufiger Versanfang Fort. VIII
8 V. 1 ; Theodulf Poet. I 522 v. 1 ; Hra-
banu5 Poet. II 168 v. 1.
XXXVI.
Auf das Grab des Paulus Diaconus.
Dieses Epitaph bildet als Akrostichon den Hexameter Paulas
laevita doctor praeclaras et insons. In der Einleitung gibt der Dichter
den Zweck der Grabschrift an (1 — 8), spricht dann von der Herkunft
des Paulus (9 — 13), von seiner Erziehung am könighchen Hof (14 — 19),
von seinem segensreichen Wirken im Frankenland (20 — 22) und von
seinem Aufenthalt in Montecassino (23 — 31). Eine Aufzählung seiner
Tugenden und der Wunsch, Paulus möge dieses Gedicht gütig auf-
nehmen und Fürbitte für ihn einlegen, bilden den Abschluß (32 — 41).
Nach V. 39 ist ein Hildrich der Verfasser; der Beisatz taas und
die Anrede amande pater deuten auf ein näheres Verhältnis zu Paulus
hin, das durch die Worte doctor praeclaras des Akrostichons als noch
weiter bestimmt erscheinen könnte.
Eine weitere Überlieferung fehlt. Wenn Petrus Diaconus in
seinem Werke de viris illastribas Casinensibas cap. IX zu berichten
weiß: Hildericas elasdem. Pauli diaconi auditor de origine praecep-
torls sui, vita, institutione, doctrina, religione, habitu lacidissimos
versus composuit, so kann das nur aus dem Epitaph selbst heraus-
gelesen sein und ist nicht mehr und nichts anderes, als wir ihm selbst
entnehmen dürfen. Unannehmbar erscheint mir die Andeutung Blochs
(Neues Archiv XXV 833), Petrus Diakonus könne die Verse, auf die
er sich bezieht, auch erfunden haben.
Die einzige Handschrift (M), die sie überliefert, ist der bekannte
Cassinensis 175, der zu Kapua geschrieben wurde (vgl. Traube, Text-
geschichte der Regula S. B. S. 39 und 108). Hier ist das Gedicht
zwar p. 579 ff. erst nachträglich eingeschaltet worden, aber von einer
Hand des beginnenden 11. Jahrhunderts, also lange vor der Zeit des
Petrus. Damit schwindet jeder Grund die Echtheit anzuzweifeln.
Auch dem Chronisten von Salerno gebührt Glaube, wenn er cap. 37
Auf das Grab des Paulus Diaconus. 151
sagt: in praedicto monasterio . . , ,abi ipse beatus Benedict us de-
cubuit, (Paulus diac.) digno tumulo est humatus; atque saper eins
tiimulum partim qaae in hoc mundo gessit, partim de eius pruden-
tiis, quove temporibas (sie) perdarasset, sacris litteris exaratum
invenimus. Der Chronist und der Schreiber des Cassinensis haben
den Grabstein vor Augen gehabt.
Nun steckt in der Handschrift Montecassino 299 saec. IX unter
dem Titel Ars Hilderici magistri eraditissimi viri eine noch nicht
herausgegebene lateinische Grammatik. Man hat mit einiger Wahr-
scheinlichkeit angenommen, daß der Grammatiker Hildrich und der
Epitaphist identisch sind. Die Zeit ist passend, auch können wir uns
einen der Schüler des Paulus gut als Grammatiker vorstellen. Ob
aber der Hildrich, der im Jahre 834 siebzehn Tage Abt war (SS.
Langob. 489, 18) dem Dichter und Grammatiker (oder wem von
beiden) gleich zu setzen ist, kann nicht entschieden werden, obgleich
auch hier wieder die Chronologie nicht dagegen ist. Sicherlich gehört
der Hildrich, von dem der Anonymus Salernitanus (SS. III 534) sagt,
er habe in Benevent inter triginta philosophos gelebt non solum
liberalibus disciplinis apprime imbatas, sed etiam proba virtate deditas
nicht hieher. Die Untersuchung seiner Verse, die der Anonymus
überliefert, weist in keiner Hinsicht auf den Verfasser der Grabschrift.
Auch zeitlich liegt er ferner (876).
In dem Nekrologium von Montecassino, das die dortige Hand-
schrift 47 enthält und das, wie Bethmann (Archiv X 249) annimmt,
zwischen 1159 und 1181 aus einer älteren Vorlage abgeschrieben wurde,
heißt es: Eidus Aprilis obiit venerande memoriae domnus Paulus
diaconus et monachus . . . Giso sacerdos et abbas. Da die rot ge-
schriebenen Worte venerande memoriae in der Cassineser Handschrift,
wie Bethmann S. 250 bemerkt, öfter von unserem Paulus gebraucht
werden, so erfahren wir hier, daß er vor Giso starb, dessen Todes-
jahr 816 ist. Die Vermutung Mabillons, daß Paulus Diaconus im
Jahre 799 gestorben sei, läßt sich ebensowenig beweisen, wie die
Bethmanns, der 797 annimmt.
Ober den historischen Wert dieser Grabschrift sind die Meinungen
sehr geteilt. Dahn (S. 9) und Hauck (Kirchengeschichte Deutschlands
2. Aufl. I 159) sprechen ihr alle Bedeutung ab. Waitz, Dümm-
1er, E. Calligaris (Arch. stör. lomb. Ser. 3 XII, 54 ff.) und Traube,
(Textgeschichte S. 111) sehen in ihr eine zuverlässige Quelle und
meine Untersuchungen bestätigten ihre Anschauung. Wenn man als
Hauptbeweis für ihre Wertlosigkeit anführt, daß sie sogar über die
152 ^^^^ Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
spätesten und für das Kloster wichtigsten Ereignisse aus dem Leben
des Paulus Diaconus falsch oder gar nicht unterrichtet ist, so hat man
nicht in Betracht gezogen, daß Hildrichs Absicht gar nicht war ein
vollständiges Lebensbild seines Lehrers zu entwerfen, sondern daß er
V. 7. deutlich sagt, er wolle seine Ruhmestaten nur in ganz großen
Zügen zur Darstellung bringen (summatim almlficos actus laudis
reserare canendo). Dazu kommt noch die Gebundenheit durch
das Akrostichon. Demnach erscheint es nicht auffallend, wenn der
Aufenthalt in Benevent nicht erwähnt wird, noch weniger aber, wenn
er der Zeit nicht gedenkt, wo Paulus zum ersten Male sich in Monte-
cassino aufhielt. Wissen wir ja doch aus des Paulus eigenen Gedichten,
daß er sich damals mit seinem Leben in der Abgeschiedenheit des
Klosters gar nicht befreunden konnte (vgl. Gedicht VIII).
Es kann aber auch nicht behauptet werden, daß die Grabschrift
falsche Angaben enthielte. Meine Bemerkungen über die Lebens-
verhältnisse des Paulus stellte ich zusammen, nur auf die Andeutungen
in den Gedichten gestützt, und als ich mir, soweit dies auf einer
solchen Grundlage möglich war, ein Bild von seinem Leben gemacht
hatte, erst dann untersuchte ich diese Grabschrift und fand darin
nicht den geringsten Widerspruch.
Haben wir also hier ein wichtiges historisches Dokument, das um
so mehr Bedeutung hat, da über das Leben des Paulus so wenig
überliefert ist, so enthält die Vita von Petrus Diaconus (de viris illu-
stribus Casinensibus cap. IX), manche Mißverständnisse und Unrichtig-
keiten. Wenn ich sie hier anfügte, so wollte ich zeigen, welches Bild
man sich drei Jahrhunderte später von Paulus Diaconus entwarf, und
dabei auch zu einem Vergleich mit den Bemerkungen anregen, die
ich bei der Behandlung seiner Gedichte machte. Die in Klammern
beigesetzten römischen Zahlen beziehen sich auf meine Ausgabe:
Paulas Aquileiensis patriarchii diaconus regisque DesiderU notarius
sab Theodemario abbate (XIV) ad Casinum perveniens monasticum-
que Schema susciplens sanctitate, gravitate suo tempore singularis,
philosophia quoque a pueritia eruditus composuit in laudem bea-
tissimi Benedict i versus elegiaco metro digestos (VI), hymnos quo-
que sancti Johannis baptiste (kann Paulus nicht zugeschrieben wer-
den) sanctique Benedicti (VII): versus ad Carolum imperatorem
(XI; XIII; XVIII; XXII; XXXII), ad Arichis Beneventanum princi-
pem (IV) sanctique Fortunati episcopi vitam eleganter descrlpsit
{XXIX); homilias quoque quinquaginta, sancti pontificis Gregorii
vitam; in Regulam sancti Benedicti exposltionem; ac de ingressu Lango-
Auf das Grab des Paulus Diaconus.
153
bardomm in Italiam, origine regnoqae eorum historiam valde lu-
culentam edidit. In historia autem Eutropil quam plurima adiunxit.
Universas etiam lectiuncalas a principlo mundi usque ad suam ae-
tatem cum annali computo rhythmlce (II) composait. Fuit autem
temporibus Caroll imperatoris. Sepultus est in eodem coenobio
iuxta ecclesiam sancti Benedicti ante capitulum.
10
Perspicua darum nimium cum fama per aevum,
Astra simul iunctum pangant te coetibus almis,
Veridicos, laevita, tuos quis, summe, triumphos
Lucifluis, Paule, poterit depromere dictis?
Ut tua sed lector properans huc noscat et hospes
Sacrata tumulo requiescere membra sub isto,
Laudis, amande, tuae summatim carmine digno
Almificos actus dignum est reserare canendo.
Eximio dudum Bardorum stemmate gentis,
Viribus atque armis quae tunc opibusque per orbem
Insignis fuerat, sumpsisti generis ortum.
Tam digna et postquam, nitidos ubi saepe Timavus
Amnis habet cursus, genitus tu prole fuisti,
Epytaphyum pauli diaconi M p. 579.
2 c^tibus (audi sonst ^ für oe) M \\ 7 amande aus amade corr. M \\
12 digna est M, est von Dümmler weggelassen, ast Traube, et scripsi \ sepe M
(manchmal e für q) \ timabus M.
1 — 2> perspicua (ä) fama . . per aevum
bezieht sich auf den irdischen Ruhm, astra
simul etc. auf die himmHschen Ehren. —
laevita = diaconus: So nennt ihn auch
Johannes von Neapel c. 872. — trium-
phos nach dem Gedicht des Paulus auf
den heiligen Benedikt (VI 1).
5 vgl. Poet. II 659 v. 1 quisquis ad
hunctumulumproperasconcivis et hospes.
9 — 11 „Du leitest Deine Herkunft aus
einem schon vor Zeiten hervorragenden
Geschlechte des Volkes der Barden ab."
Der Dichter will also nicht bloß die
Nationalität des Paulus angeben, wie
Dahn (S. 5) meint, sondern sein Ge-
schlecht. Der Relativsatz quae — fuerat
rühmt erst das langobardische Volk und
eximio bezieht sich nur auf das Ge-
schlecht, was auch v. 12 tam digna prole
= „aus einem so edlen Geschlechte, wie
ich sagte" beweist. — generis ortum:
Gewöhnlich tritt germinis dafür ein.
12 ubi saepe Timavus amnis habet
cursus: Der Timavus (j. Timavo) fließt
zwischen Aquileja und Triest in Istrien
und ergießt sich in neun Mündungen
ins Meer, vgl. Paulin. Poet. I 131 v. 1
Timavi novem flumina : Verg. Aen. 1 244 ff.
fontem Timavi, unde per ora novem . . .
it mare.
154
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15
Divino instinctu regalis protinus aula
Ob decus et lumen patriae te sumpsit alendum.
Cum tua post ibidem populis et regibus altis
Tunc placida cunctis vita studiumque maneret,
16 ibidem Bethmann, tibidem M, cum quae turbida post Traube, cum tibi
post trepida De Santi, cum cita post ibidem Winterfeld.
14 divino instinctu regalis protinus
aula te sumpsit alendum: protinus weist
darauf hin, daß Paulus in seiner frühesten
Jugend an den langobardischen Hof kam.
Das geschah aber nicht, wie allgemein
angenommen wird, unter der kurzen Re-
gierungszeit des Königs Ratchis (744 bis
749). Unter ihm war er bereits in einem
Alter, daß er an Hoffestlichkeiten teil-
nehmen durfte, wie Paulus in seiner Hist.
Lang. II cap. 28 selbst erzählt: ego hoc
poculum vidi in quodam die festo Rat-
chis principem, ut illud convivis osten-
taret, manu tenentem (vgl. Bem. zu XIII,
12). Daß Hildrich unter aula regalis
nicht den Hof des Ratchis meint, ent-
nehme ich auch daraus, daß dieser erst
V. 19 genannt wird, nachdem der Dichter
mit V. 16 einen neuen Lebensabschnitt,
den er durch cum andeutet, vgl. v. 20 u. 23,
begonnen hatte. — oh decus et lumen
patriae: oh hat hier, wie v. 25, finalen
Sinn, vgl. Angilb. Poet. I 361 v. 20 ad
decus ad laudem, Poet. II 660 v. 4 quem
palatina domus nutrit ad omne decus.
Vgl. auch die Anmerkung zu XIII 6.
Am Hofe war Flavianus sein Lehrer,
dessen Onkel Felix vom langobar-
dischen König Kunipert als Anerken-
nung für seine Lehrtätigkeit einen mit
Gold und Silber verzierten — Stock
unter anderem zum Geschenk erhieh
(Hist. Lang. VI 7). Diese von Paulus
selbst gemachte Bemerkung ist abgesehen
von der eigentümlichen Art des Ge-
schenkes auch insofern interessant, als
sie beweist, daß die langobardischen
Könige dem Unterrichtswesen besondere
Aufmerksamkeit schenkten.
16 — 17 Das von Bethmann vorge-
schlagene ihidem findet sich in dieser
Quantität Poet. I 95 v. 22: annua tunc
ihidem celebrans solemnia paschae. —
Traube faßte post und tunc als Gegen-
sätze: „Damals war das Lehen ruhig,
später stürmisch." Dieser Auffassung
schlössen sich dann De Santi (Civiltä
Cattolica quad. 16 die. 1899 p. 662—663)
und Winterfeld (Gott. gel. Anz. 1899 S. 894)
bei ihren Konjekturen an. Der Vorschlag
Winterfelds verdient den Vorzug, da er
den Gedanken Traubes wiedergibt ohne
dabei von der sonst guten Überlieferung
stark abzuweichen. In dem Bestreben
diese noch weniger zu ändern fasse ich
cum post als ähnliche Fortführung der
Darstellung wie v. 12 postquam (vgl. auch
Anh. VI V. 63 cum post viderat), das fol-
gende tunc bedeutet „in jener Zeit" und
ist trotz des vorausgehenden post nicht
auffällig, wenn man v. 23 betrachtet: cum
exin iam und v. 30, wo auf mox noch
tum folgt. Demnach erkläre ich die Stelle:
Als später (nach Deiner Erziehung) dort-
seihst (am Hofe) Dein Lehen und Strehen
damals im Dienste aller, des Volkes und
der erhabenen Könige, friedlidien Din-
gen, niditJagd und Krieg, wie hei den an-
dern, gewidmet war, da begannst Du Didi
der Theologie zu widmen. — populis
ist nicht im politischen Sinn zu fassen und
bedeutet soviel wie cives vgl. Ale. Poet.
I 184 V. 667 populis et rege coactus.
Auf das Grab des Paulus Diaconus.
155
20
25
Omnia sophiae coepisti culmina sacrae
Rege monente pio Ratchis penetrare decenter.
Plurima captasses digne cum dogmata cuius,
Resplendens cunctos superis ut Foebus ab astris
Arctoas rutilo decorasti lumine gentes.
Exin iam nimium fluidi cum gloria saecli
Condignis ditaret ovans te, sedule, gazis,
Lucis ob aeternae vitam sine fine beatam
Audacter sprevisti huius devotus honores
Regis et inmensi fretus pietate polorum
Vernanti huc domino properasti pectore Christo
Subdita colla dare Benedicti ad saepta beati.
23 exin Traube, hcc sin M.
18 — 19 omnia sophiae sacrae cul-
mina penetrare : Damit will Hildrich nur
sagen, daß Paulus sich mit den wichtig-
sten theologischen Fragen befaßte, nicht,
daß er es zu hohem Stande brachte;
Sophia tritt in jener Zeit in verschie-
dener Quantität auf, vgl. Ale. 250 v. 5 So-
phia sancta patrum und gleich v. 8 in
sophiae cultu; 348 v. 6 sophia nota tuae
Sit et mens nota sophiae (vgl. auch die
dort stehende Anm.). — Von einem wirk-
lichen Eintritt ins Kloster ist in diesen
Worten nichts enthalten, das würde der
Dichter deutlicher zum Ausdruck gebracht
haben, wie er es v. 29 tut und wie es
andere taten, vgl. Ale. 198 v. 1293 arcta
monasterii claustra subire, 200 v. 1416
atque monasterio puerilibus inditur an-
nis, 219 v. 36 ^^ se caenobio tradidit ipse
sacro. Mönch im strengen Sinn wird Pau-
lus erst in der Verbannung, vgl. Bem. zu
VIII.
20 — 22 Mit cum deutet wiederum der
Dichter an, daß hiemit ein neuer Lebens-
abschnitt beginnt (vgl. v. 12 postquam.
V. 16 cum, v. 23 cum), nämlich seine Tätig-
keit am Hof Karls des Großen. Die für
Paulus traurigen Zeiten (vgl. Vorbem.) ver-
schweigt der Dichter absichtlich. Ich sehe
dies auch in der eigentümlichen Gestaltung
des Übergangs. — resplendens cunctos:
An dieser Stelle braucht keine Änderung
vorgenommen werden, da die Verwendung
intransitiver Verba als transitive nichts
Außergewöhnliches ist; vgl. auch Poet.
I 8 V. 168: igneus ut Phoebus splendentes
sidera super. — arctoas gentes = Völker
des Frankenlandes, vgl. zu Form und In-
halt XXIX V. 7 u. 8 felix, quae decoraris,
Gallia, gemmis, lumine de quarum nox
tibi taetra fugit.
23 — 26 Diese Bemerkungen beziehen
sich auf die ebenso anstrengende (sedule)
wie ruhmvolle Tätigkeit am Hof Karls
und beweisen in Verbindung mit andern
Äußerungen des Paulus, daß Karl ihn reich
machen wollte (ditaret) und zu bewegen
suchte dem Mönchtum wieder Lebewohl
zu sagen und in angesehener Stellung an
seinem Hof zu bleiben, vgl. XIII 9 non
de litteris captamus vanae laudem glo-
riae; Brief an Theudemar XIV 35 nullae
me, credite, divitiae, nulla praedia, nulla
flaventis metalli copia . . a vestro pote-
runt separare collegio.
29 colla dare vgl. die Verse des Sim-
plicius (Traube, Textgesch. S. 92) qui
leni iugo Christi colla submittere cupis,
die sich auf den Eintritt ins Kloster be-
ziehen.
156
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
30
35
Exemplis mox comta tuis ubi contio sacra
Tum iubar ut fulgens coepit radiäre coruscis.
In te nam pietas iugiter, dilectio dulcis,
Nectareus et pacis amor, patientia victrix,
Simplicitas sollers nimium, concordia summa,
Omne simulque bonum semper, venerande, manebat.
Nunc ideo caeli te gemmea regna retentant,
Sideream retines pariter per saecla coronam.
Hoc tibi, posco, sacer, gratum sit Carmen honoris,
Hilderic en cecini quod lacrimando tuus.
40 Quem requiem captare tuis fac, quaeso, perennem
Sacratis precibus, semper amande pater.
30 tuis] unleserlich in M \\ 31 fulgens] ns später übersdimiert M \\ 37 coro-
nam] nam von späterer Hand nachgezogen M || 38 gralum] a später nachgezogen M.
30 — 32 bezieht sich auf seine Tätig-
keit in Montecassino.
32 — 34 iugiter wird bei den Späteren
meist in dieser Quantität gebraucht. —
nectareus amor vgl. XIII 9 anchora amo-
ris . ., nectar omne quod praecellit. —
patientia victrix vgl. Fort. IV 6, 9.
35 — 37 manebat = erat wie v. 17. —
caeli te gemmea regna retentant Poet. II
661 V. 31 quem caelica regna retentant.
39 cecini lacrimando vgl. Poet. 1 112
V. 27 hoc lacrimans cecini.
XXXVII.
Widmungsgedicht des Petrus von Pisa.
Dieses Gedicht ist in der Berner Handschrift 522 saec. IX — X
(Z) überliefert, die aus St. Remi in Reims stammt (Neues Archiv IV 113).
Sie enthält (vgl. Keil, Gramm. Lat. Suppl. Anecdota Helvetica
p. XXXVIII ff.) f. 1^ — 67^ ein grammatisches Werk, an welches sich
f. 68^ unser Widmungsgedicht Hoc opus exiguo anschließt; von
f. 69 — 96^ folgen meist Erläuterungen zu Donat. Dieses grammatische
Werk, das sich auch noch in einem cod. Bern. 207 saec. IX — X f. 148
bis 168 findet, gab H.Hagen in den Anecd. Helvet. p. 159 — 171 heraus,
vorausschickte er die Widmungsverse. Diese überliefert noch eine Mai-
länder Handschrift Ambros. O 95 sup. f. 34 saec. XI. Der in v. 2 und 6
genannte Verfasser Petrus ist zweifellos kein anderer als Petrus von
Pisa, der Karl in der Grammatik unterrichtete und, wie es in v. 2 heißt,
aus Liebe zu seinem Herrn dieses Werk verfaßte. Es ist der Gedanke
sehr naheliegend, daß Karl in seinem Bestreben nicht bloß sich selbst,
sondern auch andere sprachlich zu bilden, von Petrus die Abfassung
eines solchen Werkes wünschte, und so mag es wohl in den ersten
Zeiten seiner Lehrtätigkeit entstanden sein. Mit Hagen und Dümmler
bin auch ich der Anschauung, daß die ersten acht Verse das Nachwort
zu der Grammatik bildeten, die Verse 9 — 20 aber sich mehr zum Vor-
wort eignen. Die Oberlieferung fügte sämtliche Verse als Nachwort an.
Hoc opus, exiguo quod cernis tramite, lector,
lam Petrus domini fecit amore sui.
Plurima, quae procerum tribuit purganda cilindro,
Ordine sunt forsan non bene dicta suo.
Ohne Überschrift Z f. ^^^.
3 quod Hagen, quo Z | procerum aus procerim corr. Z.
1 — 5 exiguo tramite vgl. auch Petr.
XXI V. 1 sub umbroso misisti tramite ver-
sus. — domini amore sui: Die Veran-
lassung war Karl. — quae procerum tri-
158
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
5 Te flagito, precibus, lector, si flecteris ullis,
Ut dicas clarus: 'Petre miselle vale'!
Omnipotens dominus caeli terraeque creator
Lectorem foveat nocte dieque pium!
Hie sunt prata meis, si credis, plena rosetis:
10 Sume rosas manibus, carpe refectus iter!
Qui cupit, ecce bibat nostro de gurgite limphas
Vescaturque cibis me tribuente libri!
Desinat infandas mentis servare tenebras,
Desinat et verbis bella eiere suis!
15 Pacificus servet, quae textus littera monstrat,
Rex quoniam Christus pacifer ipse fuit.
Sumere nam flores si torva fronte superbus
De his exspectet, fessus ad ima ruat!
lam Sit vera salus, iam sit concordia sancta,
20 Iam resonent casus verba beata modis!
17 superbus Z, superbos Hagen Dümmler.
buit purganda cilindro vgl. Verg. Georg.
1 178 aequanda cylindro. Wir haben also
wiederum ein der Landwirtschaft entnom-
menes Bild, vgl. Anm. zu XIII v. 1. Dieser
Vers erinnert an einen ähnlich gebauten
des Petrus XXXVIII v. 15 quas Uli domi-
nus tribuit pietate regendas. — precibus
si flecteris ullis ist Verg. Aen. II 689 ent-
nommen; vgl. auch Hibern. Exul Poet. I
408 v.u.
6 — 7 ut dicas clarus: Adjekt. statt
Adv. ist keine seltene Erscheinung, vgl.
Anm. zu XXXIV v. 17. — omnipotens do-
minus caeli terraeque creator vgl. Petr.
XXXVIII V. 5 altipotens caeli terraeque
creator.
9 — 14 hie sunt prata meis plena
rosetis: Ein ähnliches Bild gebraucht Karl
in einem Brief an Alcvin Epp. IV 230, 29
in pratis vernantibus, varietate florum
scripturarum iocundantes delectemur. —
bibat de gurgite lymphas vgl. Verg. Aen.
IX 23. — bella eiere vgl. Verg. Aen. 1 541.
15 — 20 torva fronte Verg. Aen. III
636. — superbus ist die richtige Lesart:
„Stolz, mit finsterer Miene tritt einer
an das Werk heran und will nur be-
mängeln." — ad ima ruit Fort. III 9, 74.
XXXVIII.
Zum Lob des Königs.
Warum sollen die großen Taten Karls verborgen bleiben, während
man schon Könige besungen hat, die ein Lob nicht verdienen (1 — 8)?
Er unterwarf das langobardische Reich, entthronte Könige und ist jetzt
ein mächtiger Herrscher (9 — 14). Er erbaut Tempel, hilft den Armen,
bekehrt die Heiden, richtet die Bedrückten wieder auf und hält alle
vom Bösen ab (15 — 23). Möge er, der Herr eines irdischen
Reiches, einst des himmlischen teilhaftig werden, wo ewige Seligkeit
herrscht (24 — 35). Gott hilft, wie die Bibel an vielen Beispielen zeigt,
seinen Getreuen. Auch Karl hat er zum König eines großen Reiches
gemacht (36 — 55). Möge mit Hilfe Christi sein Ruhm noch recht
lange bestehen (56 — 61).*
Es ist kein Zweifel, daß Petrus von Pisa der Verfasser ist. Dies
geht aus der stilistischen Untersuchung und besonders aus der hand-
schriftlichen Überlieferung hervor. Der Parisinus lat. 528 enthält noch
andere Gedichte des Petrus und nennt ihn bei dem ersten zum Brief-
wechsel zwischen Petrus und Paulus gehörigen f. 123 Petrus gram-
maticus (XII).
Ober die Entstehungszeit läßt sich nur sagen, daß es zwischen
788 und 799 verfaßt wurde, vorausgesetzt, daß v. 12 sich auf
Tassilo III und seine Verbündeten bezieht (Abel I 620 ff.).
Culmina si regum dudum cecinere poetae
Falsaque pompifero dixerunt carmina gestu,
Ut quid famosis splendentia facta triumphis
Torporis lateant Karoli sub tegmine regis.
VERSUS PETRI IN LAUDE REGIS P f. 133.
4 Karoli] zwischen a und r Rasur P.
1 — 5 culmina regum vgl. Petr. XXI
V. 2 pietas nostri culminis. — pompifer
von Petrus auch XXI v. 17 gebraucht. —
ut quid = cur findet sich in der karo-
160 Ksrl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
5 Quem rex altipotens, caeli terraeque creator,
Totus ubique deus docuit, nutrivit, amavit,
Cui dedit ipse pius merito pollentia regna,
Quae genitor tenuit multa pietate gubernans?
Sed postquam ipse pater rediit per funus in arvum,
10 Hie domuit Lango - properans ad proelia bardos
Atque suis animo pedibus submisit herili.
Viribus insignis quaerentes iurgia reges
Stravit et infaustos misera de sede potentes
Expulit et iusto nutrit moderamine gentes,
15 Quas illi dominus tribuit pietate regendas.
O rex bellipotens, Clemens et mente benigne,
Qui pontum, qui rura regis, qui regna gubernas,
Templorum domini magnus fabricator, et apte
Pauperibus largo dispensas plurima dono,
20 Qui rigidas errore diu baptismate gentes
Perfundis, placidi mittis ad gaudia regni,
Subiectos reficis dulci qui lumine vultus
Cunctorumque sacro restringis crimina freno,
Cuncta gubernanti semper sis firmus amicus,
25 Ut, qui terreni laetaris culmine regni,
Aeterno valeas cum sanctis vivere regno,
6 ubiqui P \ amavit P, ornavit Dümmler \\ 8 quae] q P öfter \\ 10 proelia]
plia P \\ 11 herili aus helili corr. P \\ 16 o rex Lebeuf, oret P \\ 17 qui rura]
q aus r corr., davor Rasur P \\ 21 mittis Dümmler, mitis P \\ 22 dulci qui
Traube, dulciq: P \\ 23 restringts P.
lingischen Zeit häufig. — caeli terraeque
creator: Der gleiche Schluß Petr. XXXVII
V. 7.
6 — 8 totus ubique deus vgl. Alcvin
Poet. I 257 V. 24; 302 v. 33. — docuit nu-
trivit amavit vgl. Epitaph des Dom-
bercht Anhang III v. 25. — pollentia
regna vgl. Hist. Lang. VI cap. 15.
10 Über solche versus divisi vgl.
Vollmer, Anm. zu Eugen. Tolet. carm. 70,10
und Neues Archiv XXVI, 394.
12 quaerentes iurgia reges: Damit
sind nicht Desiderius und Adelchis ge-
meint, da er von den Langobarden schon
in v. 10 u. 11 spricht, sondern jedenfalls j wurde.
Tassilo III und seine Verbündeten. I
19—23 vgl. Anhang III v. 21. — bap-
tismate gentes perfundis = Christiani-
sierung der Sachsen, deren kirchliche
Verhältnisse besonders vom Jahre 777
an geregeh wurden; vgl. Petr. XXI v. 19
sacro perfundere fönte. — mittis ad
gaudia regni vgl. die Verse über die
Metzer Bischöfe Anhang V v. 12 ad
vitae gaudia mittit. — sacro restringis
crimina freno: Durch Anordnungen, die
sich auf den Gottesdienst beziehen, be-
wahrte er sein Volk vor Sünden ; sacrum
frenum könnte aber auch bedeuten, daß
ihm von Gott die Herrschaft übertragen
Zum Lob des Königs.
161
In quo nulla famis lacerans nee pestis habetur
Nullaque maeroris servantur vincula cordis.
Non dolor aut gemitus fragilis nee iurgia linguae,
30 Nulla senectutis metuendae toxica saeva
Mortifero poterunt iaculo disperdere quemquam,
Sed sine fine manens celebratur vita beata
Angelicumque canit productis vocibus agmen
Et numquam fessi spoliantur cantibus aptis.
35 Sed tarnen ut vestrum succendat lampade pectus
Verus amor, procerum paucis certamina verbis
Dicam, qui regis tenuerunt iussa superni.
Noe, quam Moyses descripsit, conditor arcae,
Permansit meritis liquidis tunc salvus in undis.
40 Samson iratum decoratus crine leonem
Intrepidus pergens manibus discerpsit inermis.
Cum paucis Gedeon currens ad bella triumphans
Extitit et somni pigram de pondere gentem
Inlaesis sociis gladio percussit acuto.
45 David punicei promtus certamine belli
Extinxit pavidum percussa fronte Golian.
Omnia nee possum tardus miracula Christi
Dieere, quae mundo per sanctos fecit amicos.
Sollicito regnans poteris perpendere sensu,
50 Quae tibi laudanda fecit virtute ereator.
28 meroris P \\ 29 lingU(^ P \\ 30 metuend(^ P j toxica saeva Dümmler,
toxia saevae P \\ 35 sed Dümmler, sit P \\ 40 leonum P \\ 41 discerpsit Traube,
discerpit P \\ 44 inlesis P.
27 — 34 habetur = est. — metuendae
toxica saeva vgl. Mart. epigr. 1 18, 6 und
Anhang III v. 20. — sine fine manens cele-
bratur vita beata vgl. Sedul. carm. pasch.
II 66. — V. 33 vgl. Petr. XVII v. 41 an-
gelicum castis quem laudat vocibus
agmen.
37 regis tenuerunt iussa superni vgl.
Poet. II 673 v. 17. — umbriferis: Die Wahl
dieses Wortes an Stelle des gewöhnlichen
umbrosus beweist die auch sonst zu be-
merkende Vorliebe des Petrus für die früher
schon üblichen Zusammensetzungen mit
'fer' vgl. V. 2 (XXI v. 17) pompifer. v. 31
mortifer, v. 53 florifer; XVII v. 12 ven-
tifer, V. 39 astrifer, v. 40 spumifer; XXXVII
V. 16 pacifer. Beliebt sind bei ihm auch
Zusammensetzungen mit potens, vgl. in
diesem Gedicht v. 5 altipotens, v. 16
bellipotens: XVII v. 27 libripotens. Eine
Eigentümlichkeit seines Stils ist auch die
Häufung der Relativsätze, vgl. v. 5 ff.,
besonders v. 57 ff., XVII v. 39 ff.
45 punicei belli = „blutrot, blutig"
vgl. Ov. 2 Met. 607 Candida puniceo per-
fudit membra cruore; Poet, II 682 v. 17.
Quellen u. Untersuch, z, lat. Philologie des MA. III, 4.
11
162
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
55
60
Italiae quas terra tenet, quas Gallia gignit,
Montibus umbriferis nutrit quas Tracia felix,
India floriferis pascit quas inclyta campis,
Undisonus perfusus aquis quas parturit orbis,
Vobis dona ferunt subiecto pectore gentes.
Vester honor maneat multos tribuente per annos
Christo, qui miserum passae sub tempore carnis
Pendentem in ligno latronem duxit ad astra,
Qui populi duros descendit pellere morbos,
Frigida qui pedibus calcavit pectora ponti.
Vos regnare polo faciat sine fine superno.
57 passe P \\ 60 calcavit Dümmler, cacauit P.
60 pedibus calcavit pectora ponti:
aequora ponti mit Rücksicht auf Verg.
Georg. I 469 und Alcvin Poet. 1 180 v. 456
zu setzen verbietet das Metrum. Petrus
vergleicht die wogende Meeresoberfläche
mit der sich hebenden und senkenden
Brust oder er deutet an, daß der Sieger
über das besiegte Meer dahinschreitet.
Poet. I 97 V. 8 steht marmora ponti.
XXXIX.
Angilbert an Petrus.
Dieses Gedicht enthält nur Grüße und Segenswünsche für Petrus
und die Bitte, er möge für Karl und die Seinen beten und auch des
Angilram und Rigulf nicht vergessen.
Der Verfasser ist Angilbert, der vertraute Freund Karls, der als
Mitglied seines gelehrten Kreises den Namen Homer trug und dichte-
risch tätig war (Poet. aev. Carol. I p. 355 ff., Wattenbach I^ S. 191 ff).
Er war Schüler des Paulinus von Aquileja, Alkvins und auch des Petrus
von Pisa. Aus den Schlußversen des Gedichtes kann man, voraus-
gesetzt, daß primas homo Karl bedeutet (vgl. Anm. zu v. 15), ent-
nehmen, daß Angilbert seinen königlichen Freund bat auch ein Gedicht
an ihren gemeinsamen Lehrer zu senden. Demnach wäre das Ge-
dicht XL, das sich auch in der Handschrift anschließt, dasjenige, auf
welches Angilbert mit den Schlußworten seinen früheren Lehrer auf-
merksam macht, das vorliegende gleichsam das Begleitschreiben dazu.
Da Angilram erwähnt wird, der 788 Erzkaplan am Hofe Karls war
und bereits 791 starb (Abel I 38, 487 ff., II 541), so entstand dieses
Gedicht und das folgende zwischen diesen Jahren. Sie mögen wohl
die ersten Gedichte sein, die Petrus in seine Heimat nachgeschickt
wurden.
Carmina mitto Petro, dulci doctoque magistro,
Angelbertus ego carmina mitto Petro.
Petre magister have, Christus te salvet ubique,
Saecula per longa, Petre magister have.
Ohne Überschrift D p. 220.
1 vor carmina steht ein Zeichen ähnlich einem f D.
1 — 7 dulci doctoque magistro XL
V. 1. — Petre magister have XL v. 20. —
cunctum qui continet orbem vgl. Versus
in laudem solis (Riese, Anth. lat. 389)
V. 14 totum qui continet orbem.
11
164
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
5 Rector ab axe tibi tribuat solatia semper
Augeat et vitam rector ab axe tibi.
Te regat omnipotens, cunctum qui continet orbem;
Tegmine perpetuo te regat omnipotens.
Fundito, quaeso, preces Carulo pro rege benignas
10 Proque suis cunctis fundito, quaeso, preces.
Sis memor atque pii patris, precor, Angelramni,
Necnon Rigulfi sis rriemor atque pii.
Tu quoque, Petre, vale nati memor esto tuique;
Semper in aeternum tu quoque, Petre, vale.
15 Quod tibi primus homo flagitatus murmure nati
Dixerit, adtende, quod tibi primus homo.
Super cartam.
Fer, mea carta, meo patri praecincta salutem.
7 cunctum aus cumtum corr. D || 14 Petre Dümmler, patre D
tente D — super cartam von der gleidien Hand nadi salutem D.
16 ad-
12 — 16 Rigulfi sis memor: Es ist
damit jedenfalls der Erzbischof von Mainz
(787 — 813) gemeint, der vorher dem
Gelehrtenkreise Karls angehörte und da-
bei den Namen Flavius Damoetas führte
(vgl. Abel I 538). — nati memor esto
tuique: Damit bezeichnet Angilbert (vgl.
V. 15) sich selbst. — semper in aeternum
XLI V. 16. — primus homo flagitatus
murmure nati vgl. Vorbem. ; bei primus
homo möchte man aber auch an Adam
denken. Da es nun dieses Namens
einen Schreiber am karolingischen Hof
gab, der im Jahr 780 das Werk des
Grammatikers Diomedes de oratione et
partibus orationis abschrieb und Karl
widmete (Poet. I 93 Ged. VI), so könnte
auch dieser gemeint sein. Demnach bittet
Angilbert, Petrus möge diese Zeilen auf-
merksam lesen, die Adam auf Angilberts
Verlangen ihm niederschrieb.
17 Dieser Vers stand gleichsam als
Adresse auf der Umhüllung des zuge-
schnürten (praecincta) Briefes.
XL.
Karl an Petrus.
'Mein Herz drängt mich Dir in einem Gedicht zu versichern,
wie sehr ich mich freue, wenn es Dir gut geht. Bist Du auch von
mir getrennt, so weilt doch mein Herz bei Dir, erfüllt von unwandel-
barer Liebe (1 — 12). Dein Wohl ist stets Gegenstand meiner Sorge.
Schreibe nur sofort an mich, wenn Du etwas brauchst. Lebe wohl!
Gott schütze Dich! Gedenke mein (13 — 21)!'
In schmucklosen Worten kommt hier die große Dankbarkeit zum
Ausdruck, die Karl für seinen nunmehr in seiner Heimat lebenden
geliebten Lehrer im Herzen hegt. In rührender Weise versichert er
ihm, daß er ihm alles Unangenehme aus dem Weg schaffen und ihm
in seinen letzten Lebensjahren stets hilfreich zur Seite stehen wolle.
Solche zu Herzen gehenden Worte können nur von Herzen kommen,
können nur von dem gewählt sein, der dies alles wirklich gefühlt,
von Karl selbst.
Diesmal aber bilden nicht nur, wie früher, Gedichte Alkvins seine
Vorlage, sondern besonders der am karolingischen Hof bekannte Eu-
genius von Toledo (vgl. Vorbem. zu Paul. I und Vollmer p. XLIII).
Da unser Gedicht sich in der Berliner Handschrift unmittelbar
an ein von Angilbert verfaßtes anschließt, so möchte man auf den
ersten Blick glauben, daß er der Verfasser sei. Dagegen spricht aber
die ganze Art der Darstellung, die keinen gewandten Dichter verrät.
Angilbert hätte dann sehr wenig von dem Seinigen geboten. Form
und Inhalt beweisen, daß wir wiederum einen dichterischen Versuch
Karls vor uns haben, der damit seinem alten Lehrer eine besondere
Freude machen wollte.
166
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
15
Rex Carulus Petro, dulci doctoque magistro,
Cordis ab affectu carmina mitto libens.
Gaudia sunt nobis, si sunt tibi dona salutis,
Et tua prosperitas dulcis et apta mihi est.
Quamquam te Latii teneant natalia rura
Nosque favente deo Gallia nostra gerat,
Est tarnen almus amor, quem Christus tradidit orbi,
Qui te saepe affert cordis ad antra mei.
Crede, prius Renus cursum convertet ad Alpes
Et Liger et Rodanus ibit uterque simul,
Ante latex spumis aut tellus fruge carebit,
Quam mea discedat mens ab amore tuo.
Nam si cuncta tuam circumdent prospera vitam,
Sic volo sicque decet, sie mihi rite placet.
Si tamen adversum quiddam contingat et atrum,
DispUcet hoc nobis, inde paremus opem.
Pagina vestra meas praepes concurrat ad arces
Quodque opus est vobis, nuntiet illa mihi.
Alius versus D p. 220.
5 Lacii D \\ 14 rite Traube, rete D, recte Dümmler
contigat D 11 17 mea D 1 concurrat aus currat corr. D.
15 contingat Dümmler,
2 — 4 cordis ab affectu Eug. Tolet.
carm. 4, 2. — libens: Karl sagt, daß er gerne
der Anregung Angilberts (vgl. XXXIX v. 15
flagitatus murmure nati) Folge leistet. —
gaudia sunt nobis, si sunt tibi dona sa-
lutis vg\. Eug.Tolet. carm. 100,1 multa salus
nobis, si sunt tibi dona salutis; ein auch
sonst beliebter Versschluß vgl. Alcvin Poet.
I 250 V. 5; Theodulf Poet. I 522 v. 71, 523
v. 21. — apta = accepta vgl. VI v. 109,
133 u. 134.
5 — 8 Latii natalia rura: Petrus be-
fand sich in seiner Heimat Italien, nicht
mehr am Hofe Karls, vgl. Hist. Lang. II 24
dicitur quoque etiam Latium Italia; Ov.
Fast. IV 685 natalia rura petebam. —
favente deo Epp. IV p. 532,6; Theodulf
Poet. I 541 V. 1; 526 v. 2. — est tamen
almus amor: Die Dichter wechseln zwi-
schen altus und almus amor, vgl. Poet.
I 72 V. 15; Angilbert Poet. I 359 v. 36;
360 V. 59; Theod. Poet. I 446 v. 60; 466
V. 22. — cordis ad antra vgl. Alcvin Poet.
I 261 V. 10 cordis in antra; es findet sich
auch dafür pectoris antra Ale. 298 v. 4;
Theod. 487 V. 158; 488 V. 196.
9 — 12 Eine sehr beliebte, jedenfalls
Vergil Ecl. I 59 — 63 nachgebildete Dar-
stellungsweise um die unwandelbare Liebe
zum Ausdruck zu bringen, vgl. die Anm.
zu den Schlußversen des Briefes an Adal-
hard (XXXI 25). — uterque simul Theod.
453 V. 54; 499 v. 206; 505 v. 440.
13 — 20 sie volo sicque decet, sie
mihi tite placet: Davon eine genaue
Nachbildung Micon Poet. III 303 v. 6 hoc
volo hocque iuvat, quoniam sie rite vi-
detur; rite placet vgl. Theodulf Poet. I
530 V. 6; 541 v. 20; 558 v. 32; Poet. II 673
V. 42. — sis memor et nostri ebenso als
Karl an Petrus.
167
Sit tibi protector centri regnator et orbis,
20 Sis memor et nostri, Petre magister have.
At tu sospis have, tu sine fine vale.
19 protector aus pretector corr. D \\ 20 magister aus magistera corr. D
21 vor diesem Vers steht ein Zeichen ähnlich einem nicht ausgeführten f.
Anfang beliebt (vgl. Alcvin Poet. I 239
V. 2; 249 v. 3; 270 v. 52), wie tu sine
fine vale als Schluß (vgl. Ale. 298 v. 4). —
Petre magister have XXXIX v. 3 u. 4. —
v. 21 ist Eug. Tolet. carm. 100 entlehnt.
Es ist möglich, daß dieser allein stehende
Pentameter zu dem Hexameter mit der
Überschrift: Super cartam (XXXIX) ge-
hört, so daß dann ein Distichon entsteht,
wie bei Alcvin Poet. I 248
Fer festina patri Paulino, carta, sa-
lutem,
Die 'Pauline pater, dulcis amice
vale'!
XU.
Karl an Petrus. .
'Mit wenigen Versen grüße ich Dich, den ich liebe. Sie sollen
Dir in Deinem Alter ein Trost sein (1 — 5). Uns und unseren Getreuen
geht es gut. Möge sich in Deinem gottgeweihten Leben alles zum
Besseren wenden, bis du im Himmel bei Christus und seinen Heiligen
bist. Bete für mich, daß ich auch dorthin komme (6 — 16).'
Dieses von Quercetanus (vgl. XXIII) zuerst veröffentlichte
Gedicht, dessen erster Vers in verstümmeltem Zustand erhalten ist,
sagt nicht, an wen es gerichtet ist. Mabillon (Acta SS. saec. IV
1, 179) denkt an Alkvin; Dümmler glaubt, daß es von diesem im
Namen Karls verfaßt und entweder an Petrus oder Paulus nach Italien
geschickt worden sei. Es läßt sich aber aus den Anreden doctor
amate (v. 4) und magister (v. 13) entnehmen, daß Karl hier wiederum
an seinen Lehrer Petrus schreibt, der, wie aus dem Gedichte (v. 8 — 11)
hervorgeht, bereits an der Grenze seines Lebens angekommen sein
mag, war er ja doch schon ein alter Mann, als er Karls Lehrer wurde
(Einh. Vita Car. cap. 25). Wie Karl damals dessen Leben in leiblicher
Beziehung sorglos gestaltete (vgl. XVII v. 45 qai nostram dapibas
natrit reficitque senectam), so will er auch jetzt in der Ferne der
Trost seines Alters sein. Wir haben hier wiederum ein Gedicht, das
Karl selbst verfaßte, vgl. Vorbem. zu XXXIII.
Rex Karolus gaudens <ad> te, <Petre, docte) magister,
Versibus his paucis aeternam inscribo salutem.
Ohne Überschrift CLXXXV Quere.
1 ad te, Petre, docte magister scripsi, te pater * Magister .... Quere., mittit
pater atque magister Dümmler, temptat, venerande magister Traube \\ 2 inscribo
scripsi, in Christi Quere,, posco salutem Frobenius, in Christo Dümmler, scripse Traube.
1 — 3 Da bei den meisten Gedichten
der Name des Adressaten im ersten Vers
genannt ist (vgl. XXXIX und XL), so
wurde diese Lesart gewählt; nimmt man
Karl an Petrus.
169
10
15
Mens mea mellifluo, fateor, congaudet amore,
Doctor amate, tui. Volui quapropter in odis,
O venerande, tuam Musis solare senectam,
Te quoque te cupiens imperante agnoscere Christo
Nos nostrosque simul sanos nunc esse fideles
Perpetuis optans et te gaudere triumphis;
Inque dei cultu vigeas virtutibus almis
lam meliora tenens sanctae vestigia vitae,
Donec et aetherei venias ad culmina regni,
Congaudens sanctis Christo sociatus in aevum.
Meque tuis precibus tecum rape, quaeso, magister,
Ad pia, qua tendis, miserantis culmina regis.
Qua laus atque decus, species, pax, gloria, lumen
Semper in aeternum sanctis sine fine manebit.
4 amate Frobenius, amator Quere. || 5 veneranda Quere. \\ 6 Christum
Quere. \\ 8 optans Frobenius, optas Quere. \\ 10 iam Quere, in Dümmler \\
11 donec et Frobenius, et fehlt Quere.
darauf keine Rücksicht, schlage ich
<flrf> te pater, (alme^ magister vor. —
gaudens entspricht libens in XL v. 2. —
aeternam inseribo salutem: in Christo
ist aus metrischen Gründen nicht an-
zunehmen; Alcvin Poet. I 239 v. 8: op-
tatae inseripta salutis (pagina): 176
V. 288 cartis inseripta leguntur; vgl. auch
Ale. 240 V. 5 tribuat aeternum salve;
251 V. 15 perpetuum salve. — mellifluo
amore vgl. XXVI v. 22; Ale. 309 v. 15.
4 — 5 in odis Musis solare seneetam:
solare statt solari kommt zuerst bei
Vergil und Horaz in der Bedeutung
'mildern, erträglich machen' vor; Musis
bei vorausgehendem in odis erscheint
eigentümlich, mag aber wohl von Karl
geschrieben worden sein, vgl. Ale. 226
v. 23 landet in odis; 240 v. 19 me Maro
vineit in odis; 253 v. 12 Musarum odis.
6 — 8 Karl will sagen: „Ich wollte Dir
durch mein Gedicht eine Freude machen,
dabei sollst Du auch erfahren, daß es
uns und unseren Getreuen auf Christi
Geheiß gut geht, und zugleich wünsche
ich Dir einst die ewige Seligkeit. „Stelle
cupiens te quoque te (vgl. Ale. 273 v. 18
tu quoque tu) agnoseere nos . . . impe-
rante Christo sanos nune esse et op-
tans te gaudere triumphis; agnoseere
= audire im Briefstil vgl. Epp. IV p. 245,31
de prosperitate domni apostoliei agnos-
eere. — nos nostrosque fideles: Epp.
IV p. 146, 15 pro nobis nostrisque fideli-
bus. — perpetuis triumphis vgl. Ale. 245
V. 5 perpetuis valeas Christo donante
(an unserer Stelle imperante Christo)
triumphis.
9 — 16 inque dei cultu vigeas vgl.
Ale. 250 V. 8 in sophiae cultu tu valeas,
vigeas. — meque tuis precibus tecum rape
vgl. Ale. 236 v. 19 precibus rape me,
rogo, tecum; 321 v. 20. — semper in
aeternum XXXIX v. 14.
Anhang.
I.
Auf das Grab Lothars.
'Hier ruht die schöne Blume bis zum jüngsten Tag (1 — 14).
Du, Vielgeliebter, hast durch Deinen Tod das Herz von Vater und
Mutter verwundet und nur der Gedanke, daß Du im Himmel bist,
tröstet sie (15 — 20). Fern dem Kriegsdienst und dem Streben nach
irdischen Schätzen wohnst Du ewig als Krieger und reichbelohnt im
Himmel (21 — 26). Aus königlichem Stamme und als Zwillingskind
geboren, erhieltst Du den Namen Lothar (27 — 34). Karl, Dein Vater,
widmete Dir dies Gedicht und ich. Deine Mutter Hildegard, schicke
Küsse Dir, den der Tod schon so bald entriß (35 — 40).' —
Nachdem der Dichter ihn noch der Gnade Marias und dem
Gebete der Andächtigen empfohlen, folgt die Angabe des Tages und
Jahres seines Todes.
Lothar war als Zwillingsbruder Ludwigs (später „der Fromme"
genannt) im Jahre 778, als Karl den spanischen Feldzug unternahm,
geboren (vgl. Abel I 293, 308; II 19 Anm. 3) und zwar in der Pfalz
Cassinogilus (Chasseneuil am Ciain, in Poitou), wo Karl seine Frau
Hildegard zurückgelassen hatte; vgl. Astron. Vita Hludowici c. 2, SS. II
607: reliquit Hildegardam . . . in villa regia, cuius vocabalum est
Cassinogilus gemina gravidam prole; c. 3 Nati sunt autem anno
incarnationis domini nostri Jesu Christi septingentesimo septua-
gesimo octavo.
Die Nachrichten über den Monat seiner Geburt bezeichnen April
als den frühesten und September als den spätesten Termin. Über
die Zeit seines Todes und über das Alter, das er erreichte, berichten
Anhang. Auf das Grab Lothars. 171
drei Quellen in einer Weise, daß man bis jetzt darin nur Widersprüche
sah (vgl. Abel II 19 Anm. 3). So sagt der Astronomus in seiner Vita
Hludow. cap. 3 SS. II 608: qaorum unus (^Lothar) immatura morte
praereptas, ante paene mori quam sab liice vivere coeplt; Paulus
Diaconus in seiner Geschichte der Metzer Bischöfe SS. II 265: Na-
torum sane eius, quos et Hildegard peperlt, ista sunt nomina . . .
tertius Lodobich, qui cum H Lothar io, qul blennis occubult, uno
partu est genitus. Dazu kommt nun noch eine Stelle in unserem
Gedicht, v. 39:
Bissenosque prius menses quam volveret annus,
Qemmula de flore morte repulsa fluit.
Abel (a. a. O.) erklärt die beiden ersten Berichte für falsch. Aber die
Worte des Paulus Diaconus können nicht bezweifelt werden, da er in
einem Werke, das am Hofe Karls entstand, schwerlich unrichtige An-
gaben über dessen Söhne machte. Seine Behauptung steht mit der
des Astronomus nicht im Widerspruch. Dieser spricht von einem
frühzeitigen Tod, Paulus Diaconus läßt Lothar zwei Jahre alt werden.
Nach der genannten Stelle in unserem Gedicht aber starb Lothar,
noch nicht ein volles Jahr alt. Abgesehen von dem Widerspruch
mit dem glaubwürdigen Paulus erregt diese Quelle schon deshalb
große Zweifel, weil die Verse 39 und 40 an falscher Stelle stehen.
Sie schließen sich passend an 34, nicht aber an 38 an. Betrachtet
man dazu noch den Schluß : obiit aatem die VI Idus Februar, anno X
regnante patre ipsius Carolo, so liegt hier zweifellos wieder eine
falsche Angabe vor; denn es ist nach den Annalen unrichtig, daß
Lothar am 8. Februar 778 starb, da er nicht vor April dieses Jahres
geboren wurde. Nehmen wir an, daß Lothar im Mai 778 zur Welt kam
und daß er, wie Paulus, der genaue Kenner der Familiengeschichte
Karls (vgl. XXVI v. 19 — 23 Anm.), berichtet, mit zwei Jahren starb,
so könnte nur der 8. Februar 780 der richtige Zeitpunkt sein, das
wäre aber anno XII regnante patre. Diese falsche Angabe fehlt in
den Handschriften G und H.
Die Autorschaft des Paulus Diaconus ist aus historischen, noch
mehr aber aus stilistischen Gründen ausgeschlossen. Aus den gleichen
Gründen möchte ich auch nicht mit Dümmler (Poet. I 29 Anm. 8)
Petrus von Pisa als Verfasser annehmen.
Das Gedicht gibt uns ein Bild, wie vor der Gründung der
Akademie am Hofe Karls gedichtet wurde. Wer es verfaßte, weiß
man nicht, wahrscheinlich aber ist es derselbe, von dem das zeitlich
172
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
nahe liegende Epitaph für den Senischalk Eggihard (Epit. Egg.)
stammt (Poet. I 109 VI = Anh. II). Selbst wenn man in Erwägung
zieht, daß in den Epitaphien bestimmte Darstellungsformen üblich
sind, so ist doch die Übereinstimmung beider Gedichte in stilistischer
Form so auffallend, daß man den gleichen Verfasser annehmen muß.
10
Hoc satus in viridi servatur flosculus arvo,
Pulchrior en lacte candidiorque nive,
Donec altipotens veniat per saecula iudex,
Qui metet ostrifluas falce perenne rosas.
Hunc tua, lordanis, sacrata protulit unda,
Pampinus Engadi rore beavit eum.
Livida purpureis vaccinia cincta rosetis
Vernat ut et rosola gliscit in omne decus,
Pallida ceu sandix inter viburna refulgit
Et nitit imbrifluus Cynthius altus aquis,
Epitaphium Chlodarii pueri regis P f. 135 v; ohne Ühersdirift Q (v. 1 — 4:
St. Gallen 899 p. 18, Sdiluß in Rom Reg. lat. 421 /. 27) und // /. 2v.
1 saltus G 1 seruatis G \ fosculus (am Rand R^ G \\ 2 lactae (ae und e,
audi ae und oe öfter vertausdit) H \\ 4 rodas G \\ 6 Pampiniis H \ engaddi H \\
7 Uuida P, Viuida G \ baccinia G \\ 8 rosula H \\ 9 inte H \ uiuurna G \
uiburna H \ le fulta H y 10 nitet H \ imbrifluus P G, imbrifluis Traube \
cythius P, cinthius G H \ equis H.
2 pulchrior en lacte vgl. Gen. 49, 12
dentes eius lacte candidiores ; Ihren. 4, 7
nitidiores lacte. — candidiorque nive
Theod. I 536 v. 148; Smar. I 612 v. 20.
4 perenne Adv. = in perpetuum (vgl.
Anh. IV II V. 9).
5 hunc tua, Jordanis, sacrata unda:
'Die heilige Welle des Jordan ließ die
Blume gedeihn.' Damit will der Dichter
sagen, daß das Kind mit außergewöhn-
licher Sorgfalt erzogen wurde. Auch kann
die Taufe mit Jordanwasser gemeint sein.
6 — 7 pampinus Engadi: Die Wein-
berge Engeddis, das am Toten Meer liegt,
werden im Hohenlied Salomos I 13 er-
wähnt: in vineis Engaddi. — vaccinia
livida: vaccinium = hyacinthus, hier
als Femin. gebraucht. — cincta rosetis
Vgl. Paulin. Aquil. I 128 v.58 ad campos,
Jordane, tuos cinctosque rosetis.
8 gliscit in omne decus vgl. Epit.
Egg. V. 4 milis in omne decus.
9 — 10 pallida ceu sandix inter vi-
burna: Die Sandyxstaude mit scharlach-
roten Blumen inmitten weißer Mehlbeer-
bäume; vgl. Verg. Ecl. I 25; Nemes. II 86
inter viburna cupressi. — refulgit, nitit,
rubit (v. 11) vgl. Anm. zu V^ v. 1 u. 4. —
imbrifluus Cynthius altus aquis vgl.
Verg. Aen. VI 9, X 875 altus Apollo; im-
brifluus aquis: 'benetzt von den Fluten
des Meeres'. Die Lesart equis (H) ließe
sich auch erklären: 'Wie der hohe Cyn-
thier erglänzt, wenn er mit seinen Rossen
aus dem Meere aufsteigt', vgl. XVIII v. 1
Cynthius iam volitabat equis. Der Dichter
meint die Morgenröte (Riese, Anth. lat.
580 Sol ab aequo reis Tethyos ortus aquis).
Anhang. Auf das Grab Lothars.
173
15
20
Ut rubit obriza flagranti cocta Camino
Et rutilat vario Indus honore lapis:
Haud secus emicuit gracilis infantia nati,
Quem pater omnipotens misit ad astra poli.
Hie erat altus amor: perlita in melle sagitta
Vulnifico fodiit corda mucrone patris.
Heu, genetrici huius violavit gaudia lucis
Decoxitque satis pectus adusta face.
Sola sed inde manet felix fiducia spei,
Quod talis caeli Spiritus astra petit.
Hunc galeata falanx non traxit ad arma duelli,
Perpetuus milis regnat in aula dei.
11 Et P I rubet H \ obriga G, obri und darnach eine Lücke H \\
13 glatihs G \\ 14 astro H \\ 15 sagita H \\ 17 Hiic G \ genetrici scripsi, gene-
tricis P, genitricis G, genitrix H, en genitrix, cuius Traube \ huius über violavit
von der gleichen Hand G \ uiolavit aus uolavit corr. G 11 22 miles H \ aula
P G, arce H.
12 Indus honore lapis vgl. XIII v. 8
gemmas fndicosque lapides; Indicagemma
XXVI V. 6.
15 — 20 perlita in melle sagitta: Die
falsche Quantität von perlita schreibe ich
dem Dichter zu. Er will sagen: 'Wen Gott
lieb hat, den züchtigt er'; mit dem Honig
meint er wohl die Freude über die Ge-
burt. — sagitta vulnifico fodiit corda
mucrone patris vgl. Paul. XXVIII v. 6
confodiens iaculo regia corda patris;
XXXV V. 41 perpetuo pectus Irans fixa
mucrone: XXVII v. 8 ictaque sunt matris
corda dolore procul. — heu, genetrici:
Durch seinen Tod verbitterte er der Mutter
die Freuden dieses Lebens; genetricis
(PG) mag wohl durch huius veranlaßt
sein ; vgl. auch XXVI v. 24 heu genitrix. —
decoxitque satis pectus vgl. XXVI v. 32
ussisti flammis pectus. Ebenso wie sich
im Gedicht XXVI der Gedanke anschließt:
solatur cunctos spes, quod sacra regna
tenes, so auch in unserem Gedicht v. 19
sola sed inde manet felix fiducia spei,
quod . . astra petit. Diese Ähnlichkeiten
sprechen aber nicht etwa für die Autor-
schaft unseres Paulus, sondern beweisen,
daß er am Hofe dieses Epitaph kennen
lernte und ihm bei der Abfassung seiner
Epitaphien seine Darstellungsform ent-
nahm. — fiducia spei: Die Zusammen-
stellung synonymer Begriffe ist häufig,
vgl. V. 23 gazarum opes; Paulin. Poet.
I 148 V. 18 spes in me nulla remanet
fiduciae. — caeli Spiritus astra petit:
Epit. Egg. V. 2; Ale. I 184 v. 679; 186
V. 739 etc.
21 — 24 regnat in aula dei: Statt
aula nach H arce einzusetzen scheint
aus metrischen Gründen und in Rücksicht
auf das vom Dichter gebrauchte Bild (ga-
leata falanx, milis) sehr nahe liegend
und auch Alcvin drückt sich ähnlich aus
Poet. I 235 V. 226 proelia post terrae
regnat in arce poli. Aber auch das
Epitaph für Eggihard hat v. 8 u. 18 in
aula dei und v. 3 inclita stirpe satus.
Die Verkürzung des a im Ablat. der
1. Deklination ist eine Eigentümlichkeit
des Verfassers dieser Grabschrift. Da
nun, wie aus der Darstellung zweifellos
hervorgeht, die Verfasser beider Grab-
174
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Gazarum non hausit opes, non praedia rerum
Nee rapuit mundi captus amore dapes.
25 Contentus cunulis Christi gratissimus heres
Divitias meruit lactis ab amne poli.
Stemmate clarigero, regali sanguine cretus,
Aurea non valuit sceptra videre patris.
Priscorum nimium regum devictus amore
30 Hlutharium genitor nomen habere dedit.
Ut gemini surgunt uno de germine flores,
Sic pariles genetrix fudit utrosque sinu.
Alter inante manens vernali cespite pollet,
Alter ad aethra volans aurea saecla tenet.
35 Hoc tibi, care decus, Carolus lacrimabile Carmen
Edidit ensipotens rex genitorque tuus.
Ast ego, nate, tibi genetrix regina remitto
Hildegarda, meus, basia, dulcis amor.
Bissenosque prius menses quam volveret annus,
40 Gemmula de flore morte repulsa fluit.
23 hausit H, ausit P, auxit G \\ 25 cumulis H \\ 26 diuitiis G, diuicias H ||
27 scemmate H \ crarigero H \\ 29 regnum G \\ 30 Hlytarium G \ nomen hie
habere H \\ 32 genitrix GH \\ 33 manet G \\ 34 altera detrahere uolat (am
Rand Rj G \ secla P \\ 35 Karolus G \\ 36 rex fehlt (am Rand R; G \\
37 genitrix G H \ regina aus regna corr. G || 38 Hildigalda meus basia G, Hilde-
cardam cur basia H \\ 39 annos G, et annus H \\ 40 repulsa aus depulsa corr. G,
repula H.
Schriften identisch sind, so bieten PG
die richtige Lesart. — non hausit opes:
haurire drückt wie rapere im nächsten
Vers das gierige Verlangen aus. — dapes
= Genüsse überhaupt, vgl. Bonif. I 10
V. 219 nequicquam dapibus saecli satu-
ratur opimis; II 681 v. 9 spernite, posco,
dapes; es steht auch für opes, vgl. Index
zu Poet. II.
25 — 30 cunulis bildet den Gegensatz
zu V. 23. — divitias meruit: Er ver-
diente sich Schätze des Himmels = Selig-
keit, indem er in der Wiege lag und nur
von Milch sich nährte; lactis ah amne
bildet den Gegensatz zu dapes. — regali
sanguine cretus vgl. Epit. Egg. v. 3 Fran-
corum sanguine cretus; vgl. Verg. Aen.
III 608 quo sanguine cretus; ein auch
sonstbeliebterVersschlußAnh.Vv. 25,50;
Angilbert Poet. I 380 v. 28. — aurea non
valuit sceptra videre patris: Einen ähn-
lichen Gedanken verwendet Paulus bei
der Grabschrift der kleinen Adelheid
XXVII V. 9 patrios non conspectura
triumphos.
33 — 36 alter inante manens: Der
andere (Ludwig der Fromme) lebte noch
weiter. — vernali cespite pollet: Von der
Natur auf den Menschen übertragen; es
stecken in ihm kräftige Keime zum Ge-
deihen, vgl. Paulus I V. 7 viridi dum
cespite polles.
35—40 Mit V. 35 beginnt der Ab-
schluß des Gedichtes. Nachdem der Eltern
gedacht ist, wendet er sich an Maria und
die Besucher der Kirche, vgl. Vorbem. zu
Anhang. Auf das Grab Lothars.
175
45
Hoc niveum sacra praeliba munus in ara
ludicis altithroni, virgo Maria, precor.
O vos christicolae, qui fertis munera templi,
Nobiscum matrem corde rogate lesu,
Ut puerum solio dignetur nominis alti
Adsociare suis vocibus illa sacris.
Obiit autem die VI Id. Feb. anno X regnante patre ipsius
Carolo glorioso rege.
41 niueo G \ praeliua G, prehua fi \ in ara PG, marcii H || 42 praecor G ||
43 christicole P \\ 44 corda G \ lesu Dämmler, ihn P, ihm G \\ 46 Finit am
Rand G \ obiit— rege fehlt G H.
V. 39 u. 40. — gemmula de flore morte
repulsa fluit: Man erwartet I^ein Präsens
und möchte fuit schreiben, fluit geht
aber ebenso wie die falsche Angabe über
das Aher des Lothar auf Rechnung des
Interpolators.
43 — 46 0 vos christicolae Poet. II 658
V. 27. Eine Vergleichung dieser Verse mit
Epit. Egg. V. 19 u. 20 läßt deutlich die Zu-
sammengehörigkeit beider Gedichte er-
kennen. — vocibus = angelicis cantibus.
II.
Grabschrift für Eggihard.
jEggihard entstammte einem berühmten fränkischen Geschlechte
und starb vielbetrauert in der Blüte seiner Jahre in dem Feldzug
Karls gegen Spanien (1 — 14). Der Märtyrer Vincentius und die Be-
sucher der Kirche mögen für ihn Fürbitte einlegen (15 — 22).'
Eggihard war Senischalk Karls (Abel I 305; II 549) und fiel im
Kampf gegen die Basken im Tale von Roncevalles zugleich mit dem
von der Sage gefeierten Roland und zwar, wie es am Schlüsse des
Epitaphs heißt, am 15. August 778.
Das Gedicht ist jedenfalls um diese Zeit entstanden und steht
demnach dem vorausgehenden auch zeitlich ganz nahe. Die vielen
stilistischen Beziehungen veranlaßten mich zur Annahme des näm-
lichen Verfassers (vgl. Vorbem. zu Anh. I).
Die Handschrift Paris lat. 4841 :=E, die das Gedicht überliefert,
stammt aus dem neunten Jahrhundert (vgl. Neues Archiv IV 149). Ihren
Hauptinhalt bilden Grabschriften, so f. 32 Versus super tumulum
sancti Augustini episcopi, quos ipse didavit: Vivere post obitum
(Riese, Anth. lat. 721, 722); f. 33 Ephitafium: Hie rogo pauxillum,
Grabschrift Alcvins (Poet. I 350). Auf diese folgt die für Eggihard,
der sich andere anschließen.
Pallida sub parvo clauduntur membra sepulcro,
Ardua sed caeli Spiritus astra petit.
Inclita stirpe satus, Francorum sanguine cretus.
Hie fuerat dudum milis in omne decus.
Ephytaphium E f. 33 v.
2 s^d £" I celi E \ astra petit Dümmler, petiit astra E ü 3 Franquorum E
4 milis scripsi, mittis E, mitis Wölfflin \ omnem E.
4 — 8 milis in omne decus (vgl. v. 22
im Epitaph Lothars perpetuus milis regnat
in aula dei): Eggihard war früher ein
tüchtiger Soldat. — patrio nomen de no-
mine dictus: Ein auch sonst beliebter
Versschlüß Angilb. Poet. 1 371 v. 200; Alc-
vin Poet. I 200 v. 1396; vielleicht ist diese
eigentümliche Ausdrucksweise eine Re-
Anhang. Grabschrift für Eggihard. 177
5 Roseida purpureas lente lanugo genellas
Cingebat. Heu me, pulchra iuventus obit.
Aggiardus patrio nomen de nomine dictus
Hie erat et regis summus in aula fuit.
Hunc rapuit ferro mors insatiabilis umbris,
10 Sed lux perpetua vexit ad alta poli.
Tempore quo Spaniae Carolus calcavit arenas,
Mortuus est mundo, vivit ubique deo.
Hunc deflet Italus, contrito pectore Francus,
Plorat Aquitania Germaniaque simul.
15 Tu modo quocirca, Vincenti maxime martyr,
Hunc propter summum posce, beate, deum.
Hoc iacet in tumulo, tantum sed carne sepultus
Carpsit iter rutilum, vivit in aula dei.
At vos christicolae, qui sacri limina templi
20 Lustratis, genitum corde rogate patris:
'Tu pietate deus probrosa', dicite cuncti,
'Aggiardi famuli crimina tolle tui'.
Qui obiit die XVIII Kalendas Septembrias in pace feliciter.
5 purporeas E \\ 6 pulcra E \ obiit E \\ 7 aggiardus aus aggiadus corr. E,
am Rand von jüngerer Hand Aggiardus £" ll 8 regis scripsi, regi sumus E \\ 10 poli
aus poHt corr. E \\ 11 tempori E \ in ispania darunter ein Strich und am Rand
von jüngerer Hand Quo Hispanus (as?) Karlus E, Spaniae Dümmler \\ 13 contrito
aus contricto corr. E \\ 14 equitani*^ E \\ 15 cocirco E \\ 16 dö E \\ 18 carpsis E \\
19 at] ad E \ christicole E \\ 20 patris corde rogate E, corr. Dümmler \\
21 cumcti £" II 22 aggiar di £" || 23 die E.
miniszenz an Verg. Aen. III 18 meo no- pore quo Spaniae (ä), auch in Aquitania
men de nomine fingo. — et regis summus und Germania (v. 14) ist die Quantität
in aula fuit: regis zu setzen veranlaßte
mich auch v. 18 vivit in aula dei: Einst
im Palast des Königs, jetzt im himmlischen.
Eggihard war sehr angesehen am Hofe,
vgl. Einh. Vita Car. c. 9 Eggihardus regiae
mensae praepositus ; Einh. ann. 778: in
hoc certamine plerique aulicorum, quos
rex copiis praefecerat. interfecti sunt.
Er war Truchseß (dapifer) und hatte die
Aufsicht über Küche und Hofhaltung.
9 — 14 mors insatiabilis umbris: Der
Tod kann nicht durch Schatten = Tote
gesättigt werden; vgl. Alcvin Poet. I 170
V. 13 M^ vos salvaret ab umbris. — ^um-
geändert. — Karl feierte am 19. April 778
Ostern in Aquitanien, in der Pfalz Cassino-
gilus und zog jedenfalls noch im FrühHng
nach Spanien (Abel I 293, vgl. Vorbem.
zu Anh. I).
15 — 22 Vincenti maxime martyr:
Eggihards Grab befand sich demnach in
einer dem heiligen Vincentius geweihten
Kirche. — Zu v. 17 vgl. aus dem Epit. des
Doktron (Hist. Lang. III cap. 19) v. 1 clau-
ditur hoc tumulo, tantum sed corpore,
Doctron; vgl. auch Bickel, Rhein. Mus.
63, 1908, p. 404 ff.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4. 12
III.
Auf das Grab des Dombercht.
Dieses zuerst von A. Wilmanns herausgegebene Gedicht (Rhein.
Mus. für Philol. N. F. XXIII 404) hat Dümmler (Poet. I 19) als Appendix
zu den Gedichten des Bonifatius veröffentHcht. Von dem in der Grab-
schrift Gefeierten ist sonst nichts bekannt, dem Gedicht kann man
aber entnehmen, daß er ein Angelsachse und Schüler des Bonifatius
war und diesem nach Deutschland folgte. Er scheint auch (vgl. die
Verse 11 und 17) wissenschaftliche Bildung besessen zu haben. Wenn
es V. 19 heißt dominl servavit ovile und v. 29 praesul oves domini
maltos per annos rexit, so darf man annehmen, daß er ein höheres
geistHches Amt bekleidete.
Die stilistische Untersuchung ergab als neues Resultat, daß das
Epitaph von einem Schüler des Petrus von Pisa verfaßt ist, dessen
Ausdrucksformen in ganz auffallender Weise verwendet werden. Daß
wir es mit einer Schülerarbeit zu tun haben, beweist schon die am
Schlüsse angefügte Bitte Rogo te, domine pater, ut emendes et
corrlgas. Auch steht das Gedicht in Rom Palat. lat. 1753 (R)
inmitten von Stücken grammatischen und besonders metrischen Inhalts
(vgl. Wilmanns a. a. O. und Reifferscheid, Bibliotheca patrum Latinorum
Italica I p. 307). Zugleich kann man sehen, wie dieser Anfänger in
der Dichtkunst bei der Abfassung dieses Epitaphs mit den typischen
Formen der karolingischen Zeit arbeitet. De Rossi (Inscriptiones
Christianae urbis Romae II, 1 p. LIV) sagt: elogium inscribendum
tumulo eias (Domberchti) compositum est ab anonymo studioso
carminam veterum epigraphicomm, qaorum plura hemistichia in hoc
epitaphio agnoscuntur.
Anhang. Auf das Grab des Dombercht.
179
10
15
20
Funereo textu scribuntur facta priorum,
Ut discat vanas linquere quisque vias.
Sed non est flendus, studuit qui vivere Christo
Et mundi toto temnere corde mala.
Et si forte cupis nomen meritumque sepulti
Discere, tu poteris magna viator amans.'
Hac iacet egregius nivea sub mole sacerdos,
Qui meritis caeli vivit in arce suis,
Eloquio fulgens, sacro cognomine dictus
Dombercht, qui mundi clara lucerna fuit.
Grammaticae studio, metrorum legibus aptus,
Plurima percutiens funere corda suo
Occidit et nobis fletus gemitusque reliquit,
Quos hie culparum poena dolorque tenent.
Hie rabiem mortis calcavit morte minantis
Pergens luciflui laetus ad astra poli.
Lumen erat patriae, sapientia maxima gentis,
Perfundens sancta turbida corda fide,
Inlaesum vigilans domini servavit ovile,
Pestiferi extinguens toxica saeva lupi.
Pauperibus largo praebebat munera dono
Ostendens gregibus pabula pulchra dei.
Artibus et meritis fulgens Bonifatius almus,
Pro Christo gladiis qui sua membra dedit,
Ohne Überschrift f. 116v.
2 quisque aus quinque corr. R
falce Wilmanns.
6 magna Wilmanns, magne R \\ 15 morte R,
1 — 3 Das Vorbild für diese fast wört-
lich nachgebildeten Verse findet sich in
einem Epitaph in Pavia Poet. 1102 v. 1 — 3.
5 — 8 et si forte cupis: Beliebte
Formel bei den Epitaphien. — tu poteris
magna vgl. dieselben Worte bei Petrus
von Pisa XVII v. 26. — caeli vivit in
arce vgl. Petr. XXI v. 8 caeli regnat in
arce; zu v. 8 vgl. Epitaph des Doktron
V. 1 u. 2 (Hist. Lang. III cap. 19) nam me-
ritis toto vivit in orbe suis.
10 mundi clara lucerna fuit vgl.
Petr. XVII V. 26 fulgens in monte lucerna;
nimmt man aus v. 6 noch tu poteris
magna hinzu, so sieht man, wie der
Schüler einen Vers seines Lehrers ver-
wendet hat.
13 und 17 enthalten typische Aus-
drucksformen.
20 — 21 toxica saeva lupi: Diese aus
Martial epigr. 118,6 stammende Ausdrucks-
weise findet sich auch bei Petr. XXXVIII
V. 30. — pauperibus largo praebebat mu-
nera dono: Petrus schreibt XXXVIII v. 19
pauperibus largo dispensas plurima dono.
Hier ist deutlich zu sehen, wie der Schüler
die ihm vorliegenden Worte umändert.
12*
180
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
25
30
35
Hunc magno studio docuit, nutrivit, amavit
Complens, quod sonuit vatis in ore pium.
Francorum ad patriam tremulas venere per undas
Anglorum pelagi germine de nitido.
Praesul oves domini multos sine sorde per annos
Rexit et aeternae carpsit iter patriae.
Hac venerandus humo voluit requiescere poscens,
Ut nullus violet, quod tenet ipse solum.
Hie, populi, sanctum precibus pulsate iacentem,
Ut precibus solvat vincula vestra suis
Et foveat semper, quos vivens semper amavit,
Et quos hie docuit, clarus ad astra levet.
Rogo te, domine pater, ut emendes et corrigas.
37 emendas R.
25 docuit, nutrivit, amavit wörtlich
Petr. XXXVIII v. 6 entnommen.
32 — 34 ut nullus violet: Eine dem
als Vorbild am Hof dienenden Epitaph
des Constans entnommene (Poet. I 79
V. 21) typische Form (vgl. Vorbem. zu IX
S. 45). — precibus pulsate iacentem vgl.
Petr. XXI V. 11 precibus pulsare tonan-
tem. — ut solvat vincula vestra: Ein
auch von Petrus verwendetes Bild vgl.
XVII V. 28; XXXVIII v. 28. Die Art, wie
hier der Schüler sich der Werke seines
Lehrers zur Abfassung eines Gedichtes
bedient, haben wir schon bei Karl kennen
gelernt (S. 136).
IV.
Fiducia an Angilram.
'An Angilram schicke ich Grüße von meinem gegenwärtigen
Aufenthaltsort am Ufer eines Flusses, wo Weiden, Binsen und dichtes
Gebüsch wachsen und Sümpfe, von Fröschen bewohnt, sich ausdehnen
(1 — 6). Ohne Tätigkeit sitze ich in dieser traurigen Gegend, fern
von besserer Gesellschaft und allen Freuden des Lebens. Du aber
bist berühmt als Dichter und steigst zu Macht und Ansehen empor.
Nimm Dich mit Wort und Tat Deines armen Freundes an (7 — 14).
Auch die berühmten Dichter Theodulf und Angilbert mögen beim
König sich für mich verwenden (15 — 20).'
Von dem Verfasser dieses Gedichtes, Fiducia, wissen wir sonst
nichts. Den Versen kann man entnehmen, daß ihn sein gegen-
wärtiger Aufenthaltsort und sein untätiges Leben traurig stimmt.
Er ist mit den literarischen Größen am Hofe Karls befreundet und
hofft mit ihrer Hilfe zu erreichen, daß der König seiner wieder in
Gnaden gedenkt.
Die Verse 21 — 22 deuten an, daß ihm Karl wegen einer fehler-
haften schriftlichen Arbeit eine Rüge aussprach. Demnach möchte
man an einen Klosterschüler oder, wie Traube sagt (Wochenschr. f.
klass. Philol. 1891, S. 688), an die Skription eines karolingischen
Quartaners denken, und wir sehen dadurch bestätigt, daß Karl die
wissenschaftliche Heranbildung und Leistungen der jungen Leute per-
sönlich überwachte.
Das Gedicht entstand zwischen 784 oder 788 und 791 (vgl. Anm.).
182
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
Carmina ferte mea Anghelramo, dicite patri
Verba salutifera, propriis quae misit ab arvis
Nomine non meritis Fiducia. Cernite, praesul!
Qui in ripis fluvii morat, at ubi multa salecta
Nascitur et iuncus, pariter tegumenta corymbi,
Qui ranulas gignit squalidas, carecta paludis.
Sat lentus sedeo, qui carmina nulla camaenae,
Non sceptrum regis fero nee mantilia lini.
Non manibus laticem mitto libamina sancta
Nee regum cerno proles nee pocula Bacchi.
Sola mihi tales casus Cassandra canebat.
Tu pius, alme pater, clarescis in ordine vatum,
Tu florem meriti sequeris, vos ardua regna.
Versus Fiducie ad Angelramnum praesulem D p. 221.
1 vor Carmina f D \\ 2 que D (^ = ae öfter) || 3 cernite D, cernue G.
Paris (Romania 1874 p. 430^ || 4 fluvii Dümmler, fluviis D H 6 padulis D, corr.
Dümmler \\ 7 sedeo D, redeo Dümmler \ camen^ D \\ ^ mitto nee D, ohne nee
scripsi 11 13 vos ardua D, ad ardua Dümmler.
3 — 6 nomine non meritis: Eine auch
sonst gebrauchte Wendung vgl. Paul.VI v.3 ;
Alcvin Poet. 1247 v.6, 260 v.2; Theodulf
Poet. 1 520 V. 26, 521 v. 66; Hincmar Poet.
III 420 V. 1 nomine, non merito praesul. —
cernite kann wohl beibehalten werden
und bedeutet soviel wie ecce: „Seht, da
habt Ihr meine Grüße." — morat statt
moratur. — at ubi vgl. Bonnet, Gregor
von Tours p. 485. — salecta statt sa-
licta als Fem. verwendet. — ranulas und
squalidas sind hier mit verkürztem 'a'
gebraucht.
7 — 11 lentus sedeo vgl. Verg. Aen.
XII 237 qui nunc lenti consedimus arvis.
In den folgenden Versen weist er nach,
warum er so untätig dasitzt. — non
sceptrum regis fero: Er hat keinen Dienst
bei Hof; beachte die eigentümliche Ver-
wendung von fero, vgl. auch Theodulf
Poet. I 453 V. 39 fundere aquam palmis,
mantilia ferre studemus. — non mani-
bus laticem: Er hat keine priesterlichen
Funktionen und reicht mit seinen Händen
nicht das geweihte Wasser als heilige
Spende. Das gegen das Metrum ver-
stoßende nee ist wohl durch das voraus-
gehende und die zwei nachfolgenden nee
aus Versehen vom Schreiber eingesetzt
worden. — nee regum cerno proles: Er
spielt damit auf das Leben Angilrams
an, der als Berater des Königs und als
sein oberster Kaplan mit Erlaubnis des
Papstes Hadrian I sich am königlichen
Hof aufhielt (Abel 1 488). — pocula Bacchi
ein Verg. Aen. III 354 entnommener, auch
von Alkvin (Poet. I 271 v. 24) und Angilbert
(Poet. I 379 V. 531) verwendeter Vers-
schluß. — V. 11 ist wörtlich Vergil (Aen.
III 183) entnommen.
12 — 14 Das zweimal den Vers be-
ginnende tu veranschaulicht den Gegen-
satz zwischen seinem und Angilrams
Leben und stellt einander gegenüber
V. 7 carmina nulla fero und tu clarescis
in ordine vatum (vgl. Vorbem. zu den
Versen über die Metzer Bischöfe S. 187).
— tu florem meriti sequeris, vos ardua
regna: Mit diesen Worten bringt Fiducia
wiederum einen Gegensatz zu seinem
tatenlosen Leben, wie er es v. 8 — 10
schildert. Angilram war vom Bischof
Anhang. Fiducia an Angilram.
183
Me vestrum foveas dictis factisque misellum.
15 Portio Sit tibi cum iusto Simeone beato!
Teudulfus rutilat mire de arte luvenci
Atque Angelpertus, divini ambo poetae,
Quos Flaccus, Varro, Lucanus Nasoque honorant.
At genua flectant regi perstringere plantas,
20 Sit memor ipse mei, qui sancta fasce nitiscet.
Me tetigit Carulus dominus de cuspide pinnae:
Errore confectus scriptio nostra fuit.
15 portio Sit aus porsit corr. D \ tibi] bi auf Rasur, cum stand vorher
dort D li 18 flaccus aus flacco corr. D \\ 20 sit scripsi, ut D \ nitiscet D,
nitescit Dümmler.
zum Erzl^aplan und Erzbischof (c. 788
bis 791) emporgestiegen (vgl. Abel I 38,
,487 ff., II 541). — Das Umspringen von tu
in vos hat nichts Auffälliges und kann
durch das Bestreben den Hiatus zu ver-
meiden veranlaßt sein ; weitergeführt wird
vos durch vestrum misellum. In v. 14
ist der Zweck des ganzen Gedichtes ent-
halten, nämlich die Bitte, Angilram möge
sich bei Karl für ihn verwenden.
15 portio sit tibi cum Simeone vgl.
Luc. 2, 25: Der Dichter will sagen: „Hilfst
Du mir Armen, dann möge Dir einst wie
Simeon als Lohn ein seliges Ende zuteil
werden."
16 — 20 Teudulfus rutilat: luvencus
gehört nach der eigenen Aussage des
Theodulf zu den Dichtern, die er gerne
las (vgl. Poet. I 543 v. 14; Alcvin Poet.
I 204 V. 1550). — de arte vgl. v. 21 tetigit
de cuspide. Die Verwendung von de
statt des Ablativs ist eine stilistische
Eigentümlichkeit des Verfassers, vgl. auch
im nächsten Gedicht v. 1 cecini de fauce.
— In V. 16 u. 17 Hiatus; beachte auch
ambo poetae. — quos Flaccus: Er
rühmt Theodulfs und Angilberts litera-
rische Kenntnisse; vgl. aber P.v. Winter-
feld, Rh. Mus. 60, 33. — sit memor ipse
mei: Das überHeferte ut hat kein Verbum,
deshalb wurde diese am Schluß poetischer
Briefe übliche Wendung eingesetzt. —
sancta fasce: Die von Gott übertragene
Würde und Bürde. — nitiscet vgl. Paul.
XV 16, 3 pigriscit.
22 Er will sagen, daß er in dem
Gedicht, durch welches er sich den Tadel
Karls zuzog, die einfachsten Regeln der
Prosodie und Grammatik verfehlte. So
ungeschickt sich der Verfasser auch zeigte,
so darf man doch wohl annehmen, daß
er diesen fehlerhaften Pentameter nur
scherzweise anfügte.
II.
'Psalmen sang ich Tag und Nacht und betete für Euch zu Gott.
Kommt und verscheucht mir meine Traurigkeit (1 — 10)!'
Dieses Gedicht schreibe ich auch dem Fiducia zu. Es folgt in
der Berliner Handschrift (D) unmittelbar auf das Gedicht des Fiducia
184
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
an Angilram. Es schließt eine Sammlung von Gedichten ab, die mit
dem Hofe Karls und auch unter einander in Beziehung stehen. So
ist auch im Gedicht XXXIX Carmina mltto Petro, das diese Samm-
lung eröffnet, auf Angilram Bezug genommen und das Gedicht hat
Angilbert zum Verfasser, der im vorausgehenden Gedicht (IVi v. 17)
genannt ist und Fiducia näher stand.
In unserem finden sich Eigentümlichkeiten der Darstellung, die
wir auch in IVi bemerkten, wie Hiatus, prosodische Verstöße, un-
gewöhnliche Konstruktionen, unbeholfene Ausdrucksweise.
Auch der Inhalt spricht dafür, daß diese beiden Gedichte nicht
nur den gleichen Verfasser haben, sondern auch in einem inneren
Zusammenhang stehen: Fiducia beklagt sich im vorausgehenden
Gedicht über sein ödes, tatenloses Dasein (IVi v. 7 sat lentus sedeö).
Darauf erwidert ihm Angilram in einem nicht bekannten Schreiben,
Fiducia möge dann um so fleißiger im Gebet sein. Die Antwort
darauf liegt in unserem Gedicht vor: „Glaub' mir doch, mehr, als ich
tue, kann kein Mensch tun. Ganze Bücher von Psalmen sang ich.
Kein Schlaf kam über meine Augen. Meine Stimmung blieb aber
die gleiche (vgl. IVi v. 14 me vestram foveas dictis factisque misellam).
Kommst Du, dann schwindet meine Trauer (IVii v. 10 trlstia corda).''
Credere si vellis, cecini de fauce libellos
Psalmorum, numeros inpar noviesque decenos,
Quorum virtus erat, nocturna fauce canebam.
Noctibus ac diebus pro te pulsare tonantem
Carmine Davitico, afuerunt mea lumina somno
Flectere colla deo, palmas utrasque levare,
Ut huius pia gratia vos non deserat umquam.
Alius versus D p. 222.
1 vor credere f D \ vellis D, velles Dümmler \ fauce aus fasce corr. D \\
5 afuerunt scripsi, fuerun nach n Überreste eines Budistabens D, fuerunt Dümmler,
careant Traube.
2 — 7 inpar vgl. Calp. II 3 nee impar
voce sonans. — noviesque decenos: Er
will sagen : „Ich sollte eigentlich nur sieben
Horengebete sprechen, ich betete aber
neunmal und zwar jedesmal zehn Psalmen " ;
vgl. Ps. 118, 164 Septies in die laudem
dixi. — quorum virtus erat: Psalmen
mit wirkungsvollem Inhalt. — cecini de
fauce, bald darauf canebam fauce, nocti-
bus ac diebus nach dem vorausgehenden
nocturna, die Quantität von diebus und
afuerunt, die Infinitive pulsare, flectere,
levare wie im vorausgehenden Gedicht
V. 19 statt eines Finalsatzes („Ich schlief
nicht, um beten zu können"), all das be-
weist, daß auch hier eine Schülerarbeit
vorliegt. — pro te pulsare tonantem vgl.
XXI V. 11; Poet. 189 v. 3.
Anhang. Fiducia an Angilram.
185
10
Vos regat omnipotens, solus qui imperat orbem;
Prosperitas, laus, sinceritas tibi, sancte, perenne.
Adventus vester depellat tristia corda.
9 perenne scripsi, perennem D.
8 — 10 qui imperat orbem: Beachte
den Hiatus und die Konstrul<tion von
imperare. Dieser Vers erscheint als Nach-
bildung von XXXIX V. 7 te regat omni-
potens. cunctum qui continet orbem. —
Man möchte sinceritas {= Gesundheit)
in Sit Caritas {cäritas Alcvin Poet. I 240
V. 5; 242 v. 19) aus prosodischen und
stilistischen Gründen ändern, vgl. aber
die Anm. zu v. 2 — 7. — perenne = in
perpetuum vgl. Anh. I v. 4.
V.
Verse über die Metzer Bischöfe.
Dieses Gedicht ist in dem Parisinus lat. 9428 (N) aus dem Anfang
des IX. Jahrhunderts überliefert, einem Sakramentarium der Metzer
Kirche. Nach dieser Handschrift gab es zuerst Meurisse heraus
{Histoire des evesqaes de l'egUse de Metz p. 685 — 686). Es enthält
eine Aufzählung der Metzer Bischöfe mit Klemens beginnend bis
Angilram, wobei mit wenigen, meist auf die Herkunft des Namens
bezüglichen Worten ein Urteil über ihre Tätigkeit ausgesprochen wird.
Paulus Diaconus hatte (vgl. Hist. Lang. VI 16) auf Bitten des
Bischofs von Metz Angilram (vgl. Anm. zu Anh. IVi v. 13) die Ge-
schichte der Bischöfe dieser Stadt in Prosa geschrieben. Der Ver-
fasser dieser Verse ist er aber nicht.
Außer Mabillon haben sich Bethmann (Archiv X 294), Dahn
(S. 51) und Dümmler (Neues Archiv IV 111 und Poet. I 60) für die
Autorschaft des Paulus entschieden, während Ebert (Allgem. Gesch.
der Lit. des Mittelalters im Abendlande II 56, Anm.) und Holder-
Egger (SS. XIII 1881 303—305) diese Verse ihm absprechen.
Bethmann und Dahn führen als Beweis für ihre Anschauung
an, daß das Gedicht mit einer an Angilram gerichteten Beglück-
wünschung schließe. In Wirklichkeit ist dies gar nicht der Fall,
sondern der Verfasser fügt schließlich nur für seine Untergebenen,
nicht aber für ihn selbst einen Wunsch an. Dies erscheint auffallend,
wenn man sieht, wie allen früheren Bischöfen, wenn auch oft nur mit
einem Wort, wegen ihrer Tätigkeit ein Lob ausgesprochen wird.
Nimmt man an, daß Paulus nach Abfassung des Prosawerkes auch
dieses Gedicht verfasste, so hätte er es sicherlich in ein Lob dieses
Anhang, Verse über die Metzer Bischöfe. 187
allgemein am Hofe hochgeschätzten Mannes ausklingen lassen oder
wenigstens einen Wunsch angefügt, der sich auf die Persönlich-
keit des Angilram und nicht bloß, wie hier, auf seine Untergebenen
bezogen hätte. Deshalb kam ich auf den Gedanken, daß Angilram,
der dem literarischen Kreise Karls sehr nahe stand, selbst der Ver-
fasser sei. In seinen Mund passen eher die Worte v. 57 herili
auxilio fuLtus trahit ad pia pascua vltae oves und der sich
anschließende Segenswunsch für dessen Umgebung, ebenso wie
die Verse 58 — 60, wo von dem Untergang des langobardischen
Reiches die Rede ist. Außerdem spricht besonders der Stil der
einleitenden Verse gegen die Autorschaft des Paulus. Holder-Egger
(a. a. O.) liest aus ihnen heraus, daß der Verfasser sich nicht bloß
in Metz aufhielt, sondern ein Metzer Dichter war, und glaubt
durch die Worte haec urbs und has ad oras zu dieser Behaup-
tung berechtigt zu sein. Die Vermutung, daß Angilram selbst der
Verfasser sei, gewinnt dadurch noch an Wahrscheinlichkeit, daß er
dichterisch tätig war. Dies beweist Anhang IVi v. 12 Tii pias, atme
pater, clarescis in ordine vatum. Die stilistischen Beziehungen
zwischen den Versen über die Metzer Bischöfe und dem Prosawerk
(MG. Gest. epp. Mett. SS. II 260—270) lassen sich dadurch erklären,
daß Angilram dieses als Grundlage für seine poetische Aufzählung
der Metzer Bischöfe verwandte. Dabei bediente er sich (vgl. Anm.)
der Ausdrucksformen, die bei Behandlung derartiger Stoffe im karo-
lingischen Kreis üblich waren. Diesem gehörte ja Angilram an; denn
er war mit Petrus von Pisa befreundet, vielleicht einer seiner Schüler
(vgl. XXXIX V. 11). Er scheint auch Paulus nahe gestanden zu sein,
da er von ihm die Geschichte seines Klosters geschrieben haben
wollte, und hat sicherlich auch, wie manche Anklänge zeigen, die
meisten seiner Gedichte, nicht bloß die in Metz befindlichen Grab-
schriften, genau gekannt (vgl. Anm.).
Die Entstehungszeit fällt wahrscheinlich ins Jahr 784. In diesem
Jahre starb der Erzkaplan Fuldrad und Angilram wurde sein Nach-
folger (Abel II 541). Es liegt der Gedanke sehr nahe, daß er diese
poetische Aufzählung seiner Vorgänger gleichsam als Abschluß seiner
Tätigkeit als Bischof in Metz verfaßte, nachdem er vorher Paulus
zur Abfassung einer Geschichte der Metzer Bischöfe veranlaßt hatte.
188
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
15
20
Qui Sacra vivaci studio domicilia lustras,
Noscendi tua tangit amor si pectora, quorum
Haec fuerit procerum Christo adquisita labore
Urbs praeclara viris, seu quis has primus ad oras
Advexit lumen sublato errore vetusto
Almifluae sollers de vero Oriente fidei:
Perlege subiectum, breviterque docebere, Carmen.
Cum Petrus aeterni dux summus Romula regis,
Quae Caput orbis erat, ad moenia finibus omni
Schemate virtutum plenus venisset eois,
Claros quosque viros, summas caelestibus armis
Qui caperent arces, ad vitae gaudia mittit.
E quorum numero Clemens vocitatus, ut ille
Qui Romae Petro successerat, intulit urbi
Huic, quam olim Mettis veteres dixere coloni,
Aegregius praesul divina voce salutem
Primusque hie domini digne fundavit ovile
Aurea transmittens populis exempla futuris.
Isti successit, merito cui vita vocamen
Caelestis tribuit, caelesti dogmate pollens.
Tertius ecclesiam Felix feliciter auxit.
Quartus adest Patiens, bene quem patientia compsit.
Incipiunt versus de episcopis Mettensis civitatis quomodo sibi ex ordine suc-
cesserunt A'' /. 126.
4 preclara (öfter e für aej A'' I| 19 isti scripsi, iusti N.
1 — 2 Diese Verse haben Ähnlichkeit
mit der Einleitung zum Metzer Epitaph
Paul. XXV V. 1—4.
4 quis has primus ad oras vgl.
Verg. Aen. 1 1 qui primus ab oris.
7 — 9 docebere: Diese Formen finden
sich bei Paulus ebensowenig als Romula
moenia vgl. Anm. zu IVi v. 1. — Petrus
aeterni dux vgl. Gest. epp. Mett. p. 261
Petrus quasi dux fortissimus . . . ad
eam, quae totius mundi caput erat, hoc
est urbem Romuleam.
12 ad vitae gaudia mittit vgl. Petr.
V. Pisa XXXVIII V. 21 mittis ad gaudia
regni.
15 veteres dixere coloni vgl. Verg.
Ecl. IX 4 veteres migrate coloni.
17 — 19 domini digne fundavit ovile
vgl. in dem Metzer Epitaph XXV v. 5
domini qui post servavit ovile. —
isti successit, merito cui vita vocamen
Caelestis vgl. Gest. epp. Mett. p. 262
Successit huic . . coelestem vitam . .
ducens.
20 — 22 caelesti dogmate pollens vgl.
im Metzer Epitaph XXVII v. 3 gemino
diademate pollens; Poet. II 682 v. 21 dog-
mate pollens. — ecclesiam Felix feliciter
auxit vgl. V. 53 und Gest. epp. Mett.
p. 267 Felix gregi feliciter dominico pa-
stores etc. und p. 262 suscepit eccle-
siam Felix. — quem patientia compsit
vgl. IVi V. 15 quem sie sapientia compsit.
Anhang. Verse über die Metzer Bischöfe.
189
Hinc fulsit Victor, cui dat victoria nomen.
Hunc sequitur sextus simili cognomine praesul.
25 Septimus Hebraeo est Simeon de sanguine cretus.
Sambatus octavus bene mystica sabbata servat.-
Post hos, Ruffe, venis flammis rubicundus amoris.
Adelphus decimus fratrum dilector opimus.
Hinc Firminus erat, cui firmum robore pectus.
30 Hos tu subsequeris duodecimus, alme Legonti.
Floruit hinc Auetor donis caelestibus auctus.
Epletus hanc decimus tenuit quartusque cathedram.
Claruit hac decimus quintusque Urbicius urbe.
Post Bonulus bonitatis opus de more peregit.
35 Trivisti assidue post Hmina sancta, Terenti.
Octavus decimus iam Gunsolinus habetur.
Inde capis, Romane, decus venerabiHs aulae.
Post Fronimus sanctum sapienter rexit ovile.
Grammatus instruxit large de grammate plebem.
40 Emicat ecclesiae Danaus Agatimber in aede.
Post hos Sperus erat, quem spes fulcibat ab altis.
ViHcus internas servat moderamine villas.
Vicenus quintusque Petrus dat famina plebi.
Et genus et fulgens Agiulfum vita decorat.
45 Hinc fuit Arnoaldus manans a stirpe Sycambra.
Christicolum servanda capis post, Papule, saepta.
Splenduit Arnulfus dehinc ampla luce beatus.
Inde Goericus praeest, vocitatus et Abbo.
Post Godo terdenus servat pia culmina primus.
36 Gunsolonis A^ 11 46 Christiculum A^ 11 47 dehinc aus dehic corr. N.
25 de sanguine cretus vgl. v. 50
und im Metzer Epitaph XXIV v. 5.
28 — 29 Adelphus fratrum dilector:
Hier, in v. 38 Fronimus sapienter rexit
und V. 44 fulgens Agiulfum zeigt der
Verfasser griechische Kenntnisse. — fir-
mum robore pectus vgl. Metzer Epitaph
XXVI V. 31 firmum robore semper . . .
pectus.
34 — 35 opus peregit vgl. Ov. Ars
am. II 480 dulce peregit opus. — trivisti
limina sancta vgl. Alcvin Poet. I 326 v. 7
sacri tere limina templi.
40 — 41 Danaus Agatimber vgl. Gest.
epp. Mett. p.264. — fulcibat: Auch Vergil
behält, durchs Metrum veranlaßt, ge-
legentlich in seiner Aneide die älteren
Formen nutribat, lenibat, vestibat bei. —
ab altis vgl. XXXII v. 3 miseratus ab
altis.
43 dat famina plebi vgl. XXXV v. 16
famina sancta dabat.
48 vocitatus et Abbo vgl. Gest. epp.
Mett. p. 267 qui et Abbo vocitatus est.
190 ^'^^^ Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
50 Subsequitur sancto Chlodulfus germine cretus.
Alter adest rursus praesul venerabilis Abbo.
Aptis Aptatus clerum moderatur habenis.
Ostendit Felix populis felicia regna.
Eximius claret factis Sigibaldus opimis.
55 Nobilis in cunctis papa Chrodegangus habetur,
lam nunc tricenus pastorque octavus herili
Auxilio fultus trahit ad pia pascua vitae
Angelramnus oves: quo tempore maximus armis
Rex Carolus sensu formaque animoque decorus
60 Italiae accepit Christi de munere sceptrum.
Quos simul excelsi, Stephano poscente beato,
Protegat atque regat felices dextra per aevum.
54 opimis aus opimus corr. N \\ 62 Es folgt die Aufzählung der Bisdiöfe
mit Angabe ihrer Todestage: Subter adnexi kalendarum dies pandunt, qualiter
praescripti pontifices Ciiristi migraverunt ad Christum. Clemens VIII kal. decemb.
bis Drogo archiepiscopus VI id. decembris (litteris aureis). Nadi diesem folgen
von einer späteren Hand:
Adventius decessit prid. Kai. Septembr.
Wala decessit III Id. April.
Ruotpertus ordinatus est episcopus X Kai. Mai.
50 sancto germine cretus vgl. Gest. Inscript. urb. Rom. II 1 242. — maximus
epp. Mett. p. 267 Chlodulfus . . . beati armis Verg. Aen. II 339. — formaque ani-
patris Arnulfi genitalis filius. moque decorus vgl. IX v. 10 formaque
55 nobilis vgl. Gest. epp. Mett. p. 267 animoque potentem. — Christi de mu-
Francorum ex genere primae nobilitatis nere sceptrum: Zum Inhalt vgl. Gest. epp.
progenitus. Mett. p. 265, Paul. XXII v. 33. — protegat
58 — 62 Angelramnus : \n alten Hand- atque regat vgl. XXXIII v. 22
Schriften steht Angilrannus vgl. De Rossi
VI.
Fabeln.
I.
Die Fabel vom kranken Löwen.
*Dem kranken Löwen machen alle Tiere ihren Krankenbesuch,
nur der Fuchs nicht. Deshalb tritt der Bär als Ankläger gegen ihn
auf und veranlaßt den Löwen unter dem Beifall seiner Umgebung
den Frechen zum Tode zu verurteilen (1 — 34).
Der Fuchs erfährt dies und ersinnt eine List um sich zu retten.
Er erscheint eines Tages mit einem Bündel zerrissener Schuhe auf
der Schulter im Lager des Königs, der über seinen komischen Aufzug
lachen muß, erzählt, er habe die ganze Welt auf der Suche nach
einem hervorragenden Arzt durchwandert, und verkündet schließlich,
aber erst nachdem ihm der König zugeredet hatte, mit erheuchelter
Zurückhaltung, daß nur die abgezogene Haut des Bären dem kranken
Herrscher Heilung bringe (35 — 58).
Dies geschieht, der König wird gesund und der Fuchs verspottet
den seines Felles beraubten Bären (59 — 66).' —
In den beiden Schlußversen fordert der Dichter auf nachzudenken,
was diese Fabel bedeute.
Diese Fabel und die dazu gehörigen Das Kalb und der
Storch, Das Podagra und der Floh hielten Müllenhoff (Zeit-
schrift für deutsches Altertum XVIII 3) und Dümmler für Werke
des Paulus Diaconus. Für diese Anschauung scheint allerdings die
Oberlieferung zu sprechen; denn sie stehen in der St. Galler Hand-
schrift 899 inmitten von Gedichten, die Paulus zum Verfasser haben
oder sich auf den karolingischen Hof beziehen. Dann berühren
192 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
sie sich inhaltlich mit den Rätselgedichten, mit denen zusammen sie
überliefert sind, und gehörten sicherlich auch zu den Stoffen, mit
denen sich der literarische Kreis am Hofe Karls unterhielt.
Die stilistische Untersuchung ergab jedoch, daß Paulus unmöglich
der Verfasser ist. Zuerst wurde darauf geachtet, ob sich in diesen
Gedichten nicht Stellen finden, die wir in paulinischen Gedichten als
charakteristische Wendungen kennen gelernt haben. Dies führte zu
einem negativen Ergebnis; auch der von Dümmler im Anschluß an
Vers 67 servulus ecce tuus gemachte Hinweis auf die ähnliche Aus-
drucksweise in der Dedikation des Festus, wo sich Paulus auch
Karls ultimus servulus nennt, ist bedeutungslos; denn diese Bezeich-
nung findet sich auch bei anderen Dichtern, z. B. wörtlich bei Angilb. I
363 V. 1, außerdem vgl. Poet. I 94 v. 10, 95 v. 16, 97 v. 61.
Wenn auch dieses Fehlen von Parallelstellen noch zu keinem
absprechenden Urteil berechtigt, da wir es mit einem eigenartigen
Stoff zu tun haben, der sich auch von dem bisher von Paulus be-
handelten bedeutend unterscheidet, so werden wir aber dadurch dazu
gezwungen, daß besonders die I. Fabel Ausdrucksformen enthält, die
Paulus in seinen Gedichten vermieden hat (vgl. Anm.).
Paul von Winterfeld spricht besonders deshalb die I. Fabel
dem Paulus ab, weil er „den gelehrten Pedanten" nicht für fähig
hält solch ein „Meisterstück reifster Kunst" zu schaffen. Wenn
ich auch nicht in den bekannten Fehler verfallen will, daß man
Personen, mit deren Werken man sich eingehend beschäftigt, un-
willkürlich etwas zu hoch emporhebt, so erscheint mir doch diese
Kritik nicht entsprechend und dieser Grund als Gegenbeweis nicht
überzeugend, da die Eigenart eines Stoffes oft Qualitäten eines
Dichters zum Vorschein kommen läßt, die man vorher nicht in dem
Maße kannte.
Daß wir in der Fabel vom kranken Löwen ein sehr wirkungs-
volles Gedicht vor uns haben, ist kein Zweifel. Seine Lektüre wirkt
nach den Gedichten geistlichen, grammatikalischen und — rätselhaften
Inhalts wie eine Erfrischung. Der Verfasser gibt mit wenigen Strichen
eine scharfe Charakteristik seiner Hauptfiguren und führt uns mit
geradezu dramatischer Lebendigkeit und herzerquickendem Humor
die beiden Szenen der Tragikomödie vor Augen.
Dieser Künstler, der diese drei Fabeln verfaßte, ist nach Winter-
felds Anschauung Notker der Stammler, der in der I. seinem Schüler
Salomo die Lehre geben will: Wer andern eine Grube gräbt, fällt
selbst hinein (Neues Archiv XXIX 468—471). Da er für diese
Anhang. Fabeln.
193
Behauptung aber keinen andern Beweis hat, als, wie er selbst sagt,
nur die ganze Art und Anlage des Gedichtes und die St. Galler Über-
lieferung, die ihn auf St. Gallen als Ursprung des Gedichtes hinwies,
so ist damit die Autorfrage noch nicht gelöst, zumal da mir die
Schlußworte nicht in den Mund eines Lehrers, sondern eher eines
Untergebenen passen.
Fassen wir das Ergebnis der stilistischen Untersuchung zusammen,
so haben wir in diesen Fabeln Gedichte, die sicherlich nicht Paulus
zum Verfasser haben und gar nicht am Hofe Karls entstanden, sondern
dorthin gebracht wurden, weil der König an dieser lehrhaften Dichtungs-
gattung, die den Rätselgedichten inhaltlich nahe steht, sich erfreute.
Vielleicht sollten diese, wie das in der gleichen Handschrift über-
lieferte Epitaph des Konstans für die Abfassung von Epitaphien ein
Muster war, für die Fabeldichtung zum Vorbild dienen.
In den Anmerkungen besprach ich alle stilistischen Eigentümlich-
keiten oder wies wenigstens auf alles Außergewöhnliche hin um da-
durch die Lösung der Autorfrage anzubahnen.
Aegrum fama fuit quondam iacuisse leonem
Paeneque supremos iam tenuisse dies.
Iste feras dum rumor adit maestissimus omnes,
Regem namque suum intoleranda pati,
Concurrunt flentes cunctae medicosque vocantes,
Ne careant tanto principis auxilio.
Hie aderant bubali, magni quoque corporis uri,
Asper adest taurus, affuerantque boves,
G (v. 1—40: Rom Reg. lat. 421 /. 28— 28v, v. 41—68 St. Gallen 899 p. 9;
Fabula de leone von jüngerer Hand.
2 peneque (e öfter statt ae) G 1| 6 ne Dümmler, ni G.
4 — 6 regem namque: Die Verwen-
dung des nam und namque, wie hier,
V. 18 und 47, findet sich in keinem der
Gedichte des Paulus. — ne careant tanto
principis auxilio: Man erwartet tanti,
allein der Verfasser zeigt eine auffallende
Vorliebe für leoninische Verse, vgl. v. 5.
10. 18. 20. 22. 24 etc.
7 — 8 Die willkürliche Verwenduna
der Tempora ist eine Eigentümlichkeit,
die den Dichtern am Hofe Karls in dieser
Ausdehnung fremd ist, vgl. aderant adest
affuerant; v. 15 veniunt conf laxere; v. 19
u. 20 emittere iterare statt Inf. Perf. ; v. 25
u. 26 fuit und potuit, darnach aber velit;
V. 28 hätte man adire erwartet ; v. 39 u. 40
risit expectatque. — bubali ist hier mit
verkürztem 'u gebraucht.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4.
13
194
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Discolor et pardus necnon pariter platocervus,
10 Hie sonipes pariter hoc comitatus iter.
His nee defuerant monstrantes cornua cervi
Capreolique simul caprigenumque pecus.
Dentibus hie aper est fulgentibus, asper et ursus
Unguibus haud seetis, hie lepus atque lupus.
15 Hue veniunt linees, hue eonfluxere bidentes
lungunturque canes atque simul eatuli.
Vulpis sola tarnen turmis non affuit istis
Nee dignata suum visere nam dominum.
Has tune ante aUos voees emittere fertur
20 Ursus et has iterum sie iterare minas:
*0 rex magne, potens, prineeps inviete ferarum,
Auribus haee plaeidis suseipe verba tuis,
Audiat atque eohors tota haee, quae subdita magno,
O rex iuste, tuo noseitur imperio.
25 Quae tam dira fuit vulpi dementia quaeve
Tantillam potuit ira subisse feram,
Ut regem, quem euneta sibi pieps subdita visit,
Hüne haee sola quidem non adiisse velit?
Magna est ista quidem vulpis protervia mentis
30 Atque deeet magnis subdier illa maHs'.
17 vulpis aus vulpes corr. 0 1| 21 ferrarum G.
9 — 10 Auffallend ist pariter in den
beiden auf einanderfolgenden Versen ; viel-
leicht hat er es des Reimes halber (pa-
riter — iter) wiederholt, wie überhaupt
eine Vorliebe für die Zusammenstellung
ähnlich lautender Wörter unverkennbar
ist, vgl. V. 12 capreolique . . . caprigenum-
que, V. 13 aper . . . asper, v. 14 lepus at-
que lupus: V. 20 iterum sie iterare: v. 25
u. 26 dira . . . ira. — hoc comitatus iter
Verg. Aen. VI 112.
12 caprigenumque pecus vgl. Verg.
Aen. III 221.
16 lungunturque canes . . eatuli:
Die sonst feindlichen Hunde und Katzen
kommen hier mit einander, in der Trauer
um ihren kranken König vergessen sie
ihre persönlichen Feindschaften.
20 has iterum sie iterare minas:
Diese Häufung gleichbedeutender Wörter
soll wohl andeuten, mit welcher Eindring-
lichkeit der Ankläger spricht; denn has
iterare minas würde das gleiche zum
Ausdruck bringen; minas ist hier in der
Bedeutung „Anklagen" gebraucht.
27 — 28 Hier hätte er mit weniger
Worten dasselbe sagen können, sibi hunc
haee und quidem sind überflüssig.
29 protervia mentis: Seltene Aus-
drucksweise statt protervitas.
30 decet subdier illa: Eine solche
Ausdrucksweise verwendet Paulus nicht,
auch nicht Formen wie subdier, die bei
Alkvin (1 181 v. 532) und Theodulf (1449
V.213; 521 v.47; 524 v. 28) sich finden.
Anhang. Fabeln.
195
Haec dum dicta refert ursus, rex omnibus inquit:
*Iam moritura cito dilacerata cadat'!
Tunc pieps tota simul voces ad sidera tollit:
'lustum iudicium principis atque bonum!'
35 Hoc vulpi innotuit seseque in plurima vertit
Atque diu notos praeparat ipsa dolos:
Indumenta pedum multa et conscissa requirit
Inponensque humeris regia castra petit.
Quam rex dum vidit, placato pectore risit
40 Expectatque diu, quid malefida velit.
Cumque ante ora ducum constaret, rex prior inquit:
'Quid moritura feres, quae lanianda venis'?
lUa diu trepidans timidoque in pectore versans
Haec subiecta refert praecogitata cito:
45 'Rex pie, rex Clemens, rex invictissime noster,
Accipe nunc animo, quae tibi dicta fero.
Haec, dum namque vias terrarum lustro per omnes,
Indumenta scidi ob Studium medici,
Qui posset regis magno succurrere morbo
50 Atque tuis magnam demere maestitiam.
Tandem praecipuum medicum vix inveniebam,
Sed tibi, rex, vereor dicere, quae docuit'.
35 seseque G, se quae Dümmler \\ 43 trepidans aus trepidas corr. G.
31 — 37 dum refert: Paulus verwendet
zwar auch dum = cum mit Indik. oder
Koni., aber nicht mit Praes., wo eigentHch
cum mit Koni. Plqu. erwartet wird, wie an
unserer Stelle; denn der König begann
doch erst seine Rede, nachdem der Bär
geendet hatte. — voces ad sidera tollit
vgl. Verg. Ecl. V 62 ; Aen. II 222, XI 878. —
ipsa = „er" vermeidet Paulus. — indu-
menta conscissa vgl. Josua 9, 5. 13.
41 — 46 in pectore versans: Dieser
Vergil entnommene Versschluß (Georg.
IV 83 ; Aen. IV 563), wohl auch des Reimes
halber (trepidans— versans) gesetzt, paßt
nicht hieher; denn er braucht jetzt nichts
mehr zu überdenken, da sein Plan schon
vor seiner Abreise zum Hoflager des
Königs feststand (vgl. v. 35 — 36). — prae-
cogitata: o ist hier kurz gebraucht. —
rex pie: Diese Anrede (vgl. sie mit der
des Bären) soll ihn besonders durch das
dreifache rex und durch invictissime
(vgl. V. 21) als den Demütigen erschei-
nen lassen (subiecta). — accipe nunc
animo vgl. Verg. Aen. III 250 accipite ergo
animis.
47 — 48 haec steht auffallend weit von
indumenta weg. — ob Studium medici:
„um einen Arzt ausfindig zu machen."
13*
196
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
55
60
65
Rex quoque ait: 'Si vera refers, dulcissima vulpis,
Die mihi quid citius dixerit hie medicus'.
Vulpis ad haec ursi non immemor improba dixit:
'Cautius haec famulae suscipe verba tuae.
Ursino si te possum circumdare tergo,
Non mora, languor abit sanaque vita redif.
Continuo iussu domini distenditur ursus
A sociis propriis detrahiturque cutis.
Qua dum gestirent obducere pelle leonem,
Aufugit penitus languidus ille dolor.
At cum post ursum vulpis sie corpore nudum
Viderat, haec laetis dicta refert animis:
'Quis dedit, urse pater, capite hanc gestare tyaram
Et manicas vestris quis dedit has manibus'?
Servulus ecce tuus depromit hos tibi versus.
Fabula quid possit ista, require Valens.
68 possit quid fabula G, com ed.
53 — 54 quoque ist hier und in der
dritten Fabel v.7 — tum gebraucht, was
Paulus nicht hat. — citius muß zu die
bezogen werden. Der Fuchs soll ohne
Zögern ihm das Mittel angeben.
56 Mit diesen Worten ist der Schlau-
kopf sehr gut charakterisiert.
58 non mora Verg. Georg. IV 548;
Aen. III 207, V 140.
63 — 65 at cum post viderat: Ganz un-
gewöhnliche Ausdrucksweise. — tyaram:
Der Fuchs fragt den Bären, der nur noch
am Kopf und an den Tatzen etwas Fell
hat, im spöttischen Tone, wer ihm diese
Bischofsmütze und die Handschuhe ver-
liehen habe. — In dem doppelten quis
dedit liegt nicht bloß Hohn, sondern der
Fuchs sagt damit auch triumphierend, daß
er nun Sieger geblieben ist und an seinem
Gegner blutige Rache genommen hat.
II.
Das Kalb und der Storch.
Traurig sucht das Kalb seine Mutter. Da begegnet ihm der
Storch und fragt es nach dem Grund seiner Traurigkeit. Als es
erwiderte, es habe seit drei Tagen keine Milch mehr bekommen, da
sagte der Storch: „Wie kann man denn so dumm sein und sich um
so etwas sorgen! Bei mir sind es schon, drei Jahre, daß ich keine
bekam." Voll Ärger rief ihm das Kalb zu: „An deinen Beinen merkt
man freilich, womit du dich genährt hast."
Anhang. Fabeln.
197
Diese Fabel berührt sich dem Inhalt nach mit der vorausgehenden.
Wir sehen auch hier, wie der zuerst Angegriffene und Verspottete
durch Witz und Verstand erreicht, daß sein Angreifer den kürzeren
ziehen muß. Der Verfasser hat in der Form der Darstellung ganz
den Fabelton getroffen, wie wir ihn bei Phaedrus finden.
10
Quaerebat maerens matrem per prata vitellus.
Cruribus huic longis obvia venit avis,
Dicit: *Io frater, cur tristis pectore mugis,
Vel cur turbatus florida rura teris'?
Cui sie respondit: *Soror, est iam tertia nunc lux,
Quod lac non tetigi et famulentus eo'.
Verba refert ales: 'Ne eures talia, demens;
Nam quia non suxi, tertius annus abit'.
Ad quam indignatus fertur dixisse vitellus:
'Quo sis pasta cibo, en tua crura docent'.
Fabulae vitulo et ciconia (de fehlt, ciconia aus coconia corr.) G p. 6.
3 dicit lo Müllenhoff, dicito frater am Rand B G || 5 cui aus qui corr. G.
5 tertia nunc lux, quod: quod (v. 8
quia) statt des temporalen cum konnte
ich bei den karolingischen Dichtern nicht
finden; Paulus vermied diese Wendung,
vgl. XI V. 5 septimus annus adest, ex quo.
9 indignatus: Das Kalb ärgert sich
über die höhnenden Worte des Storches
(besonders über demens); Winterfeld er-
klärt es „mit tiefster Verachtung" (Neues
Archiv XXIX 471).
III.
Das Podagra und der Floh.
Vor Zeiten quälte das Podagra die Armen, der Floh die Reichen.
Dabei hatten beide ein trauriges Dasein und beschlossen ihre Rollen
zu tauschen. Früher kam das Podagra nie zur Ruhe, da ja der
Arme immer unterwegs sein muß, jetzt beim Reichen geht es ihm
gut, da dieser der Ruhe pflegen kann. Auch für den Floh kamen
bessere Zeiten. Beim Reichen schwebte er in steter Todesgefahr, vom
Armen aber, der müde auf sein Lager sinkt und fester schläft als der
Reiche, hat er nichts zu fürchten.
Diese Fabel folgt in der St. Galler Handschrift unmittelbar der
Fabel vom Kalb und Storch und ist, wie die beiden andern, mit
Witz und Humor durchgeführt.
198
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
Temporibus priscis pulix lacerasse potentes
Dicitur atque inopes dira podagra viros.
Sed pulix noctu ditis dum carperet artus,
Protinus adlato lumine captus erat.
Altera dum plantis sese occultaret egeni,
Stare nequibat egens, fessa erat illa satis.
Sic quoque consumpti fatis agebantur amaris,
nie timore necis, illa labore viae.
Convenere simul, referunt sua damna vicissim
Et placet alterne has agitare vices.
Divitis interea gressus lacerare podagra,
At pulix Stratum coepit, egene, tuum;
Hinc vacat et recubat. Requies tibi magna, podagra, est.
Tu, pulix, tutus viscera fessa comes.
Fabula podagrae et pulicis G p. 6.
3 ditis scripsi, divites G, dites Dümmler \\ 8 ille labore vitae G, corr. Müllen-
hof f II 10 agittare G \ vices aus voces corr. G jl 12 egere G 1! 13 hinc vacat et
recubat scripsi, huic vagat et recubat G, hinc, vaga, tu recubas Haupt, huic vacat
et recubat Winterfeld.
2 — 3 dira podagra vgl. Eugen. Tolet.
carm. 14, 22 podagra dura. — ditis: Das
überlieferte divites konnte aus metrischen
Gründen nicht gesetzt werden, vgl. v. 11
divitis; ditis ist dem dites vorzuziehen,
da es V. 5 auch plantis egeni und v. 11
divitis gressus heißt.
7 quoque ist ähnlich gebraucht wie
in der I. Fabel v. 53.
13 — 14 hinc vacat: Das Podagra hatte
vorher beim Armen keine Zeit zum Aus-
ruhen und bekam diese infolge des Rollen-
tausches (hinc) : während vacat et recubat
in Beziehung steht zu labore viae, so
tutus zu timore necis (v. 8).
VII.
10
15
Coniurationes convivarum pro potu,
Dulcis amice, bibe gratanter munera Bacchi;
Si vivas, totum, dulcis amice, bibe.
Fercula sume libens adlata ex viscere cervi,
Si non Acteonis mors sit acerba tibi.
Dente timendus aper tibi ponitur: accipe laetus,
Si te non findat dente timendus aper.
Si tibi non oculos nox atra pro grue claudat,
Fercula carpe libens, dulcis amice, gruis.
Unda marina tibi quod misit, sume libenter,
Vitam adimat si non unda marina tibi.
Unguibus accipitris captam, rogo, percipe praedam,
Si non scindaris unguibus accipitris
Clara coloris aqua tribuit hos, tu cape, pisces,
Si te non perimat clara coloris aqua.
Quod meus hortus habet, gratanter suscipe mente,
Si frueris laetus, quod tuus hortus habet.
Coniurationes convivarum pro potu J/7. 475; Item coniurationes convivarum
pro potu V p. 245, Epigrammata et Poematia sacra (Paris 1590) p. 484.
1 bibas ed. Par. \ bachi V |1 2 sie ed. Par. \\ 3 uiscera V \\ 4 si non
ut acteonis J, ut actionis V, sin Acteonis ed. Par. \ sit acerba scripsi, sita cerua J,
Sit a cerva Dümmler \\ 5 letus (e für ae öfter) J || 6 non te ed. Par. \ fingat V \
timedus 7 H 7 sie ed. Par. \ grue aus crue corr. J i| 8 carpe J, sume V ed. Par. \\
9 misi am Rande ein kritisches Zeichen J \\ 10 si non vitam adimat ed. Par. \\
\\ ungibus V \\ 12 ungibus V \\ 13 hos] quos ed. Par. \\ 14 si non te ed. Par. \\
15 ortus J 1 gratanter J, gratanti ed. Par. Dümmler \\ 16 si fruaris V, sie fruaris
ed. Par. \ ortus J.
2 — 5 si vivas: Vollmer möchte statt
si immer sie einsetzen und es ebenso
erklären, wie in Hör. 1, 3, 1 sie te diva
potens. — mors acerba vgl. XXVIII v. 1 ;
der Dichter wollte wohl einen Witz
machen (vgl. cervi und a cerva). — dente
timendus aper Ov. Ep. IV 104, Mart. XIII 94.
15 — 16 vgl. Priapea 5, 3.
200 Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Si tua perpetuus non claudat lumina somnus,
Non dedigneris dicere: misce puer.
Praeda cruenta canum tibi fertur: mande libenter,
20 Si non sis ipse praeda cruenta canum.
17 perpetuis V \ summus V \\ 18 misse V \\ 20 fis V \\ 19—20 fehlt
ed. Par.
17 — 19 claudat lumina somnus vgl.
Verg. Georg. IV 496. — praeda cruenta
canum vgl. Ov. Fast. V 178.
Dieses Gedicht ist in zwei St. Galler Handschriften überliefert,
von denen die erstere (St. Gallen 184 saec. XI p. 245) es neben Ge-
dichten von Beda und Fortunat überliefert, die andere (573 saec. X
p. 475) durch ihren Inhalt zu jener wichtigen Leipziger {L vgl. S. 2)
und damit zu dem karolingischen Kreis in Beziehung steht. Dümmler
gab es MG. Poet. aev. Carol. I 65 heraus. Riese, Anth. lat. II p. XLI
schied es als nicht dem Altertum zugehörig aus, weil v. 11 von der
Falkenjagd die Rede ist. Eine genaue Untersuchung des Inhaltes und
der Form brachte mich auf den Gedanken, daß ein kleines Gedicht
durch Hinzudichtung neuer, das angeschlagene Thema eingehender
behandelnder Verse erweitert wurde.
Ein Freund fordert den andern zum Lebensgenuß auf und emp-
fiehlt als Genüsse: Wein, Wild (Hirsch und Wildschwein), Geflügel,
Fische, Wild, Fische, Gartenfrüchte, Wein und Wild. Streicht man
die auffallenden Wiederholungen weg, mit Ausnahme von Wein, der
mit Recht, der Oberschrift entsprechend, den Anfang und auch den
Abschluß bilden muß, und dann noch die Verse 15 und 16, die in-
haltlich von den anderen verschieden sind, so bleibt ein Gedicht übrig,
das einen ganz regelmäßigen Bau zeigt. Die Distichen 1. 3. 5. ent-
halten reziproke Verse, 2. 4. 6. sind regelmäßig gebaut.
Demnach sind die Verse 11 — 16, 19 — 20 hinzugedichtet und
erscheinen nur als ungeschickte Nachbildungen. So bringen die Verse
13 — 14 nur eine Nachbildung von 9 — 10; aber während hier mit Recht
von der todbringenden Meereswelle gesprochen wird, erscheint v. 14
Si te non perimat clara coloris aqua als unpassend. Auch hätte
man erwartet, daß diese Verse sich an v. 10 angeschlossen hätten.
Es ist überhaupt eine Eigentümlichkeit des Dichters das Zu-
sammengehörige auseinanderzureißen. Dies beweisen besonders die
Verse 19 — 20, die nicht an diese Stelle gehören und nach v. 6
Anhang. Coniurationes convivarum pro potu.
201
sich gut einfügen würden. Er hat aber dadurch nur seine nach-
bildende Tätigkeit deuthcher erkennen lassen. Die Verse 15 — 16
bringen einen nach dem Vorausgehenden nicht erwarteten Gedanken
und unterscheiden sich auch formell von den andern ursprünglich
vorhandenen: gratanter suscipe mente und si fruerls laetus sind
Nachbildungen von v. 1 und 5 und müssen in dieser überlieferten
Form beibehalten werden.
Nach Beseitigung dieser beanstandeten Verse hatte das Gedicht
ursprünglich folgende Fassung.
10
Dulcis amice, bibe gratanter munera Bacchi,
Si vivas, totum, dulcis amice, bibe.
Fercula sume libens adlata ex viscere cervi,
Si non Acteonis mors sit acerba tibi.
Dente timendus aper tibi ponitur: accipe laetus,
Si te non findat dente timendus aper.
Si tibi non oculos nox atra pro grue claudat,
Fercula carpe libens, dulcis amice, gruis.
Unda marina tibi quod misit, sume libenter,
Vitam adimat si non unda marina tibi.
Si tua perpetuus non claudat lumina somnus,
Non dedigneris dicere: 'misce puer.'
10 vitam adimat si non: Diese Um-
stellung (vgl. oben krit. App. zu v. 10)
im Gegensatz zu v. 2. 4. 6 wurde wohl
vom Dichter vorgenommen um zu ver-
meiden, daß zwei auf einander folgende
Verse (v. 10 und 11) mit si beginnen.
VIII.
Dieses bis jetzt noch nicht herausgegebene Gedicht schließt sich
in der Handschrift (Oxford Bodl. Add. C 144 saec. XI) unmittelbar
an das Gedicht XIX {Candidolum) des Paulus Diaconus an. Wie
bei diesem ist auch bei dem vorliegenden der Name des Verfassers
angegeben, nämlich Paulinus.
Es ist auf Grund einer stilistischen Untersuchung kein Zweifel,
daß damit Paulinus, der Patriarch von Aquileja, gemeint ist, der
venerabilis artis grammaticae magister am Hofe Karls, ein Mitglied
jenes wissenschaftlichen Kreises, dem Petrus von Pisa, Alkvin und
Paulus Diaconus angehörten (vgl. Wattenbach I 168, Neues Archiv
IV 113).
Der poetische Brief ist an einen Priester Zacharias gerichtet, der
aus Italien stammend nach Irland zog und dort eine segensreiche
Tätigkeit als Seelsorger entfaltete. Paulinus, der ihn jedenfalls in
Italien kennen gelernt hatte, schickt ihm Grüße und bittet ihn, er
möge ihn in sein Gebet einschließen, wenn er seines priesterlichen
Amtes waltet.
Hausimus altifluo perfusas rore salivas
Ore fluenta tuo labio stillante iocundo,
Quae maduere meas multa dulcedine fibras.
Fönte quasi flavo liquantia mella redundant.
Versus Paulini B f. 58 v.
1 salivas aus salibas corr. B \\ Z Que aduere B
lauo B I redundant aus redundat corr. B.
sibras B \\ 4 quasis
1 — 4 vgl. Anh. XI V. 1 hausimus alti-
fluam . . salutem. — rore salivas vgl.
Paulin. MG. Epp. IV 517, 9 mellitis salu-
brius inrorantibus salivis. — maduere
Anhang.
203
10
15
20
Zacharias frater, domini venerande sacerdos,
Accola Brittaniae, Latii telluris alumne,
Hiberniaeque decus, mundi gratissima salpix,
Undisoni oceani famosus litoris hospes,
Ventilabrum ecclesiae, ruralis pala vicissim
Ventivagas paleas a fulvis cernis aristis,
Mittis ad astra poli splendentis farrea grana,
Flammigeras stipulas Vulcani mergis ad ollas.
Tantas ergo tibi sincero corde salutes
Mandamus calami stricto ludente mucrone,
Quantos mater humus viridanti gramine flores
Prorumpit teneros vernali roscida foetu,
Quantas tellus habet rosulas sub stirpe roseti
Seu quantae croceae pallescunt flore violae
Purpureaeque rubent quantae per litora conchae
Aut bibulas Libicus profundit pontus arenas.
6 accola aus accola corr. B \\ 7 Hiberniaeque aus Hibernaeque corr. B \
salpix nach 'i' Rasur ß || 9 ecclesi^ (q = ae öfter) B \\ \\ mitis B \ ferrea über
dem ersten *e' steht 'a' B \\ 17 stirpe aus stipe corr. B \\ 19 quant . . . litora B \
conch^ aus conC(^ corr. B \\ 20 bibulas aus biblas corr. B.
transit. gebraucht. — fönte quasi flavo vgl.
Paulin. Poet. I 130 v. 144 fons caritatis,
amor dulcis super omnia mella; ähnliche
Vergleiche verwendet Paulinus häufig, z. B.
Epp. IV 523, 1 — 10 quasi mel dulce; Epp.
IV 525 Anm. super omnia flaventium
favorum dulcissimi mella.
7 — 10 salpix vgl. Osee8,l. Auf diese
Stelle nimmt auch Alkvin Bezug in einem
Brief an Paulinus (Epp. IV 70, 19) : Sit gut-
turtuum tuba Domini; vgl. auch Ale. Poet.
1 238 V. 3 Christi clarissima salpix. —
undisonus: Paulinus liebt besonders die
Zusammensetzungen mit sonus: Poet. I
128 V. 85 grandisonus ; 129 v. 106 und
Epp. IV 523, 11 horrisonus; Poet. I 130
V. 140 almisonus; Epp. IV 517, 7 stili-
sonus; 518, 28 aurisonus; Poet. I 129
V. 121 aequisonus. — ventivagus: Paulin.
Epp. IV 517, 40.
11 — 16 mittis ad astra poli vgl.
Anh. I V. 14. — poli splendentis vgl.
Anh. X V. 12 caeli mittat splendentis. —
tantas ergo tibi vgl. Anh. X v. 13. —
sincero corde salutes mandamus vgl.
Anh. XI V. 4 toto mandamus corde sa-
lutem. — calami mucrone vgl. Paulin.
Poet. I 126 Überschrift: promulgata stili
mucrone. — prorumpit transit. gebraucht.
17 — 20 quantas tellus habet vgl.
Anh. X V. 15. — croceae pallescunt flore
violae = Goldlack oder Nachtviole (Verg.
Ecl. II 47 pallentes violas); vgl. auch
Paulin. Poet. I 128 v. 62 rubent croceo
de flore virecta. — purpureaeque conchae
vgl. Paulirt. 147, 3 in littore harenae
mixtae purpuratis conculis. — bibulas
arenas vgl. Verg. Georg. I 114, Ov. Ep.
XVIII, 201. — pontus arenas: Der gleiche
Schluß Anh. X v. 16.
204
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Cum patris altitroni pretiosi sanguinis ostrum
Et trini prolis sacrata libas in ara,
Agni, qui tollit probrosa crimina mundi,
Vivificas puro mactas in pectore carnes,
25 Ante dei vultus ferventis munera voti
Salsifluo faciem lacrimando gurgite ponis,
Pro me pasce deum, tremendi iudicis alta
Limina mellisono cordatim murmure pulsa,
Quatenus ille meas dignetur demere noxas
30 Et iubeat caeli sancto me scribere libro.
22 trini] tni || 24 in] zwischen i und n Rasur B \\ 26 lacrim .
28 mellison . B 1 cordatimmure B.
0 B
21 — 23 pretiosi sanguinis ostrum vgl.
Paulin. Epp. IV 527, 26 pretioso subvenit
sanguinis ostro. — trini prolis vgl. Paulin.
Poet. I 126 V. 4 trlnumque deum. — sa-
crata libas in ara vgl. Anh. I v. 41 sacra
praeliba munus in ara. — tollit probrosa
crimina mundi vgl. Anh. II v. 21 — 22;
Paulin. Poet. I 146,28; 147,2.
26—27 salsifluo vgl. Poet. 131, 6. —
tremendi iudicis: tremendus bei Paulin.
beliebt: 130 v. 143; 139 v. 3.
IX.
Da das Gedicht in der Oxforder Handschrift unmittelbar auf
VIII folgt und der Inhalt auf Paulinus hinweist, so möchte ich ihm
auch dieses zuschreiben.
Die Herstellung des Textes bot große Schwierigkeiten. Das
Gedicht lag mir nur in einer photographischen Wiedergabe vor und
ich glaubte, daß darin der Grund liege, daß soviele Stellen nicht
lesbar seien. Allein auch die Vergleichung mit dem Original, die
Wilhelm Meyer aus Speyer in Oxford in dankenswerter Weise vor-
nahm, ergab keine weitere Aufklärung. Gerade an Stellen, die in-
haltlich besonders interessant sind (v. 7 — 8), ist die Überlieferung am
schlechtesten (vgl. die beigegebene Tafel).
Paulinus schreibt einen Abschiedsbrief an einen Freund und
trägt ihm Grüße an Karl und seine Gemahlin auf (v. 1 und 11). Die
Trennung fällt ihm sehr schwer. Er möchte sogar der Brief sein,
weil er dorthin geht, wohin das Herz den Dichter zieht, selbst wenn
er Benevents Trauer mitansehen müßte (vgl. v. 7 und 8, vielleicht
ut statt et).
Paulinus kehrt in seine Heimat Friaul zurück, als er Patriarch
von Aquileja geworden war, und zwar nach der allgemeinen Annahme
im Jahre 787. Damals verlor Benevent seine Selbständigkeit; denn
Arichis unterwarf sich in diesem Jahre dem Frankenkönig. Mit dem
im gleichen Jahre erfolgten Tod des Arichis spielte Benevent keine
bedeutende Rolle mehr (Abel I 564).
Das Gedicht ist jedenfalls in jener Zeit entstanden.
206
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
15
20
Perge, libelle meus, dominum dominamque saluta
Et die, ut valeant tempora longa bene.
Et cum te palmis, o parve libelle, tenebunt.
Pro me da manibus oscula fixa, rogo.
De me, quod cernis, hoc tu narrare memento
Absque <ioco, vexat) quod mea corda dolor:
Cur meus infelix nequeo nunc esse libellus.
Et l<uctum> aspicerem, o Benevente, tuum.
Plura loqui cupiens <tr>istis mihi carrnina sensus
Abscidit et stringit pectora nostra dolor.
O domini dulces, iterumque iterumque valete;
Namque ego in patriam ceu peregrinus eo.
Ante bibet Garamans Rodanum, prius India Rhenum,
Hauriet A<driac>as antea Beigus aquas,
Ante polus segetes, gestabit sidera tellus,
Quam tuus e nostro pectore cedat amor.
Tu nisi sis nostri memor, o carissime frater,
Silicibus duris durior esse potes.
Odi, nee possum cupiens non nosse, quod odi.
Heu quam<vis> studeas ponere, ferre grave est.
Ohne Übersdirift B f. 58v.
4 rogo scripsf, rogu B \\ 6 ioco vexat supplevi, unleserlich B \\ 7 cur meus
nicht deutlich zu lesen; sicher sind C . . . eus | neq; o 5 || 8 aspicerem B, vom
vorhergehenden Wort nur 1 lesbar \\ 9 cupiens . . istis B \ sens' B \\ 10 abstidit B |]
11 iterum iterumque B \\ 12 ego impatriam B \\ 13 India Rhenum scripsi, indias
henü B \\ 14 hauriet scripsi, aurit {über a ein h, über t ein a) B j Adriacas
scripsi, a . . . . as B \\ 15 gestabit aus gestabt corr. B \\ 19 noss. B \ zwischen
quod und odi ist od durch Rasur getilgt \\ 20 quamvis scripsi, qua Ä
1 — 3 perge, libelle: Ähnlicher Anfang
bei Alcvin Poet. I 284 V und Theodulf
Poet. I 527 XXXVI. — et cum te palmis
vgl. Theod. 579 v. 7 cum sua te (cartula)
teneris tractarit dextera palmis.
5 narrare memento Ale. 223 v. 76.
9 carmina sensus abscidit vgl. Pau-
lin. Poet. I 142 V. 1 dolor sensum ab-
stulit.
1 1 iterumque iterumque vgl. Ov. Ars
am. II 127; Theod. 513 v. 765, Anh. XI v.3.
13 — 16 ante bibet vgl. Anm. zu Pau-
lus XXXI. — Garamantes ein Volk im
Innern Afrikas südhch von der großen
Syrte. Beeinflußt ist Paulinus jedenfalls
durch Verg. Aen. VI 794, wo auch die
Garamanter in Verbindung mit den Indern
genannt sind.
X.
Dümmler gab dieses Gedicht unter den versus libris saeculi
octavi adiecti heraus (Poet. I 98) und wies es mit den ersten
Herausgebern der Zeit Karls des Großen zu (Nouveau traite de
diplomatique III 78 Paris 1757). Ich habe es an dieser Stelle abdrucken
lassen, da ich einige Anklänge an Gedichte des Paulinus (besonders
Anh. VIII) bemerkte, die mir so auffallend erscheinen, daß damit
nicht bloß die Zugehörigkeit dieses Gedichtes zum karolingiscfien
Kreis bewiesen ist, sondern auch die Autorschaft des Paaliniis oder
eines seiner Schäler angenommen werden kann.
10
Filius ille dei, caeli quem summus ab arce
Voce pater clara testatur, 'filius, inquit,
Ecce meus hie est, mando, carissimus, ipsum
Audite et illi devotas sternite mentes'.
Dixerat ista pater, quando lordanis in unda
Auetor erat vitae testis baptista lohannis.
Dixerat et, quando praecelso in vertice montis
Fulgebat super omne decus, radiabat amictu;
Testis erat Petrus fidus lacobque lohannis.
Ipse pius, princeps mitis, gratissime, Clemens,
Paris 653 f.\ ^W\ der Anfang fehlt.
1 — 5 filius ille dei: Der gleiche Vers-
anfang Paulin. Poet. 1 127 v. 48. — Jordanis
in unda: Der gleiche Versschluß 127
V. 30.
8 fulgebat super omne decus: Eine
bei Paulin. häufige Ausdrucksweise, vgl.
130 V. 144 dulcis super omnia mella, in
prosaischen Schriften (Migne Bd. 99 p. 158)
super omne malum deterius, super om-
nem impietatem scelestius: MG. Epp. IV
525 Anm. super omnia flaventium favo-
rum dulcissimi mella.
208
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
15
Te salvet servetque, regat, sine fine gubernet,
Ad caeli mittat splendentis lucida regna.
Tantas namque fero summissa mente salutes,
Quantas alta poli stillabunt sidera flammas,
Quantas tellus habet sub caeli cardine glebas
Fluctivagasque vomit quantas nam pontus harenas.
11 salvit W I servitque W | guvernit W \\ 16 pontis W.
12 caeli mittat splendentis vgl. Anh.
VIII V. 11 poli splendentis.
13 tantas . . . salutes vgl. Anh. VIII
V. 13.
15 — 16 quantas tellus habet: Der
nämliche Versanfang Anh. VIII v. 17. —
pontus harenas: Der gleiche Versschluß
Anh. VIII V. 20.
XI.
Der für die Oberlieferung von Gedichten, die zum Hofe Karls
des Großen in Beziehung stehen, wichtige Harleianus 3685 enthielt
f. 2 ein noch nicht veröffentlichtes Gedicht mit der Überschrift de
peste. Es folgt unmittelbar auf das Gedicht Ad Moulinum de
Dagulfo scriptore (Dümmler, Poet. I 92).
Wegen der wenigen Anklänge an Anh. VIII wage ich es nicht
dem Paulinus zuzuschreiben, glaube aber, daß es in die Zeit gehört,
wo Petrus von Pisa und Paulus Diaconus noch am Hofe Karls weilten.
Sie sind es jedenfalls, die dem Verfasser einen ersehnten Gruß
schickten (v. 1 — 3). Der wegen seines vorbildlichen, verdienstvollen
Lebens und seiner Weisheit gerühmte Adressat ist möglicherweise
Alkvin.
Die schönen Mädchen, über deren Genesung der Verfasser seine
Freude äußert, und denen er alles Gute wünscht, sind wahrscheinlich
Prinzessinnen, vielleicht die in den Briefen Alkvins unter dem Namen
Lucia vorkommende Gisla, die Schwester Karls, oder Rodtruda, die
auch Columba genannte Tochter Karls.
Der Verfasser übermittelt die Grüße von dreien, die, als aurea
progenies bezeichnet, jedenfalls auch dem königlichen Hause an-
gehören.
Hausimus altifluam Petri Paulique salutem,
Quos primos terrae comites coelique retentant,
Atque hanc ardenter iterumque iterumque sitimus.
Nilominus toto mandamus corde salutem
5 Vobis, 0 pater, o laudandae formula vitae,
De peste H f.2.
1 ausimus H \\ 2 comittes H.
1 — 5 hausimus altifluam vgl. Anfang | salutem vgl. Anh. VIII v.l3 — 14. — laudan-
vonAnh.VIII. — iterumque iterumque vg\. dae formula vitae vgl. Alcvin Poet. I 193
Anh. IX V. 11 Anm. — mandamus corde \ v. 1086 priscorum formula patrum.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4. 14
210
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
10
Quos meritum et sollers pariter sapientia comit.
Nostrisque optamus speciosis laeta puellis
Laetamurque satis, quod pestis amara recessit
Virgineosque artus domini salus alma revisit.
Virgineas marga - fraterna per oscula ritas
Aurea progenies geminato germine creta
Nectareo affectu terna de voce salutant.
7 nostrisque] vorher vest ausgestrichen H \\ 11 geminati H.
6 sollers sapientia comit vgl. ähn-
lichen Schluß bei Paul. IV^ v. 15; vgl. auch
Paul. X V. 18 krit. Apparat.
8 — 9 pestis amara recessit vgl. Alc-
vin Poet. I 214 v. 14 mox pestis acerba
recessit. — marga-ritas vgl. Anm. XXXVIII
V. 10.
11 — 12 aurea progenies vgl. Poet. I
92 V. 11; II 672 v. 1. — nectareo affectu:
vgl. Paul. XIII 9 amoris . . nectar omne
quod praecellit quodque f lagrat optime.
Indices.
14'
I.
Initia carminum et epistularum.
(Die mit * bezeichneten Stücke finden sich im Anhang.)
A principio saeculorum usque ad dilu-
vium II.
Adam per lignum mortem deduxit in
orbem Viii.
Adsunt quattuor in prima iunctione species
XVI.
Aegrum f ama f uit quondam iacuisse leonem
VII*.
Aemula Romuleis consurgunt moenia
templis IVi.
Amabillimo et totis mihi praecordiis di-
lecto domino meo . . Theudemari XIV.
Ampla mihi vestro est humili devotio
servo XXXII.
Angustae vitae f ugiunt consortia MusaeVIII.
Ante suos refluus Rhenus hinter XXXI.
Aurea quae fulvis rutilant elementa fi-
guris XXVI.
Candidolum bifido proscissum vomere
campum XIX.
Carissimo fratri et domino Adalardo, viro
Dei, Paulus supplex XXXI.
Carmina ferte mea Anghelramo dicite
patri IVI*.
Carmina mitto Pfetro dulci doctoque ma-
gistro XXXIX.
Christe pater mundi saecli radiantis origo
XXXIV.
Christe salus utriusque decus spes unica
mundi IVH.
Christe potens sollers summi sapientia
patris unter X.
Credere si vellis cecini de fauce libellos
IV II*.
Crux tua Christe potens his sit protectio
saeptis Vm.
Crux tua lux lucis has vallet fulgida cau-
las VI".
Crux tua rex regum Christe hoc tueatur
ovile VIII.
Culmina si regum dudum cecinere poetae
XXXVIII.
Cum ad imitationem excellentissimi com-
paris III.
Cupieram dilecte mi XXXI.
Cupiens aliquid vestris bibliothecis addere
XXX.
Cynthius occiduas rapidis declivus ad
oras XVIII.
Divinae largitatis munere sapientia po-
tentiaque domino regi XXX.
Domnae Adelpergae eximiae summaeque
ductrici III.
Dulcis amice bibe gratanter munera Bacchi
Vir*.
En tibi Paule deus ter quinas augeat
horas XXIII.
Filius ille dei, caeli quem summus ab
arce X*.
Fratres alacri pectore VII.
Funereo textu scribuntur facta priorum III*.
Haec domus est domini et sacri ianua
regni IVm.
Hausimus altifluam Petri Paulique salutem
XI*.
214
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Hauslmus altifluo pcrfusas rore salivas
VIII*.
Hie ego quae iaceo Rothaid de nomine
dicor XXIV.
Hildegard rapuit subito te funus acerbum
XXVIII.
Hoc opus exiguo quod cernis tramite
lector XXXVII.
Hoc satus in viridi servaturflosculus arvo P.
Hoc tumulata iacet pusilla puellula busto
XXVII.
lam puto nervosis religata problemata
vinclis XX.
Ingenio clarus sensu celer ore suavis
XXIX.
Lactea splendifico quae fulget tumba me-
tallo IX.
Lugentum lacrimis populorum roscida
tellus XXXV.
Lumine purpureo dum sol perfunderet
arva XVII.
Multicolor quali specie per nubila fulget
VI.
Nos dicamus Christo laudem genitoris
unico XII.
O una ante omnes felix pulcherrima
virgo VII.
Ordiar unde tuas laudes o maxime Lari I.
Ordiar unde tuos sacer o Benedicte
triumphos VI.
Pallida sub parvo clauduntur membra
sepulcro 11*.
Parvula rex Karolus seniori carmina Paulo
XXXIII.
Paule sub umbroso misisti tramite versus
XXI.
Perge libelle meus dominum dominamque
saluta IX*.
Perpetualis amor capiendae et causa sa-
lutis XXV.
Perspicua darum nimium cum fama per
aevum XXXVI.
Post has nectit subsequentes in secunda
species XVH.
Pulchrior me nullus versatur in poculis
umquam XVI.
Quaerebat maerens matrem per prata
vitellus VI"*.
Quamvis prolixa terrarum spatia XIV.
Qui Sacra vivaci studio domicilia lustras V*.
Rex Carulus Petro dulci doctoque ma-
gistro XL.
Rex Karolus gaudens ad te Petre docte
magister XLI.
Roscida de lacrimis miserorum terra pa-
rentum X.
Sensi cuius verba cepi exarata paginis XIII.
Sic ego suscepi tua carmina maxime
princeps XXII.
Summo apici rerum regi dominoque po-
tenti XXXII.
Temporibus priscis pulix lacerasse po-
tentes Villi*.
Verba tui famuli rex summe adtende se-
serenus XI.
IL
Index nominum.
Abbo ep. Mettensis V* 48, 51.
Abraham II 2, 1.
Actaeon (Acteon) VII* 4.
Adam Viii 1.
Adalard (Adalhardus) abbas Corbeiensis
XXXI 1, 28.
Adelchis (Adelgis) rex Langobardorum
119,2; IX 10.
Adelphus ep. Mettensis V* 28.
Adeleid (Adheleid) filia Karoli regis
XXVII 2; filia Pippini regis XXV 9.
Adelperga uxor Aridiis ducis II 10,3;
III 1.
Adriaticus IX* 14.
Agatimber ep. Mettensis V* 40.
Aggarenus tyrannus XXIV 6.
Aggiardus dapifer Karoli M. II* 7, 22.
Agiulfus ep. Mettensis V* 44.
Alpes XL 9.
Anschises Francus Arnulf i filius XXIV 8;
Troianus XXIV 9.
Angelbertus (Angelpertus) abbas Centu-
lensis XXXIX 2; IV *i 17.
Angelramnus (Anghelramus) ep. Mettensis
XXXIX 11; IV* I 1; V* 58.
Angli in* 28.
Ansa regina uxor Desiderii IX 4.
Aptatus ep. Mettensis V* 52.
Apulus XXXV 35.
Aquitania II* 14.
Arar (Saöne) XXXV 37.
Arichis (Arechis) dux BeneventanusW 10,2;
12,2; IVil3; Vii2; ViiiH; XXXV 4.
Arnoaldus ep. Mettensis V* 45.
Arnulfus S. XXIV 11; XXVI 35; ep. Met-
tensis V* 47.
Arx (in castro Casino, quod Arx appellatur)
VI S. 25.
Asia XIII 10.
Auetor ep. Mettensis V* 31.
Aufidus IX 13.
Ausonia XXXIV 10; gentes XXIV 4; hu-
mus XXIX 4; regio II 9, 1; rex IX 3.
Avernus I 17.
Babylonica captivitas II 5, 2.
Bacchus IV*i 10; VII* 1.
Bardi = LangobardiWi 18; IXl 1; XXXVI 9.
Beigus IX* 14.
Benedictus S. VI 1, 134; VII 2; XIV 17,
39; XXXII 7; XXXIII 7; XXXIV 19;
XXXVI 29.
Beneventum XXXV 32 ; Beneventi princi-
patus II 10, 1; IX* 8.
Bonifatius S. ep. Moguntinus III* 23.
Bonulus ep. Mettensis V* 34.
Britannus XXVI 25.
Brittania VIII* 6.
Caelestis ep. Mettensis V* 20.
Calaber XXXV 35.
Campanus XXXV 35.
Casinum castrum quod Arx appellatur VI,
S. 25; Casinus mons XXXIII7; Bene-
dict! tecta XXXIV 19.
Cassandra IV* i 11.
216
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Christus passim; reperator et auctor IVi
23; redemptor I 29; II 8, 1 ; salus
mundi II 6; rex aeternus II 7; via, vita,
Salus, spes sola tuorum IVi 28; do-
minans Vi 5; rex regum, lux lucis
Viii; unicus XII 1; pater mundi, saecli
radiantis origo XXXIV 1 ; rex XXXVII
16; Christi heres I'- 25; de munere
Christi VIII 15; XXXI 29; V=== 60.
Chrodegangus ep. Mettensis V* 55.
Clemens ep. Mettensis V''= 13.
Cynthius XVIII 1; XIX 5; r== 10.
Danaus V-' 40.
David rex XXXVIII 45; Davidicus IV===ii 5.
Dardanida gens XXXII 5 unten.
Desiderius rex Langobardorum II 9, 2.
Diana IVi 11.
Diomedes grammaticus XVi 23.
Dombercht presbyter Anglicus III* 10.
Emmanuel II 6, 2.
Engadi I* 6.
Eous conspicuus XVIII 14.
Epirus (Epyrus) I 18.
Epletus ep. Mettensis V^' 32.
Eutropius III 10, 22.
Ezechias XXIII 2.
Felix ep. Mettensis V* 21/53.
Fiducia IV* i 3.
Firminus ep. Mettensis V* 29.
Flaccus = Horatius XII 5; XIII 4;
IV*i 18.
Fortunatus ep. Pictavensis, poeta XXIX 3.
Francus XXVI 25; II* 13; Franci II* 3;
III* 27.
Fronimus ep. Mettensis V* 38.
Fucinus I 19.
Galilaeus I 22.
Gallia XXIX 7; XXXV 44; XXXVIII 51;
XL 6.
Gamalihel doctor legis XII 9.
Garamans IX* 13.
Gargania rupes IX 21.
Gedeon XXXVIII 42.
Germania 11* 14.
Germanus XXVI 25.
Gethae duri -= öothi XXVI 26.
Godo ep. Mettensis V* 49.
Goericus ep. Mettensis V* 48.
Golian XXXVIII 46.
Graeca loquella XIII 11; Graia loquella
XIII 6; regula = lingua XII 9, 12;
Graeco tramite erudire XII 10; Graeca
lingua XII 5; grammatica XII 12;
Graecorum Studium XII 7.
Grammatus ep. Mettensis V* 39.
Gregorius I papa VI S. 25.
Gunsolinus ep. Mettensis V* 36.
Hadrianus I (Adrianus) papa XXXIV 15.
Hebraea lingua XII 5; Hebraica loquella
XIII 6.
Hebraeorum studia XII 9; Hebreae gentis
regnator IVii 5; Hebraeus sanguis
V* 25.
Hebrus XIII v. 1.
Hibera cohors XXVI 26.
Hibernia VIII* 7.
Hildricus (Hilderic) Pauli Diaconi dis-
cipulus XXXVI 39.
Hildegardis (Hildegarda, Hildegard) re-
gina, Karoli M. uxor XXVI 4; I* 38;
filia Karoli M. XXVIII 1.
Hister IX 14; XXXV 37.
Hlutharius filius Karoli M. I* 30.
Homerus XII 5; XIII 4; Zmyrnae rure
creatus XIX 17.
lacob X* 9.
lanus XIV 59.
lesus I 21; XXVI 35; I* 44.
India inclyta campis floriferis XXXVIII
53; IX* 13.
Indiens: gemma XXVI 6; lapides XIII 8.
Indus lapis I* 12.
lohannis baptista X* 6; evangelista
X* 9.
lordanis I* 5; X* 5.
Iris Vi 2.
Israel II 5, 3.
Italia XXXVIII 51 ; V* 60.
Italus II* 13; regna XXVII 6; tellus
XXVI 27.
Index nominum.
217
luppiter IVi 10.
lustinianus Augustus III 25; Imperator VI
S. 25.
luvencus poeta IV*i 16.
Karolus Magnus (Carolus, Carulus) XVII
38; XXIV 4; XXVI 4; XXVII 3; re-
gum sublimissimus XXX 2; — XXXII 3
unten\ XXXIII 1, 12; XXXVIII 4;
XXXIX 9; XL 1; XU 1; V 35, 48;
II* 11; IV*i 21; V* 59.
Karolus Martellus XXIV 5.
Langobardi (vgl. Bardi) XXXVIII 10.
Larius lacus I 1.
Latia gens IVi 17; ille caret Latus lo-
quellis XXII 19.
Latium (Lacium) XL 5; VIII* 6.
Latina lingua XII 5; Latini rivuli gram-
maticae XII 7.
Legontius ep, Mettensis V* 30.
Libicus pontus VIH'-' 20.
Liger XXVI 27; XL 10.
Lucanus poeta Wf^'i 18.
Lucrinus I 20.
Lyris VI 49, 50.
Maria: o una ante omnes felix pulcher-
rima virgo Vii 1; virgo genitrixque
creantis XXXV 51; — I* 42.
Marc XXXV 6.
Memphiticus Philo XII 5; XIII 4.
Mettis urbs V* 15.
Michael legatus Graecorum XII 11.
Minciades = Vergilius XIX 17.
Moseila clara XXXI 26; vitrea XIV 60.
Moyses II 3, 1 ; XXXVIII 38.
Musae VIII 1; XLI 5.
Naso = Ovidius IV* i 18.
Noe XXXVIII 38.
Numae moenia VI 63, 64.
Nursia VI 5.
Padus cignifer XXVI 18; XXXV 37.
Papia XXVII 5.
Papulus ep. Mettensis V* 46.
Parius lapis XXVI 10.
Patiens ep. Mettensis V* 22.
Paulus Diaconus III 3; XII 4; XIV 2;
XXI 1; XXIII 1, 6; XXX 3; XXXI 2,
30; XXXIII 1,9; XXXVI 4; XI* 1.
Persis: delatum Perside malum I 15.
Petrus apostolus IX 20; XXII 13; XXXIV
15; V* 8, 14; X* 9.
Petrus diaconus, grammaticus XXXIV
11; XXXVII 2, 6; XXXIX 1, 2, 3, 4,
13, 14; XL 20; XI* 1.
Petrus ep. Mettensis V* 43.
Philo Memphiticus XII 5; XIII 4.
Phoebus (Foebus) IVi 10; XVIII 17;
XXXVI 21.
Pierium Carmen XXIII 4.
Pippinus paterKaroli M. XXIV 5 ; XXV 9 ;
pater Karoli Martelli XXIV 7.
Punica mala I 11; puniceum bellum
XXXVIII 45.
Ratchis rex Langobardorum XXXVI 19.
Rhenus (Renus, Hrenus) VIII 17; IX 14;
XXXI 25; XL 9; IX* 13.
Rhodanus (Rodanus) XXVII 7; XL 10;
IX* 13.
Rigulfus archiep. Moguntinus XXXIX 12.
Roma VI S. 25; VI 10; XXVI 28; V* 14;
moenia Numae VI 63, 64; Petri loca
sancta XXXIV 15.
Romana studia XXX 6.
Romanus ep. Mettensis V* 37.
Romuleus: civitas XXX 14; templa IVi 1;
Tibris XXVI 18; XXXV 36; Romula
moenia V* 8.
Rothaidis (Rothaid) filia Pippini regis
XXIV 1.
Ruffus ep. Mettensis V* 27.
Salernum: clara Salerne XXXV 34.
Sambatus ep. Mettensis V* 26.
Samson XXXVIII 40.
Sextus Pompeius XXX 5.
Sigibaldus ep. Mettensis V* 54.
Sigifrit rex Danorum XXI 17; XXII 17.
Siler fluvius (Sele) XXXV 36.
Simeon IV*i 15.
Simeon ep. Mettensis V* 25.
Solyma IVii 5.
218
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
Sophia Ansäe neptis X 2.
Spania II* 11.
Sperus ep. Mettensis V* 41.
Stephanus S. V* 61.
Suavi flavi VIII 17; Suevus XXVI 25.
Sublacus (Subiaco) VI S. 25.
Sycambra stirps V* 45.
Tartareae flammae VI 44.
Theodulfus (Teudulfus) ep. Aurelianensis,
poeta IV* I 16.
Terentius ep. Mettensis V* 35.
Tertullus XII 5; XIII 4.
Theudemarus abbas XIV 2.
Thonar XXII 36.
Tibris (Tybris) VIII 18; Romuleus XXVI
18; XXXV 36.
Tibullus XII 5; XIII 4.
Timavus fluvius XXXVI 12.
Titan Vi 3.
Titania purpura XVIII 15.
Tracia felix XXXVIII 52.
Trax XIII v. 1.
Troianus Anschisa XXIV 9.
Tullius ore potens XXXV 5.
Umber XXXV 35.
Urbicius ep. Mettensis V* 33.
Valens III 22.
Varro IV*i 18.
Venus IVi 10.
Vergilius XII 5; XIII 4; Maro XXXV 6;
Minciades XIX 17.
Veronensis Tibullus XIII 4.
Victor ep. Mettensis V^ 23.
Vilicus ep. Mettensis V* 42.
Vincentius martyr 11^ 15.
Vulcanus VIII* 12.
Vulgär XXXV 35.
Waten XXII 36.
Zacharias sacerdos Anglicus VIII* 5.
Zmyrna XIX 17 vgl. Homerus.
III.
Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus
Diaconus.
A Interj. VI 97, 98.
ab: ignis ab igne perit VI 27, 28; tutus
ab auxilio IX 22 ; ab hac arte sustentat
XI 11; ab amni trahi XIII 3.
abbas: vestri fidelis abbatis daminique
mei XXXII 9.
ablativus sine praepositione: plecteris
hoste gravi VI 65, 66; funduntur am-
nes rupibus VII 7; claustrorum saeptis
habitare VIII 2; his terris manet X 4;
paginis librorum legitur XII 1 ; mente
gero XXII 7; hoc busto iacet XXVII 1.
pro accusativo: tribus annis perfers VI
17; ter binis lustris rexit habenas
XXXV 17.
abstemius: abstemium pascens VI 24.
abstrusus : pandenti abstrusum = aenigma
XX 14.
abundantiae exempla: laudem gloriae
captare XIII 9; quasi puri muneris
instar XVIII 7; saepe frequentare XIX
41 ; firmum robore pectus XXVI 31 ;
puellula pusilla XXVII 1 ; virguncula
parvula XXVIII 5; in perpetuum sem-
per erit XXXV 26.
acceptare: nunc opus acceptans XXXII 14.
accola Ligeris XXVI 27.
accomodare: Christo qui accommodat
aurem VI 23.
accusativus sine praepositione: Suavos
repedare VIII 17 {vgl. repedabit ad
ortus XXXI 25) ; Rhodanum properans
XXVII 7. — graecus: pectus trans-
fixa mucrone XXXV 41.
acerbus: rapuit subito te funus acerbum
XXVIII 1.
actus: venerabilis actu XXIX 3.
adde quod IVi 9.
adesse sacris VI 79.
adfinis opp. exter XXXV 38.
adiectivi neutrum pluralis pro substan-
tivo: efferri in ardua IVi 24; in ardua
consurgere XXII 43; florida mundi
VI 9; ima gurgitis VI 35, 36; amoena
Lyris petens VI 49, 50; alta petere VI
107; Sacra canere VI 120; noxia vitare
VI 129; intima mea VI 145; mira
facere VI 154; mundana nubila, flo-
rida aevi VII 3; gestorum lux 1X27
intima iocineris penetrare XVIII 9
singularis: servator honesti IVi 19
in occiduo XXVI 8; divini cultor et
index XXXV 13.
aether: aethera Vi 2; VI 111; aether
inminet XIX 9.
aetherius opp. carneus ignis VI 28.
aevum: ab aevo IVi 29; per aevum I 27;
VI 153; VIII 11; XVIII 24; = aetas
VI 7; = mundus: florida aevi VII 3
vgl. florida mundi VI 9.
afflicto pectore XI 8.
agape: signat adesse dapes agapes VI 21.
allegorica: ulcera cordis IViii 7; fulgida
lux saecli = Benedictus VI 4; fames
220
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
atra mentis VI 73, 74; vincula piacli
VI 135; vincula pectoris et plectri VI
136; arma crucis VI 30; VII 6; rura
cordis replere fecundis seminibus XIII 2 ;
anchora amoris XIII 9; hortus divinus
= mundus XVIII 22; candidolus Cam-
pus = carta XIX 1 ; hortus mentis
XX 3; quae tantis decoraris, Gallia,
gemmis = viris XXIX 7 {vgl. astra
ferens mundo, Nursia VI 6); in arce
mentis XXXV 12.
alliteratio: via vita salus spes sola IVi
28; pro plausu pectora pugnis X 15;
hirsutus hirtisque simillimus hircis
XXII 23; cumque suo ponat crimina
crine simul XXII 32; heu(o) decus at-
que dolor XXVI 24, XXXV 4; pusilla
puellula busto XXVII 1 ; solamenque
mali sollicitusque timor XXXV 46.
alma fides VI 22.
alter ab undecimo annus XXVI 21, 23.
altisonum Carmen XIX 8.
altithronus IX 17.
ahus — deus: alti flamine äff latus VII 4;
altissimus II 3; ab altis = caelo
XXXII 3.
alumnus VI 5; stirpis XXVI 5.
amator pietatis XXII 15, XXXII 10; pacis
XXXV 19.
amnis lacrimarum IViii7; XXVIII 9; sacer
=r. baptisma XXVII 2.
amor laudis XXIII 12; omnia vincit
VI 105, 106 vgl. quo plus amat quis,
plus valet VII 13; amor summus orbis
= Karolus M. XXII 54.
anchora amoris XIII 9.
androgenus = androgynus XIX 33.
anguis := diabolus VI 51, 52.
anhelum cor IVi 30.
annalis ordo percucurrit sua spatia II 5.
annua lux XXVIII 4.
annus: evoluta annorum curricula II 1;
orbes evoluti sunt II 4; peracti sunt
circuli II 6.
annotare II 9.
apex: celsus vester = celsitudo vestra
XXII 52; vatum XXIX 3; summo
apici rerum = Karolus M. XXXII.
aptus — ornatus: apta est et foliis myrtea
virga I 14; = acceptus o nimis apte
deo VI 109, 110; sint, precor, apta
tibi {seil, poemata) VI 133, 134; ■=-
rectus apte pinxit lineam VII 15;
repperit apte XXII 45.
aqua: tinguatur vestris purificandus aquis
(== baptizare) XXII 34.
arbiter togate orbis = Karolus M. XXXII
4 unten.
ardens cor XXXII 6.
arduus: efferri in ardua IVi 24; consurgere
in ardua XXII 43.
area: ex his (syllabis) mihi est ferendus
maniplus ad aream XIII 6.
arida corda VI 34.
arma crucis VI 30; VII 6; virtute insignis
et armis IVi 14.
armipotens XXVI 17.
ars : hac turpi sustentat ab arte XI 1 1 ;
vitam mihi tollet et artem XXII 29.
artare: artat et incertum quaestio XXII 6.
arundo: gracili sub arundine XIX 8.
arva civilia Xf 25.
arx: poli XXII 8; mentis XXXV 12.
ast XVI 2; XXIV 8; XXXV 44.
astra ferens Nursia = viros praeclaros VI 6.
astriger polus XXV 4.
asylum I 5; IVii 5.
atavus patronus = Arnulfus XXV 7.
augmenta sumere IVi 3.
auctores = conditores IVi 9; reparator
et auctor = Christus IVi 23.
aula regis XVIII 6; XXXV 25; = caelum:
aula astrigeri poli XXV 4.
aura: per auras pandere XIX 29.
aureus: regna VII 2; rubor = aurora
XVIII 16.
avitum sceptrum XXVI 17.
avius: avia qui sunt sequuti pergentes
per invium XIII 5.
axis = caelum: axem conscendens Cyn-
thius XIX 3.
baiulus: fregit veneni baiulam cymbiam
VII 6.
bene = valde: pandit bene rumor IX 18.
bifidum vomus = penna XIX 1.
Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus Diaconus.
221
bissenus II 5.
boreas XXVIII 2.
brevitas = lapidis: plura loqui brevitas
vetat inproba IX 25; = temporis:
non sivit brevitas XVIII 12.
brutum pecus XIX 37; XXII 21.
bustum VI 78; XXV 3; XXVII 1.
cachinnus: cachinnis obprimor XIII 3.
caelitus adtrahi VI 50.
caerulei nimbi Vi 2; caerula nox XVIII 2.
calamus: calamos inflare labello XIX 12.
calculus: per calculum II 7.
callis tui sequax VII 16.
camena dulci resonare XIX 7.
Campus candidolus = carta XIX 1.
candidolus XIX 1.
captare: captantur flamina laudis IVi 6;
suado captaris ab ydro VI 69, 70.
capulum VI 35.
Caput: totum hoc in meum caput (— in me)
dictum per hyroniam XIII 3, vgl. deri-
detque meum stulta caterva caput
XXII 22.
Carmen: condere XIX 8; pangere tereti
versu XIX 20.
carneus ignis opp. aetherius VI 28.
carpere: viam IX 19; iter lucis XXIX 6.
carus amore patris VI 114; antiquo et
caro sodale XVIII 8; qui carum ut
hostem iaculis confixit XVIII 19.
catholicus princeps Arichis IVi 13.
cauditus agnus XIX 38.
caula Viii.
cautio: mea cautio Christus erit XXII 48.
cavere: cave submergere 123; ne perdas
I 24.
cedrus ardua = Karolus M. XVIII 23.
celsi nimbi XVIII 23.
census proprius XXXV 21.
cernere: cernitur ignis insurgere VI 55.
ceu: ceu raptat boreas XXVIII 2; ceu
paradiseo culmine missa forent XXII 2.
chalybs (calibs, calybs) VI 35, 36; VII 7.
Christicola XXXII 4.
cignifer Padus XXVI 18.
circulus explevit annum XXVIII 3; cir-
culi = anni II 6 (orbes II 4).
circumsaepire obrizo IVii 6.
citreon I 16.
civiiia arva XI 25.
Claustrum: claustrorum saeptis habitare
VIII 2; non opus est claustris nee
me compescere vinclis XXII 9.
clericus XIII 11.
cohors Hibera XXVI 26.
colere: ore colende mihi VIII 20.
Collum: colla paterna ferunt VI 103, 104;
colla tangere XIX 18.
colubra VI 89.
comere: omnia componens quem sie sa-
pientia compsit IVi 15.
comitari: ducibus comitaris opimis VI 49;
rutilo comitare favore XXXII 14.
compar: compare cum magno IX 8.
compescere: nee me compescere vincHs
XXII 9.
componere: omnia componens sapientia
IVi 15.
concentus: concentu pari VII 1.
conchae (concae) XIX 41.
condecoratus: cunctis condecorata bonis
XXVI 14.
condere Carmen XIX 8; opus XXXII 13.
confidere de bonitate IViii 9.
conferre: spes omnia confert XIX 26.
confundere: qua (spe) quisque innixus
numquam est confusus ab aevo IVi 29.
congruus : congrua signa dedit VI 1 17, 1 18.
coniugatio: cupii XVii 2, sapui XV ii 3,
salii XVii 4 — laudabere I 25, sump-
sere IVi 3, patiare IVi 30, calcasset
I 21, patrastis IViii 5, reparasti Vii 2,
mandasti XXXII 13 — fulgit Vi 1,
IX 1 (vgLkrit.App.), fulgis XVIII 22,
nitit Vi 4, stuperent X 6, deridor XIII
3, deridentur = Fat. XIII 11, deridet
= Fut XXII 22.
consociare: mellifluus consociavit amor
XXVI 22.
consortia vitae linquere VI 117; vitae
angustae VIII 1.
conspicuus: conspicuo cum lux fulgebit
Eoo XVIII 14.
consurgere: necnon per ternos consurgat
littera ramos XXI 24.
222
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
cor indoctum XXII 19; mea corda quatit
XI 6; corda regia patris XXVIII 6;
arida VI 34; perfida VI 43, 44.
coruscare: gestorum luce coruscat IX 27.
crescere = syllaba augeri XV ii 6.
cretus: Karolo de principe cretus XXIV 5.
crinis: cumque suo ponat crimina crine
simul XXII 32.
crux: arma crucis VI 30; VII 6; vgl.
lignum.
culmen Bardorum IVi 18; culmina Petri
IX 20; cum modicis rebus culmina
redde simul XI 26; ceu paradiseo cul-
mine missa forent XXII 2; generis
culmina celsa XXXV 8.
cultor et index IVi 18; XXXV 13.
cultus altithroni IX 17.
cumulus: virtutum cumulos ordiar unde
tuos VI 2.
cupere: cupii XVii 2; magis cupiunt =
malle VIII 3; enixe ut cupio XXXII 19.
curricula annorum II 1.
curtatus: patre curtato cauditus gignitur
agnus XIX 38.
cymbia VII 6; XX 14.
cyparissus = regina cum fructu = liheri
XVIII 24.
dactilus XX 6.
dapes agapes VI 21, 22.
dapsilis XXVI 14.
dare sequente inf.\ suppetias dedit esse
suis IVi 27; gliscere dat fructus XIX 6.
dativus: semper laudabere cunctis I 25;
deprensa sagaci VI 29; cernitur tibi
VI 56.
de: de bonitate dei confidite IViii9; diffi-
dere IVm 10; fidens de spe XIX 25;
de spe titubando tepescit XIX 27;
flagrat de vestro pectus amore VIII 9;
de nomine dicor XXIV 1 ; renovas de
matre dolorem XXVIII 7; lumine de
quarum nox fugit XXIX 8; de munere
Christi VIII 15, XXXI 29.
declinatio: absentum VII 9, egentum
XXXV 23, sapientum XVii 1; tu
Benevente XXXV 32, clara Salerne
XXXV 34, decus summe IV ii 4, mag-
nus amice dei VI 150; ab amni trahi
XIII 3.
declivus Cynthius occiduas ad oras XVIII 1.
decoquere: vitem decoxit pruina X 17.
decor: caperisque decore IVi 25; tener
XXVI 9; interior opp. species XXVI 12.
decorare: tantis decoraris, Gallia, gemmis
XXIX 7.
decus: lux omne decusque suorum IVi 20;
decus summe IVii 4; tu decus omne
tuis X 3; decus atque dolor XXVI
24, XXXV 4; decus et mirabile mundi
XXXII 11.
deicere: visere deiectam non vult elatio
mentem XX 9.
deliciae: populi, summus et orbis amor
XXII 54; gloria, deliciae, tu generalis
amor XXXV 28; opp. pauperies VIII 4.
deridere vgl. coniugatio.
deus: vgl. Christus; altithronus IX 17;
altus: alti flamine afflatus VII 4; altis-
simus II 3; cuncta creantem VI 143;
dominus II 11; omnia conponens sa-
pientia IVi 15 ; omnicreans rector XXXII
3; pater aeternus XXVII 10; reparator
et auctor IVi 23; supernus II 10;
supernus iudex II 11; tonans XXII 37.
devotio ampla XXXII 1.
diabolus: anguis VI 51, 52; perfidus,
pestifer ille draco VI 83, 84, 145, 146;
leo crudelis, lupus insidians, serpens
dira Vm; hydrus VI 69, 70; VII 16.
diadema: gemino diademate pollens
XXVII 3.
diecula: decima de mense diecula Jani
XIV 59.
diffidere de bonitate dei IVm 10.
dignus c. inf.: XXVI 19; ut dignum est
XXXII 10, XXXV 6.
diluvium II 1.
dimittere: dimisit crimina Christus XXII 14.
dirigere pro 'mittere' usurpatur: XIII 1 ;
XIV 60.
dirimere opp. reformare VI 12.
dirus: dira alimenta VI 46; procella X 18.
discursare: discursat grando per agros
XIX 10.
discutere problemata XX 2.
Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus Diaconus.
223
dissolvere aenigma XIX 44.
diurna spatia XVIII 11.
doctrina simplex XX 4.
dominus rex XXII 10.
donare: dona eis cum electis laetari per-
enniter II 12; donare facinus XXII 15.
draco vgl. diaboliis.
ducere: duc et educ IVii 2; proprium nil
ducens tradere censum XXXV 21.
ductor Arechis II 10, 12.
dum cum indic. viridi dum cespite
polles I 7; frigora dum superas I 8;
dum steterit solium II 12; dum
perduntur urbes IVi 5; dum ludit in
Hebro XIII 1 unten; coni. = cum
tempor. : dumque traherentur ab amni
XIII 3 unten; dum conderet urna
XIII 5 unten.
duocenti II 1.
edax ignis VI 55, 56.
educere: duc et educ IVii 2.
effectus: sit licet effectus modicis pro
viribus impar XXXII 5.
effulgere: effulsit ut sidus novum VII 3.
effulgurare: noctu iubar effulgurat VII 14.
egestas: nobilitas periit, miseris accessit
egestas XI 21.
eheu XXII 5; XXXV 41.
elatio XX 9.
electi = beati II 12.
elementa aurea epitaphii XXVI 1.
eloquium : omniumquepraemineregentium
eloquio XIII 2; strenuus eloquii, divini
cultor et index XXXV 13.
enigma: sanctorum effigies pulchro sub
enigmate vernant Vi 6.
enixe cupere XXXII 19.
equus: Cyntliius rapidis volitabat equis
XVIII 2.
ergastulum VII 5.
ergo age XIX 28.
esse: cui {exspectes cuius) fallere non
est IVi 26; = Interesse: esse sacris
VI 79, 80 (vgl. krit. App.).
ethica: quod logos et phisis moderansque
quod ethica pangit XXXV 11.
etiam et XVii 2.
euge VI 3.
evolvere: evoluta annorum curricula II 1;
orbes evoluti sunt II 4.
exarare: verba cepi exarata paginis XIII 1.
excelsi muri XXXV 33.
excessus — peccatum VI 48; VII 9.
excubare: Christo sacrata excubat =
nonna XI 14.
exhinc II 6.
exire in = terminari XVii 3, 8.
exitiale malum VI 85, 86.
exorare: lesum nunc precibus exores
XXVI 35.
explere: etsi iussa nequivi explere XXXII 9.
ex quo: septimus annus, ex quo XI 5.
exsistere (existere) = esse XXVI 2.
exsuperare VI 8.
extorris: extorrem, Gallia dura, tenes
XXXV 44.
extunc XI 7.
exsul inops tenuis VI 132.
exuviae: exuviis ex orbe petitis IVi 4.
facere: fac laudent VI 143; quem huc
properare facit XXV 2.
famen: sacro nuper mandasti famine condi
XXXII 13; famina sancta dabat XXXV
16.
fames atra mentis VI 73, 74.
famosa merita IX 5.
famulus supplex VI 131, XXXII; verba
tui famuH, rex summe, adtende XI 1 ;
excipe tui famuli, rex magne, la-
borem XXXII 12.
fantasticus VII 9.
festivitas VII 1.
ferre = auferre: tulit dira procella rosam
X 18.
fidelis Abraham II 2.
fidere de spe XIX 25.
figura: arce varias a corde figuras VI
137; aurea quae fulvis rutilant ele-
menta figuris XXVI 1.
flabrum: frigora, flabra, nives VI 17, 18.
flagrare: nectar . . . quodque flagrat op-
time XIII 9; de amore VIII 9.
flamen = Spiritus: afflatus aUi flamine
VII 4; = aura: fragilis captantur
224
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
flamina iaudis IVi 6; = sacerdos:
flaminibusque ipsis famina sancta dabat
XXXV 16.
flammeus orbis VI 111, 112.
flavere: flaventis metalli copia XIII 7
{vgl. fulvus).
flexus: cum pietate doce flexum XIX 43.
florere: florentia rura XIX 4; florentis
gratia formae XXVI 7.
floridus: florida mundi VI 9; aevi VII 3.
fluctuäbunda pavet XXXV 48.
fluere: iam fluebat decima diecula XIV 59.
fore: missa forent XXII 2.
forma coniugationis = species XVii 2, 5;
formula XVii 4, 6.
fortis ad arma XXVII 4; = firmus: fortes
lacerti XIII 1; perplexes forti religa-
mine nodos XIX 28.
fragilis laus IVi 6.
frenum: frena vitae capere VI 62; frena
dare loquelis VI 77.
frequentare: conchae quoque saepe fre-
quentant XIX 41 ; mens ut Christo
laudes in saecla frequentet XI 27.
frustrare vota cordis IVi 30.
fugere: nox tibi tetra fugit XXIX 8.
fulgens regina Ansa IX 28.
fulgida lux Vm, VI 4.
fulva metalla {vgl. flaventis metalli copia
XIII 7) VI 87, 88; fulvis rutilant fi-
guris XXVI 1.
fundare aedes IX 17.
fundere preces VI 131, 132.
funus = mors: post funera carnis VI
147; viderat nuper funera nati XXXV
43; acerbum XXVIII 1; — mortui:
funera vitam receptant VII 12.
furtum: pietatis furta probantur VI 19.
furva sub nocte IX 23.
gaudium : gaudia longa = vitam beatam
petis XXVIII 10.
gratanter excipe XXXII 11.
gemma: micans VI 56, X 2; decoraris,
Gallia, gemmis XXIX 7; gemmas In-
dicosque lapides XIII 8; Indica XXVI 6.
gemmare: gemmantem vitem decoxit
pruina X 17.
generalis amor XXXV 28.
generare: dolores multiplices generat XI 6.
genitor XXVII 6; genitrix regum Hilde-
gard, uxor Karoli M. XXVI 24; =
Maria: virgo genitrixque creantis
XXXV 51.
gerere: iussa paterna gerens VI 37, 38.
germanus XI 7.
gliscere bonis VII 16.
gloria: quo merito Latiae dicatur gloria
gentis IVi 17; Dardanidaeque gloria
gentis XXXII 5 unten.
gramma : sie fantur grammata vestra 'cave'
XXII 46.
gratia: clara fuit florentis gratia formae
XXVI 7.
gravare: iam gravante senio XIII 12.
grex = monachorum societas: mitis
adesto gregi VI 128; adsis gregis
suspiriis VII 16.
habenas patriae regere XXXV 17.
habitacula templi IVii 3.
hactenus (actenus) XIX 42.
heremus II 3.
herilis structor IVi 12; spes XIX 25;
pectus XXVI 32.
heros celeberrimus = Aridiis XXXV 3.
heu X 5, 15; XXVI 24; heu mihi XXXV
29; hei mihi X 13; heu (zweisilbig)
XIII 3.
hirtus: hirtisque simillimus hircis XXII 23.
hiulca tellus VI 81, 82.
bonos: capitis decussit honorem = pul-
chritudinem VI 85.
hora = vitae tempus: tristis et hora mihi
XI 4.
hortus divinus = mundus XVIII 22;
mentis XX 3.
hydrus (ydrus) VI 69, 70; VII 16.
hyronia: dictum per hyroniam XIII 3.
iaculo confodiens corda patris XXVIII 6.
leere: corda icta sunt dolore XXVII 8.
igneus Cynthius XIX 3.
ignitae sagittae XVIII 7.
imagines in tribunali et in basilica
sanctae Mariae Vi, ii.
Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus Diaconus.
225
imperativus: ne carpe VI 71, 72.
in: annum, in quo est indictio II 8; in mu-
nere tribuere XIII 8, vgl. pro munere
dare VI 131 ; in armis vincere XXII 51 ;
in cunctis celeberrimus heros XXXV 3.
incassum certans XIX 42.
inclytus atque potens XX 10.
inculta poemata VIII 7.
inde est, quod VIII 7.
index: cultor et index pietatis IVi 18;
caelestis tramitis VI 133.
indictio prima — 763 II 8.
inesse: ver tibi semper inest I 7, 8;
semper inest luctus XI 4.
infinitivus : venit restaurare II 7; mulcet
properare VI 83; currere cede viam
VI 139, 140; gliscere dat fructus XIX
6; monitas non esse superbum XX 7;
curam habere monet XXII 44; quem
huc properare facit XXV 2; digna
tenere sceptra XXVI 19; mandasti
famine condi XXXII 13; t;^/. XX 5.
inmensa trinitas I 27.
inmodicus amor VIII 9.
innumerum vulgus XXII 41.
inpar: vatibus antiquis non inpar XIX 44.
inproba brevitas IX 25.
instar: instar nectaris clarescere VII 15;
quasi puri muneris instar XVIII 7.
instituta praeceptorum = leges a Moyse
traditae II 3.
insurgere flammis VI 55.
interrogat. indir. semper rede c. coni.:
IX 17; XXV 3; XXVI 2.
intima mea ne turbet VI 145; intima
iocineris penetrantes sagittas XVIII 9.
invius: avia qui sunt secuti pergentes
per invium XIII 5.
ironia (hyronia): dictum per hyroniam XIII 3.
iudex supernus II 11.
ius: iuraque det haedis XXII 24.
labes: labe peremptum VI 47; integrum
generat sine labe XIX 36; in quo
(= opere) si quid erit labis vitiique
XXXII 15.
labi: lapsus mundus Vii 2.
lacer: patriam bellis laceram IX 7.
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA
lactea tumba IX 1.
lampas: meriti pro lampade summi VI 149.
languida membra trahens XXXV 42.
lapides Indici XIII 8.
lar: sacro membra dedisse lari XXXV 52.
laurus: palmas et odoras pandere lauros
XIX 16.
laus et honor I 27; VI 153, 154; laudi-
bus antra sonant VI 15, 16.
lecitus (lechitus) stillam praebere lechiti
VI 93.
leges atque iura XVI 4.
legitimum germen XXV 6.
leo = diabolus VII 8; Viii.
licet indignus VIII 14; sit licet XXII 23.
ligare: pacis amore ligans IX 14.
lignum = arbor, crux Viii.
ligustrum : ceu raptat boreas vere ligustra
novo XXVIII 2.
lilia mixta rosis XXVI 10.
limen: aetatis ipso limine VII 3; extre-
mo nostrum tenuit quod limine Carmen
XVIII 21; rapta est de limine vitae
XXVII 7.
linea: pinxit apte lineam vitae sacrae
sequacibus (= regulam S. Benedicti)
VII 15.
litare: ne lites munus ad aram VI 65.
litterae: vitam litteris ni emam XIII 7.
logos et phisis moderansque quod ethica
pangit XXXV 11.
longaevi senes X 6.
longo post tempore XXIV 9.
loquella: Graeca, Graia, Hebraica XIII 6,
11; caret loquellis Latus XXII 19.
lumen aeternum IVi 9; proprii perfudit
lumine vultus XIX 23; lumina cordis
= virtutes XXVI 11; = oculi: lu-
minibus tacitis notavi XXII 3.
lusus verboram: flos despexit florida
mundi VI 9; avia qui sunt secuti
pergentes per invium XIII 5; nee iners
vitam mihi tollet et artem XXII 29;
cumque suo ponat crimina crine simul
XXII 32; parvula non parvum linquis,
virguncula, luctum XXVIII 5; flamini-
busque ipsis famina sancta dabat XXXV
16; patriae amore mori XXXV 22.
III, 4. 15
226
Karl Ncff, Gedichte des Paulus Diaconus.
lux fulgida Viii, VI 4; annua XXVIII 4;
lux omne decusque suorum IVi 20;
luxque decusque XXXII 2 unten', lux-
que decorque XXXV 10.
mage sed sustolle iacentem IVi 31.
mandare ut XX 5; c. inj. XXXII 13.
mane novo XVIII 10.
manere = esse: IX 11, 28; X 4; XX 8.
maniplus: ex his (syllabis) mihi est fe-
rendus maniplus ad aream XIII 6.
marsuppium XIII 7.
medela: unde medela tibi VI 95.
mellifluus pater XIV 61 ; amor XXVI 22.
melos: cuius dulce melos pagina multa
canit XXIX 2.
mens deiecta opp. elata XX 9; mentis
hortus XX 3.
meritum : quo merito Latiae dicatur gloria
gentis IVi 17.
meta: metas positura labori XVIII 3.
metallum: lactea splendifico quae fulget
tumba metallo IX 1 ; fulva metalla VI
87, 88; metalli flaventis copia XIII 7.
munus: per domini munus VIII 12; de
munere Christi VIII 15, XXXI 29.
micare: virgineo splendore IX 16; mente
IX 27; gemma micans VI 56, X 2.
miraculum: miraculorum praepotens VII
4; mira gesta XXIV 11; mira patrare
XXXII 7; miranda VII 15.
modulamen: replere et densas suavi mo-
dulamine Silvas XIX 21.
monere: bella monens VI 115, 116; c.
inf. XXII 44.
monitare c. inf. XX 7.
mordaces sensus XX 5.
mucro: perpetuo pectus transfixa mucrone
XXXV 41.
mulcere = suadere: mulcet properare
VI 83.
multicolor Iris Vi 1.
multimoda ratione XIX 29.
multus: pagina multa canit XXIX 2.
mundanus: nubila mundana pellere VII 3.
mundus cui panditur omnis VI 109; hor-
tus divinus XVIII 22.
munificas dotes ordiar unde tuas I 2.
mutarc: 'o' 'vi' mutans XVii 2; XVii 6.
mutilum pecus XIX 37.
myrtea (mirtea) virga = myrtus I 13.
namque = autem: IVi 12; XXXV 39.
nativus: unda nativo e marmore manat
VI 33.
nectar: instar nectaris clarescere VII 15;
nectar omne quod praecellit XIII 9.
nectere post has XVii 1.
negationes: nee = ne-quidem XXII 28;
XXVI 8; necdum = nondum XXII
49; nonque := neve VI 146.
nequire, quire XXXII 9, 17.
ni: vitam litteris ni emam, nihil est, quod
tribuam XIII 7.
nilöminus VI 74; nil minus VI 22.
nimis, nimium pro superl. adiectivis
adduntur VI 109, 110; XIX 3; XXIV
2; XXVIII 10; XXXII 16.
nodus aenigmatis XIX 28.
nomisma: aether pluit nomismata VII
11.
novitas: testis novitatis habendus VI 113;
est fortasse aHut novitas quod reppe-
rit apte XXII 45.
novus: mane novo XVIII 10; vere novo
XXVIII 2.
nubila mundana pellere VII 3.
numeralia: octodecem II 6; duocenti
II 1; novies centeni 112; nona atque
decima XVii 7; bis. binas formulas
XVii 4; bis sena XV ii 3; bis septena
XVii 4; trini supplicii optio XXII 5.
o nimium felix XIX 3.
obrizum: pondere quod factum sie cir-
cumsepsit obrizo Vii 6.
occa: restrictas per occas = lineas car-
tae XIX 2.
occiduus: ab oris occiduis 1X20; in oc-
ciduo XXVI 8.
officium : pro taedis miserum funeris offi-
cium X 14.
oliviferä silva I 9.
omnicreans rector XXXII 3.
omnis: omne quod IVi 24 vgl. quod lo-
gos et phisis moderansque quod
Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus Diaconus.
227
ethica pangit, omnia condiderat XXXV
11, 12.«
opimus: duces VI 49; consilium servat
opime XXII 40.
ops: Opern pietatis ferre VI 14,
opus: vix perpendo aüquod utilitatis opus
XXII 18.
orbes = anni evoluti sunt II 4.
orgia colere VI 23, 24.
ostensor arti tramitis VII 2; vgl. index
tramitis VI 133.
otium: numquam dabat otia plectro VI 119.
ovile = Claustrum: qui post servavit
ovile XXV 5; Viii.
paedagoga (pedagoga) VI 11, 12.
palma: palmas et odoras pandere lauros
XIX 16.
pandere nodos = aenigmatis XIX 29;
abstrusum XX 14; palmas et lauros
XIX 16.
pangere carmina XIX 20; laudes XXXV
5; moderansque quod ethica pangit
XXXV 11.
pannücia: quos vix pannuciis praevalet
illa tegi XI 12.
paradigma: et valet a summis hie para-
digma trahi XXII 12.
paradiseum culmen XXII 2.
paradisus (paradysus): flos, paradise, tuus
== Benedictus VI 9, 10; te paradisus
= caelum habet XXXV 50.
parare: paräbantur X 11; vgl. fluebat XIV
59 ; stuperent X 6 ; terruerunt XXII 4 ;
vinceres I 21.
pastus: tecta tibi pastumque paravit 1X24.
pater patriae IVi 20; aeternus XXVII 10.
patulo = aperte produntur VI 59.
paviscere XIX 48.
paxque quiesque XXXV 30.
pedum = pastorum baculum XIX 18.
pellere: arcu pellente sagittas XVIII 18.
pelta: digne opponere peltam missilibus
XVIII 12.
peplum VII 7.
per: per domini munus VIII 12; per
hyroniam XIII 3; per omnes plateas
XI 9; per sacra domicilia XXXII 17.
perennis aquae unda VI 33, 34; peren-
niter II 12.
perfida corda VI 43^ 44.
perflare: geüda perfiantc procella XIX 11.
perfundere gramina fletu XIX 14.
pergere succedit in locum verbi 'ire':
VIII 18; XIII 5, 10.
perimere: labe peremptum VI 47; peri-
mitur consonans XVii 7 {^gl. perit
consonans XVii 6).
perpetualis amor capiendae salutis XXV 1.
perpetuum = in perpetuum IV ii 3.
perplexus: perplexos forti religamine no-
dos = aenigmatis pandere XIX 28.
pertingere: pertinge cacumine nimbos
XVIII 23.
pervigil in lacrimis tempora noctis agens
XXXV 14.
pestifer ille draco VI 145, 146.
phalanx (falanx) = societas hominum:
sancta VI 147, 148; peregrina XXXV
38.
pharetrigera Diana IVi 11.
phisis: quod logos et phisis moderans-
que quod ethica pangit XXXV 11.
piaclum IViii 5; VI 135.
pietas = dementia VI 14, XI 2, XIX 43,
XXII 15, XXXII 10; pietatis furta VI 19.
pius: piis quem contines ulnis Vii 3;
== Clemens: finem his, pie, pone malis
XI 24; amor VI 112; merita VI 137,
138; rex XXII 50.
planctus ubique sonat X 16, XXXV 31.
platea: per omnes plateas XI 10.
plaudere: Nursia, plaude satis VI 5.
plebs =: societas christiana Vii 4.
plebeius: prompsi plebeio carmine versus
XXIX 9.
plectrum — cantus VI 119; pectoris et
plectri (= linguae) vincula solve mei
VI 136; Benedictus plectro claruit;
nam pinxit apte lineam vitae sacrae
sequacibus {= regulä) VII 15.
poemata {trisyll.) parva VI 131, 132; in-
culta VIII 7.
poetae vatesque XIII 2.
pollere: viridi dum cespite polles I 7;
gemino diademate pollens XXVII 3.
15*
228
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
polus — caeliim: regna pol! VI 108,
XIX 26; VII 13.
populus = christiani, homines: IVii 4;
VI 52; XXIX 10; XXXII 4.
portio: aeterno mansit sua portio regi
IX 15.
portus quietis IVi 27; tuis portusque sa-
lusque fuisti XXXV 27.
poscere = orare saepe.
potare: quosque Siler potat XXXV 36.
potens artibus IVi 16; formaque animoque
potentem IX 10.
praecellere: nectar omne quod praecellit
XIII 9.
praecelsa regina XXVI 3.
praeceptum: praeceptorum instituta (==
leges a Moyse datae) II 3; vgl. lex
data et conscripta caelitus II 4.
praeda: hae ne praeda fiant (— eripian-
tur), fluctuabunda pavet XXXV 48.
praenoscere: futura, praenoscimini VII 10.
praepes: mandata praepes efficit VII 8,
praepollens Arichis XXXV 4.
praepotens miraculorum VII 4.
praesul Arnulfus XXIV 10.
praevalere = efficere: quos vix pannu-
ciis praevalet illa tegi XI 12; = posse:
nullus cui sistere contra praevaleat
XIX 48.
primatum tenere XVI 2.
pro pudor IVi 6; pro munere dare VI
131; vgl. in munere tribuere XIII 8.
problema (problemma) = aenigma XX 1 ;
problema XXII 49.
promocondus VI 93, 94.
promptus ad praecepta magistri VI 39.
pronomina: vester amor = vestriV\\\9\
XXII 16; pretiosa quaeque XIII 8;
aliquod = ullum opus XXII 18; nullus
pro nemo IViii 10, XIX 47; ullus vgl.
später; non Übet hunc talem calamos
inflare labello XIX 12; elicuit quas-
cumque voces XIX 24; hie locus,
astrigeri qua patet aula poli XXV 4;
suscipe qualiacumque tamen VIII 8;
excipe qualemcumque laborem XXXII
12; quantus = quot IX 17, tantus =
tot XXIX 7.
pronus c. inj. XIX 13.
propheta II 6.
proprius = suus: proprio quaesitam san-
guine plebem Vii 4; me proprii per-
fudit lumine vultusXIX23; proprium
nil ducens tradere censum XXXV 21 ;
hie deus ipse manet proprie, qui sem-
per ubique est IViii 3.
proscindere campum XIX 1.
protectio: crux sit protectio saeptis Viii.
psalmicen assiduus VI 119, 120.
puellula pusilla XXVII 1.
puerile decus VI 7, 8.
purificandus XXII 34.
Purpura: tinxerit et tremulos Titania pur-
pura fluctus XVIII 15.
purpurea rosa X 18.
quo = ut fin. IVi 17; VI 129, 130.
quod pro acc. c. inf.: spes quod XXXV
50.
quousque II 3, vgl. usque quo II 4.
radiäre: Phoebo radiante XVIII 17.
ramus: littera, quae ternis consurgit in
ardua ramis XXII 43.
reboare: reboans clamore minaci VI 101.
rector vafer VII 10; potens XI 23; XIII
10; omnicreans XXXII 3.
reddere c. inf.: esse potentem IVi 16.
redemptor I 29; II 8.
regifica mensa I 6.
regnare principatum II 10.
regnator ille Hebreae gentis = Salomon
IVii 4.
regnum: regna aurea VII 2; beata VIII
12; XXVII 10; sacra poli XIX 26;
Sacra regna tenere XXVI 34, sacrum
regnum IViii 1 ; regna mundi XIX 48.
relevare: patriam relevans stabilivit IX 8;
hos verbis, hos relevare manu XXXV24.
religamen: perplexos forti religamine
nodos = aenigma XIX 28.
religare: nervosis religata problemata
vinclis XX 1.
repedare: ante potest Rhenus repedare
Suavos VIII 17; refluus Rhenus repe-
dabit ad ortus XXXI 25.
Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus Diaconus.
229
remorari: nil remorante fide VI 140.
reparator et auctor IVi 23.
requies tuis portusque salusque XXXV 27.
res: rebus exclusa paternis XI 19.
resecare: carens seu parte resectus XIX 35.
resolutio aenigmatis XXII 49.
resonare dulci camena XIX 7.
respicere: respice et ad fletum XI 2.
restaurare: mundum venit restaurare per-
ditum II 7.
retentare: luctum sine fine retentans XI
15; cur busta sacer numerosa retentet
XXV 3.
retia fraudis frustrantur VI 61.
revolvere: spatiis lux revoluta diurnis
XVIII 11.
rex aeternus II 7; IX 15; sapientissimus
= Salomon II 4; summe = Karolus
M. XI 1.
ridere: cuncta et ridebunt Phoebo ra-
diante XVIII 17.
roscidus: roscida de lacrimis terra X 1;
lacrimis roscida tellus XXXV 1.
rosulenta prata VIII 3.
rubor aureus = aurora XVIII 16.
rupea saepta VI 125, 126.
rusticitas opp. nobilitas XI 20.
rutilare: aurea quae fulvis rutilant ele-
menta figuris XXVI 1.
rutilus: rutilo comitare favore XXXII 14.
Sacra = missarum sollemnia VI 79; sacra
canere VI 120.
sacrare: primis Christo sacrata sub annis
XI 13.
saeculum (saeclum) = mundus IVi 22;
VI 4; VII 4, 14; in saecla frequentare
laudes XI 27; = tempora: a prin-
cipio saeculorum II 1; cunctis sae-
clis VI 127.
saeptum = claustrum Viii; VI 67, 68;
saepta rupea VI 125, 126; saepta
claustrorum VIII 2.
sagax sapientia XXXII 16.
salire, salii XVii 4.
Salus mundi 116; salus, decus, spes IVii 1.
sanctio: firmum oro capiat vestra sanc-
tione vigorem XXXII 20.
' sapere, sapui XVii 3; sapientes = gram-
matici XV ii 1.
sardonix Pario, lilia mixta rosis XXVI
10.
satagere XXXV 24.
satis pro superlativo additum adiectivo:
IVi 16, 21; XXII 6; XXVII 4; plaude
satis VI 5, 6.
sator XXVII 3.
satus stirpe ducum regumque XXXV 7.
sceptrum capessere XIII 10; avitum XXVI
17; sceptra aurea XXVI 20.
scola: tres aut quattuor in scolis quas
didici syllabas XIII 6.
sed postponitur: passim; sed potius XIII
5; XIX 13; XXII 7.
semper ubique IViii 3.
Senium: iam gravante senio XIII 12.
sensus = cogitatio: mordaces XX 5;
sensu celer XXIX 1 ; si sensibus altis
Karoli M. placebit XXXII 18.
sequax: vitae sacrae VII 15; callis tui
VII 16.
serenare: tempestatesque serenat XIX 6.
servator summus honesti IVi 19.
servus humilis XXXII 1.
sessor VI 53, 54.
sexus et aetas XXXV 31.
si: o si =: utinam XIX 15; si calcasset
I 21, vgl. si eras = esses I 22.
sie — ceu XXII 1.
sigma littera XVii 3.
similari: similor Tertullo XIII 4; mutis
similati deridentur statuis XIII 11.
simplicitas: animae XXVI 12; egregia
XI 14; simplicitate placens VI 107,
108.
simul: mixta simul I 12.
sinere: sacris non adesse sinuntur VI 79;
sine dentur VI 53.
singultantia verba XIX 13.
sistere: contra XIX 47; iter VI 84.
solari: solatur cunctos spes XXVI 33;
solatur tantos spes dolores XXXV 49.
somnus abest oculis VI 106; desidiam
et somnos arce VI 138.
sonare: pectora vestra sonent IViii 13.
sospitas revisit fractum VII 9.
230
Karl Neff, Gedichte des Paulus Diaconus.
spatiose: non sivit brevitas spatiose lu-
dere teils XVIII 13.
species = forma coniugationisXVn 1,5;
rerum species diversa per orbem XIX
39.
speciosa virgo X 3.
speleum VI 25.
spes laudatur: qua quisque innixus num-
quam est confusus ab aevo IVi 29;
spes Sacra regna poli tribuit, spes
omnia confert XIX 26.
splendificus : splendifico quae fulget tumba
metallo IX 1.
Stabilire: patriam stabilivit et auxit 1X8.
statuae: mutis similati deridentur statuis
XIII 11.
stelliger fulgor XVIII 4.
stillam praebere lechiti VI 93.
structor herilis IVi 12.
suadus: suado captaris ab ydro VI 69.
suavis (trisylL): ore XXIX 1.
sub: sanctorum effigies pulchre sub enig-
mate vernant Vi 6; furva sub nocte
IX 23; teneris sub annis X5; primis
sub annis XI 13; sub gracili arundine
XIX 8; sub ardenti corde XXXII 6.
subruere: subruiturque domus XIX 11.
superbus equo VI 101, 102.
supercilium lange XX 7.
supernus = deus II 10; iudex II 11.
suppetiae: suppetias dedit esse suis IVi 27.
supplex: famulus VI 131, XXXII.
supputare II 1.
supremus: tempore supremo Ventura peri-
cula saeclo IVi 22.
suspicio: digiti suspicione mei XX 2.
suspirium: adsis gregis suspiriis VII 16.
sustentare: turpi natos sustentat ab arte
XI 11.
sustollere: sustolle iacentem IVi 31 ; fidens
de spe sustollor herili XIX 25.
susurrus: tenui quod canto susurro XIX
22.
tacitus: luminibus tacitis notavi XXII 3;
vgl. quaeque stupens lustras tacite
(Wattenbach) IVi 25.
tarn — quamque IVi 13.
tantum transcendit — quantum XXVI 5.
tantus ^ tot XXIX 7 fquantus = quot IX
17).
templum: vgl. asylum; domicilia Christi
XXXII 17; habitacula templi IVii 3.
tendere regni vires in Asiam XIII 10.
tener: teneris sub annis X 5.
tenere: tenet corpus tellus VI 82; pri-
matum XVI 2.
tenuis: exul inops tenuis VI 132.
teres: tereti me pangere carmina versu
XIX 20.
terminari: terminatae 'io' formae XVii
2; terminata 'uo' verba XVii 5; 'ui'
terminatur XVii 3.
terminus: annos quinque et quingentos
praeterisse terminos II 3.
thalamus: natarum thalamis sibi pectora
vinxit IX 12; thalamus sponsusque
tibi parabantur X 11; pro thalamo
dedimus tibi, virgo, sepulchrum X 13;
regalis XXXV 40.
tinguere aquis = baptizare XXII 34.
titubare de spe opp. fidere XIX 27; titu-
bante «de XXXII 18.
togatus arbiter orbis = Karolus M. XXXII
4 unten.
tonans IX 5; XXII 37; XXIV 4; vgl. deus.
totum = omnia: totum hoc in meam
cerno prolatum miseriam, totum hoc
in meum caput dictum XIII 3.
trames: caelestis VI 133; arti tramitis
ostensor VII 2.
tranquilla Adelperga II 10.
transcendens moribus aevum VI 7.
transmeare XVii 8.
tremere: ore tremente XI 10.
tremulus: fluctus I 23; XVIII 15.
tribrachis XX 11.
tribunal Vi 4.
trinitas inmensa I 27; VI 153.
trmominis: Hebraea gens IVii 4.
triumphus: ordiar unde tuos triumphos
VI 1; patrios non conspectura trium-
phos XXVII 9.
tröcheus XX 11.
tumba: lactea splendifico quae fulget
tumba metallo IX 1 {vgl. XXVI 1).
Index grammaticus zu den Gedichten des Paulus Diaconus.
231
tus: ponentes tura Dianae IVi 11.
tutus ab auxilio IX 22.
ubertim perfundere gramina fletu XIX 14.
ulcera cordis IViii 7.
ullus vgl. pron.: qua non gratior ulla
manet X 4; quantum vix ullus in orbe
est XI 3; nee est, qui ferat ullus opem
XI 18; quo non audacior ullus XXIV
7; qua nee in occiduo pulchrior ulla
foret XXVI 8; cum non sit grandior
Ulla laus XXVI 15.
unica spes mundi IVii 1.
urere: quem plus ussit amor VI 112.
usque quo II 2, 4; exhinc usque quo
II 6; ex hoc tempore quousque II 3.
utcumque: si sensibus vestris utcumque
placebit XXXII 19; solatur tantos spes
haec utcumque dolores XXXV 49.
vagus: mens VI 31; VII 6; pestis VI 32;
undae XVIII 16.
valere saepius usurpatur quam posse.
validus amor XXII 16.
variare: cutem variant cui fella colubrae
VI 89.
vel: non tela, frigora vel nimbos timebis
IX 23.
venatus : anteibat (trisyll.) iuvenes venatu,
viribus, armis XXXV 15.
venerandus: fraus VI 19, 20; venerande
pater VI 127, 128.
venire c. inj.: venit restaurare II 7; Ven-
tura pericula saeclo IV i 22; Ventura
saeclo praecinens VII 4.
ver: vere novo XXVIU 2.
vernare: vernanti flore XXXV 45; = ful-
gere Vi 6.
vicem: misero redde vicem VIII 16; redde
vicem misero XXIX 11.
viduare: viduatae civibus urbes IV i 5.
vigere: si felix vigeas de munere Christi
VIII 15; XXXI 29.
vigil: mente satis vigili IVi 21.
vigor: firmum oro capiat vestra sanctione
vigorem XXXII 20.
vinculum (vinclum): vincula piacli VI 135;
pectoris et plectri VI 136.
vires regni XIII 10.
virgineo splendore micans IX 16.
virguncula parvula XXVIII 5.
virtus = vis sive robur: virtus vini XVI
6; virtute carens ingenti robore natum
procreat XIX 46; virtus solita Bene-
dicti VI 135; virtus tonantis XXIV 4;
leges atque iura per me virtutes
amittunt XVI 4.
viscus, viscera = corpus: Vii 2; VI 27,
57, 103.
visio: vinctum resolvit visio VII 12.
Visum: per visa monens VI 76.
Visus = oculi: visu et restrictas adii
lustrante per occas XIX 2.
vitrea unda I 19; Mosella XIV 60.
Votum: Vota precesque IVi. 31; hoc mihi
est Votum VIII 13.
K. Neff, Paulus Diaconus
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Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 4
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ikulus, Diaconus - Die gedieht e
PONTiFICAL INSTITUTE OF MEOIAEVAL SlUülES
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TORONTO— 5, CANADA
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